Geschichten aus Mittelerde

Das neue Archiv für Fanfictions rund um Tolkiens wunderbare Welt!

Shoutbox

Kategorien

Zeitalter (226)
Literatur (96)
Medien (39)

Kalender

             
             
             
             
             


Umfragen

Momentan gibt es keine aktiven Umfragen.

Unvergessen

von Alistanniel

Kapitel #1

Es war schon recht spät am Tag und von der tief stehenden Sonne trat nicht mehr viel durch das dichte Blattwerk Lóriens. Galadriel stand an das Geländer der Terrasse des Fletts gelehnt und blickte hinab zum Fuße der Bäume, wo hie und da ein Elb vorbei ging. Sie dachte an ihre Tochter, die erst kürzlich einer Einladung Lord Elronds folgend nach Bruchtal aufgebrochen war. Als Celebrian dies angekündigt hatte, hatte Celeborn festgestellt, „Unser kleines Mädchen wird langsam erwachsen." Der Gedanke daran zauberte ein sachtes Lächeln auf Galadriels Lippen. „Nein", hatte die ihm geantwortet, „Sie ist erwachsen."

Abrupt beendete sie ihre Überlegungen, als sie unten zwischen den Bäumen einen Elben vorbei gehen sah. Das allein mochte nicht ungewöhnlich sein, aber diesen hatte sie noch nie hier in Lórien bemerkt. Und doch kam er ihr auf eine äußerst irritierende Weise vertraut vor. Mit einem Mal fühlte sie sich zurück in die

Vergangenheit versetzt. Eine Zeit, an der es eigentlich nichts gab, das des Erinnerns wert war.

Mit einer Ausnahme. Er . Ein Mann, der ihr viel Kummer bereit hatte, aber den sie trotz allem geliebt hatte. Doch er konnte jetzt nicht hier sein. Er war tot. Niedergestreckt vom Herrn aller Balrogs.

Eine Hand bewegte sich plötzlich vor ihren Augen auf und ab. „Hörst du mir überhaupt zu?" Silmariels Stimme hatte einen leicht vorwurfsvollen Unterton angenommen.

Ruckartig sah Galadriel daraufhin auf. Sie schien zunächst etwas verwirrt. „Es tut mir leid", meinte sie entschuldigend, „Ich habe mich wohl zu sehr in meinen Gedanken verloren."

„Ja, das habe ich gemerkt. Du warst wohl gerade bei deiner Tochter in Bruchtal, habe ich recht?"

Doch sie schüttelte nur verträumt den Kopf.

„Was war es dann?" Silmariel, ihre beste Freundin, zeichnete sich oft durch eine besondere Hartnäckigkeit aus.

„Siehst du den Mann dort zwischen den Bäumen?" Galadriel wies auf die entsprechende Stelle.

„Ja. Was ist mit ihm? Außer dass er gut aussieht."

„Er erinnert mich an jemanden, den ich früher einmal gekannt habe."

„An jemanden besonderen?" hackte Silmariel sofort nach.

„Nein, nicht wirklich." Da Galadriel keinerlei Lust verspürte die Vergangenheit noch weiter auf zu wärmen, versuchte sie das Thema schnell wieder abzuschließen.

„Wenn du es sagst." Ihre Freundin schien davon nicht allzu überzeugt zu sein, aber zum Glück wusste sie, wann es besser war den Mund zu halten. „Ich sollte jetzt gehen. Thalion und Haldir warten bestimmt schon."

Sie nickte, immer noch ein wenig abwesend, „Bestelle den beiden meine Grüße."

„Werde ich. Und du Celeborn." Damit machte sich Silmariel auf den Heimweg.

Als Galadriel wieder zu der Stelle zwischen den Bäumen blickte, war der fremde Mann verschwunden.

Seltsam, dachte sie. Jetzt im Nachhinein erschien es ihr unwirklich, dass dieser Elb tatsächlich dort gewesen war. Aber ihre Freundin hatte ihn auch gesehen, also konnte er kein Phantom, geboren aus ihren Erinnerungen, sein.

Celeborn erwartete sie bereits, als sie das Flett betrat. Er beschränkte sich zunächst darauf ihr stumm zuzusehen, wie sie das Essen auf den Tisch brachte Sie kannte diesen Blick, mit dem er sie momentan bedachte. Es war der gleiche Ausdruck, in den sie sich damals verliebt hatte.

Normalerweise konnte er ihr immer ein Lächeln entlocken, wenn er sie so ansah. Doch dieses Mal schien sie das kaum zu bemerken.

Auch während des Essens fiel kaum ein Wort. Celeborn versuchte zwar mehrmals ein Gespräch zu beginnen, doch es fand jedes Mal ein jähes Ende.

Schließlich beschloss sie noch einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, um auf andere Gedanken zu kommen. Ihr Weg führte sie zu dem Teich, der ein Stück außerhalb von Caras Galadhon lag. Das war ihr Lieblingsplatz. Sie konnte stundenlang am Ufer im Gras sitzen und den Stimmen des Waldes lauschen.

Aber jetzt war sie nicht allein. Das konnte sie fühlen. Irritiert darüber, drehte sie sich einmal um die eigene Achse. Es war niemand zu sehen. Oder doch?

Zwischen den Bäumen trat schließlich eine Gestalt hervor. Als der dunkelhaarige Mann näher kam, versetzte es ihr einen Stich ins Herz. Es war er, den sie von der Terrasse aus beobachtet hatte. Und jetzt, da sie ihn vor sich sah, war es, als wäre ein Geist aus der Vergangenheit zurück gekehrt war.

Wenn ihre Reaktion ihn verwirrte, so zeigte er es nicht.

„Mein Name ist Fingon", sagte er langsam, „Und Ihr müsst die Lady Galadriel sein." Seine Stimme war sehr tief, besaß aber einen warmen und melodischen Klang.

Sie nickte. „Ich habe Euch noch nie hier gesehen."

„Das liegt daran, dass ich erst gestern ankam. Davor hatte ich noch nie einen Fuß in dieses Land gesetzt." Er hielt inne, als er ihren Blick bemerkte. „Stimmt etwas nicht?"

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie ihn die ganze Zeit über verträumt angestarrt hatte. Röte stieg ihr ins Gesicht und sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, es ist nur…"

„Was?" Ihr Verhalten schien ihn zu amüsieren.

„Ihr erinnert mich an jemanden, den ich einmal kannte."

„War es jemand Besonderer?" Ohne es zu wissen, stellte er die gleiche Frage wie zuvor Silmariel.

Das kann man wohl sagen, dachte sie bei sich. Aber sie sprach den Gedanken nicht laut aus, sondern nickte nur, bevor sie zu einer ganz anderen Antwort ansetzte. „Er hat mir damals viel bedeutet, aber das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit."

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie damit schon mehr gesagt hatte, als sie eigentlich gewollt hatte. Bevor er etwas erwidern konnte, murmelte sie einen Abschiedsgruß und ging raschen Schrittes zurück zur Stadt.

Dass ihr Fingon mit einem nicht abgeneigten Blick nach sah, merkte sie nicht, da sie es nicht über sich brachte, sich noch einmal umzuwenden. Denn er war ihm nicht einfach nur ähnlich, sondern schien er zu sein. Sie hatte gerade in seiner Nähe das gleiche Gefühl gehabt, wie damals, wenn sie bei ihm gewesen war.