Geschichten aus Mittelerde

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Die Kinder Éomunds
by Nadia

Als Mädchen unter Männern
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Historische Anmerkung
3009 Drittes Zeitalter
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Ein greller Schrei drang durch die Hallen Meduselds und durchschnitt die Stille der friedlichen Nacht. Éomer schrak sofort alarmiert im Bett auf und sah sich in seinem Schlafgemach um, die Hand um das Heft seines Schwertes und bereit jeden unerwünschten Eindringling zu erschlagen. Es dauerte einen kurzen Moment, ehe er sich der tatsächlichen Situation bewusst wurde. Bis er begriff, dass kein Feind in Edoras eingefallen war, sondern lediglich seine geliebte Schwester wieder einen ihrer schrecklichen Träume hatte. Éowyn wurde zu jener Zeit des Jahres oftmals von Alpträumen heimgesucht, in welchen sie den Tod der Eltern immer wieder aufs Neue durchlebte.

Rasch warf er die Felle zurück und eilte zum Schlafgemach seiner Schwester. Théodred stand bereits vor ihrer Tür, wirkte verschlafen und schien nicht so recht zu wissen, ob es ihm gestattet war die Tür zu öffnen, um nach Éowyn zu sehen. Ein erleichtertes Lächeln umspielte die müden Züge seines Vetters. Éomer legte ihm eine Hand auf die Schulter, sobald er ihn erreichte. „Ich kümmere mich um sie. Geh wieder schlafen.“

„Vielleicht sollten wir einen Heiler um Rat bitten. Es muss doch etwas geben, das ihre Träume besänftigt“, überlegte Théodred flüsternd.

Éomer zog die Vorschläge seines Vetters grundsätzlich immer gern in Erwägung. Immerhin war Théodred einige Jahre älter und erfahrener, aber in dieser Hinsicht widersprach Éomer seiner Meinung. „Ich würde es vorziehen, ihr den Kummer auf andere Weise zu lindern.“

„Sie ist deine Schwester.“ Théodred zuckte die Schultern und kehrte in seine eigenen Räume zurück.

Éomer sah ihm nach, ehe er die Tür zu Éowyns Schlafgemach öffnete und eintrat. Im Kamin, nahe ihrem großen Bett, loderte ein kleines Feuer. Die tanzenden Flammen warfen ein Lichtspiel aus warmen Orangetönen und Schatten an die Wände. Mit einem leisen Klicken fiel die Tür hinter Éomer zu.

„Éowyn?“, fragte er behutsam und trat an ihr Bett. Sie lag mit dem Rücken zu ihm. Trotz des schwachen Lichtes vermochte Éomer zu sehen, dass ihre Schultern bebten. „Kann ich etwas für dich tun, geliebte Schwester?“ Der blonde Haarschopf bewegte sich leicht und deutete ein Kopfschütteln an. Éomer konnte deutlich hören, dass sie schluchzte. „Hast du erneut von unseren Eltern geträumt?“, hakte er sanft nach und setzte sich auf den Rand ihres Bettes.

Endlich drehte sie sich zu ihm herum und sah ihn aus feuchten Augen an. „Ich sah dich im Traum sterben“, flüsterte sie heißer und begann neuerlich zu weinen.

Dies zu hören erstaunte Éomer doch sehr. Ihm war bisher nie etwas geschehen, seit er begonnen hatte gemeinsam mit ihrem Vetter Théodred und den Mannen des Königs auszuziehen, um Orks, Bilwisse und anderes Pack zu erschlagen. Er schlüpfte zu ihr ins Bett unter die Felldecke und ließ zu, dass sie ihren Kopf auf seine Brust legte. „Hörst du mein Herz schlagen, Éowyn? Es geht mir gut. Ich bin hier …“

Sie nickte kaum spürbar, doch es dauerte einige Minuten, bevor sie sich langsam beruhigte und der Tränenfluss nachließ. Éomers Nachtgewand, ein einfaches Leinenshirt, war feucht von ihren salzigen Tränen. Mit dem rechten Arm hielt er seine jüngere Schwester im Arm, während er ihr mit der linken Hand das goldene Haar streichelte. „Was kann ich tun, um dir zu helfen, Schwester?“

Ihre Antwort kam zögerlich, als fürchte sie seine Reaktion. Sie hob ihren Kopf, um ihm in die Augen sehen zu können. „Lehre mich mit dem Schwert zu kämpfen. Ich möchte eine Schildmaid Rohans werden.“

Éomer lächelte verständnisvoll, doch angesichts der Tatsache, dass Éowyn gerademal vierzehn Jahre jung war, bezweifelte er, dass es ihr Onkel, der König, gestatten würde. Vielleicht, wenn es ihm gelänge zunächst Théodred zu überzeugen und wenn sie dann gemeinsam vor den König treten würden.

„Das ist ein großer Wunsch“, erwiderte er nach einigem Zögern.

Sie nickte leicht. „Das ist mir bewusst. Aber ich fürchte mich vor der Hilflosigkeit, Éomer. Ich möchte nicht nur mich selbst, sondern auch dich und alle anderen schützen können, die ich liebe und die mir teuer sind.“

Ihr Wunsch war nicht weiter verwunderlich, nachdem sie hatte zusehen müssen, wie ihre Mutter am gebrochenen Herzen gestorben war, nachdem sie ihren Gatten im Kampf gegen eine hinterhältige Horde Orks verloren hatte. Ihre Mutter war keine Schildmaid gewesen, hatte den Kampf stets verabscheut und sich immer auf den Schutz ihres Bruders, König Théodens, und ihres geliebten Gatten Éomunds verlassen. Keiner von beiden hatte sie davor bewahren können, letztlich am Kummer über den Verlust Éomunds sterben zu müssen.

Ein solches Schicksal sollte seine Schwester nicht erfahren müssen. Éomer wollte ihr helfen und so nickte er schließlich. „Ich werde sehen, was ich tun kann, aber versprechen will ich dir nichts. Du bist noch sehr jung, Éowyn. Der König schenkte mir mein Schwert zum sechzehnten Geburtstag, wie du dich vielleicht erinnerst. Es wäre denkbar, dass es noch ein paar Jahre dauert, ehe er gestattet dich in der Kunst des Schwertkampfes zu unterweisen.“ Er sah tiefe Verzweiflung in ihrem Blick aufleuchten. „Ich werde mein Bestes tun, um unserem Onkel dein Anliegen vorzutragen. Ich verspreche es dir.“ Offenbar war ihr sein Wort genug, denn ihre Mundwinkel zuckten und deuteten zumindest ein Lächeln an.

„Ich danke dir.“

„Danke mir noch nicht“, erwiderte er sanft und streichelte ihre Wange, ehe er ihr einen Kuss auf die Stirn gab. Er wollte nicht, dass sie sich zu große Hoffnung machte. Er bezweifelte, dass der König ihr in so jungen Jahren bereits ein Schwert aushändigen würde.

Éowyn legte ihren Kopf wieder auf seine Brust und schlang den rechten Arm um seinen Oberkörper. „Bleib heute Nacht bitte bei mir.“

Sie hatten sich als Kinder stets ein Bett geteilt. Selbst dann noch, als der König sie bei sich aufgenommen hatte. Erst als Éomer allmählich zum Manne wurde, hatte der König ihm erklärt, dass es sich nicht mehr ziemte das Bett mit der eigenen Schwester, die er mehr liebte als sonst einen Menschen, zu teilen. Mit seinen damals vierzehn Jahren hatte Éomer es kaum verstehen können, Éowyn mit ihren zehn Jahren noch viel weniger. Heute war Éowyn so alt, wie Éomer damals und sie schien sich ebenfalls nichts weiter dabei zu denken.

Allerdings war Éomer nicht entgangen, dass seine geliebte Schwester langsam zu einer Frau heranwuchs. Ihr Körper hatte sich sehr verändert, war zunehmend weiblicher geworden. Und gerade in diesem Augenblick wurde er sich dessen noch bewusster als je zuvor, da sie sich an ihn schmiegte und ihre zarten Brüste dabei seinen Körper berührten. Das Gefühl war viel zu angenehm, als dass er es genießen konnte. Er durfte es nicht genießen.

„Ich kann nicht hier schlafen, Éowyn“, ließ er seine Schwester wissen und schob sie ein Stück von sich herunter. Sofort vermisste er ihren zarten Körper und ihre Wärme und wusste erst recht, weshalb er unbedingt gleich gehen sollte.

„Weshalb nicht?“, fragte sie mit Unverständnis in ihrem Blick.

Éomer verließ die warme Bettstatt endgültig und sah seine Schwester, wie er hoffte, mit strengem Blick an. „Wir sind keine Kinder mehr. Es gehört sich nicht, dass wir ein Bett teilen.“ Es wäre nicht halb so schlimm, würde er es nicht insgeheim genießen, ihr nahe zu sein. „Es war des Königs Entscheidung uns getrennte Schlafräume zu geben, Éowyn. Das hat seinen Grund. Du zweifelst doch nicht etwa die Entscheidung unseres Onkels, des Königs, an?“

Sie schüttelte sofort vehement den Kopf. „Nein, selbstverständlich nicht“, sagte sie schon beinahe beschämt.

Der König hatte sicher Recht mit seiner Entscheidung, er war schließlich ein weiser Mann. „Ich werde dem König morgen deinen Wunsch vortragen.“ Natürlich hätte Éowyn ihren Onkel auch selbst fragen können, doch wenn es um solcherlei Dinge ging, schickte sie gerne ihren Bruder vor. „Versuche noch ein wenig Schlaf zu finden. Es sind noch einige Stunden bis Sonnenaufgang.“

Éowyn nickte langsam, zog die Felldecke bis unters Kinn und kuschelte sich in das Kissen. Éomer betrachtete sie noch einen Moment lang, während ihr Blick den tanzenden Flammen im Kamin galt. Sie wurde zunehmend schöner, wie er fand. Und besonders in diesem Moment, da sie rein und unschuldig in ihrem Bett lag, wurde Éomer sich dieses Umstands bewusst. Es war ganz gewiss eine intelligente Entscheidung des Königs gewesen, dass sie getrennte Räume hatten.

In jener Nacht gelang es Éomer nur schwer wieder in der Einsamkeit seiner Gemächer einzuschlafen.

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Als die Sonne über Edoras aufging und ihre ersten dünnen Strahlen durch Éomers Fenster schickte, war dieser unlängst erwacht. Der Wunsch seiner Schwester hatte ihm keine Ruhe gelassen und er wusste, dass er zunächst versuchen sollte seinen Vetter Théodred zu überzeugen. Dazu musste er seinen Vetter auf dem Trainingsplatz aufsuchen, denn es verging kein Morgen, an welchem Théodred nicht bereits vor dem Frühstück dort anzutreffen war.

In aller Hast schlüpfte Éomer daher in seine Kleider, kämmte sich grob das schulterlange, blonde Haar und eilte aus seinem Gemach. Die Sonne schien zwar frei vom wolkenlosen Himmel und vertrieb die letzten Schatten der Nacht, doch war kaum noch Wärme in ihren Strahlen, jetzt da sich der Herbst über Rohan ausbreitete und die Tage immer kürzer wurden.

Wie erwartet fand Éomer seinen Vetter an einer der Trainingspuppen, auf die er mit seinem Schwert aus verschiedenen Richtungen einschlug. Für einen kurzen Augenblick beobachtete er Théodred, ehe er sich eines der Übungsschwerter vom nahegelegenen Waffenständer nahm und einige Schritte auf seinen Vetter zuging.

„Einen wehrlosen Feind zu erschlagen, ist keine große Kunst“, ließ sich Éomer vernehmen.

Théodred erschrak sichtlich, hatte er doch nicht damit gerechnet, dass ihm jemand Gesellschaft leisten würde. „Willst du mich herausfordern, Vetter?“, fragte er daher und schenkte Éomer ein aufforderndes Lächeln.

„Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dich eines Tages zu schlagen.“ Éomer hatte bisher niemals ein Übungsgefecht gegen seinen Vetter gewonnen. Théodred hatte ihm alles beigebracht, daher kannte er Éomers Stärken und Schwächen wie niemand sonst. Dennoch war es immer wieder ein Spaß, sich erneut der Herausforderung zu stellen. Éomer liebte Herausforderungen. Er wusste, dass er nur an ihnen wachsen und besser werden konnte.

Théodred schüttelte immer noch lächelnd den Kopf. „Wenn du deinen Tag unbedingt mit einer Niederlage beginnen willst, so soll es mir recht sein.“ Und damit griff er auch schon an, in dem er einen Ausfallschritt auf Éomer zu machte und das Schwert auf ihn niedersausen ließ.

Jedoch hatte Éomer mit einem direkten Angriff gerechnet und wich geschickt zur Seite aus.

„Konntest du Éowyn gestern Nacht beruhigen?“, fragte Théodred, wich seinerseits einem Schwerthieb aus, vollführte eine galante Drehung und holte zum Schlag aus. Beide Schwerter trafen mit einem lauten metallischen Klirren aufeinander, so dass kleine Funken stoben.

Éomer nickte und war dankbar, dass sein Vetter das Thema sogar selbst zur Sprache brachte. „Ja, es ist mir gelungen. Allerdings hat sie eine Bitte an mich herangetragen, zu welcher ich deine Meinung brauche.“

Für einen Moment verharrte der Sohn des Königs. Éomer erkannte ernsthaftes Interesse in seinem Blick. „Welche Bitte?“

Éomer senkte sein Schwert. „Sie wünscht eine Schildmaid Rohans zu werden“, sagte er frei von Schalk.

„Sie ist noch ein halbes Kind“, gab Théodred gemessen zu bedenken.

Mit vierzehn war sie dem Kindesalter entwachsen, fand Éomer. Allerdings war sie auch noch keine Frau. „Sie fürchtet sich, Théodred. Sie fürchtet sich davor, jene Menschen zu verlieren, die in ihrem Herzen wohnen, so wie einst des Königs Schwester ihren Gatten verlor. Sie fürchtet sich davor, weder sich selbst noch einen von uns schützen zu können, sollte der Tag je kommen …“

„Éomer, geschätzter Vetter, ich verstehe was du mir zu sagen versuchst. Doch kann ich mir nicht vorstellen, dass mein Vater sein Einverständnis zur Ausbildung geben wird. Nicht in diesem Jahr und vielleicht auch noch nicht im kommenden.“

„Wir könnten sie zunächst mit Holzschwertern üben lassen, bis sie die Grundbewegungen beherrscht. Es wäre harmlos“, versuchte Éomer die Stimme seines Vetters für sich zu gewinnen.

„Und lächerlich“, ergänzte Théodred. „Sie würde sich wie ein veralbertes Kind fühlen und das weißt du. Wir haben als Kinder mit Holzschwertern gespielt. Das wird nicht ihrer Vorstellung entsprechen.“

„Es wäre doch nur für eine gewisse Zeit, bis der König …“ Éomer hielt inne, als ihm die Sinnlosigkeit seiner eigenen Worte bewusst wurde. Sein Vetter hatte vollkommen recht mit seiner Einschätzung Éowyns. Sie würde sich niemals mit derart banalen Übungen zufriedengeben.

„Du kannst ihren Wunsch gerne vortragen, aber ich erinnere mich noch wie du bitten und betteln musstest und wie mein Vater hart blieb, bis er der Ansicht war, du hättest das richtige Alter erreicht.“ Théodred hielt einen Moment inne, erlaubte Éomer sich an jene Zeit zu erinnern. „Wenn es ihr Wunsch bleibt, wird sie ihre Ausbildung zu gegebener Zeit bekommen. Sie muss sich einfach noch etwas gedulden, so wie es jeder von uns tun musste.“ Damit war das Thema für Théodred erledigt und er ging wieder in Angriffsposition.

Was sollte er nur Éowyn sagen? Er hatte ihr versprochen mit dem König zu sprechen. Er hatte die Hoffnung in ihren Augen gesehen. Um ein Haar traf ihn Théodreds Schwert, doch es gelang ihm gerade noch, den unerwarteten Seitenhieb mit dem eigenen Schwert abzublocken. Trotzdem lag Éomer keine zehn Minuten später rücklings auf dem Boden, die Spitze des Schwertes seines Vetters zeigte auf seinen Kehlkopf. Er hatte den Kampf verloren.

„Wenn du mich das nächste Mal herausforderst, sorge dafür, dass deine Gedanken beim Kampf sind. Du musst lernen dich auf die Situation zu konzentrieren, Éomer, sonst kostet es dich eines Tages das Leben.“

Am liebsten wollte Éomer widersprechen, doch er wusste natürlich, dass Théodred nur sein Bestes im Sinn und außerdem recht hatte. Er musste lernen seine Gedanken abzuschalten, sobald er in einen Kampf verwickelt war. Egal ob dieser nun Training oder blutiger Ernst war.

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Wenig später trug Éomer beim gemeinsamen Frühstück dennoch Éowyns Wunsch an den König heran. Théoden wischte sich den Mund, rieb nachdenklich die Fingerspitzen der rechten Hand aneinander und blickte schließlich seine Schwestertochter direkt an, anstatt ihren Bittsteller.

„Sieh mich an, Kind“, bat er Éowyn, deren Augen starr vor Unsicherheit auf ihrem silbernen Teller ruhten.

Nur zögerlich wagte sie es dem König ins Gesicht zu blicken. Éomer konnte sehen, dass sie fürchtete verspottet zu werden. Schon allein die vom König gewählte Anrede schien das bisschen gehegte Hoffnung zu zerschmettern.

Des Königs Blick war sanft und gutmütig, ja eigentlich schon väterlich, wie Éomer beruhigt feststellte, auch wenn eine gewisse Strenge in seiner Stimme lag. „Es wird der Tag kommen, Éowyn, da du alt genug bist ein Schwert zu führen, doch dieser Tag ist nicht heute. Wenn der Tag kommt, werde ich stolz sein, dir dein erstes Schwert zu überreichen und du wirst verstehen, warum ich deine Bitte zum heutigen Tag ablehnen muss. Dein Mut ist bewundernswert und deine Gründe erfüllen mich mit dem Stolz, der einem Vater gebührt. Doch auch Éomund hätte nicht gewollt, dass ich seine geliebten Kinder vorzeitig das Töten lehre.“ Der König sah, dass Éowyn ein Aber auf den Lippen hatte, fuhr daher umso nachhaltiger und auch bestimmter fort. „Den Kampf mit dem Schwert zu lernen, bedingt immer der Bereitschaft einem anderen Geschöpf das Leben zu nehmen. Sei dies zur Selbstverteidigung oder in Absicht. Du magst glauben, dass es Ruhm und Ehre mit sich bringt eine Schildmaid Rohans zu sein, doch vertraue mir, meine liebe Éowyn, die Bürde des Tötens wiegt deutlich schwerer. Einmal ein Leben genommen, wirst du es nicht wieder rückgängig machen können und es wird dich für immer verändern.“

Den letzten Satz sprach der König wieder deutlich gutmütiger, doch dadurch fühlte sich Éowyn kein bisschen besser.

Éomer verstand des Königs Entscheidung besser als ihm lieb war. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er den ersten Bilwiss erschlagen hatte. Natürlich war ein Bilwiss kein Geschöpf, um das man hätte allzu sehr trauern müssen. Dennoch hatte es ein seltsam, ungutes Gefühl in Éomer hinterlassen. Es war etwas Anderes, wenn man Tiere erlegte, um ihr Fleisch zu essen und ihr Fell zu verarbeiten. Éomer hatte seiner Schwester einst die Felle zweier Schneehasen von der Jagd mitgebracht, die eine Schneiderin ihr zu herrlichen Handschuhen verarbeitet hatten, welche ihre Hände im Winter wärmten. Dies war der Kreislauf des Lebens.

Bilwisse, Orks und selbst Warge waren dunkle Geschöpfe, die nichts als Tot und Verderben über die Lande brachten. Er hatte gelernt sie zu töten und ihre Kadaver anschließend zu Hauf zu verbrennen. Éomer war sich jedoch nicht sicher, ob er sich seine liebliche Schwester so kaltblütig mordend vorstellen wollte.

Théodred warf über den Tisch hinweg einen mitfühlenden Blick in Éowyns Richtung, doch sie schenkte ihm keine weitere Beachtung. Überhaupt regte sie sich nach der Ausführung des Königs nicht mehr und ließ ihr Frühstück unberührt. Kaum, dass der König den Speisesaal verließ, eilte auch Éowyn hinaus und floh eilends in ihr Gemach, wo sie ihrem Kummer freien Lauf lassen konnte.

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Gríma, die rechte Hand des Königs, ging vor der Tür zu Éowyns Gemach nervös auf und ab. Éomer beobachtete ihn aus sicherer Entfernung, stand verborgen, nahe des Treppenaufgangs. Er spähte um die Ecke und hörte, wie Gríma etwas flüsterte, das er jedoch aus der Entfernung nicht verstehen konnte. Gerade als Gríma an Éowyns Tür klopfen wollte, trat Éomer aus seinem Versteck in den offenen Korridor hinaus.

„Was wollt Ihr von meiner Schwester, Gríma?“, verlangte er zu erfahren und erkannte, dass sich der Ratgeber des Königs ertappt fühlte.

Dennoch straffte der blasse Mann seine Schultern. „Nun“, begann er in honigsüßem Ton, „Eure Schwester wirkte aufgebracht, als sie vor wenigen Minuten auf den Stufen beinahe in mich hineingelaufen wäre.“

„Und Ihr glaubt, Sie will Euren Trost?“ Éomers Stimme klang erhaben, fast arrogant. „Geht und steht dem König mit Rat zur Seite, während ich mich um das Wohl meiner Schwester kümmere.“

Gríma missfiel eindeutig der Ton, der ihm entgegenschlug, doch wusste er, dass er als Ratgeber des Königs im Rang immer noch unter Éomer stand. Er reckte trotzig das Kinn, wie Éomer zufrieden feststellte und senkte dann sein Haupt, ehe er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, davon huschte.

Etwas an Gríma war Éomer zuwider, er konnte nur noch nicht genau sagen, was es war.

Den Gedanken abschüttelnd klopfte er schließlich an Éowyns Tür.

„Verschwinde!“, drang dumpf ihre erzürnte Stimme zu ihm hinaus auf den Korridor.

„Ich bin es, Éomer. Lass mich ein, Schwesterherz.“

Eine Reaktion blieb aus. Éomer verharrte einige Momente wartend, dann klopfte er erneut. „Lass mich ein. Ich bitte dich.“

Mit einem Mal wurde die Tür aufgerissen und er sah in das zornige, verweinte Gesicht seiner Schwester.

„Du hast nicht mal versucht ihn zu überzeugen!“ Und damit wollte sie ihrem Bruder die Tür wieder vor der Nase zuschlagen, doch Éomer stellte rasch einen Fuß in den noch offenen Spalt.

„Er ist der König, Éowyn. Ich kann doch nicht meinem König widersprechen“, erklärte Éomer sich zerknirscht. „Lass mich ein und wir reden in Ruhe und unter vier Augen darüber.“ Er sah sich im Korridor um und glaubte einen Schatten hinter jener Ecke verschwinden zu sehen, in welcher er sich selbst kurz zuvor verborgen hatte. „Wir werden belauscht“, flüsterte er seiner Schwester dann zu.

Éowyn zögerte noch einen Moment. Wenn er gewollt hätte, wäre er einfach in ihr Gemach getreten. Sie vermochte nicht wirklich ihn davon abzuhalten und das wussten sie beide. Schließlich gab Éowyn nach und verriegelte hinter ihrem Bruder die Tür.

„Wer hat uns belauscht?“, wollte sie wissen, sobald sie unter sich waren.

„Gríma“, raunte Éomer. „Es scheint, er ist zunehmend von dir angetan.“

Éowyn erschauderte sichtlich bei seinen Worten. „Eher sterbe ich, als dass mich dieser …“

„Sshh“, beruhigte er seine Schwester sofort. „Er wird niemals Hand an dich legen. Nicht so lange ich lebe.“ Éowyn warf sich in Verzweiflung an seine Brust und suchte instinktiv Schutz bei ihm. Éomer legte seine Arme um ihre zierliche Gestalt und streichelte ihren Rücken. „Es tut mir leid, dass ich heute nicht mehr für dich tun konnte.“

„Ich hasse es mich so zu fühlen“, murmelte sie in seine dunkelgrüne Tunika und klammerte sich noch fester an ihn.

„Solange du dich nicht selbst verteidigen kannst, werde ich eben umso mehr auf dich achten. Du wirst sehen, die nächsten Jahre gehen schnell vorüber und dann wirst du deine Ausbildung bekommen.“

Sie löste sich ein Stück weit von ihm und sah ihm direkt in die Augen. Ihre Wimpern waren verklebt von Tränen, ihre Augen gerötet. „Was, wenn er sich mir nähert, wenn du nicht da bist? Wenn du mit Théodred auf der Jagd bist und ich hier allein bin? Wie soll ich mich gegen ihn zur Wehr setzen? Ich weiß gar nicht, was er von mir will. Aber sein Blick verursacht mir Gänsehaut.“

Als Mann wusste Éomer nur zu gut, was Gríma in seiner Schwester sah. Sie wurde von Tag zu Tag schöner, liebreizender und weiblicher. „Er bewundert deine Anmut“, erklärte Éomer so unschuldig es ihm möglich war.

„Grímas Blicke sind voller Wollust“, erwiderte sie angeekelt. „Es scheint, dass er mich bereits als Frau wahrnimmt. Wir beide dürfen schon lange kein Bett mehr teilen. Und dennoch behandelt mich jeder Mann hier wie ein Kind.“ So plötzlich wie sie Schutz in den Armen ihres Bruders gesucht hatte, stieß sie ihn wieder von sich und ging hinüber zum Fenster. Ihr Blick schweifte über Edoras und noch darüber hinaus. Sie fühlte sich eingesperrt, wie ein Vogel im Käfig.

„Du bist kein Kind mehr“, erwiderte Éomer leise, beinahe flüsternd und trat hinter sie. Über ihren Kopf hinweg folgte er ihrem Blick, während seine Hände sie an den Schultern hielten. „Du wirst bald feststellen, dass Gríma bei weitem nicht der einzige Mann bleiben wird, dem deine wachsende Reife auffällt. Es werden Männer kommen, die dich zur Frau nehmen wollen und dem König ihre Aufwartung machen werden.“

„Ich will nicht, dass mich jemand so ansieht. Es gefällt mir nicht, wie ich mich dabei fühle.“

Éomer lächelte bei ihren Worten und platzierte einen Kuss auf ihr Haupt, genau dort am Hinterkopf wo sich die beiden geflochtenen Zöpfe trafen, die wie eine sanfte Krone ihre Schläfen verließen und über ihren zarten Ohren entlang verliefen. „Siehst du“, flüsterte er nun, „du bist noch keine Frau. Nicht, wenn du nicht genießen kannst, dass dich Männer begehren. Es werden nicht alle wie Gríma sein und irgendwann wird einer kommen, der auch dir gefallen wird.“

Sie lehnte sich nach hinten gegen seine Brust, griff nach seinen Händen und führte sie um ihre Taille. „Ich hoffe, dass niemals einer kommen wird, der mich von hier wegbringt. Ich wünschte, wir könnten für immer zusammen hierbleiben.“

Oh, wie sehr er diesen Wunsch doch mit ihr teilte. Er würde ihre Unschuld so gerne für immer bewahren und die Zeit anhalten können. Doch er wusste, dass er sie eines Tages ihrem zukünftigen Mann würde übergeben müssen. Ebenso wie er irgendwann für sich selbst eine Frau finden und eine eigene Familie gründen musste, wenn er den Fortbestand seiner Blutlinie bewahren wollte.

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