Geschichten aus Mittelerde

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Eiche und Weide
von Marnie Goodbody

Chapter #1
„Nun, mein Herr.“ Daeron löste das Ende eines seiner schwarzen Flechten und flocht es nervös erneut. „Was denkt Ihr?“

Celeborn strich mit den Fingern über den weißen Marmortisch und zog sie, leicht mit Staub bedeckt, zurück. Die fremdartigen, kantigen Schnitzereien, die sich schwarz gegen die blasse Fläche abhoben, schienen nicht nur für seinen Freund eine Bedeutung zu haben, sondern auch für den Naugrim, Fali, der neben ihm stand. „Ich denke, ein Vogel ist über den Schnee gelaufen“, sagte er schließlich und war sich wohl bewusst, dass seine Unwissenheit den beiden gefiel.

„Es sagt ‚König Thingol besitzt mich, Fali hat mich gestaltet, Daeron von Doriath hat mich zum Sprechen gebracht’.“ Daeron legte seine beiden langen Hände auf den Tisch und fuhr die Formen der Symbole nach, während seine lockere Flechte sich wieder löste und ihm ein charmant zerzaustes Aussehen verlieh, als ob er getanzt hätte.

„Jetzt prellt ihr mich!“ lachte Celeborn, erheitert von dem Geheimnis. „Wie können Kratzer in Stein sprechen?“

„Jedes dieser Zeichen“ – Fali beugte sich darüber und folgte mit dem Finger weiteren Zeichen im Staub – „steht für einen Laut.“ Sein Bart in tiefem Braun herbstlichen Adlerfarns wischte einen Flecken sauber und die goldenen Spangen, die seinen kompliziert gezwirbelten Schnurrbart verzierten, klickten melodiös gegen den Stein. „Seht, dieser hier ist ‚teh’, und dieser ‚ng’.“

„Kleine Laut-Kiesel“, unterbrach Daeron eifrig und seine Ruhe verlor sich in der Begeisterung für seine Kunst. „Wie die Steine des Mosaiks in der Halle der Zwei Bäume. Jeder einzelne ist einfach, aber setzt sie zusammen und Ihr habt ein ganzes Bild. Sie sind, wenn Ihr wollt, die Mosaikteile der Sprache.“

„Eingefangene Worte...“ Celeborn folgte den Schnitzereien mit der Fingerspitze und fühlte die Bögen und Kanten, während er darüber nachsann. „Dies ist deine Idee?“

Daeron nickte, scheu und unheimlich stolz und auf Zustimmung wartend.

„Es ist erstaunlich!“ Er sah gerade im rechten Moment auf, um Daerons ungläubiges Lächeln zu bemerken – ein Freudenstrahl, so hell und kurz wie eine springende Forelle in einem Bach – bevor der Spielmann sich, erleichtert durch das Lob, in Erklärungen erging.

„Ihr wertschätzt es übermäßig, Herr. Ich nenne es das Cirth. Es ist nur eine Spielerei, die ich für die Naugrim gemacht habe – Ihr seht, die Zeichen sind so entworfen, dass sie einfach in Stein zu schneiden sind. Fali hier und sein Bruder...?“

„Modi“, sagte der Zwerg.

„...stritten über den Namen eines ihrer legendären Helden. Und niemand ist mehr am Leben, der ihn kannte, weil sie nur wenige hundert Jahre leben... Daher schien es mir, dass, wenn es einen Weg gäbe, die Erinnerung zu ... zu kristallisieren, die Naugrim dann ihre Namen in Stein meißeln könnten und sie somit unverändert erhalten.“ Daerons Redefluss stockte. Mit nachlassender Freude sah er auf. „Doch da die Quendi ewig leben und unsere Erinnerung ungetrübt ist, wüsste ich nicht, welchen Nutzen es für uns hätte, außer dem eines drolligen Spiels.“

Celeborn sah hinab in Daerons Gesicht – in dem das reine Sindar-Erbe in den feinen Knochen und der nahezu zerbrechlichen Feinheit geschrieben stand – und fragte sich, ob es einen Weg gäbe, ihn von seinem Genie zu überzeugen. Würde Lúthien ihn loben, dann würde er sich öffnen wie eine weiße Blume und für sie strahlen. Aber sie würde es nicht tun. Und von mir wird er es nicht akzeptieren. Die Flechte löste sich ein weiteres Mal und mit aller Anstrengung hielt er sich zurück, daran zu ziehen. Diese Geste war ein gewohntes Zeichen der Zuneigung zwischen ihnen gewesen, als sie als Kinder miteinander gespielt hatten, doch unter Erwachsenen war es nicht länger angebracht. „Du unterschätzt dich selbst, mein Freund. Ich entsinne mich, dass die Musiker des Grünen Volkes und Wanderer in Ossiriand niemals aufhören, deinen Besuch zu erbitten, damit du sie deine Lieder lehrst. Ich weiß, dass es dich schmerzt, es nicht zu können.“

Daeron sah hinab auf seine mit dem schlichten grünen Stoff seines Gewandes verknoteten Hände. „Ihr wisst, warum ich nicht gehen kann.“

Weil du dich lieber marterst, um für Lúthien zu singen. „Ich weiß. Und auch wenn ich es überhaupt nicht verstehe, werde ich um unser Freundschaft willen nicht mehr dazu sagen. Doch siehe, hier hast du ein Mittel, mit dem du zu ihnen gelangen kannst, selbst wenn du hier bleibst.“

Erleichtert, von der Angelegenheit seiner Leidenschaft befreit zu sein, kicherte Daeron. „Ich kann ihnen kaum große Steinblöcke senden, mein Herr!“

„Nein, doch du könntest Birkenrinde nehmen und diese Symbole mit einem Pinsel darauf zeichnen.“

„Das könnte ich.“ Schwingen gleich und fein gezeichnet stürzten die schwarzen Augenbrauen des Spielmanns hinab in ein gedankenvolles Stirnrunzeln. „Oder Leinen eventuell, und ich müsste mir eine Möglichkeit überlegen, die Melodie auszudrücken...“

„Und ich könnte es am Gericht gebrauchen. Wenn wir Aufzeichnungen über das hätten, was gesagt wurde, müssten wir nicht drei Zeugen bringen, um jeden Lügner zu widerlegen oder Schuldner an das zu erinnern, wozu sie sich verpflichtet hatten. Zeugen können beeinflusst werden. Dies hier nicht.“

„Ich sehe auch Bedarf für die Goldschmiedekunst“, fiel Fali ein. „Wieviel befriedigender wäre es, könnte Euer Herr das Geschenk, das Ihr ihm gebt, betrachten und Euren Namen sehen. Oder eine Frau, die den Namen ihres Gemahls um ihr Handgelenk trägt.“

Celeborn lachte und glaubte zu verstehen, warum Daeron diesen speziellen Zwerg ausgewählt hatte, um mit ihm zu arbeiten. „Ihr seid ein Romantiker, Herr Zwerg!“ Falis Kopf reichte, wenn er aufrecht stand, kaum bis zur Hüfte des Prinzen, und so war es schwierig, ihm in die Augen zu sehen. Er musste dafür einen Schritt zurücktreten. „Tatsächlich habt Ihr mich auf eine Idee gebracht. Diese Dinge...“ Sich niederbeugend streckte er eine Hand aus, um eine der Bart-Spangen des Zwerges zu berühren und erreichte damit nur, dass Fali erregt und in blankem Zorn zurückfuhr. Angesichts des Blickes in den Augen des Zwerges war Celeborn zunächst brüskiert und dann verwirrt.

„Vergebt mir, Fali, ich hatte nicht die Absicht, Euch zu kränken. Was habe ich getan?“

„Niemand berührt den Bart eines Zwerges, außer...“

Nun war das arme Geschöpf noch weiter beschämt, indem es erklären musste, warum es den Prinzen von Doriath beleidigt hatte, ohne in seiner Erklärung irgendwelche Geheimnisse über seine Art zu enthüllen.

Begreifen dämmerte ihm, unbehaglich. „Oh ... ich verstehe. Denkt Ihr darüber ... wie wir über unser Haar?“ Die Länge und Dichte der Haarpracht eines Elben war ein Zeichen von Schönheit, Beständigkeit, Stärke und es widerstrebte ihnen, anderen als den Eltern oder Liebhabern zu erlauben, es zu berühren. In Elbereths Namen! Celeborn selbst war peinlich berührt, über solche Dinge mit einem Kurzgewachsenen zu sprechen. Wer hätte gedacht, dass sie solche Vornehmheit besäßen? „Ich ahnte nicht, dass Eure Sitten hierbei ähnlich den unseren sind. Bitte nehmt meine Entschuldigung an.“

Fali nickte, auch wenn er noch immer verdrießlich dreinsah. Celeborn unterdrückte seinen Ärger mit Anstrengung, um seine Taktlosigkeit nicht noch durch Kleinlichkeit über eine unwirsche Antwort zu verschlimmern. „Ich wollte einzig die Spange untersuchen“, erklärte er. „Ich hatte mir überlegt, ein Paar zu bestellen, mit einer Zeile von Daerons Dichtung in ihrer Mitte eingraviert, vielleicht mit Edelsteinen. Was meint Ihr – Silber und Saphire oder Gold und Smaragde?“

Die Aussicht auf ein Geschäft erhellte das Gesicht des Zwerges sehr viel nachhaltiger als die Entschuldigung. „Gold ist stets ein passenderes Geschenk als Silber.“

„Es hängt von der Dame ab“, sagte Daeron mit geweiteten Augen. „Ob sie dunkles oder helles Haar hat.“ Er zeigte ein verschmitztes, neckendes Lächeln und löste die Anspannung so geschickt, als ob er eine Laute zupfen würde. „Wer ist sie, Celeborn? Ihr habt Euch darüber sehr bedeckt gehalten. Wenn ich der erste sein sollte, es zu erfahren, hätte ich Neuigkeiten, um die Grundmauern von Menegroth zu erschüttern, und ich möchte es verkünden.“

Der Gedanke, dass sein Familienstand in irgendeiner Weise wichtig für Menegroth sein könnte, wollte ihn auflachen lassen, doch er konnte nicht widerstehen, seinen Freund zu necken. „Nun“, sagte er, unfähig, die Heiterkeit aus seiner Stimme zu verbannen, auch wenn er es versuchte. „Sie hat dunkles Haar und ist hübsch wie eine Lilie im Sternenlicht. Sie lebt am Meer und wir sehen einander zu selten, denn ich bin ihr Favorit in ganz Ennor. Oh, abgesehen von Honigkuchen und verschiedenen Arten von Schnecken.“

Daeron lachte, enttäuscht, aber amüsiert. Er grinste Fali zu. „Er meint seine Nichte, Nimloth.“

„Das tue ich tatsächlich. Also ist es Gold, denn Silber ist so allgegenwärtig wie Tau in den Strassen der Falas. Ich wünschte nur, wir könnten dein Cirth in den Westen schicken, Daeron, damit die Leute es dort bewundern können, wie ich es bewundere. Für heute hast du die Welt verändert.“

„Ich verdiene nicht...“

„Dass ich hinaus in die Wälder ziehe und mein Leben riskiere, um Eber zu jagen, damit du Borsten für all die Pinsel bekommst, die du brauchen wirst? Ich wage zu sagen, nein, du verdienst es nicht, aber ich werde es dennoch tun, wenn du mir eine der ersten Sammlungen deiner eingefangenen Lieder versprichst.“

„Zunächst muss ich an der Niederschrift der Musik arbeiten...“ Eine Idee traf Daeron ähnlich sichtbar wie ein Blitz. Er sank auf einen Stuhl am Tisch und begann im Staub zu zeichnen. Da er die Zeichen einer Eingebung erkannte und fürchtete, ihn zu stören, verließ Celeborn ihn leise. Als er sich umwandte, um durch die Tür zu gehen, vermeinte er, das Gesicht des Naugrim sich wieder im Groll verziehen zu sehen, und er seufzte. Sie sind leicht erregbar und zögernd in ihrer Vergebung. Aber da er sich entschuldigt und ein Geschäft zur Bereicherung des Geschöpfes abgeschlossen hatte, schien es nichts mehr zu geben, was er tun konnte. Er schob die kleine Unerfreulichkeit beiseite und ging hinaus, um seine Jagdleute zu finden.

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