Geschichten aus Mittelerde

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Sing mich nach Haus

von shirebound

Abendstern

„In den Bergen sollen die Adler hausen und auf die Stimmen derer hören, die uns anrufen.”
(Manwë, Das Silmarillion)



„Doch an meiner Statt sollst du gehen, Ringträger, wenn die Zeit kommt und du es dann willst. Wenn deine Wunden dich quälen und die Erinnerung an deine Bürde schwer auf dir lastet, dann kannst du in den Westen fahren, wo du von all deinen Gebrechen und von deiner Müdigkeit geheilt wirst.“


Es war freundlich von ihr, so etwas zu sagen, und Frodo, der im Vorhof des Weißen Baumes von Minas Tirith vor dem König und der Königin stand, wünschte sich von ganzem Herzen, dass eine solche Unmöglichkeit für ihn tatsächlich zur Wahl stünde.


„Herrin,” sagte er betrübt, „Sterbliche dürfen dort nicht hinsegeln.”


„So ist es,” sagte Arwen ruhig, „und doch mache ich dieses Angebot nicht zum Scherz. Unsterblichkeit im Segensreich ist kein Geschenk, das irgend jemand auf einen der Zweitgeborenen übertragen darf; und doch steht die Rast und Heilung für einen sanften Geist, der in selbstlosem, wahrhaftigen Dienst Schaden genommen hat, dir zu, Frodo – falls du es wünscht und diese Dinge nicht findest, wenn du nach Hause zurückkehrst. Ich habe gehört, es sei eine lange Reise…” Arwen lächelte, „aber lange Reisen sind dir ja nicht fremd.”


„Wie wäre so etwas möglich?”


„Komm, setz dich zu uns.” Frodo ließ sich auf der verzierten Bank zwischen Aragorn und seiner Königin nieder.


„Derjenige, der Ilúvatar in Gedanken und Absichten am nächsten ist, das ist Manwë,” sagte Arwen. „Weißt du von ihm?”


„Ja,” antwortete Frodo. „Bilbo hat mir manches über die Valar und die Ainur beigebracht, und ich habe im Haus Eures Vaters viele Lieder gehört.”


Arwen nickte. „Und weißt du, wie es kommt, dass Manwë weiß, was in Mittelerde geschieht?”


Frodo schüttelte verwirrt den Kopf. „Diese Dinge gehen über mein Wissen hinaus.”


„Die großen Adler sind seine Boten, Frodo,” fuhr Arwen fort. „Mithrandir spürte, sogar noch eher du aufgewacht bist, dass du eine Wunde davongetragen haben könntest, die nicht einmal dein süßes Auenland heilen kann. Während ihr, du and Samweis, im Schlaf gelegen habt, gab er dem edlen Gwaihir den Auftrag, eine Bitte an Manwë zu überbringen. Solch ein Ding ist noch nie vorgekommen, und wir, die wir davon erfuhren, hatten keine große Hoffnung, auch nur eine Antwort zu erhalten.”


„Eine… eine Bitte?”


„Frodo,” sagte Aragorn. „Gandalf schickte eine Nachricht und bat darum, dass der Weg ins Segensreich dir geöffnet werden möge, wenn die die Heilung und den Frieden, den es bieten kann, nötig haben solltest.”


„Gandalf...“ Frodo konnte kaum glauben, was er da hörte, „... hat das getan... für mich?“


Arwen nickte. „Der Herr der Adler ist zurückgekehrt, und er hat lange mit Mithrandir gesprochen. Du darfst segeln, Frodo, wenn du das wünschst. Seit der Wandlung der Welt wurde eine solche Erlaubnis keinem Sterblichen mehr gegeben.“


Frodo starrte die Königin mit geweiteten Augen an. Mittelerde verlassen?


„Ich fühle mich wahrhaft geehrt, Herrin“, stammelte er, „aber selbst, wenn ich mir das eines Tages wünschen sollte...“


„Was bekümmert dich, Frodo?“


„Im Segensreich...“ Frodo senkte den Kopf; heiße Tränen prickelten in seinen Augen. „Ich wäre allein.” flüsterte er.


Arwen hob Frodos Kopf sanft an und schaute ihm unverwandt in die Augen. „Lieber Freund, ich kann nicht in Worte fassen, was ich sehe, wenn ich dich anschaue – Schönheit, Mut, Willensstärke... ich weiß nicht warum, aber das Licht von Aman leuchtet klar und deutlich aus dir, Frodo, wie noch aus keinem Sterblichen, den ich je gekannt habe. Im Segensreich würde man dich ehren, du würdest Frieden finden und ungeahnte Freundschaft, weil die, die dort leben, nicht anders können, als dich so zu sehen, wie ich es tue. Vertrau mir, wenn ich sage, dass es dir an Freunden nicht mangeln würde.“


„Wenn es die Gesellschaft Sterblicher ist, von der du sprichst,“ fügte Aragorn hinzu, „Gandalf hat gesagt, dass auch Bilbo segeln darf – und es mag noch andere geben, zu einer späteren Zeit.“


„Andere?“ fragte Frodo voller Staunen.


„Du und Bilbo, ihr würdet die Ersten sein,“ meinte Arwen, „aber nicht die letzten. Die Welt wandelt sich tatsächlich.“


Frodo schüttelte überwältigt den Kopf. „Jetzt,“ sagte er still, „wünsche ich mir nur, das Auenland wiederzusehen.“


„Und das sollst du auch,“ sagte Aragorn. „In sieben Tagen wird eine große Gesellschaft nordwärts nach Rohan reiten, und du und deine Gefährten, ihr beginnt eure Reise nach Hause.“


„Nimm dies,“ Arwen ergriff eine feine Kette, die um ihren Hals hing und ließ sie über Frodos Kopf gleiten. Er blickte verwundert auf einen schimmernden, wie ein Stern geformten Edelstein hinab.


„Die gehörte meiner Mutter, und es hat große Kraft,“ fuhr Arwen fort. „Ich habe festgestellt, dass es in dunklen Augenblicken Trost und Stärke verleiht. Solltest du sie sehen...“ Die schöne Elbenfrau hielt Frodos Blick fest, „... dann sag ihr, dass es mir gut geht, dass ich glücklich bin und dass ich meine Wahl nicht bereue.“


„Eurer Mutter? Herrin, das kann ich nicht annehmen,“ sagte Frodo atemlos. Es war einfach zuviel für ihn; Tränen strömten ihm über das Gesicht.


„Für mich hat die Dunkelheit ein Ende,“ sagte Arwen und wechselte einen liebevollen Blick mit Aragorn. „Ich habe gewählt, und ich werde an der Seite meines Liebsten Freude und neue Ziele finden. Für dich...“ Sie nahm seine kleine Hand und schloss sie um den Edelstein, „... mag es noch Dunkelheit geben. Doch trage nun dies, zum Gedenken an Elbenstein und Abendstern, mit denen das Schicksal dich verbunden hat!"


Frodos Augen wurden groß, als er... etwas... spürte, das von dem Edelstein ausging – ein Lied, das er nicht kannte... er versuchte, die Worte zu hören...


Arwen lächelte über den Gesichtsausdruck des Hobbits. „Er hat seinen eigenen Rhythmus, Frodo, genau wie du. Es mag seine Zeit dauern, bis die Kräfte sich angleichen.“


Aragorn zog Frodo in eine warmherzige Umarmung hinein. „An jeder Biegung des Lebens haben wir eine Wahl,“ sagte er leise. „Wenn die Zeit kommt, wirst du die Wahl treffen, die dir am besten erscheint.“


„Kann das wirklich wahr sein? Ich bin... bloß ein Hobbit.“


Arwen umschloss Frodos Gesicht mit beiden Händen, während Aragorn ihn noch in den Armen hielt. „Du bist mehr als du weißt, Lieber. Du bist Elbenfreund und Ringträger, und du wirst von allen, die dich kennen hoch geschätzt. Dies wenigstens können wir dir anbieten.“


„Ich danke Euch.“ flüsterte Frodo, von ihren Worten überwältigt. Er konnte den Tränenstrom nicht eindämmen.


Arwen erhob sich und hielt Aragorns Blick fest. „Bleib bei ihm...“ murmelte sie. Sie ließ ihre Hand einen Moment auf Frodos Kopf ruhen, dann ging sie davon.


„Aragorn, ich... ich kann nicht...“


„Schsch...“ sagte der König leise. „Du musst nicht sprechen, lieber Freund. Eine Entscheidung wie diese mag noch Jahre entfernt liegen, und sie muss vielleicht überhaupt nicht getroffen werden.“


Frodo seufzte und schloss die Augen; noch immer umklammerte er den Edelstein. „Ich spüre einen solchen Frieden daraus fließen,“ murmelte er, „einen solchen Frieden...“ Er konnte jetzt ein paar Worte des Liedes verstehen... oder waren es Bilder? Kühles, grünes Gras unter seinen Füßen, und Gelächter, strömende Wasserfälle, die das Sternenlicht wiederspiegelten... der Duft unbekannter und doch süßer Blumen... Solch ein Friede...


Während das heilende Lied sich durch Frodos Herz und Seele wob, fühlte Aragorn, wie sich der Hobbit langsam entspannte. Der Edelstein fiel aus Frodos Hand und er glitt in einen sanften Schlummer hinein.


Ruh dich erst einmal aus, Kleiner, dachte Aragorn. Und später, wenn die Dunkelheit droht... Vor seinem geistigen Auge konnte er noch immer die Anfurten sehen, die er vor langer Zeit besucht hatte.


„Das wenigstens können wir dir bieten,“ murmelte er. „Es ist wenig genug nach allem, was du getan hast.“