Geschichten aus Mittelerde

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Von den Wassern
von Neige

Chapter #1
Der Sand war kühl und rann durch seine Finger. Seine Knie waren bis zu seinem bärtigen Kinn hochgezogen und seine grauen Augen blickten über das Wasser.

Es war Winter, doch dieser würde bald vorüber sein. Das Wasser war ruhig, wie ein stilles silbernes Glas und der lang anhaltender Blick des Mannes konnte die gespenstischen, vagen Formen der Eisfelder ausmachen, die knapp unter der Wasseroberfläche lagen. Spitzen von Eis ragten daraus hervor, Trittsteine über eine weite See.

Es war neblig heute und er wusste, der Hafen würde noch für einige Wochen leer bleiben. Wenige Schiffe kamen zu dieser Jahreszeit, denn Schneestürme brachen ohne Warnung aus dem Norden herein und warfen ein Schiff gegen die Klippen. Tatsächlich, so befand er, waren die einzigen Schiffe, die über das Eis gelangen konnten, die ersehnten Schiffe aus dem Westen.

Er hörte Schritte, wandte sich jedoch nicht um. Der Junge kam zwischen den niedrigen Dünen hervor, trottete an ihm vorbei und setzte sich einige Meter entfernt kurzerhand in den Sand, zweifellos, um irgendwelche liebevollen Begrüßungen zu vermeiden. Círdan sah verstohlen zu ihm hinüber: die Knie hochgezogen wie seine eigenen, von derben Händen umklammert.

„Elros“, sagte er. „Guten Morgen.“

„Guten Morgen.“

Jugend, dachte Círdan. Und auch wieder nicht: für die Söhne Elwings würde es keine unschuldige Kindheit geben. Leider und auch ein wenig ungerechterweise bedeutete dies nicht, dass ihnen diese unangenehme Pubertät erspart blieb.

Elros war breiter um die Schultern als ein Elb, und muskulöser. Die Körpergröße hatte er von seiner Mutter: hoch gewachsen und anmutig, obwohl er in diese letzte Eigenschaft erst noch hineinwachsen musste. Sein Haar war dunkel, seine Augen von einem durchdringenden Grau. In seinem Verhalten ähnelte er seinem Vater.



Jetzt sah Elros über das Meer, wo der Horizont mit dem weißen Himmel verschmolz. „Das Eis wird schmelzen, bevor der Monat herum ist, denke ich“, sagte er. Ja, dachte Círdan, er ähnelt seinem Vater. „Ich würde gern segeln gehen, wenn es geschmolzen ist.“

„Tu das, aber vergewissere dich zuvor des Wetters“, riet Círdan. Elros nickte und sein Ausdruck war weitgehend passiv. Weitgehend passiv, da er die Dinge niemals ganz so gut verbergen konnte wie sein Bruder. „Vielleicht wird dein Ruderboot zum Frühling hin fertig sein.“

„Nicht ein Ruderboot“, sagte Elros mit leichter Entrüstung. „Sie ist zu groß für ein Ruderboot. Und sie ist schön.“

„Ich erinnere mich an das erste Schiff, das ich gebaut habe“, sagte Círdan und lächelte leicht. „Es war aus Schilfrohr gemacht, sehr prachtvoll… Ich würde sagen, es reichte mir bis zu den Knien.“ Es war außerdem ziemlich elendig auf den Grund des Cuiviénen gesunken. Aber das erwähnte er jetzt nicht, und seine Geschichte lockte keine Antwort hervor.

„Möchtest du darüber sprechen, was dich beunruhigt oder soll ich dich deinen Gedanken überlassen?“, fragte Círdan. Er hatte den leisen Verdacht, dass der junge Elros seinen Lehrern entwischt war, um hinaus an den Strand zu kommen.

„Nein“, kam die hastige Antwort. „Bitte bleibt.“

Círdan nickte und griff sich eine Handvoll Sand. Die kleinen Sandkörner rannen schnell durch seinen Finger und waren bald verschwunden.

„Ich möchte ein Schiff bauen und die Küste hinauf und hinab fahren. Ich möchte neue Orte erkunden. Ich möchte weit fort segeln.“ Es kam sehr schnell heraus. „Und ich hab es Elrond erzählt und er hat gesagt, er würde niemals mitkommen.“

Ah, dachte Círdan. Vielleicht hätte er das wissen sollen.

„Er mag Schiffe nicht so sehr wie ich.“

„Muss er das denn?“, fragte Círdan.

„Nein… aber ich möchte, dass wir zusammen sind.“

Círdan war plötzlich froh, dass er keine Geschwister hatte. „Ihr seid euch in vielen Dingen gleich, aber ihr seid nicht dieselbe Person. Wenn du von ihm getrennt bist, magst du mehr von dir selbst finden“, sagte er langsam. Eine weiße Möwe glitt über sie hinweg und über das Wasser, schrie einmal auf und ließ sich auf dem Eis nieder. „Entfernung mindert Liebe nicht.“

Die Zwillinge, die sie vor Jahren gefunden hatten, waren einander zuerst nicht von der Seite gewichen. Doch selbst Zwillinge konnten nicht die ganze Zeit zusammen sein, vermutete er; ein dumpfes Gefühl sagte ihm, dass ihr ruhiges Miteinander nicht ewig andauern würde.

„Geh zurück zu deinem Bruder“, sagte er und seine Stimme war fester als er erwartet hatte. „Ich glaube, er ist in meiner Bibliothek.“

Elros seufzte. „Ich gehe schon.“ Mühsam erhob er sich und trottete wenig begeistert über die Dünen denselben Weg zurück.

Círdan war wieder allein. Er stand auf und näherte sich dem Wasser und sah sein Gesicht in Stille wieder gespiegelt. Begleitet von einem Rauschen ihrer Federn flog die Möwe erneut auf und ihr verschwommenes Spiegelbild folgte ihr auf dem Wasser, bis sie am Himmel verschwunden war.


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256 EZ: Círdan führt die Elben nach der Zerstörung von Eglarest und Brithombar auf die Insel Balar.
525 EZ: Elrond und Elros werden geboren
1 ZZ: Lindon und die Grauen Anfurten werden gegründet
442 ZZ: Elros stirbt nach einer Regierungszeit von 410 Jahren

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