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Requiem des Herbstes

von Aratlithiel, Ariel

Kapitel 1

Dies ist so nah am Kanon der Bücher, wie wir es schaffen konnten, mit zwei Ausnahmen: 1. Rosie arbeitet im Gasthaus wie im Film (weil es einfach so praktisch war) und 2. Frodos Beschreibung beinhaltet seine schönen blauen Augen (obwohl Tolkien nie gesagt hat, dass er keine blauen Augen hat... er könnte welche haben - man weiß es nicht!) Anmerkung der Co-Autorin: Von Ariel - Ich war hocherfreut, Aratlithiel zu finden, ein wahres Juwel unter den Hobbitmädchen, aber mit ihr zu arbeiten, war ein absoluter Traum. Sie und ich waren auf einer so unglaublich ähnlichen Wellenlänge, dass ich nur ein Wort oder einen Satz sagen musste, und sie hat ihn geschrieben - und zwar mit demselben Geist und Enthusiasmus, den ich beabsichtigte! Ich kann mein Glück gar nicht fassen! Sie ist äußerst talentiert und es ist eine Freude, mit ihr zu sprechen... und obwohl wir uns erst seit ein paar Wochen kennen, habe ich das Gefühl, dass wir schon unser ganzes Leben lang Freunde sind. Das ist ein unglaublich seltenes Gefühl und eines, das die meisten von uns nur in jungen Jahren erleben - es in meinem Alter mit einem lieben Gleichgesinnten zu erleben, ist ein Wunder, für das ich Aratlithiel danke. Requiem des Herbstes ist in Kapitel unterteilt – etwa danach, wer den größten Teil der Geschichte geschrieben hat. Die Kapitel 1 und 3 sind von Aratlithiel, die Kapitel 2 und 4 sind von mir, obwohl die Idee zur Geschichte und der ursprüngliche Text von Aratlithiel stammen. Ich hoffe, ihr Leser, habt genauso viel Spaß an dieser Geschichte, wie ich es genossen habe, sie mit ihr zu schreiben. Bitte beachtet Aratlithiels Anmerkung am Ende dieses Kapitels.

Er saß allein in der Ecke, und Rosie ertappte sich dabei, dass ihre Augen immer wieder zu ihm zurückwanderten, als würde sie ein stummer Befehl anlocken. Seit dem Vorfall mit Sandigmann vor einigen Wochen war er nicht mehr hier gewesen, und Rosie hatte sich schon gefragt, ob er jemals wiederkommen würde. Dann kam er mit einem Lächeln und einem "Hallo" zu ihr herein, als wäre er erst gestern gekommen.



Er nippte abwesend an einem Humpen Bier und richtete seine Aufmerksamkeit auf die aufgeschlagenen Seiten des Buches, das auf dem Tisch ausgebreitet lag. Eine fast leere Schüssel mit Eintopf und ein halber Laib Brot waren zur Seite geschoben und aus dem Weg geräumt. Seine Füße sahen ziemlich schlammig aus, und die unteren Ränder seines Mantels, der achtlos auf die Bank ihm gegenüber geworfen worden war, sahen feucht und schwer aus, als wäre er durch hohes, feuchtes Gras gelaufen. Der ramponierte Wanderstock und der noch schlimmer beschädigte Lederrucksack, der hinter ihm an der Wand lehnte, ließen Rosie zu dem Schluss kommen, dass Herr Beutlin auf einem der berüchtigten Ausflüge unterwegs gewesen war, über die die Leute in Hobbingen so gerne tratschten und Vermutungen anstellten. „Wohin macht er sich wohl auf den Weg?", sagten die Leute. „Um sich unter die Elben zu mischen... er ist doch ein Beutlin, nicht wahr?", war meist die Fräulein billigende Antwort.



Rosie verstand nie, warum die Leute in Hobbingen und Wasserau den jungen Herrn von Beutelsend so unbarmherzig zu beäugen schienen oder warum sie sich über die geringste seiner Eigenarten so empörten. Schließlich sah sie nicht ein, was an langen Spaziergängen und am Lesen so seltsam sein sollte. Viele Leute waren an schönen Tagen mit ihren Spazierstöcken unterwegs, und das wurde nicht im Geringsten als skandalös angesehen - und diejenigen, die lesen konnten, taten das auch oft. Es war Rosie ein Rätsel, warum es zu so viel Getuschel kam, wenn der junge Herr Beutlin diese Dinge tat und jeder andere es tun konnte, ohne dass auch nur ein Ton gesagt wurde.


Natürlich war der ältere Herr Beutlin mit seinen Geschichten über Drachen und Zauberer und dergleichen ein wenig skurril gewesen. Rosie selbst hatte die Geschichten immer spannend und faszinierend gefunden. Nicht, dass sie jemals davon geträumt hätte, selbst ein Abenteuer zu erleben, aber jemanden zu treffen, der eines erlebt hatte ... das gab ihr ein ganz besonderes Gefühl, und sie schämte sich nicht, das jemandem zu sagen.



Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, um zu sehen, ob jemandes Humpen ihre sofortige Aufmerksamkeit benötigte. Der Raum war ziemlich leer, es war mitten in der Woche, und die meisten Leute dachten um diese Zeit an ihre Betten und nicht daran, ob ihr Humpen gefüllt war oder nicht. Sie seufzte, nahm ihren Lappen zur Hand und begann, die Bar abzuwischen. Es war das dritte Mal, dass sie das in den letzten zehn Minuten getan hatte. Nachdem sie abwesend Krüge und Geschirr angehoben und mit dem Lappen darunter gewischt hatte, warf sie den Lappen zurück in die Schüssel, stützte den Ellbogen auf die Theke und das Kinn auf die Hand. Abwesend blies sie sich eine verirrte Locke aus den Augen und stellte fest, dass ihr Blick wieder zu Herrn Beutlin hinüber geschweift war.



Meine Güte, der ist aber attraktiv, nicht wahr?‘, dachte Rosie. Sie hatte ihn oft genug gesehen, aber erst vor kurzem hatte sie begonnen, ihn wirklich wahrzunehmen. Bis zu der Sache mit Sandigmann war er nur ein Teil des Lebens in Wasserau gewesen. Erst als er Timm eine Ohrschelle verpasst hatte, war Rosie der Gedanke gekommen, dass es vielleicht etwas an Herrn Beutlin gab, das sie die ganze Zeit übersehen hatte. Da war eine Wildheit in ihm, die sie nur in dieser Nacht erlebt hatte - ein Ausbruch von Leidenschaft und anderen Gefühlen, die knapp unter der Oberfläche zu brodeln schienen. Der kurze Blick darauf hatte Rosie den Atem geraubt, und sie fragte sich, was sie finden würde, wenn sie die Gelegenheit bekäme, etwas länger und tiefer zu schauen.



Er war das, was ihre Mutter eine ‚freundschaftliche Bekanntschaft‘ nennen würde - jemand, an dem man vorbeikam und mit dem man ein Lächeln austauschte, sich aber nie wirklich hinsetzte und mit ihm sprach - jemand, den man vielleicht gerne etwas besser kennenlernen würde, sich aber nie wirklich die Zeit oder die Ruhe nahm, es zu tun. Oft kehrte er im Gasthaus zum Mittagessen oder Tee ein, wenn er auf dem Heimweg von einem seiner Ausflüge vorbeikam, oder er wanderte mit Samweis von Hobbingen herüber, um ein paar Bier zu trinken oder einen Happen zu essen.
Samweis. Sie lachte ein wenig und biss sich auf die Unterlippe, weil sie sich fragte, was Samweis wohl denken würde, wenn er wüsste, dass sie hier war und seinem Herrn hinterher starrte, während er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte und sein Buch las. Sie errötete ein wenig bei dem Gedanken und begann, abstrakte Muster auf der polierten Oberfläche der Bar zu zeichnen.



Sam war ein guter Hobbit - einer der besten, die sie kannte. Früher hatte sie nichts lieber getan, als mit ihm und ihren Brüdern einen faulen Nachmittag im Wasserauer See zu verbringen oder durch die Weizenfelder zu streifen, Scherze zu machen und Fangen zu spielen. Bis zum letzten Frühjahr war sie sich sicher gewesen, dass er jeden Tag etwas sagen würde, und es hätte sie mädchenhaft kichern lassen, wenn sie nur daran dachte, was sie selbst sagen oder tun würde, wenn er es denn tat. Aber in letzter Zeit war er distanziert und schien sich mehr um die Angelegenheiten seines Herrn zu kümmern, als um das, was Rosie vielleicht erwartete. Die wenigen Male, die er an den Hof gekommen war, war er wie immer schüchtern und aufmerksam, aber er hatte sich all abendlich früh verabschiedet, immer mit der Ausrede, er müsse in der Nähe seines Herrn bleiben, da sein Umzug nach Bockland bevorstehe... "Falls er etwas braucht, verstehst du", sagte er dann.


Rosie verstand das nicht, und sie hatte die Nase gestrichen voll von süß und schüchtern. Rosie Hüttinger war schließlich ein ausgewachsenes Hobbitmädchen, und obwohl sie nicht behaupten konnte, so viel Erfahrung zu haben wie beispielsweise Perle Tuk, über die in letzter Zeit so viel geklatscht worden war, nun... ein Mädchen aus Wasserau konnte doch auch Wünsche und Sehnsüchte haben, oder? Und im Moment wollte Rosie mehr als schüchternes Händchenhalten und züchtige Küsse auf ihre Wange. Sie wollte etwas ... Aufregendes, vielleicht sogar ein bisschen was Gefährliches ... etwas ... Exotisches.



Sie löste ihren Blick von der Theke und schaute durch den Raum, um sofort Blickkontakt mit Herrn Beutlin herzustellen.


~ * ~


Rosie schnappte nach Atem und hielt ihn einen Moment lang an. Seine hellen Augen schienen die ihren selbst aus mehreren Dutzend Metern Entfernung zu erfassen und festzuhalten. Einen Moment lang fragte sie sich, ob er irgendwie ihre Gedanken gehört hatte, und sie errötete wieder. Sie fragte sich auch, wie viele Mädchen schon in diesen Augen ertrunken waren und warum es keiner von ihnen gelungen war, ihn lange festzuhalten. Oh, sie hatte die Gerüchte über Herrn Beutlin in dieser Hinsicht oft genug gehört, und im Gegensatz zu den anderen üblen, die sie gehört hatte, neigte sie dazu, diese zu glauben. Immerhin waren das einige der wenigen netten Dinge, die über ihn gesagt wurden. Rosie bezweifelte, dass irgendjemand Komplimente über Herrn Beutlin machen würde, wenn es schon so viele unangenehme Dinge gab, mit denen man ein Gespräch füllen konnte.
Sie sah, wie sich seine dunklen Augenbrauen kräuselten und seine vollen Lippen sich zu einem verwirrten Lächeln verzogen, bevor sie merkte, dass sie ihn immer noch anstarrte. Er hob seinen Humpen mit der stummen Bitte, nachzufüllen, und der Bann war gebrochen. Rosie errötete erneut, als sie hinter sich nach Bierkanne tastete, und musste mehrmals tief durchatmen, um sich zu sammeln, bevor sie sich auf den Weg durch den Raum machte.



"Geht es Euch gut, Herr Beutlin?", fragte sie höflich, während sie ihm nachschenkte.



"Sehr gut, Fräulein Hüttinger, danke der Nachfrage", antwortete er. "Und Euch?"



Es kostete sie eine große Willensanstrengung, ihre Hand ruhig zu halten, während sie einschenkte. Rosie war so sehr auf ihre Aufgabe konzentriert, dass sie nicht bemerkte, dass er ihr eine Frage gestellt hatte.



"Wie bitte, Herr?", sagte sie und wagte es nicht, ihren Blick zu ihm zu heben.



Er gluckste ein wenig und wiederholte seine Frage. "Ich habe gefragt, wie es Euch geht, Fräulein Hüttinger. Ist alles in Ordnung?"



Sie wagte einen Blick auf ihn. Er lächelte sie an, und seine Augen tanzten, zogen sie in ihren Bann. Schnell wandte sie den Blick ab, in der Hoffnung, die Röte zu verbergen, die ihre Wangen zu erhitzen begann. ‚Macht er das mit Absicht?‘, fragte sie sich. 'Weiß er überhaupt, dass er es tut?'
"Jawohl, Herr", sagte sie. "Alles ist großartig. Kann ich Euch irgendetwas bringen, Herr?"


"Nein, danke, Fräulein Hüttinger", sagte er und hob seinen frisch gefüllten Humpen. "Ich glaube, ich trinke den aus und gehe dann."


Sie griff nach den Resten seines Abendessens und stapelte die Schüssel auf das Schneidebrett neben das halbe Brot. Als sie den kleinen Haufen vom Tisch hob, machte sie den Fehler, ihm wieder in die Augen zu sehen. Ihr Griff geriet ins Wanken. Die Schüssel kippte ungeschickt um, und er schnappte danach, um sie aufzufangen, wobei er ihre Hand in der einen und die Schüssel in der anderen festhielt. Der Funke, der von seiner Haut auf die ihre übersprang, ließ sie aufschrecken, und beinahe hätte sie ihre Hand vor Erstaunen weggerissen, aber irgendetwas zwang sie, sie dort zu lassen, wo sie war. Sie sah ihn an.



"Ja, Herr", hörte sie sich selbst sagen, als ob jemand anderes sprechen würde. "Ich glaube, ich werde mich gleich selbst auf den Weg machen."



Seine Augen verengten sich leicht und sein Blick wurde intensiver. Sie konnte fast spüren, wie er ihre Haut verbrannte, als er absichtlich über ihren Unterarm zu der Hand wanderte, mit welcher die seine noch immer ihre festhielt. Sein Griff wurde für einen Moment fester und seine Kehle bebte, als er schluckte.



"Vielleicht", sagte er und sah ihr wieder in die Augen, "vielleicht erlaubt Ihr mir, Euch sicher nach Hause zu begleiten, Fräulein Hüttinger." Er ließ ihre Hand los, hielt sie aber weiterhin mit seinen Augen fest.



Sie richtete sich langsam auf. In ihren Ohren schien es zu dröhnen, und ihre Wangen erröteten. Ihre Stimme, die in schnellen, federleichten Zügen kam, klang viel gefasster, als sie sich fühlte. "Das wäre sehr nett von Euch, Herr Beutlin", sagte sie langsam und schenkte ihm ein kleines Lächeln.


~ * ~


Die Smials von Wasserau waren größtenteils dunkel und die Sterne leuchteten hell, als sie die Straße hinuntergingen. Die scharlachroten und goldenen Blätter des frühen Septembers leuchteten schwarz vor dem Herbsthimmel, und der süße Geruch von Holzrauch, der durch die Luft waberte, erinnerte sie an ein gemütliches Zuhause. Der unbefestigte Weg, den sie entlanggingen, erstreckte sich vor ihnen, und das reflektierte Sternenlicht verwandelte sein normales Gelbbraun in einen kräuselnden Strom aus hellem Sandfarben.



Sie gingen dicht beieinander, und Rosie spürte, wie ein berauschender Blitz sie durchfuhr, wenn ihr Arm seinen berührte. Es war, als wäre er eine Gewitterwolke und sie ein Regentropfen, den er zu sich sammelte, bevor er ihn mit einem gewaltigen Knall losließ. Sie konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen und musste sich immer wieder daran erinnern zu atmen, um nicht mitten auf der Straße in Ohnmacht zu fallen. Sie gingen lange Zeit, ohne zu sprechen, und nach einer Weile wurde das Schweigen so schwer, dass Rosie dachte, sie könnte schreien, um es zu brechen. Dann sprach er, und die Stille der Nacht schien sich zu zerstreuen und auf den Tonfall seiner klaren, musikalischen Stimme zu fliehen.



"Sam sprach einmal davon, um Euch zu werben", sagte er beiläufig. "Tut er es noch? Euch den Hof machen, meine ich?"



"Nein", sagte sie, wenn auch vielleicht etwas zu schnell. Sie dankte der Dunkelheit, dass sie ihr Erröten verbergen konnte. "Das ist, nun ja ..." Sie hielt inne und dachte einen Moment lang nach. "Um die Wahrheit zu sagen, Herr Beutlin", fuhr sie fort, "ich glaube, Samweis hat das Interesse an mir verloren. Er hat sich schon seit einiger Zeit nicht mehr gemeldet, und ich habe ihn schon aufgegeben."



Er blieb stehen und drehte sich um, um sie anzuschauen. Seine Augen leuchteten in der Dunkelheit, und die Sterne zeichneten sich auf seiner Gestalt ab, als würden sie in ihrem Dämmerungstanz glitzern, nur weil sie in seiner Nähe waren. Es war nur ein Sichelmond heute Nacht, aber es schien, dass jeder Lichtstrahl, den er abgab, direkt auf ihn herab schien und seine Haut in ein schimmerndes Silber verwandelte. ‚Oh, er ist einfach so schön ... ich glaube, ich kann es nicht ertragen.


"Seid Ihr ganz sicher?", fragte er und seine Augen bohrten sich in sie, durchbohrten sie und ließen sie nicht mehr los.



"Oh, ja", flüsterte sie. "Ziemlich sicher."



Er sah sie noch einen Moment lang an, nickte leicht, als sei er zufrieden, dann drehte er sich um und ging weiter.



"Ich fürchte, ich weiß nicht, wo Euer Zuhause ist, Fräulein Hüttinger", sagte er. "Ihr müsst mir Bescheid geben, wenn wir uns der Abzweigung nähern."



Diesmal blieb Rosie stehen, und er ging ein paar Schritte weiter, bevor er merkte, dass sie nicht mehr neben ihm war. Er drehte sich zu ihr um, verwirrt. Sie stand auf der Straße und sah ihn an, wobei sie schnell und leicht atmete. In ihrem Kopf drehte sich alles, aber sie schenkte ihm ein kleines, schwindelerregendes Lächeln. Er erwiderte es mit einem fragenden Blick.



"Wir sind an der Abzweigung zu meinem Haus vorbeigekommen, Herr Beutlin", sagte sie schlicht.


"Oh", sagte er und hob die Brauen, als er sie fragend ansah. "Warum habt Ihr das nicht gesagt?"



Sie atmete mehrmals tief durch und schloss die Augen. "Weil", sagte sie, "ich glaube, ich würde heute Abend lieber nach Hobbingen gehen, Herr. Ich würde gerne Beutelsend sehen." Sie öffnete die Augen. "Ich glaube, ich würde heute Abend lieber zu Euch nach Hause gehen."


Er war ganz still und seine Augen schienen zu glühen, als sie sich in die ihren bohrten. Sie fühlte sich nackt vor ihm, verurteilt. Er starrte sie sehr lange an, schien sich nicht zu bewegen, nicht einmal zu atmen. Sie errötete bis in die Zehenspitzen und hatte sich schon fast entschlossen, sich in ihrer Verlegenheit umzudrehen und wegzugehen, als er sprach.



"Warum?", fragte er.


Rosie zögerte. "Warum, Herr?" Sie war von der Frage überrascht, und es dauerte einen Moment, bis ihr Verstand aufhörte, über sich selbst zu stolpern und eine angemessene Antwort zu finden. Würde er sie wirklich zwingen, es laut auszusprechen? "Ich ...", begann sie. "Ich dachte, das sei offensichtlich, Herr."



"Vielleicht für jeden anderen Hobbit", erwiderte er mit flacher Stimme und dunklen Augen, "aber ich bin nicht..." Er hielt inne und blickte einen langen Moment lang zum funkelnden Walzer der Sterne über ihren Köpfen hinauf. Dann senkte er seinen Blick wieder auf den ihren. "Für mich sind die Dinge anders", sagte er sachlich. "Ich muss es wissen, bevor ich weitermache."



Meine Güte‘, dachte sie, ‚ist es denn so schwer für ihn? Ist er schon so lange hinterrücks angestarrt und diffamiert worden, dass er nicht einmal einem Mädchen trauen kann, das sich ihm an den Hals wirft?‘ Rosie spürte plötzlich, wie sie von Mitleid überflutet wurde und ein noch größeres Verlangen nach ihm verspürte. Ihre Augen füllten sich mit unaufgeforderten Tränen und sie trat näher an ihn heran und legte ihre Hand an seine Wange. '...so schön.'
"Ich könnte Euch anlügen, Herr Beutlin, und sagen, dass es daran liegt, dass ich in Euch verliebt bin und Euch schon seit Jahren bewundere", sagte sie. "Aber die Wahrheit ist, Herr, ich habe die Gerüchte gehört." Seine Augen verengten sich, und sie hörte ein Zischen des Atems, als sich sein Körper anspannte und er versuchte, sich zu entfernen. "Die Gerüchte", sagte sie schnell und hielt ihn mit ihrer Berührung zurück, "die Gerüchte besagen, dass Ihr bei den Mädchen anders seid als andere Jungs. Anders auf eine gute Art, Herr." Sie biss sich auf die Lippe und strich ihm sanft über die Wange. Er schloss die Augen und drehte sein Gesicht leicht und fast unwillkürlich so, dass seine Lippen ihren Daumen berührten. "Ich glaube die anderen Dinge nicht, die man über Euch sagt, aber ich danke, das glaube ich." Ihre Stimme sank zu einem leisen Flüstern und sie kam ihm so nahe, dass ihr warmer Atem seine Kehle streifte. "Und ich wollte es selbst herausfinden... Herr. Ich könnte jetzt ein bisschen was Besonderes gebrauchen. Nur für heute Nacht."


Er atmete tief durch, trat einen Schritt zurück und öffnete die Augen. Er neigte den Kopf, um in den Himmel zu blicken, und schien ihre Worte in seinem Kopf zu überdenken. Er blieb sehr lange still, und sie dachte wieder, dass sie vielleicht heimgehen und vergessen sollte, dass sie sich in eine so unangenehme und peinliche Lage gebracht hatte.



"Was ist mit deiner Familie?", fragte er leise. "Werden sie sich keine Sorgen um dich machen?"


"Ich übernachte oft im Gasthaus, wenn es spät wird", sagte sie. "Sie werden denken, dass ich dort schlafe."


Er wandte den Kopf und warf ihr einen durchdringenden Blick zu. "Und du bist sicher, dass dein Umwerben mit Samweis vorbei ist?", fragte er.



"Ja, Herr", sagte sie.



Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen und sagte: "Ich werde bald abreisen. Ich kann nicht mehr als heute Abend versprechen."



Sie erwiderte seinen Blick unverwandt. "Verstanden, Herr. Ich würde nicht mehr verlangen, selbst wenn du es von mir wollen würdest."



Er schien einen Moment lang darüber nachzudenken, dann verzog sich sein Mund zu einem sanften Lächeln, und er wandte sich ihr zu und streckte den Arm aus.



"Also gut", sagte er leise. "Es wird mir eine große Ehre sein, dich heute Abend als meinen Gast zu haben, Rosie. Aber nur, wenn wir auf das 'Herr' verzichten und uns auf Frodo einigen können."


Sie erwiderte sein Lächeln und nahm seinen Arm.


~ * ~


Seine Hand griff nach dem Knauf der runden, grünen Tür und blieb auf dem glatten, kühlen Messing ruhen, bevor er ihn umfasste und sich zu ihr umdrehte. Zum ersten Mal, seit sie das Gasthaus verlassen hatten, sah sie Zweifel in seinen Augen und fragte sich, was das wohl zu bedeuten hatte. Er hob die Hand zum Gesicht und rieb sich kurz den Kiefer, wobei er die Brauen zusammenzog, als würde er versuchen, ein sehr schwieriges Rätsel zu entschlüsseln.



"Rosie", sagte er, "bist ganz sicher, dass du nicht möchtest, dass ich dich nach Hause begleite?"



Rosie zog ihre eigenen Brauen zusammen und spürte, wie ihr der Atem stockte. 'Oh je. Will er mich nicht? Bin ich zu dreist gewesen? Habe ich ihn schockiert?'
"Ich... ich verstehe nicht, Herr Frodo", stammelte sie, plötzlich schüchtern und unsicher. "Habe ich… hast du nicht..." Sie hielt inne und sah ihn offen an, die Hände an den Fransen ihres Umhangs zupfend. "Willst du, dass ich gehe?"



Er schenkte ihr ein kleines, warmes Lächeln und nahm ihre beiden Hände in seine, die rechte warm und feucht von dem Moment, als er ihren Arm gehalten hatte, und die linke kühl und trocken von der Kälte des Türknaufs. Der Zauber seiner Augen umgab sie, und sie spürte eine flatternde Wärme in ihrem Bauch, die sich durch ihren Körper bewegte und sogar ihre Finger und Zehen mit neuer Hitze kitzelte.



"Nein, Rosie", sagte er, "ich will nicht, dass du gehst. Es ist nur ..." Er sah zu Boden und ließ ihre Hände los. Er fuhr sich mit einer Hand durch das Haar, während die andere seinen Mantel umklammerte und sich dann an seine Hüfte stemmte. Er beugte den Kopf, hielt inne und blickte dann zu ihr auf, die Hand immer noch in seinem Haar verheddert. Er kicherte leise, gleichzeitig fröhlich schelmisch und verlegen. "Ich habe nicht die Angewohnheit, Mädchen mit in mein Bett zu nehmen, es sei denn... nun, es ist jemand, den ich sehr mag und der mich auch mag. Und da du so direkt zu mir warst, habe ich das Gefühl, dass ich mich revanchieren muss. Auch wenn du mich vielleicht nicht jahrelang bewundert hast, muss ich gestehen, dass ich dich bewundert habe. Vielleicht hätte ich sogar schon früher versucht, dich hierher zu locken, wenn Sam nicht verraten hätte, dass er für dich schwärmt."



"Oh, Herr", begann sie und er sah sie stirnrunzelnd an. "Frodo", korrigierte sie sich, "ich... ich wollte nicht…"



"Du warst sehr deutlich in dem, was du gemeint hast, liebe Rosie", sagte er schnell, "und bitte glaube nicht, dass ich dir das übel genommen habe - das habe ich nicht. Ich bewundere deine Kühnheit und glaube, ich habe in all meinen Jahren noch nie ein so erfreuliches Angebot von einer so schönen Frau bekommen." Er lächelte sanft und nahm ihre Hände wieder seine. "Aber Tatsache ist, liebe Rosie", fuhr er fort, "es gibt gewisse... Verantwortlichkeiten, die man berücksichtigen muss, wenn zwei Leute..." Er hielt inne und errötete mit einem verlegenen Lächeln, und Rosie musste sich mühsam ein Kichern verkneifen. "Ich habe dir schon gesagt, dass ich bald abreisen werde", fuhr er fort. "Ich werde Hobbingen verlassen und bin vielleicht ... für einige Zeit nicht verfügbar."


"Ja, Herr", sagte Rosie. "Du reist nach Bockland. Ich habe davon gehört."



"Bockland, ja." Frodos Augen nahmen einen weit entfernten Ausdruck an, und seine Stirn legte sich in Falten, die Rosie als so etwas wie Kummer oder Bedauern zu deuten schien. Er schien sich zu besinnen und konzentrierte sich dann wieder auf Rosie. "Bockland und vielleicht ... vielleicht noch ein bisschen weiter. Es ist gut möglich, dass ich nicht zurückkehre."



Ihr Gesicht verzog sich zu einem besorgten Stirnrunzeln. "Nicht zurückkehren? Aber…"



"Der Punkt ist", unterbrach er sie, "dass ich, sollte es zu Konsequenzen kommen, vielleicht nicht vor Ort bin, um ... nun ja, zu helfen."



"Oh", hauchte Rosie und lächelte erleichtert. Das war also alles. "Oh, du brauchst dir darüber keine Sorgen zu machen", lachte sie und verwuschelte sein Haar wie einem kleinen Jungen. "Ich habe vielleicht nicht so viel Erfahrung wie andere, aber ich bin auch kein Neuling. Ich kenne meine Kräuter und weiß, wie man einen Kalender liest." Ihr Lächeln wurde breiter, und er erwiderte es mit einem strahlenden Lächeln.



"Trotzdem", sagte er nüchtern, aber nicht ohne ein Zwinkern in den Augen, "es gibt Risiken und ..."


"Lass doch die Risiken meine Sorge sein", sagte sie und streichelte mit ihrer kleinen, warmen Hand seine Wange. Sie griff nach dem Türknauf, drehte ihn, schob die Tür auf und blickte dann über ihre Schulter zurück. "Bittest du mich nicht herein?", fragte sie lächelnd.



Er schenkte ihr ein sanftes Lächeln und legte seine Hand an ihre Taille, um sie durch die Tür zu führen.


In diese Freundschaft mit Ariel bin ich durch reines Glück und Zufall hinein gestolpert. Denjenigen unter euch, die ihren Rezensenten keine Dankesbriefe schicken, empfehle ich, damit anzufangen - man weiß nie, wohin das führen kann. Das Ergebnis dieser ersten paar ausgetauschten E-Mails ist eine wunderbare Verwandtschaft, die durch gemeinsame Meinungen und gegenseitige Bewunderung für die Liebesbekundungen des jeweils anderen für Tolkiens Werk entstanden ist. Ich selbst behaupte nicht, dass ich Ariels Talent zur Wortwahl gleichkommen kann, und diejenigen unter euch, die ihre Werke noch nicht gelesen haben, sollten dies sofort tun. (Mein persönlicher Favorit ist 'Thicker Than Blood', aber ihr könnt euch gerne eure eigenen aussuchen) :) Ihr Werk ist von erstaunlicher Brillanz, und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass irgendjemand meiner persönlichen Einschätzung widersprechen könnte. Sie schreibt sehr getreu dem Kanon der Tolkien-Bücher und ihre Arbeit kann man wirklich als fehlende Kapitel bezeichnen. Ich bin voller Ehrfurcht. Diese Kurzgeschichte begann als Fortsetzung von 'Nigh on September'. Ich erwähnte Ariel gegenüber zufällig, dass ich mit dem Gedanken an eine Frodo/Rosie-Romanze spielte, und sie antwortete, dass sie das nicht für glaubwürdig halte. Ich sah mich also herausgefordert und schrieb prompt Kapitel 1, um dann bei Kapitel 2 wie ein Reh im Scheinwerferlicht stehen zu bleiben. Wenn ihr Kapitel 2 gelesen habt, werdet ihr mir alle dankbar sein, dass ich absolut kein Talent für Liebesszenen habe und mich Ariel anvertraut habe, um den schrecklichen Schlamassel, in den ich mich hineingeritten habe, wieder zu beheben. Nachdem sie von der Plausibilität der Geschichte überzeugt war, nahm sie die Herausforderung mit Bravour an, und eine Partnerschaft war geboren. Was sie mit Worten anstellen kann, übersteigt mein Vorstellungsvermögen, aber ich lehne mich gerne zurück und schaue ihr dabei zu, um mich dann in dem vollendeten Werk zu sonnen. Ich danke den Valar aufrichtig dafür, dass sich eine solche Künstlerin dazu herablässt, mich 'Freund' zu nennen.