Geschichten aus Mittelerde

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Leofwen
von Arilynna

Chapter #1
Sie rannte. Rannte um ihr Leben. Bei jedem keuchenden Atemzug schmerzten ihre Lungen unerträglich, doch sie hielt nicht an, gönnte sich keine Pause, denn das könnte den Tod bedeuten. Nicht anhalten, nicht zögern, nicht straucheln, nur weiter, immer weiter.

Hinter sich vernahm sie Hufgetrappel, keine Chance den Reitern zu entkommen, wer auch immer sie waren. Das Blut rauschte in ihren Ohren und die Beine drohten unter ihr nachzugeben, als sie das Geräusch eines Schwertes, das aus der Scheide gezogen wird, vernahm. Noch einmal holte sie alles aus sich heraus, doch wenige Sekunden später spürte sie den heißen Atem des Pferdes im Nacken.

Mit einem verzweifelten Aufschrei zog sie ihren Dolch, wirbelte herum und schleuderte ihn in Richtung des Reiters, dessen Gesicht vor ihren Augen verschwamm. Als die Waffe den Hals des Mannes traf, gab er nur ein leises Ächzen von sich und rutschte kurz darauf leblos vom Pferd. Vom Grauen gepackt blickte sie in seine starren Augen, weder die Flucht des braunen Pferdes, noch das Näherkommen der restlichen Reiter bemerkend. Sie hatte einen Menschen getötet! Zum ersten Mal!

Dann, als das Gejohle der restlichen Reiter lauter wurde, löste sie sich aus ihrer Erstarrung. Mit letzter Kraft wandte sie sich um und stolperte die wenigen Meter in den Wald hinein, bis ihre Beine sie nicht mehr trugen und sie erschöpft zwischen den Bäumen zu Boden sank.

Das letzte was sie mitbekam waren die Schreie der Reiter und entsetztes Wiehern, bis das Hufgetrappel erneut einsetzte und diesmal in der Ferne verklang. Sie waren ihr nicht gefolgt, hatten den Wald nicht betreten. Erleichtert schloss sie die Augen, dann wurde alles schwarz um sie her.


Als sie erwachte war es dunkel. Stöhnend rollte sie sich auf die Seite, bevor sie sich mühsam aufsetzte. Jeder Knochen und jeder Muskel in ihrem Leib tat ihr weh und ihr Kleid war kalt von getrocknetem Schweiß. Sie fühlte sich zerschlagen, als wäre sie stundenlang gerannt.... Hastig stand sie auf und sah sich gehetzt um. Sie war stundenlang gerannt.
Nun kehrten die Erinnerungen zurück und sie konnte wieder klar denken. Die Dunländer waren in Rohan eingefallen und hatten ihr Dorf niedergebrannt, auf dem Weg nach Edoras. Sie war ausgesandt worden, vorzureiten und den König zu warnen, doch sie war unterwegs von Dunländern überrascht worden, die ihren geliebten Hengst erschossen hatten. Sie wollte nicht daran denken, was mit ihr geschehen wäre, wenn sie sich nicht rechtzeitig in den Wald hätte retten können.

Doch dann schloss sie vor Entsetzen kurz die Augen. Jetzt wusste sie wo sie war und weshalb ihre Feinde den Wald nicht betreten hatten. Das hier war nicht irgendein Wald. Es war Fangorn und so wie es aussah, befand sie sich im tiefsten Herz des Waldes. Den Tränen nahe schlang sie sich die Arme um den Körper und blickte sich um. Ihr kamen alle Geschichten in den Sinn, die sie je über diesen Wald gehört hatte und keine davon hatte je gut geendet. Die meisten hörten damit auf, dass irgendein tapferer Held in den Wald ging und nie wieder zurückkehrte. Und sie war alles andere als eine Heldin, im Gegenteil, sie hatte bei einem einfachen Auftrag versagt. Weshalb war sie eigentlich so tief im Wald gelandet? War sie nicht bei der Flucht nur wenige Meter hinein gelaufen?

Das beunruhigende Knarren einer alten Eiche hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Die Bäume um sie herum kamen ihr bedrohlicher vor, rückten immer näher und je näher sie kommen schienen, desto dunkler wurde es. Hieß es nicht, die Bäume in diesem Wald könnten sprechen und laufen? Sie spürte wie ihre Hände vor Angst schweißnass wurden.
Wieso gab es niemanden, der ihr half? Was hatte sie getan, um einen solchen Lebenswandel zu verdienen?

Noch vor zwei Tagen hatte sie sich über nichts mehr gefreut, als den Bescheid, Schildmaid am Hofe des Königs zu werden. Die Welt war in Ordnung gewesen, sie hatte in der Sonne gesessen und war von ihren kleinen Geschwistern umringt worden, ihre Mutter hatte sich mit ihr gefreut und sie hatte aufgeregt überlegt, was sie einpacken sollte. Wie wenige Frauen schafften es Kriegerin des Königs zu werden? Doch sie war eine der wenigen Auserwählten! Wie stolz war sie doch gewesen. Und nun stand sie hier, umringt von grauenhaften Bäumen an einem Ort, an den sie nie gelangen wollte, weit fort von ihrer Familie, von der sie nicht wusste, wie es ihr ergangen war. Lebten ihre kleinen Geschwister noch? Was war mit ihrer Mutter geschehen? Und auch ihr geliebter Hengst stand ihr nicht mehr treu zur Seite. Ermordet, als er versuchte mit ihr gemeinsam die Hauptstadt zu retten. Und obwohl er mit seinem Leben bezahlt hatte, hatte sie versagt! Bitter räumte diese Tatsache alle anderen Gedanken beiseite und ließ kaum noch Raum für andere Gefühle außer dieser Bitterkeit... und der Angst, die ihr immer noch im Nacken saß, nun vor dem Wald.

Zögernd stolperte sie vorwärts, suchte eine Lücke zwischen diesen unheilvollen, düsteren Bäumen. Immer wieder ächzten und knarrten die Äste über ihrem Kopf bedrohlich und veranlassten sie zusammenzuzucken. Sie war sich inzwischen sicher, dass alle Geschichten über Fangorn zutrafen!
In diesem Augenblick nahm sie eine Bewegung hinter sich wahr. Ängstlich drehte sie sich um... und sah in das boshafte Gesicht eines Baumes!!! Einen spitzen Schrei ausstoßend rannte sie los, blindlings durch den Wald, vollkommen orientierungslos und panisch. Die Bäume um sie her blieben bedrohlich, immer noch war es so dunkel, als befände sie sich im Herz des Waldes und ihre Panik wuchs mit jedem Schritt. Schon hämmerte ihr Herz wie wild in ihrer Brust und sie rang nach Atem, doch sie lief weiter, wissend dass sie beinahe am Ende ihrer Kräfte war. Lange würde sie den Lauf nicht durchhalten.

In diesem Augenblick erkannte sie eine lichte Stelle im Unterholz, eine Lücke zwischen den Bäumen, und hastete darauf zu. Verzweiflung erfasste sie, als ihre Hoffnung beinahe zunichte gemacht wurde, die Bäume schienen dichter zusammen zu rücken, fest entschlossen sie nicht durch zu lassen. Sie wollte noch nicht sterben! Nicht hier! Nicht jetzt! Sie war doch erst siebzehn! Tränen standen ihr in den Augen, als sie verzweifelt ihr Schwert zog, das sie bisher nie benutzt hatte. Im Laufen drosch sie auf die Zweige der Bäume ein, hörte ein wütendes Knurren, doch der Baum wich tatsächlich für einen Augenblick zurück.

Mit einem triumphierenden Aufschrei stürzte sie ins Freie, taumelte und lief weiter, den Schwertgriff fest umklammert. Ihre Gedanken waren vollkommen wirr, nichts machte mehr Sinn, einzig ihr Verstand befahl ihr zu laufen bis sie nicht mehr konnte.

Irgendwann stolperte sie und fiel vorne über. Kniend verharrte sie, ließ nur endlich das Schwert los. Alles drehte sich und irgendjemand keuchte laut. Es dauerte eine Weile bis sie begriff, dass sie das war. In der Ferne vernahm sie ein Wiehern und versuchte die Bewegungen am Horizont auszumachen. Pferde und Reiter, erkannte sie schließlich. Dunländer? Es war egal! Alles war egal!
Sie lächelte sanft, während sie nun ganz vornüber kippte und ihr Oberkörper im dürftigen Gras liegen blieb. Ihre Augen rollten nach hinten, dann versank um sie herum alles in Schwärze und eine gnädige Ohnmacht erfasste sie.

Als sie die Augen aufschlug, spürte sie etwas Weiches auf ihrem Gesicht, das sie kitzelte. Vor ihren Augen war irgendetwas Schwarzes und vorsichtig tastete sie danach.... Dann lachte sie laut auf und ihr gesunder Menschenverstand kehrte zurück. Sie hatte ihre eigenen Haare nicht erkannt, die sie sich nun aus dem Gesicht strich.
Langsam setzte sie sich auf und betrachtete ihre Umgebung. Sie befand sich in einem kärglich, aber geschmackvoll eingerichteten Zimmer. An der Wand hing ein Spiegel, in der Ecke stand eine holzgeschnitzte Truhe, auf der ein dunkelblaues Kleid für sie bereit lag und am Fußende des weichen Bettes, in dem sie lag, stand ein Tisch mit einem Kerzenständer, doch weil das Tageslicht durchs Fenster schien, war die Kerze aus. Die Holzbalken an der Wand und unter der Decke waren voll kunstvoller Schnitzereien. Als sie genauer hinsah, erkannte sie Pferde in allen Variationen. Erleichtert ließ sie sich zurück in die Kissen sinken. Sie war eindeutig im Haus eines Rohirrim.

Langsam sickerte nun wieder das Erlebte der letzten Tage in ihr Gedächtnis. Sie erschauerte. Sie hatte getötet und war Fangorn um Haaresbreite entkommen. War mehr gerannt als in ihrem ganzen Leben, beinahe zwei Tage lang. Alles hatte sich verändert. Ihre frühere Welt, ihr früheres Leben, ihr früheres Selbst schienen ihr Jahre zurückzuliegen, zuviel war geschehen. Was war ihrer Familie widerfahren?

Ihre blauen Augen waren dunkel vor Schmerz und Trauer als sie aufstand und das Kleid anzog. Es schmiegte sich weich an ihren Körper und passte gut zu ihren Haaren. Bevor sie den Raum verließ, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel. Man hatte ihr anscheinend Gesicht und Hände gewaschen und die Haare geordnet.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, fand sie sich in einem dunklen Flur wieder. Zögernd wandte sie sich nach rechts und ging bis zum Ende des Ganges. Als sie um die Ecke bog, hielt sie überrascht inne. Vor ihr erstreckte sich eine große Halle, prachtvolle Säulen, geziert von goldenen Pferdeschnitzereien stützten die mächtigen Dachbalken und an den Wänden hingen die prunkvollen Banner des Königs, die ihr verrieten in wessen Haus sie sich befand. Gegenüber der Eingangstür, ganz am anderen Ende der Halle stand des Königs Thron – leer. In der Halle liefen blonde Rohirrim umher und zuerst schien sie niemand zu beachten, doch dann lief eine blonde junge Frau auf sie zu.

„Herrin, seid Ihr wohlauf? Ich bin Déawyn und werde mich um Euch kümmern, solange Ihr hier seid. Wenn Ihr mir die Frage erlaubt... wer seid Ihr?“
Sie musterte das Mädchen. Ihr Gegenüber war wohl etwas älter als sie selbst, doch sie fühlte sich durch die vergangenen Ereignisse um Jahre reifer. „Mir geht es gut!“, entgegnete sie knapp und einen Augenblick lang war sie selbst überrascht wie abweisend sie klang. „Mein Name ist Leofwen. Ich bin eine Rohirrim und habe eine Nachricht für den König!“ Bevor sie nachgedacht hatte, hörte sie sich das sagen. Lebte der König überhaupt noch?
Déawyn blickte skeptisch ob ihrer schwarzen Haare, als sie sich als Rohirrim vorstellte, nickte dann aber und knickste. „Folgt mir Herrin!“

Gemeinsam mit dem blonden Mädchen durchquerte sie das Königshaus bis sie vor einer golden verzierten Tür standen. Déawyn klopfte scheu und verneigte sich beim Eintreten. "Eure Majestät, die Fremde mit dem Namen Leofwen wünscht Euch in einer dringlichen Angelegenheit zu sprechen!"
Eine klare, tiefe Stimme antwortete. "Sie soll eintreten! Danke Déawyn!"
Die Angesprochene nickte und erhob sich. Auf ihre auffordernde Geste hin trat Leofwen ein. Hinter ihr schloss sich die Tür und sie knickste. König Éomer musterte sie nachdenklich, dann gebot er ihr zu sprechen.

"Herr, ich ward ausgesandt Euch zu warnen. Dunländer haben unser Dorf überfallen, auf ihrem Kriegszug gegen Edoras." Ihre Stimme klang seltsam monoton, fand sie.
Der König blickte sie verdutzt an, dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte. "Aber Kind, der Angriff ist längst abgewehrt!"
Ihr Gesicht verhärtete sich. Sie war kein Kind mehr. Sie war es noch gewesen, als sie losgeritten war um den König zu warnen, doch die vergangenen Ereignisse hatten eine erwachsene Frau aus ihr gemacht.

"So lautete mein Auftrag!" Distanziert sprach sie weiter. "Und ich habe versagt. Deshalb bitte ich Euch, nehmt mich in Euren Dienst, damit ich diese Schuld begleichen kann."
Éomer hörte auf zu lachen und wurde wieder ernst. "Meine Männer haben mir gesagt, sie hätten Euch dem Tode nahe gefunden. Da ist keine Schuld, die beglichen werden muss!"
Verstand er denn nicht, dass es eine Bitte, ein Wunsch gewesen war? Dieser Dienst war im Moment der einzige Halt, der einzige Sinn in ihrem Leben. Als sie sich erhob, raschelte etwas in ihrem Kleid. Verwundert entdeckte sie eine Tasche zwischen den Falten und zog einen Zettel heraus. Fragend blickte sie auf und der König erlaubte ihr zu lesen.

Sie hatte kaum die ersten paar Zeilen überflogen, da huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, etwas was man lange Zeit nicht mehr sehen sollte. Diesen Zettel hatte Déawyn wohl in ihr Kleid gesteckt und sie hatte ihn bei sich getragen.
Schweigend reichte sie ihn dem König. Er las und blickte sie erstaunt an. "Leofwen, Ihr wart zum Hofe beordert um in meinen Dienst zu treten? Weshalb sagtet Ihr nichts davon?" Er lächelte gütig. "Mit Freuden werde ich Euch zu meiner Ritterin und Schildmaid schlagen, gleich heute Mittag soll dies geschehen. Doch nun geht und esst etwas, Ihr müsst hungrig sein."
Nun, bei seinen Worten verspürte sie erst den nagenden Hunger. Sie hatte seit Tagen nichts mehr gegessen. Dankend verneigte sie sich und nickte. Dann verließ sie das Zimmer um nach Déawyn zu suchen.

"Hiermit ernenne ich, König Éomer, Éomunds Sohn, Euch zu meiner Ritterin und Schildmaid von Rohan. Ihr seid mir verpflichtet, bis dass der Tod einen von uns nähme, es sei denn, ich entbinde Euch vorher von diesem Eid. Wollt Ihr mir die Treue schwören, Leofwen, Baldors Tochter?"
Sie zuckte kurz zusammen, als das Schwert des Königs ihre Schultern berührte, erinnerte sich an den Dunländer, den sie getötet hatte. Dann legte sie ihm ihr Schwert zu Füßen und nickte. "Ich schwöre Euch die Treue, mein König, und nie werde ich einem anderen dienen als Euch!", erwiderte sie fest.
Er hob ihr Schwert auf und reichte es ihr. "So steht auf und nehmt Euer Schwert. Möge es Euch stets zum Siege verhelfen, in jedem Kampfe, den es mit Euch fechten wird."

Nach der Zeremonie folgte sie dem König. "Herr, erlaubt mir nach dem Verbleib meiner Familie zu fahnden!", bat sie.
Er nickte. "Reitet in euer Dorf und findet heraus, wer überlebt hat. Tut es in meinem Namen. Nehmt Euch dazu ein Pferd aus meinem Stall, solange es nicht das Meine ist. Ihr dürft es dann behalten."

Sie dankte und machte sich sogleich auf den Weg. Inzwischen hatte sie Männerkleidung und die rohan'sche Rüstung bekommen. Langsam betrachtete sie die Tiere, eins war edler als das andere. Doch keines wollte ihr gefallen, keines wollte sie haben, außer ihrem treuen und tapferen Rappen, dessen Leiche irgendwo in der West-Emnet lag. In diesem Moment fuhr ihr ein weiches Maul durch die Haare, als hätte ein Tier ihre Traurigkeit gespürt. Endlich hatte sie sich entschieden. Mit einem Wink gab sie dem Stalljungen Bescheid und wenig später war der braune Hengst gesattelt und ihre Vorräte verstaut. Zügig ritt sie los, aus der Stadt hinaus, nach der sie sich vor einigen Tagen noch so gesehnt hatte. Nun gab es für sie nichts schöneres, als das Dorf ihrer Kindheit. Doch sie wusste, es würde nicht mehr dasselbe sein.

Langsam ritt sie in das Dorf ein. Man konnte es kaum mehr Dorf nennen, eher die Überreste davon. Beinahe trieb es ihr die Tränen in die Augen, sie kannte jedes Haus, jeden Stein, jeden Baum und jeden Menschen hier. Doch vieles würde nicht mehr da sein. Die Hoffnung und das Bangen stiegen mit jedem Schritt, den ihr Hengst machte. Überall liefen die wenigen Überlebenden herum und begruben oder verbrannten unter Tränen ihre Toten. Leofwen wusste, dass sie eigentlich die Überlebenden zählen und auf ihrer Liste abhaken müsste, doch das konnte sie nicht, ehe sie Gewissheit hatte.

Dann erblickte sie das Haus ihrer Familie. Es war kaum noch als solches erkennbar, das Stroh auf dem Dach war verkohlt und durchlöchert, die Dachbalken eingekracht und die Tür fehlte. Drinnen konnte man ein wüstes Durcheinander erkennen.

Mit klopfendem Herzen sprang sie vom Pferd und lief hinein. Vor Entsetzen schloß sie kurz die Augen. Ihr bot sich ein grausiges Bild. Ihre beiden Schwestern lagen halb entblößt und grausam zugerichtet auf dem Küchentisch, es war unverkennbar, was mit ihnen geschehen war. Daneben lag ihre Mutter... ihre geliebte, schöne Mutter. Und neben ihr lag der Kopf mit den langen blonden Haaren. Überall war Blut und Dreck. Ihr Magen rumorte. Ihr Bruder... wo war ihr Bruder? Sie zwang sich weiterzugehen, vorbei an Mutter und den beiden Schwestern... bei Eru, sie waren erst zwölf gewesen!

Durch die Tür in den nächsten Raum, auch hier herrschte Chaos. Hinten, in Mutters Lieblingssessel saß Brego, ihr zehnjähriger Bruder. Und mitten in seiner Brust, dort wo das Herz sich befand, steckte Vaters Dolch. Vaters Dolch, den er so geliebt, so in Ehren gehalten hatte. Das Einzige, was sie von ihrem Vater besaßen, was sie überhaupt von ihm wussten, außer seinem Namen.
Sie sank in die Knie und übergab sich.

Nach einigen Minuten wurde es besser und sie wischte sich keuchend den Mund ab. Tränen liefen ihr über das Gesicht, unendlich viele Tränen, Sturzbächen gleich, sie weinte Tränen für ihr ganzes Leben, weil sie nie wieder weinen würde.
Und dann entrang sich ihrer Kehle ein markerschütternder Schrei, in dem all ihre Qual, all ihr Leid lag. Sie sprang auf und rannte hinaus, achtete nicht auf ihre Mutter und ihre Schwester, nur hinaus. Zitternd lehnte sie sich gegen den Hengst und hörte nicht mehr auf zu weinen.
Es dauerte lange bis sie sich beruhigt hatte. Dann verschloss sie ihren Schmerz tief in ihrer Brust, setzte eine abweisende Miene auf und schwor sich nie wieder zu lachen, ehe sie ihre Familie gerächt und alle Dunländer getötet hätte.
Äußerlich ruhig suchte sie ihre Liste und begann mit der Arbeit, die ihr der König aufgetragen hatte. Aber in ihrem Inneren hatten sich die eben gesehenen Bilder eingebrannt und sie würde sie nie vergessen können.

ENDE

Made with Bulma
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