Geschichten aus Mittelerde

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Swanheart
by Valinja

Entfernt
So much to live for, so much to die for
If only my heart had a home
Sing what you can`t say
Forget what you can`t play
Hasten to drown into beautiful eyes

(Nightwish ~ Dead Boy's Poem)

Teil 1: Entfernt

Schnell und leise husche ich durch die Gänge der Häuser. Meine Füße verursachen kaum Geräusche, denn ich habe gelernt, so lautlos wie möglich zu gehen, um die Ruhe der Kranken nicht zu stören.
Selbst hier, außerhalb der Räume, in denen sie gepflegt werden, ist es in diesem Moment nahezu totenstill und ich genieße diesen kurzen Augenblick der Stille um mich herum.

Zielsicher finde ich meinen Weg, zu gut kenne ich mich aus, als dass ich die letzte Abzweigung verpassen könnte, und so eile ich in einen schmalen Gang hinein, an dessen Ende die Tür steht, hinter der ich so oft zu arbeiten pflege. Geschickt klemme ich den Korb, den ich trage, unter einen Arm, während ich mich an die kalte Steinwand lehne, um die Tür öffnen zu können. Schon die schmalste Öffnung genügt. Flink trete ich hindurch und schließe die Tür rasch.

Den Korb stelle ich auf einem kleinen Holzschemel ab und begutachte nun sorgfältig seinen Inhalt. Er ist gefüllt mit Heilkräutern, die ich soeben von der alten Kräuterfrau geholt habe, die im ersten Ring lebt und zusammen mit ihrer ältesten Tochter die Waren auch an die Bevölkerung von Minas Tirith anbietet. Doch ich komme nicht dazu, den Inhalt des Korbes zu leeren und so zu sortieren, wie ich es sonst tue.

"Alphiriel!"
Mit einem Ruck fliegt die Tür auf und stößt geräuschvoll an eines der Holzregale, die an der Wand stehen. Ich fahre zu Tode erschrocken aus meiner gebückten Haltung auf und blicke in das gehetzt wirkende Gesichts einer anderen Pflegerin.

"Galudess, was ist geschehen? Soll ich zu einem Kranken kommen?", frage ich verwundert, denn ich habe nicht damit gerechnet, dass man mich so schnell nach meiner Rückkehr wieder aufsucht.
Galudess nickt nur. Strähnen ihres blonden Haares haben sich gelöst und hängen nun wirr in ihr errötetes Gesicht.
"Dem verwundeten Mann im letzten Raum geht es nicht gut. Du solltest bereits vor einiger Zeit die Verbände erneuert und neue Salbe auf die Wunden getragen haben", erklärt sie dann.

Erschrocken schlage ich mir die Hand vor den Mund. Nein, vergessen habe ich es nicht, aber ich hatte die Aufgabe einer anderen Pflegerin übertragen, um Zeit zu haben, meine anderen Pflichten zu erfüllen.
Nun verliere ich keine Zeit. Schnell habe ich die passende Salbe gefunden, welche ich selbst aus den Kräutern hergestellt habe. Mit meiner anderen Hand hole ich zudem neue, saubere Verbände hervor. Noch ehe Galudess ein weiteres Wort sagen kann, befinde ich mich auch schon wieder auf den Gängen und eile raschen Schrittes zu den Räumen, in denen die Kranken gepflegt werden.

Die meisten Türen lasse ich außer acht, sie sind nichts weiter als Schemen, die meine Augenwinkel passieren und keine bleibende Erinnerung in meinem Gedächtnis hervorrufen. Dann ereiche ich die letzte Holztür und verlangsame zögernd meine Schritte. Ein schlechtes Gewissen will sich meiner bemächtigen, ein schlechtes Gewissen darüber, mich nicht wirklich versichert zu haben, dass die Aufgabe auch wirklich ausgeführt wurde. Kopfschüttelnd wische ich diesen Gedanken beiseite, erlange meine Fassung wieder und öffne schließlich entschlossen die Türe, um das Zimmer zu betreten.

Ich finde den Raum nicht wie erwartet vor und so halte ich überrascht in meiner Bewegung inne. Es ist nicht das helle Sonnenlicht, welches durch die zwei Fenster in das Zimmer dringt, die weißen Wände anstrahlt und eine angenehme Atmosphäre schafft.

Nein.

Ein wenig entfernt von meinem Standpunkt, an dem anderen Ende des Raumes, dort wo das Lager des Mannes steht, zu dem ich will, befindet sich eine weitere Person.
Auf einem Hocker aus dunklem Holz sitzt ein Mann, beugt sich über den Verwundeten. Ich sehe wie sich seine Lippen bewegen, doch höre ich nicht die Worte, welche über diese kommen.

Ich kenne ihn. Schon oft habe ich ihn gesehen, oft genug begegneten wir uns hier in den Häusern der Heilung. Manchmal sah ich ihn in einem der Zimmer, bei den Kranken und Verwundeten, wie er mit ihnen sprach, so wie jetzt. Faramir ist kein Heiler, aber als Sohn des Truchsess und ein Heerführer Gondors ist er ein häufiger Gast, besonders dann, wenn er verletzte Soldaten, die ihm unterstellt sind, aufsucht.

Ich kann nicht anders, als auf dem Fleck zu verharren und zu den beiden Männern zu schauen, auch wenn meine Aufmerksamkeit Faramir gilt. Der Sohn des Truchsess ist nicht weit von mir entfernt, dennoch kommt es mir so vor, als würde die Entfernung zwischen uns nicht ein paar Schritte, sondern einige Wegstunden betragen. Alleine Faramirs Körperhaltung verrät, dass seine Gedanken trotz allem nicht in diesem Raum verweilen.

Dennoch weicht der Stolz nicht aus seinem Körper, auch hier, wo ich ihn sehe, wie er dem Verwundeten freundlich zunickt und sich umwendet. Ich schrecke zurück, als sein Blick den meinigen kreuzt, ohne mich wirklich wahrzunehmen, mich wirklich zu sehen und zu erkennen.

Seine Augen sind es, die mich so erschrecken. Nahezu leer wirkt sein Blick, leer und traurig, trotz der aufrechten Haltung. Ich frage mich, was der Grund sein mag, warum die Augen dieses Mannes, jenen Ausdruck angenommen haben. Und dennoch strahlen sie eine Sanftheit aus, die ich auf diese Art und Weise noch nie zusehen bekam.

Warum ist er nicht glücklich, so wie er es sein könnte und wie ich bis jetzt immer den Eindruck hatte, wenn ich ihn sah, nicht nur in den Häusern der Heilung, sondern dann und wann auch in einem der Ringe von Minas Tirith. Warum scheinen seine Gedanken, sein Herz und seine Seele so weit weg von hier? Er hat einen Bruder, einen Vater - eine Familie. Etwas so wertvolles, wie ich es nicht besitze.

Trotz der Gedanken und Fragen, die durch meinen Kopf wandern, kann ich das Geheimnis nicht erkunden, was sich in seinen Augen verbirgt. Zu verschlüsselt erscheint es mir. Und dieses Unwissenheit, dieses Nichtverstehen ist es, was mein Herz schneller und aufgeregter schlagen lässt und letztendlich meine Neugier weckt. Es ist nicht nur die Neugier auf das Rätsel seiner Augen, sondern auch die Neugier, die ich bei seinem Anblick immer verspüre, genauso wie viele andere der Frauen hier, wenn sie ihm begegnen.

In mir wird der Wunsch stark, ein Stück dieser Neugier befriedigt zu wissen, wenn er doch nur zu mir spräche... ein Wort nur, ein Satz. Ich würde so gerne seine Stimme hören.

Und so halte ich auch beinahe die Luft an, als die Leere seine Blickes einer Klarheit weicht, ein sanftes Glitzern in seine Augen tritt und diese sich auf mich richten. Zum ersten Mal, seit ich den Raum betreten habe, sieht Faramir mich bewusst an. Ich kann nicht verhindern, dass mein Herz beginnt rasend schnell in meiner Brust zu schlagen.

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Den Titel dieser Story habe ich von dem Lied Swanheart von Nightwish, was mir übrigens sehr gut gefällt. Da Alph (von Alphiriel) Schwan bedeutet, passt es doch recht gut ;) Lasst mir bitte ein Review da, ja? *zwinker* *liebschau*

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