Geschichten aus Mittelerde

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Nur ein schlichter Hobbit
by jodancingtree

Veränderungen

Der Ohm war übel gelaunt. Teilweise lag es am Wetter – ein später Frühlingsfrost hatte die Obstblüte überall im Auenland zerstört – und das Angebot an Pfirsichen würde in diesem Sommer knapp ausfallen. Der Frühling war kalt geblieben, bewölkt, aber nicht regnerisch, und jetzt war über Nacht ein zweiter Frost gekommen.


Der Ohm paffte missvergnügt eine Pfeife und untersuchte sein übel zugerichtetes Erdbeerfeld. Fast 1000 Meter im Quadrat mit erstklassigen Setzlingen, der Stolz seines Herzens. Er bückte sich und pflückte eine der Blüten, einen fünfblättrigen Stern, gelb in der Mitte. Das Gelb war mit dunklen Flecken verunstaltet, trauriges Zeugnis einer abgestorbenen Pflanze.


Diesen Juni würde es keine Erdbeeren für den Markt geben, und auch keine Törtchen zum Tee. Vielleicht würde er ein paar Beeren retten können, dort, wo die Blüten von den Blättern geschützt worden waren. Genug vielleicht, um ein Körbchen für Herrn Bilbo zu füllen, und Beeren mochte Herr Bilbo wirklich. Aber der Verlust des Marktgeldes würde weh tun, gar keine Frage. Die Haushaltskasse der Gamdschies konnte das jährliche Zusatz-Einkommen kaum entbehren.


„Sam!“ schrie der Ohm. „Komm her, du junger Faulpelz!“


Sam kam hinter der Ecke des Gartenschuppens zum Vorschein, eine Hacke über der Schulter.
„Bin schon da, Ohm. Ich wollte gerade rauf nach Beutelsend, die Kartoffeln aufhäufeln.“ Er kam neben seinem Vater zum Stehen und nahm mit einem Blick das Erdbeerfeld in sich auf, dessen befleckte Blüten eine deutliche Sprache sprachen. „Oh.“ sagte er. „Der Frost hat sie erwischt.“


„Ja, der Frost hat sie erwischt, du bist ja wohl Gärtner genug, um das zu sehen, oder?“ Die Stimme des Ohms war bitter. „Jetzt schau zu, dass du auch Gärtner genug bist, um Herrn Bilbo diesen Sommer über zufrieden zu stellen! Vermassel die Arbeit nicht – jetzt, wo ich nicht mehr jeden Tag hinter dir stehe und aufpasse, dass du’s richtig machst!“


Sam zuckte leicht zusammen bei seinem Tonfall, aber der Ohm war zu aufgewühlt, um es zu merken. Er paffte heftig an seiner Pfeife, stellte angewidert fest, dass sie ausgegangen war und stopfte sie in seine Tasche.


„Also, dann mach voran!“ sagte er. „Es reicht nicht, wenn du erst zur Mittagszeit dort ankommst, mein Junge. Besser du führst dich gut in Beutelsend, jetzt, wo du dort die Verantwortung hast. Wir brauchen das Geld, und das ist eine Tatsache.“


Der Ohm humpelte an den ruinierten Erdbeeren vorbei und verschwand im Gartenschuppen. Sam starrte ihm kopfschüttelnd nach. Die Beeren zu verlieren war ein böser Schlag, und nicht nur des Einkommens wegen, wie Sam dachte, sondern auch irgendwie ein Schlag gegen des Ohm’s Stolz. Jetzt, wo sein Vater sozusagen im Ruhestand war und den Garten von Beutelsend seiner Obhut überlassen hatte, hatte Sam auf das Erdbeerfeld gezählt, um dem Ohm etwas zu tun zu geben. Etwas, das ganz allein ihm gehörte, jetzt, da er nicht mehr der leitende Gärtner bei Herrn Bilbo war.


Sam ging weiter den Hügel hinauf, und seine Gedanken wandten sich dem Garten von Beutelsend zu. Er dachte, dass er sich dort gut machen würde. Na ja, schließlich hatte der Ohm ihm alles beigebracht! Er lachte innerlich. Wenn ihn das nicht zu einem Gärtner machte, dann auch sonst nichts. Er war zwar noch jung dafür, das ließ sich nicht leugnen. Knapp einundzwanzig... man hätte ihm in diesem Alter kaum so viel Verantwortung übertragen, wenn der Rheumatismus des Ohms nicht so schlimm geworden wäre, dass er nicht länger zurechtkam.


Und selbst angesichts dieser Lage war es Frodo gewesen, der ihm die Arbeit verschafft hatte; Bilbo hatte ihm das selbst gesagt. Eines Tages im Februar hatte er Sam ins Empfangszimmer von Beutelsend gerufen, als dieser eigentlich gerade draußen die Apfelbäume beschneiden sollte.


„Sam, Junge, ich hab ein Wort mit dir zu reden.“ sagte er. Er hatte unbehaglich ausgesehen, wie er da an seinem großen Tisch saß und seine Pfeife reinigte, ohne Sam anzusehen. „Ich fürchte, wir müssen hier ein paar Änderungen vornehmen. Dein Vater... also, er hat feine Arbeit im Garten geleistet, wirklich feine Arbeit. Aber seine Gesundheit ist nicht mehr, was sie mal war, das weißt du.“


Sam hatte auf der Kante seines Stuhles gehockt, und die Besorgnis ließ ihn trotz des hellen Feuers im Kamin erschaudern. Es war nur zu wahr, dass der Ohm sein Alter spürte. Genau in dieser Minute war er zu Hause, einen heißen, in Flanell gewickelten Speckstein gegen seinen schmerzenden Rücken gedrückt. Sam hatte allein im Obstgarten gearbeitet, als Bilbo ihn hereingerufen hatte. Aber das hier – das klang nach schlechten Nachrichten für die Gamdschies, kein Zweifel.


Herr Bilbo hatte ihn mit einem prüfenden Blick bedacht. „Sam, ich kenne dich, seit du auf der Welt bist, und du warst immer ein ehrlicher Junge... Deshalb frage ich dich jetzt folgendes: Kommst du allein mit dem Garten zurecht? Denn für mich scheint es klar zu sein, dass der Ohm nicht mehr weitermachen kann.“ Er schüttelte den Kopf, füllte sorgfältig Tabak in seine Pfeife und stopfte ihn fest. „Ich fürchte, der alte Mann bringt sich noch um bei dem Versuch, und das würde ich mir nie verzeihen. Ich dachte, du würdest die Arbeit von ihm übernehmen, wenn er in den Ruhestand geht, aber ich glaubte, wir hätten noch ein paar Jahre bis dahin.“


Sam hatte sich nervös geräuspert. „Ich kann das tun, Herr.“ Er schaute Herrn Bilbo in die Augen und wünschte sich, er könnte die richtigen Worte finden für etwas, wovon er wusste, dass es die Wahrheit war. „Ich bin verlässlich Herr, auch wenn ich jung bin. Du kannst auf mich zählen, Herr Bilbo.“


Und Bilbo schien zu verstehen. „Also gut, Sam, wir lassen es auf einen Versuch ankommen.“ Er lachte ein wenig reumütig. „In Wirklichkeit habe ich in dieser Sache wenig zu sagen, fürchte ich. Frodo hat darauf bestanden, dass du deine Chance bekommst. Er ist mir fast an die Kehle gegangen, als ich sagte, du wärest zu jung und wir müssten nach jemand anderem suchen.“


Dann war er aufgestanden und hatte eine Hand ausgestreckt. „Du hast einen guten Freund in Herrn Frodo, Junge. Du solltest ihn nicht enttäuschen.“


„Nein Herr. Das werd’ ich nicht, Herr!“


Und so hatte Sam den Garten von Beutelsend übernommen. Ein paar Abende später war er im Grünen Drachen in Herrn Frodo hineingerannt und hatte versucht, ihm zu danken, aber Frodo lachte bloß und gab ihm ein Bier aus. „Du wirst das großartig machen, Sam, gar kein Zweifel. Und die alte Höhle wäre nicht mehr die selbe, ohne dass du irgendwo draußen herumwerkelst.“


Jetzt, drei Monate später, fühlte Sam, dass er seine Aufgabe im Griff hatte. Alles in allem war es ja auch nur das, was er schon immer tat, seit er sich als kleiner Bengel an die Fersen des Ohms geheftet hatte. Er hatte das Gärtnern im Blut, und er grub um und pflanzte, veredelte das Gemüse und schnitt die Rosen zurück, mit geschickter Hand und erfüllt von tiefer Befriedigung. Tatsächlich war es fast zu leicht. Er fing schon an, nach Verbesserungsmöglichkeiten für den Garten Ausschau zu halten.


Beutelsend war schon immer die größte Sehenswürdigkeit in Hobbingen gewesen. Trotzdem konnte man ein paar Neuerungen einführen... alles ein bisschen auf Vordermann bringen. Das Bewässerungssystem in Grünholm zum Beispiel, von dem er gehört hatte. Er hatte es noch nicht selbst gesehen, aber es klang wie eine gute Idee. Beutelsend hatte einen guten, tiefen Brunnen mit genügend Wasser darin, um den Garten selbst während einer Trockenheit gedeihen zu lassen. Und das wäre auch nicht so eine Verschwendung, wie das Wasser ständig aus den Eimern zu verschütten. Nicht, dass er mit einer Trockenheit rechnete; es war einfach eine gute Idee.

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