Geschichten aus Mittelerde

Das neue Archiv für Fanfictions rund um Tolkiens wunderbare Welt!

Erinnerungen
by Valinja

Chapter #1
Ein lauer Wind zieht über die Lande Rohans, streift durch die Bäume, die weitläufigen Weiden und Felder. In mitten eines dieser Felder steht eine kleine Bank aus Holz. Niemandem ist bekannt wie lang sie schon dort steht. Sie ist einfach da, sie gehört zu dem Bild des Weges, der in die Weite führt und irgendwann in Edoras endet.

An diesem Tag, wie auch an allen anderen Tagen in den vorangegangenen Wochen, sieht man eine kleine Gestalt auf die Bank zugehen. Es ist eine alte Frau, die sich dort gegen den Wind vorankämpft, als wäre es ein pfeifender Sturm. Müde sind ihre Knochen, kaum beweglich die Glieder. Fast jeder Schritt wird ihr zur Qual. Nur ihr eiserner Wille bewegt sie dazu, jeden Tag morgens den langen Weg zu der Holzbank zu gehen und abends wieder in ihre Hütte zurückzukehren. Sie weiß, dass sie ihren Zenit überschritten hat, sie weiß, dass sie nicht mehr lange leben wird. Doch bevor sie diese Welt verlässt, möchte sie ihn noch einmal sehen, möchte seine Heimkehr erleben.

Wann ist er aufgebrochen? Sie weiß es nicht. Wochen sind es her, seit er einberufen wurde zur Heerschau Rohans, und seit dem sitzt sie jeden Tag hier auf der Bank. Ihre Hoffnung, dass er zurückkehrt, dass er überlebt, hielt sie in dieser Zeit am Leben.

Mit letzter Anstrengung hat sie die Bank erreicht. Ihre grauen Haare sind zersaust, ihr Atem geht flach. Doch sie ist da, wo sie hin wollte. Wieder einmal hat ihr Wille gesiegt. Zitternd setzt sie sich auf die Bank, kaum länger hätte sie sich noch auf ihren Beinen halten können. Jetzt kehrt Ruhe in ihren alten Körper ein. Der Blick ihrer trüben Augen schweift über die Felder und verharrt auf dem Weg. Ihre Gedanken sind weit weg. Sie erinnert sich - an glückliche aber auch an leidvolle Tage, die sie alle hier erlebte - hier auf der Bank.

~*~

Wieder sitzt sie auf der Bank, doch diesmal ist sie jung. Liebevoll betrachtet sie ihren Mann und ihren kleinen Sohn, wie sie auf der Wiese herumtollen. Das Lachen des Kindes hallt weit über die Felder. Es ist ein fröhliches Lachen. Die Augen des Jungen strahlen, das Gesicht ist erhitzt, er ist glücklich - genauso wie sein Vater. Sie lächeln. In dem Moment wünscht sie sich, die Zeit anhalten zu können.

~*~

Nicht lange war ihr das Glück vergönnt gewesen. Kurz danach wurde die Familie grausam auseinander gerissen. Auch an diesen Tag kann sie sich erinnern, als wäre es der gestrige gewesen, nur dass er schon viele Jahre zurückliegt.

~*~

Fest hält sie das kleine Kind gegen sich gepresst, so als fürchte sie, es ebenfalls zu verlieren. Ihr Mann ist tot, getötet von den dunklen Kreaturen - sie hat es erst vor einer kurzen Zeitspanne erfahren. Beide weinen. Heißen Tränen rinnen über ihre Wangen, sie will den Verlust nicht wahrhaben.

"Wird Vater wirklich nicht wiederkommen?", fragt ihr Sohn mit erstickter Stimme.
"Nein", erwidert sie. Ihre Augen sind rot und schimmern feucht.
"Besucht er Großvater und Großmutter?", will das Kind wissen und drückt sich fest an seine Mutter.
"Ja, er besucht sie. Sie werden lachen zusammen und glücklich sein und sie werden uns beobachten an schönen Tagen", schluchzt sie und drückt ihr Kind noch mehr an sich. Der kleine Junge zittert in ihrer festen Umarmung.


~*~

Sie weiß noch ganz genau wie er aussah - damals. Seine Haare waren noch kurz und zerzaust, von einem satten Braun - genau wie sein Vater. Die Augenfarbe hatte er von ihr geerbt - ein Grün wie das eines Smaragdes. Durch dieses Grün hatte sie oft in seine traurige Seele sehen können. Sie war nicht wieder glücklich geworden nach dem Tod seines Vaters - ihres Mannes.

Doch wird ihr Sohn wieder zurückkehren? Kann sie darauf hoffen, dass er die Schlacht überlebte? Ihre Hoffnung war stark, jetzt schwindet sie dahin. Sie wird ihrer müde. Soviel Energie hatte sie dafür gegeben, ein Lebenszeichen bekam sie nicht. So verschwindet die Hoffnung schließlich ganz und mit ihr der Wille, der sie am Leben erhält.

Sie fühlt nur noch das Schmerzen ihrer alten Gelenke, sieht nicht mehr aus den trüben Augen. Es ist ein Wunder, dass sie so alt wurde und nun ist ihre Zeit endgültig gekommen. Sie bereitet sich darauf vor, ihren Mann wiederzusehen und vielleicht ihren Sohn. Wenn er die Schlacht nicht überlebte, dann werden sie sich treffen. Es ist dieser Gedanke, an den sie sich klammert.

***

In der Ferne naht ein Pferd heran. Auf dem Rücken des Rosses sitzt ein Mann in Rüstung. Ein Schwert pendelt an seiner Seite. Noch vor kurzer Zeit war es besudelt von Blut, nun ist es sauber.

Das Pferd trabt über den Weg, zwischen den Feldern hindurch und erreicht schließlich die Bank. Überrascht nimmt der Mann den Helm ab und springt von seinem Reittier. Braune, zersauste Haare kommen zum Vorschein. Ja, er sieht noch genauso aus wie damals.

Er läuft auf die Frau auf der Bank zu, setzt sich neben sie auf die Bank und nimmt sie in seine Arme. Er blickt hinab auf ein runzliges, altes Gesicht mit grünen Augen, auf denen ein Schleier von grau liegt.
"Mutter", sagt er, doch er erhält keine Antwort. Leblos liegt der Körper der alten Frau in seiner Umarmung.

Und da weint er. Soviel hat er erlebt, soviel gekämpft. Einem Wunder glich es, dass er die schreckliche Schlacht überlebte. Nicht lange hielt er sich auf nach ihrem Sieg, ritt müde wie er war den Weg nach Hause, nur um seine Mutter wieder zu sehen. Er wusste von ihr, dass sie warten würde, bis er zurückkommen würde.

Nun sitzt er hier, ihr lebloser Leib in seinem Schoss. Seine Augen sind trüb von seinen Tränen. Er kehrte zurück, doch es war zu spät.

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