Geschichten aus Mittelerde

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Von Geist zu Geist

von shirebound

Die Drei

„Wenn ich den Einen Ring tragen darf, warum kann ich dann nicht alle anderen Ringe sehen und die Gedanken ihrer Träger erfahren?“
(Frodo Beutlin, „Die Gefährten“, „Galadriels Spiegel“)


6. September


Frodo öffnete langsam die Augen und blinzelte; helles Sonnenlicht, strömte in das große Zelt, das sich die Hobbits teilten. Es war viele Tage her, dass es ihnen möglich gewesen, lange zu schlafen und das Lager nicht sofort abzubrechen. Er vergrub sich wieder in den Decken und spürte einen leichten Kopfschmerz.


„Alles in Ordnung, Herr?“ Sam hielt auf seinem Weg aus dem Zelt inne.


„Es geht mir gut, Sam.“ erwiderte Frodo. „Nur der allerseltsamste Traum...“


„Noch einer? Wovon?“


„Eis.“ Frodo gähnte und warf seine Decken ab. „Es hat nichts zu bedeuten.“ Er und Sam verließen das Zelt, um sich zu waschen und auf ihrem Weg zurück von dem kleinen, glitzernden Fluss, der mitten durch die Bäume in der Nähe des Lagers strömte, trafen sie Gandalf, Merry und Pippin; sie standen beieinander und schauten zum funkelnden Gipfel des Celebdil hinauf.


„Wo ist es?“ fragte Merry gerade.


„Dort.“ Gandalf zeigte auf einen Punkt hoch über ihnen. „Genau unterhalb von der höchsten Spitze liegen die Überreste des Balrogs immer noch – nun für alle verborgen, außer für die Adler.“


Merry pfiff und Sam schloss die Augen, währen er versuchte, sich vorzustelllen, was sich so hoch über ihren Köpfen abgespielt hatte – aber Pippin schaute finster drein vor Konzentration.


„Also...“ sagte Pippin, „dann haben wir den letzten Drachen auf dem Grund eines Sees und den letzten Balrog auf der Spitze eines Berges...“


„Und ich vertraue darauf, dass mich niemals auch nur ein Wort erreichen wird von einem Heer närrischer Tuks, das Forschungsreisen anfängt, um sich die Überreste eines der beiden anzusehen.“ sagte Gandalf streng. „Auf jeden Fall gibt es keinen Weg, festzustellen, ob das ,der letzte Balrog’ war oder nicht. Manche Dinge liegen noch immer in den Tiefen der Erde verborgen.“


„Oder in den Tiefen des Wassers.“ sagte Frodo leise. „Gandalf, sind wir irgendwie in der Nähe des Sees? Du weißt schon, wo dieses Geschöpf versucht hat...“


„Das Westtor von Moria liegt jetzt südöstlich von uns.“ versicherte Gandalf und gab dem Hobbit einen Klaps auf die Schulter. „Diesen Weg werden wir nicht nehmen, Frodo.“


„Gut.“ Frodo wandte sich an seine Hobbitgefährten; der Kopfschmerz war vergangen und schon vergessen. „Frühstück?“


„Frühstück!“ sagte Pippin zustimmend.


Es war eine Erleichterung für die Hobbits gewesen, herauszufinden, dass die Reisegesellschaft ein paar Tage vor der Abreise des Herrn und der Herrin einen Aufenthalt einlegen würde. Die Reise nach Norden war geruhsam und friedlich gewesen, aber die tagelangen Dauerritte fingen an, anstrengend zu werden.


Auch Elronds Söhne begrüßten die Möglichkeit, an einer Stelle zu bleiben, und sie hatten vor, die Woche dazu zu nutzen, die Hügel am Fuße des Celebdil zu erforschen... einer Gegend, die sie zuvor noch nie besucht hatten. Elrohir wurde nie müde, die verborgenen Fundorte nahrhafter und heilender Kräuter zu entdecken, und Sam, begierig darauf, etwas über neue Pflanzen und ihren Nutzen zu lernen, hatte vor, ihn am nächsten Tag zu begleiten. Umso mehr, da er erfahren hatte, das Elladan einige Höhlen finden wollte, die Gimli beschrieben hatte. Frodo, Merry und Pippin baten darum, mit ihm kommen zu dürfen. Die Söhne von Elrond erinnerten die Hobbits an Legolas... immer singend und voll von Geschichten. Elrohir und Elladan ihrerseits hatten entdeckt, dass sie die Gesellschaft der Hobbits genossen; sie waren Gefährten mit leichten Herzen und ebenso lautlos zu Fuß wie sie. Nach einer Reise von fast einem Monat seit Rohan waren starke Freundschaften zwischen ihnen allen entstanden.


Seit sie Rohan verlassen hatten, war das Wetter warm und trocken gewesen, aber jetzt zogen drohende Spätsommerstürme herauf. Jedermann verbrachte den ersten Tag der „Rast“ damit, gemeinsam ein dauerhaftes Lager aus großen Zelten und Pavillons zu errichten und heruntergefallene Äste als Feuerholz zu sammeln.


Der Tag verging sehr angenehm, und nach dem Abendessen, nach Gesprächen und Gesang gingen die Hobbits zu Bett. Obwohl er sich entschieden hatte, es nicht länger zu tragen, überprüfte Frodo Stich, wie er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte. So nahe bei Moria waren herumstreunende Orks jederzeit möglich; nichtsdestoweniger zeigte die Klinge nicht einmal ein blaues Flackern. Frodo legte sich hin und seufzte; er hoffte auf eine Nacht, die frei war von den seltsamen und lebhaften Träumen, die er gehabt hatte.


„Du hast den ganzen Krieg nicht allein gewonnen, Peregrin.“ sagte Merry leise.


„Hab ich doch.“ kam Pippins schläfrige Stimme. „Wer hat den Balrog geweckt, damit er mit Gandalf kämpfte und der noch mächtiger und zauberischer werden konnte als vorher? Wer hat uns befreit, damit wir in Baumbart hineinrennen und ihn wütend genug machen konnten, um Isengart in Stücke zu reißen? Wer hat Saurons Aufmerksamkeit auf den Stein gelenkt, so dass Streicher wusste, was passieren würde, als er hineinschaute und das Auge auf sich lenkte, und nicht auf Frodo und Sam?“ Pippin hielt inne, um Luft zu holen. „Wer war...“


„Also... ich glaube, du hast Recht, Herr Pippin.“ gluckste Sam. „Hättest du nicht die Zeit finden können, auch noch den Ring ins Feuer zu werfen?“


„Weißt du, ich konnte nicht überall gleichzeitig sein.“ grinste Pippin.


„Wahrhaftig.“ Merry lachte. „Also gut... danke, Pippin. Ich bin froh, dass der Rest von uns dir auf unsere kleine Weise helfen konnte.“


„Ich auch.“ Pippin gähnte und rollte sich unter seinen Decken zusammen. „Nacht, Frodo.“


Frodo lächelte in die Dunkelheit. „Gute Nacht, Pippin. Und dankeschön.“


„Gern geschehen.“


Frodo warf sich in unruhigem Schlaf hin und her, seine Träume ein Strom aus Leuten und Orten, die er nicht wiedererkannte. Um Mitternacht herum erwachte er mit pochendem Schädel, dann setzte er sich auf und schaute sich in heillosem Schrecken um.


Er war nicht länger in dem Zelt, sondern in einer riesigen, kristallenen Halle von solchen Ausmaßen, dass er kaum imstande war, sie zu erfassen. Juwelenbesetzte Säulen glitzerten und leuchteten und... waren verschwunden.


Frodo blickte wild um sich in dem dunklen Zelt; er hörte nichts als die sanften Atemzüge seiner Gefährten. Was war gerade geschehen? Er kam auf die Füße und verließ das Zelt auf der Suche nach Gandalf – aber statt dessen sah er Herrn Celeborn. Der Elbenfürst bewegte sich geräuschlos durch das schlafende Lager und bemerkte, dass Frodo ihn beobachtete.


„Frodo,“ rief Celeborn leise, „du bist spät auf. Ist alles in Ordnung?“ Er winkte den Hobbit zu sich.


„Ich bin nicht sicher.“ erwiderte Frodo und trat neben den Elbenfürsten. „Ich habe von solch merkwürdigen Dingen geträumt, und gerade eben habe ich... etwas gesehen... und war hellwach. Ich hatte gehofft, Gandalf könnte es mir vielleicht erklären.“


Der Elbenfürst kauerte sich vor dem Hobbit nieder, „Möchtest du mir einen deiner Träume beschreiben?“


„Letzte Nacht war es ...Eis.“ Frodo versuchte sich zu erinnern. „Felder aus Eis. Zum Erfrieren kalt, und Eis. Wir gingen und gingen...“


„Wir?“


Frodo schüttelte den Kopf. „Es war so wirklich, fast, als wäre ich ein Teil einer Reihe von Leuten, die durch Eis gingen, weiter und weiter. Manche überlebten es nicht, und wir mussten sie zurücklassen. Hörner wurden geblasen...“ Frodo zuckte zusammen und rieb sich die Schläfen. „Ich sah Hallen voller Säulen.“ flüsterte er. „Ich sehe... es ist zuviel...“


„Frodo,“sagte Celeborn leise, „was du siehst, sind die Reisen von Galadriel in längst vergangenen Zeitaltern.“


Frodo starrte ihn verblüfft an. „Wie?“


„Lass es uns herausfinden. Ich bin auf dem Weg zu ihr, zu Elrond und Gandalf. Ich glaube, du solltest mich begleiten.“ Celeborn richtete sich auf, nahm Frodos Hand und führte den Hobbit einen schwach sichtbaren Pfad entlang zwischen die Bäume. Nach einiger Zeit konnte Frodo voraus ein blasses Licht glimmen sehen, und Celeborn geleitete ihn auf eine Lichtung, wo drei vertraute Gestalten schweigend saßen.


„Mein Herr?“ fragte Galadriel. „Stimmt etwas nicht? Frodo, geht es dir gut?“


„Meine Herrin,“ sagte Celeborn ernst. „sprecht ihr heute Nacht über Doriath und über die Majestät von Melians Reich?“


„Das tun wir.“ erwiderte Galadriel.


„Frodo spürt eure Gedanken, er sieht die Bilder, die ihr beschreibt. Letzte Nacht hat er von der Helcaraxe geträumt, und vom Übergang der Noldor nach Mittelerde.“


Galadriel winkte den Hobbit zu sich heran. „Komm näher, Frodo.“


Frodo trat an ihre Seite. „Doriath...“ murmelte er. „War es voller Säulen und...“


„Ja.“ lächelte die Herrin. „Melians Reich war glanzvoll über alle Worte hinaus. Wir...“ Sie neigte ihren Kopf in Richtung Elrond und Gandalf. „Wir benutzen keine Worte, wenn wir solche Geschichten miteinander teilen. Unsere Gedanken sind offen für den anderen.“


Frodo rang plötzlich nach Luft; seine Augen weiteten sich vor Angst. „Ich habe es nicht getan, Herrin!“ rief er. „Ich schwöre es Euch, ich habe es nie versucht, nicht ein einziges Mal!“


„Wovon sprichst du, Frodo?“ Galadriel nahm seine Hände. „Sag es mir.“


Frodo schaute zu ihr auf, seine Augen so voller Qual, dass ihr das Herz wehtat.


„Ihr habt gesagt...“ Er schluckte und versuchte es noch einmal. „Als ich Euren Ring sah, in Lórien, da sagtet Ihr, dass ich, um die Gedanken der anderen Ringträger zu kennen, erst meinen Willen stärken müsste, um andere zu beherrschen.“ Andere Ringträger... Frodo wandte seinen Blick zu Elrond und Gandalf, dann wieder zurück zu Galadriel. „Ich schwöre es, Herrin, das habe ich nie getan. Alles, was Sam und ich tun konnten, war einfach nur zu überleben und uns zu verstecken, und...“


Galadriel umschloss Frodos Gesicht mit ihren Händen. „Frodo, wir wissen, dass du das nicht getan hast.“


„Aber Ihr habt gesagt...“


„Ich weiß, was ich gesagt habe.“ Galadriel war von Zorn auf sich selbst erfüllt, und mit überwältigendem Mitleid für diesen gepeinigten Hobbit. „Ich hatte unrecht. Selbst jemand, der so viele Zeitalter der Welt gesehen hat wie ich, kann einen Fehler machen – damals wie heute.“


Frodo holte schaudernd Atem. „Wieso... wieso geschieht es dann?“


„Ich weiß es nicht.“ Galadriel wechselte einen Blick mit Elrond und Gandalf, aber Frodo konnte nichts erspüren von dem, was sich zwischen ihnen abspielte. „Wir können unsere Gedanken verschleiern, aber wir wussten nicht, dass es nötig war, das zu tun. Wir werden dir keine weitere Pein mehr zufügen.“ Sie sah in das Gesicht des Hobbits; es war bleich und angespannt. „Tut dir etwas weh?“


„Mein Kopf.“ flüsterte Frodo. „Es ist wie...“ Das Pochen hatte sich zu einem heftigen Kopfschmerz gesteigert – scharf und stechend.


Elrond machte eine schnelle Bewegung und kniete an Frodos Seite nieder. Er legte eine Hand sanft auf Frodos Stirn und die andere auf den Hinterkopf des Hobbits. Frodo sah hinter seinen geschlossenen Augenlidern ein blaues Aufblitzen und empfand einen warmen Druck, der seinen Kopf ausfüllte und den Schmerz zurückdrängte. Er seufzte vor Erleichterung und spürte, wie Elrond die Hand zurückzog; jetzt, da der Schmerz plötzlich geschwunden war, fühlte er sich schwach.


„Frodo,“ Elronds Stimme war leise und beruhigend. „Geh ins Bett und schlaf in Frieden. Wir werden morgen weiter darüber sprechen.“


Frodo nickte, aber plötzlich wurden ihm die Knie weich. Elrond fing ihn auf, als er stolperte.


„Es geht mir gut.“ beharrte Frodo. „Mir war nur einen Augenblick schwindelig.“


„Du fühlst dich warm an.“ sagte Elrond ruhig. „Vielleicht sind der Kopfschmerz und der Schwindel ein Versuch deines Körpers, sich all dem anzupassen, was du erlebt hast. Eine Nacht mit gutem Schlaf mag alles sein, was du brauchst.“ Er hob den Hobbit auf seine Arme.


„Nein!“ protestierte Frodo. „Ihr müsst nicht...“


„Du bist keine Last.“ sagte Elrond. Er warf seinen Gefährten einen besorgten Blick zu und fing an, Frodo zum Hauptlager zurückzutragen. „Du musst mir sagen, wenn dein Kopfschmerz wiederkehrt.“


„Das werde ich.“ Frodo runzelte die Stirn, als ihn eine plötzliche Erkenntnis traf. „Elrond, was Ihr gerade getan habt – tragt Ihr einen der Drei?“


Elrond sah ihn unverwandt an. „Ja. Ich bin der Hüter von Vilya, dem Ring der Luft – der mächtigste der Drei, seine Kräfte sind am langsamsten geschwunden.“


„Und der dritte...“ Frodo sah mit geweiteten Augen zu ihm auf. „Gandalf?“


„Ja.“


„Ich hatte geglaubt...“ Frodo versuchte, durch sein Schwindelgefühl hindurch klar zu denken. „Ihr sagtet im Rat, Ihr würdet fürchten, dass die Macht der Drei sich auflöst, wenn der Eine geschmolzen wäre.“


„Wir alle glaubten, dass dies geschehen würde, und ziemlich bald.“ erwiderte Elrond. „Tatsächlich hat sich die Macht eines jeden der Ringe stark vermindert, und das wird sich ohne Zweifel fortsetzen, bis sie nichts mehr sind als Vermächtnisse eines lang vergangenen Zeitalters.“ Er lächelte betrübt. „Einer der Gründe, weshalb wir hier lagern, ist, dass wir jetzt viel mit Gandalf zu besprechen haben, und nicht alles davon kann mit Worten gesagt werden. Genau so, wie die Kraft der Ringe schwächer wird, schwindet auch unsere Fähigkeit, uns ohne Worte auszutauschen.“


„Das ist traurig.“ Frodo seufzte. „Es scheint mir eine wundervolle Sache zu sein.“ Er runzelte die Stirn. „Stehen denn meine Gedanken Euch auch offen?“


„Wir dringen nicht ohne Erlaubnis ein.“ versicherte ihm Elrond, „es sei denn, in großer Not.“


Frodo sah, dass sie sich dem Lager näherten. „Bitte setzt mich ab, bevor man uns sieht; ich möchte nicht, dass jemand einen Wirbel veranstaltet.“


„Das möchtest du doch nie.“ lächelte Elrond und stellte Frodo sanft auf die Füße. „Geh ins Bett. Ich glaube nicht, dass deine Träume noch länger gestört werden.“


*****


Hinten auf der Lichtung hatte sich Celeborn mit einem Seufzen niedergesetzt. „Frodos lange Bürde hat ihn auf eine Weise verändert, die keiner von uns begriffen hat.“


„Ich hatte unrecht mit dem, was ich ihm gesagt habe.“ meinte Galadriel besorgt.


„Ganz im Gegenteil, ich glaube, du hattest Recht.“ sagte Gandalf gedankenvoll. „Frodo hat seinen Willen zum Herrschen gestärkt, obwohl er sich nicht darüber im Klaren ist.“


„Bitte erklär mir das.“ verlangte Galadriel.


„Gollum wurde nicht allein durch Furcht vor dem Ring gezähmt.“ sinnierte der Zauberer, „sondern auch durch Frodos Willen.“


„Er hat nicht bewusst die Herrschaft über jemand anderen gesucht...“


„Nein,“ sagte Gandalf zustimmend, „aber um zu überleben, zu widerstehen - zu ertragen - durchlief Frodo eine Verwandlung, von der er nichts ahnt.“


„Vielleicht,“ sagte Galadriel langsam. „Ich weiß von keinem anderen Sterblichen, der meine Gedanken so klar erkannt hat wie er. Und nun...“


Celeborn nickte. „Er ist gewachsen, und er ist stärker, als er es weiß. Es mag wohl kein Ende geben für die Dinge, zu denen Hobbits fähig sind.“


Gandalf lächelte in die Richtung, in die Elrond und Frodo gegangen waren. „Besonders dieser eine.