Geschichten aus Mittelerde

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Published: 04.08.2019

Der Schatten von Angmar
by Dairyû

Eisig war der Ostwind, der über die Ebenen von Forodwaith fegte und um die Mauern der Festung von Carn Dûm tobte, als sei er ein lebendiges Wesen und versuche, mit unsichtbaren Krallen die starken, schwarzen Steine einzureißen.
Aber die Festung trotzte jedem Unwetter, war sie doch nicht nur aus den Steinen des Nebelgebirges erbaut, sondern auch durch Magie.
Eng war sie an die letzten Ausläufer des Gebirges geschmiegt, ein Teil von ihr direkt aus dem Felsen gehauen, ein anderer aus schweren Quadern erbaut, die Orks und Trolle in Jahre langen Mühen herbeigeschleppt hatten.
Hoch lag die Festung, und nur ein einziger Weg führte hinauf – gewunden, gefährlich und kaum breit genug, um einen Heerwagen passieren zu lassen.
Ein breiterer Pfad war nicht nötig, denn am Fuße des Berges lagen, verborgen in tiefen Höhlen und geschützt durch Magie, die Stallungen, Waffenkammern und die Quartiere der Krieger, die ständig in der Festung ihren Dienst taten. Willenlose Sklaven verrichteten die nötigen Arbeiten, Schmiede schufen Tag und Nacht Waffen und es herrschte eine Geschäftigkeit, wie schon lange Jahre nicht mehr. Carn Dûm glich eher einem Kriegslager, denn einem Königssitz.
Nur eines der Elbenheere, wie sie in den Kriegen des Zweiten Zeitalters in Mittelerde zu finden gewesen waren, oder der Dunkle Herrscher selbst, hätten die Festung von Carn Dûm einnehmen können.
Jetzt gab es niemanden mehr in Arnor, der es vermocht hätte.

Schneeluft brachte der Wind mit sich, und noch etwas anderes, das nur die Kundigen zu spüren vermochten: eine finstere Drohung aus Rhovanion.
Dort versteckte sich einer, dessen Name nur geflüstert wurde – Sauron, der Dunkle Herrscher, noch immer geschwächt von seiner Niederlage vor über tausend Jahren. Unerkannt hauste er in Dol Guldur, einer Festung, die von den Elben den Namen "Hügel der Magie" erhalten hatte, da sie auf einem Berg ruhte.
Der Schattenwald schützte ihn vor ungebetenen Gästen und er widmete sich den Schwarzen Künsten, die auf der Welt gefürchtet wurden.
Aber auch im Norden Mittelerdes war vor Zeiten, an die sich die Sterblichen nur in ihren Liedern erinnerten, ein Schatten aufgetaucht, der Angst und Verderben über die Menschen von Eriador brachte. Dort war das Hexenreich Angmar entstanden. Sein Herrscher trachtete danach, die zerstrittenen Königreiche von Arnor zu unterwerfen und die Dúnedain, die Nachfahren der ihm verhassten Númenórer, zu vernichten und ein Schreckensreich aufzubauen.
Arandûr nannte er sich, das heißt: Dunkler König in der Sprache der Elben.
In seiner Festung hatte er über finsteren Plänen gebrütet, Intrigen geschmiedet und sich Verbündete unter den Menschen in Rhudaur und den Orks des Nebelgebirges gesucht. Oftmals hatte er die drei Königreiche mit Krieg überzogen und die Menschen geschwächt, ebenso oft jedoch hatten sie ihm getrotzt, die unbeugsamen Dúnedain, durch deren Adern noch das alte Blut floss.
Aber jetzt endlich war es soweit den letzten Schlag gegen Arnor zu führen!
Er konnte seine großen Heerscharen in den Kampf schicken.

Die Wachen auf den Zinnen der Festung von Carn Dûm rafften die Felle um ihre Schultern enger zusammen und widerstanden zitternd der Kälte, klamme Finger um lange Speere und auf kalte Schwertknäufe gelegt. Manch einer von ihnen schaute besorgt zum Himmel, dessen bleiernes Grau seit Wochen die Sonne verbarg und selbst das tapferste Herz verzagen ließ.
Ein Winter kündigte sich an, wie ihn Mittelerde seit den Dunklen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Tod und Verderben würde er bringen, das war gewiss.

Die Dämmerung brach schnell herein und mit dem verblassenden Licht kamen die Kreaturen, die der Dunkelheit angehörten.
Auf dem höchsten Turm der Festung regte sich etwas.
Die schwere, mit Eisen beschlagene Tür, die auf eine breite, den ganzen Turm umspannende Terrasse hinausführte, öffnete sich lautlos. Sie zitterte im Wind, der noch stärker geworden war.
Wenige Augenblicke lang schien ein gelbes Licht aus dem fensterlosen Turm und eine große Gestalt in langen, dunklen Gewändern trat durch die Tür auf die Terrasse. Krachend fiel die Eichentür ins Schloss zurück und der Turm lag wieder im Dämmerlicht.
Die Gestalt trat an die hohe Brüstung und blieb reglos stehen und siehe, der Wind wagte nicht, sie zu berühren!
Arandûr, der Herr über Angmar war es, der dort stand und seinen Blick über die weiten Ebenen seines Landes gleiten ließ.
Er sah mehr, als alle Sterblichen in der Festung.
Sein Blick schweifte über die Nördliche Öde, in Gebiete, die selbst ihm unbekannt waren und über Arnor, zu seinen Feinden, den Dúnedain. Ihre Königreiche lagen im Streit miteinander seit vielen Jahrhunderten und schwächten sich gegenseitig – sehr zu seinem Vergnügen, denn so hatte er ein leichteres Spiel.
Schließlich regte sich Arandûr und nahm die Kapuze ab, die sein Haupt bedeckte. Er wollte die Kälte spüren, die über das Land kroch und es langsam zu Eis erstarren ließ.
Hager war Arandûr und ausgezehrt. Bleiche Haut spannte sich über Fleisch und Knochen, so als sei sein Körper aus einem Grabe gekommen. Schwarze Gewänder umflossen ihn wie Nebelschwaden und an seiner Seite war ein Langschwert gegürtet, aus Mithril, geschmiedet von seiner eigenen Hand vor langer Zeit.
Durchscheinend war er, wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Und tatsächlich war Arandûr im Schwinden begriffen, denn er gehörte nicht mehr zu den Sterblichen, sondern zu den Schatten unter dem Einen Schatten. Irgendwann würde er die Welt der Sterblichen verlassen, für ihre Augen unsichtbar umhergehen und Schrecken über seine Feinde bringen.
Aber noch war es nicht soweit, denn er war stark. Er widerstand dem Ring an seiner Hand, war nicht bereit, sich gänzlich zu unterwerfen solange noch ein Funken eigener Wille in ihm glimmte.
Noch besaß er einen Körper und noch konnte jeder in sein Antlitz sehen.
Die wenigsten taten es, denn Arandûr war von der blendenden Schönheit seiner Vorfahren, die sich mit einer unerträglichen Schönheit seines Seins als Nazgûl verbunden hatte.
Hexenkönig nannten ihn seine Diener und seine Feinde und sie zitterten vor ihm. Noch mehr aber hätten sie Furcht empfunden, wenn sie gewusst hätten, wer ihr Herr wirklich war. Doch er verbarg sein wahres Selbst und hielt seine Verbindung zum Herrscher von Mordor geheim.
Lange silberne Haare, von einem Mithril-Diadem gehalten, umspielten Arandûrs Gesicht. Ein roter Schein irrlichterte in seinen grausamen, gnadenlosen Augen und auf seinen schmalen Lippen lag ein Lächeln, das verächtlich und zugleich zufrieden war.
Arandûr, númenórischer Abstammung, so wie die, die er glühend hasste, Ringträger und als König von Angmar bekannt, sah sein Ziel vor Augen: die Herrschaft über den Norden Mittelerdes!
Seine Heere standen bereit. Tausende von Orks aus Gundabad, der gewaltigen Stadt nicht weit südöstlich von Carn Dûm, verwegene Menschen aus den wilden und unerforschten Tälern und Höhen des Nebelgebirges, Werwölfe, Trolle und anderes finsteres Gesindel, von allen befanden sich Abordnungen unter seinen Streitern. Aber auch Menschen aus Rhudaur, einem der drei Königreiche Arnors. Nur wenige Dúnedain lebten dort und es war dem Herrn von Angmar ein Leichtes gewesen, die Fürsten des Landes zu verführen, ihnen Macht und Schätze zu versprechen, sich bei ihnen einzuschmeicheln und sie schließlich zu Sklaven seines Willens zu machen. Sie alle waren bereit zur Eroberung und versessen auf Blut. Sie sollten ihre Gelüste befriedigen.

Arandûr streckte die Arme aus und plötzlich wurde die Dunkelheit noch dunkler und der Wind noch wilder. Mit einer gebieterischen Geste schickte der König von Angmar den Wind nach Arnor. Dort sollte er Eis, Schnee und Kälte bringen und der Bote sein, der eine Warnung in das Land trug.
Als Arandûr die Arme sinken ließ, jagten Wolken über den Himmel, Donner grollte und erschütterte die Festung und ein mächtiger Blitz schoss über den Turm und machte die Nacht zum Tag und brachte Furcht in die Herzen der Bewohner der Festung von Carn Dûm.
Arandûr erwiderte den Gruß der Gewalten, die er entfesselt hatte, mit einem schrillen Schrei, welcher über die Burg getragen wurde und im heulenden Wind verklang. Er war so mächtig, wie noch nie in seinem Leben und er war frei, das zu tun, was ihm beliebte!
Sein Gebieter war schwach und weit fort und ihm fehlte die Macht des Einen. So konnten die Neun sich frei bewegen, bis Sauron wieder erstarkte und sie zurück unter seine Herrschaft zwang.
Bis dies soweit war, gedachte Arandûr seine Freiheit zu genießen. Er hasste den Dunklen Herrscher, unter dessen Bann er stand; schon so lange Zeit, dass es schier unerträglich geworden war.
Wenn Sauron seine Kräfte wieder gewonnen hatte, dann würden die Neun abermals willenlose Schatten in seiner Gewalt sein - seine Augen, seine Ohren, seine Hände und Vollstrecker seines bösen Willens.
Aber noch war Sauron schwach, zu schwach, um die Neun beherrschen zu können.
Diese Ungebundenheit war wie eine winzige Flamme in der Finsternis, denn Arandûrs Seele war frei von der erdrückenden Schwärze, die der Geist seines Herrn verströmte.
Einstmals war dieser Geist freundlich erschienen, und die Hülle, die ihn beherbergte, vertrauenserweckend. Viele Schätze hatte Sauron gegeben, um die Sterblichen zu bezaubern. Schmeichelnd und demütig war seine Rede gewesen und ohne Arg sein Blick, so dass die Verführten ahnungslos in ihr Verderben gegangen waren und auf ewig gefangen.
Ein wenig beneidenswertes Schicksal war es, und auch die große Macht, die den Neun innewohnte, machte es nicht weniger grausam, denn alle, die unter der Herrschaft des Einen standen, waren zwar ohne eigenen Willen, aber sie wussten um ihr Los und verzweifelten.
Arandûr betrachtete den goldenen Ring an seinem Finger. Der Reif war matt geworden und der rote Edelstein in seiner fein ziselierten Fassung glühte nicht mehr. Die Kräfte des Rings waren schwindend gering, aber sie reichten immer noch aus, um Mächten zu gebieten, die kein Sterblicher zu beherrschen vermochte.
Der König ging zurück in seinen Turm.
Wenige Wochen noch und er würde seine Heere nach Arnor führen und die Dúnedain ins Verderben stürzen ...