Geschichten aus Mittelerde

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Ahnungen

von S. Dorer

Chapter #1

Die zartseidenen Vorhänge vor den weit offenen Fenstern bauschten sich in der sanften Brise, die ihren Weg bis in das ruhige Gemach fand. Die Luft war warm und roch nach dem Salz des Meeres, das in ruhigen Wellen unermüdlich an den Strand schlug. Der Sturm der vergangenen Nacht war vorüber, die Sonne schickte ihre Strahlen auf die blau glitzernde Weite des Meeres hinab und ein Frieden lag über der Szenerie, als ob das Brüllen der aufgepeitschten Wellen und das machtvolle Brausen des Windes nur ein Traum gewesen war.

Sie lehnte an einem der geschnitzten hölzernen Bögen, die den Söller vor dem Gemach einfassten und sah hinaus. Wieder einmal war sie allein zurückgeblieben, wieder einmal war der, dem sie in inniger Liebe verbunden war, auf seinem Schiff hinausgefahren, getrieben von dem Wunsch, jenes Land zu finden, das er schon so lange suchte. Nicht Neugier veranlasste ihn zu immer neuen Fahrten, kein Verlangen nach Ruhm oder Anerkennung dafür, vielleicht doch einen Weg in ein Land zu finden, das den Sterblichen verwehrt und entrückt war. Seine fortwährende Suche entsprang der Notwendigkeit, um Hilfe zu bitten. Hilfe für ein ganzes Volk, das sich dem zunehmenden Übel in seiner Heimat kaum noch entgegenstellen konnte, Mitleid für ihr Leiden und die Bitte um Vergebung einer Schuld, welche die Noldor vor so langer Zeit auf sich geladen hatten.

Seufzend ließ sie ihren Blick in die Ferne schweifen. Wo mag er jetzt sein?, fragte sie sich und betete innerlich, er möge von dem Sturm verschont worden sein. So friedlich scheint es jetzt! Und doch war dieser Frieden trügerisch. Flüchtlinge waren sie, einst geflohen aus dem zerstörten Reiche Doriath und dem gefallenen Gondolin. Hier, an den Mündungen des Sirion, wo die Macht und der Schutz Ulmos noch zu spüren war, hatten sie sich zusammengefunden, waren zu einem Volk verschmolzen und hatten eine Zeit der Ruhe und Erholung gehabt. Und doch, das erlittene Leid konnte nicht vergessen werden, die Gefahren waren nicht gebannt, denn wenn die Zeit gekommen war, würden die Söhne Feanors kommen und das einfordern, woran dieser unselige Schwur sie band und der ihr aller Unheil begründet hatte. Ihr kleines Volk, deren Fürsten sie und ihr Gemahl waren, würde einer erneuten Bedrohung nicht standhalten können, nicht ohne die Hilfe der Mächtigen in jenem fernen Land, das er so verzweifelt suchte.

Wie gern wäre sie an seiner Seite geblieben, hätte mit ihm gemeinsam den Gefahren getrotzt und seine Hoffnung, den Weg zu finden, geteilt. Immer wieder flehte sie innerlich zu Elbereth, sein leichtes und graziles Schiff möge den Unwägbarkeiten des Meeres trotzen und ihren Gemahl zu ihr zurückbringen.

Doch hatte sie einen guten Grund, sogar freiwillig zurückzubleiben, hier am Meer, in den ruhigen Gebieten Arverniens. Denn in dem Gemach hinter ihr standen zwei Wiegen nebeneinander, deren Baldachine sich in der warmen Brise leicht bewegten.

Ein zärtliches Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie sich kurz umwandte und ein nie zuvor gekanntes Glücksgefühl durchströmte sie bei dem Anblick der friedlich schlafenden Kinder. Gedankenverloren begann sie ein Lied zu singen, sehr leise, damit sie die Kleinen nicht störte. Sie würden die Melodie dennoch vernehmen, doch nur wie einen angenehmen Traum, der ihnen die Sicherheit mütterlicher Nähe gab.

Die wehmütige Melodie wurde beinahe vom Rauschen der Wellen und dem Geschrei der Möwen übertönt. Als die letzten Töne verklangen, seufzte sie erneut auf. Es ist nicht gut, solange voneinander getrennt zu sein, nicht in diesen Zeiten, dachte sie traurig, sich der drohenden Gefahr der Zukunft bewusst, und eine heimliche Träne lief ihr über die Wange.

Ein Wimmern aus einer der Wiegen riss sie unvermittelt aus ihren Gedanken. Sie kehrte dem Fenster den Rücken und trat an die Wiege. Es war der Jüngere von beiden, der Empfindsamere und erschrocken fragte sie sich, ob er ihre trüben Gedanken wahrgenommen hatte. Oder hatte der Wind das Kind geweckt und es fror? Besorgt überzeugte sie sich davon, dass die Decken nicht verrutscht waren und der Baldachin über der Wiege den Luftzug fernhielt. Doch das Wimmern hörte nicht auf, steigerte sich zu einem kläglichen Weinen, bis geballte Fäustchen verzweifelt in die Luft schlugen und die winzige Brust von Schluchzern erbebte.

Vorsichtig hob sie den Säugling aus seinen Kissen und drückte ihn zärtlich an ihre Brust.

„Schsch, laes nîn!“ Sie begann wieder beruhigend zu summen und das Kind hin und her zu wiegen. Was hatte ihn nur aufgestört? Sein Bruder schlief tief und fest und schien das Weinen des anderen nicht zu hören. Allmählich beruhigte sich das Kind, kuschelte sich in die Arme seiner Mutter und sah sie aus glänzenden grauen Augen an. Wie ernst sein Blick war! Er schien sehr viel mehr wahrzunehmen als ein Kind seines Alters normalerweise tat. Seine fea war bereits stark, aber es würden noch viele Jahre vergehen, bis sie ihre vollen Kräfte besaß. Nur wenige Wochen lag die Nacht zurück, in der die Kinder das Licht der Sterne erblickt hatten und doch zeigten sie bereits Unterschiede in Wesen und Charakter. Nachdenklich streichelte sie sein Köpfchen mit dem Flaum dunkler Haare, dessen Farbe dem ihren glich. Während sein Zwillingsbruder seine Bedürfnisse durch lautes, wütendes Geschrei kundtat und genauso schnell mit einem strahlenden Lächeln versöhnte, war dieser hier ruhig, viel zu ruhig, überlegte sie. Ein tiefer Ernst schien in seinen Augen zu liegen, etwas Nachdenkliches, das seine zarte Stirn sich manchmal in kleinen Runzeln kräuseln ließ. Er schrie nicht und nur selten war sein klägliches Wimmern zu vernehmen. Der Kummer der Eldar schien seine fea bereits berührt zu haben... Verwirrt schüttelte sie den Kopf bei diesem Gedanken. Er war noch so klein, noch nicht einmal entwöhnt, wie sollte er da um die Sorgen der Älteren wissen? Sie konnte nicht voraussehen, was ihr Volk noch würde erdulden müssen, aber sie selbst war zu sehr in die vergangenen schrecklichen Ereignisse verwickelt gewesen, als dass sie nicht erkennen konnte, wohin diese führen mussten. Und sie ahnte, dass ihren beiden Söhnen bedeutsame Schicksale zugedacht waren ...

Noch immer wiegte sie das Kind in ihren Armen, dessen Köpfchen nah an ihrem Herzen lag. Seine Augen hatten sich wieder geschlossen, der Daumen hatte den Weg in den kleinen Mund gefunden und er war friedlich nuckelnd in den Schlaf zurückgesunken. Eine überwältigende Liebe zu diesem winzigen Wesen erfüllte sie, noch mochte sie ihn nicht wieder hinlegen, sondern den Augenblick der Nähe genießen, das süße Gewicht und die Wärme des kleinen Körpers spüren, bevor sie sich wieder von ihm trennen musste. Eine Trennung würde früh genug erfolgen, zu früh ... Entsetzt hielt sie inne. War das eine dieser Visionen, die sie in seltenen Abständen heimsuchten und die sie kaum zu deuten vermochte?

„Oh Elbereth“, murmelte sie leise, „was immer auch geschehen mag, schütze meine Kinder!“

Um ihn nicht wieder aufzustören, verbannte sie den Gedanken rasch aus ihrem Sinn und legte ihren Sohn schließlich in seine Wiege zurück.