Geschichten aus Mittelerde

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Jenseits der Anfurten
by jodancingtree

Frodos Heilung

Frodo Beutlin saß auf der Erde, den Rücken gegen einen massiven Baumstamm gelehnt. Der Baum erhob sich turmhoch über ihm und umgab ihn mit tiefen Schatten, und die riesigen Zweige hingen bis fast auf den Boden, so dass er sich vorkam wie in einem grünen, stillen Zimmer. Aber durch die Blätter hindurch konnte er hinausschauen in eine helle, sonnige Welt, denn der Baum stand allein auf einer großen Wiese mit hohem Gras und Wildblumen. Bienen summten träge zwischen den Blüten und ein blauer Schmetterling gaukelte über der Wiese auf und nieder. Die Luft war heiß und diesig.


Frodo starrte blicklos nach draußen und zupfte abwesend Halme aus dem dünnen Gras unter dem Baum. „Ich vermisse Bilbo.” flüsterte er. „Ich vermisse Bilbo. Sogar hier sind wir immer noch sterblich, nicht so wie die Elben. Es ist einsam ohne ihn, selbst mit Galadriel und Elrond und all den anderen. Ich frage mich, ob Sam jemals hierher kommen wird... gibt es überhaupt noch Schiffe, die von den Anfurten absegeln?”


Er verfiel in Schweigen und betastete den weißen Edelstein, der an einer feinen Kette um seinen Hals hing. Bilbos Tod war friedevoll gewesen und sanft. Und der alte Hobbit war so müde und hinfällig geworden, selbst inmitten der Schönheit von Tol Eressëa. Frodo konnte nicht wirklich um ihn trauern.


Zuerst, nach ihrer Ankunft, war Bilbo aus der Schläfrigkeit erwacht, die ihn in den letzten Jahren in Bruchtal schleichend überkommen hatte. Er schien fast wieder jung zu sein, und sie waren lang und weit durch Wälder und Felder gewandert, die so frisch waren wie der erste Tag der Schöpfung. Bei Sonnenuntergang waren sie müde und glücklich heimgekehrt, rösteten Brot über dem Feuer und redeten bis spät in die Nacht miteinander. Manchen Abend kamen sie überhaupt nicht nach Hause, sondern schliefen unter den Sternen, friedlich und ohne Furcht. Stundenlang, tagelang lauschten sie Liedern und alten Sagen, von Freude erfüllt in der heiteren Gesellschaft der Elben, bis ihre eigenen Herzen sangen und ihr Geist weit wurde vor Staunen.


Und Bilbo war geheilt worden. Die unmerklichen Spuren, mit denen der alte, verfluchte Ring ihn gezeichnet hatte, waren von ihm gewichen. Doch nach und nach kam die Schläfrigkeit wieder über ihn, und er hielt sich dicht am häuslichen Feuer, wenn auch immer noch glücklich und zufrieden. Er war heil und mit sich im reinen, aber er wurde immer schwächer, und schließlich legte er sich zu seinem letzten, guten Schlaf nieder. Frodo brachte es nicht fertig, ihm diesen Schlaf zu missgönnen.


Aber er vermisste ihn. Und jetzt, ohne Bilbo, fragte er sich, ob er selbst wirklich geheilt war. Ob er jemals geheilt sein würde. Er schaute auf seine Hand hinunter, die verkrüppelt und narbig neben ihm auf der Erde lag, und er seufzte.


„Du hast da eine kühle Zuflucht vor der Sonne gefunden, mein Freund.” sagte eine Stimme von außerhalb des Kreises der Baumzweige.


Frodo schoss hoch, aufgeschreckt aus seiner Träumerei. Ein hoch gewachsener Fremder schaute durch die Blätterwand seines Zufluchtsortes zu ihm herein. Ein Mensch, kein Elb. Nun, das war eigenartig. Wann hatte er hier in Elbenheim jemals einen Menschen gesehen? Selbst Gandalf... als er hier gewesen war... er war nicht wirklich ein Mensch, obwohl er als solcher erschien.


„Kann ich hereinkommen?“ fragte der Mann. „Es ist ein bisschen zu warm, um in der Nachmittagssonne über eine Wiese zu wandern.“


„Oh, na... natürlich.“ stammelte Frodo. Er mühte sich aus Höflichkeit auf die Beine. „Natürlich. Kommt her in den Schatten. Aber – falls Ihr es nicht für ungehobelt haltet, dass ich frage – wer seid Ihr? Ich bin Frodo, Drogos Sohn, zu Euren Diensten.“


Der Fremde duckte sich unter den Zweigen hindurch und kam herein, leicht vor sich hinlachend. „Oh, ich weiß, wer du bist, Frodo Beutlin. Du bist hier wohlbekannt, verstehst du -- Ringträger.“


Frodos höfliches Lächeln der Begrüßung verblasste; er setzte sich wieder hin und betrachtete seinen Besucher mit einem gewissen Argwohn. Der hochgewachsene Mensch lehnte sich nicht an den Baum, sondern ließ sich direkt vor ihm nieder und sah ihn an.


„Du bist nicht stolz auf diesen Titel, Frodo.“ sagte er ruhig. „Und doch war es eine große Aufgabe, und du hast gut daran getan, sie zu erfüllen.“ Seine Stimme klang milde, aber da war etwas in seinem Gesicht, das sich alle Ausflüchte verbat, und Frodo wagte nicht, seinem Blick zu begegnen.


Er rutschte unruhig hin und her und spielte mit dem Edelstein an seiner Kehle herum. Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Endlich warf er sich mit dem Gesicht nach unten auf die Erde, den Kopf auf den Armen. „Es war eine große Aufgabe. Sie wurde erfüllt. Aber das war nicht mein Verdienst.“ sagte er heiser in den Boden hinein.


Der Fremde schwieg. Ein leichter Wind raschelte in den Zweigen über ihren Köpfen, und draußen auf der Wiese rief ein Vogel. Die Stille unter dem Baum wuchs und wuchs, bis sie körperlich anwesend zu schein schien, und sie wartete auf etwas.


„Der Ring hat mich besiegt.“ würgte Frodo endlich hervor. Und mit dieser einfachen Feststellung kam der Dammbruch. Er wurde von Schluchzen geschüttelt; brennende Tränen strömten ihm über das Gesicht. Scham, Trauer und Verzweiflung... er hatte alles, was er war, dieser Aufgabe geopfert, und es war nicht genug gewesen. Trotz all seiner Bemühungen hatte der Ring ihn besiegt, und er war gefallen. Wenn Sméagol nicht gewesen wäre... Sméagol, der den Ring – und seinen Finger – mit sich ins Feuer genommen hatte. Am Ende war er nicht besser als Sméagol. Er hatte nur mehr Glück gehabt. Oder auch nicht. Denn selbst jetzt... selbst jetzt suchte der feurige Ring ihn noch in seinen Träumen heim. Vor allem nun, da Bilbo fort war.


Er weinte, bis er sich wie ausgetrocknet fühlte, wie leer gespült; sein Atem kam langsam und keuchend. Wann war Tol Eressëa, dieses kleine Eden, je Zeuge eines solchen Sturmes von Trauer gewesen? Als sein Schluchzen sich beruhigte, gewahrte er, dass eine Hand sehr sanft sein Haar streichelte. Er streckte die verkrüppelte Rechte aus und umklammerte diese liebkosenden Finger, als wären sie eine Rettungsleine. Er rollte sich auf die Seite und starrte hoch in das Gesicht des Fremden.


„Wer seid Ihr? Wer seid Ihr?“ fragte er zittrig.


„Ich bin ein Arzt, Frodo.“ sagte der Mann sanft. „Ich bin gekommen, um dich zu heilen.“


Frodo forschte in seinem Gesicht. Es war ein junges Gesicht, stark und voller Fröhlichkeit. Aber obwohl die Augen vor Leben und Freude strahlten, waren Tiefen darin, voller Weisheit und... Leid? Leid? Frodo schaute herab auf die Hand, die er in der seinen hielt und rang nach Luft. Sie war verletzt, eine grobe, nicht verheilte Fleischwunde, die den Handrücken von oben nach unten durchbohrte. Er blickte wieder auf zu diesem Gesicht.


„Ihr seid verwundet.“ sagte er erstaunt.


„Auch ich habe eine Aufgabe erfüllt. Dies sind die Wunden, die ich dabei davongetragen habe.“ Er hielt ihm auch die rechte Hand hin, damit Frodo sie untersuchen konnte. Sie war ebenso durchstochen wie die andere.


Frodo setzte sich auf und nahm die andere Hand des Fremden. Er schaute auf die tiefen, rauen Wunden und schauderte. Wieder stiegen ihm Tränen in die Augen, aber er blinzelte sie weg und starrte dem Mann ins Gesicht. „Erzählt es mir.“ sagte er. „Erzählt mir von Eurer Aufgabe.“


Die Stimme des Fremden wurde nachdenklich. „Du bist weit gereist, Frodo, und du hast viel erlitten, um Saurons Ring zu zerstören. Doch obwohl der Ring ins Feuer ging, ist das Böse nicht aus Mittelerde verschwunden. Sauron war nur der Diener eines Meisters, der noch viel übler ist als er.


Aber meine Aufgabe ist es, das Böse selbst aus den Herzen meiner Kinder zu tilgen und meine Schöpfung wieder rein zu waschen. Denn ich bin der Sohn des Einen, Iluvatars Sohn.“ .


Ein Licht strahlte auf im Gesicht des Fremden, und plötzlich schien die Dämmerung unter dem Baum heller zu sein als die sonnenbeschienene Wiese draußen. Frodo betrachtete ihn voller Scheu, und allmählich überkam ihn Entsetzen. Er ließ die verletzten Hände los, kauerte sich zusammen und schützte seinen Kopf mit den Armen, als rechnete er mit einem mächtigen Schlag. Er zitterte, schrumpfte zusammen und machte sich so klein, wie er es vermochte.


„Nein, Frodo, nein!“ sagte die Stimme drängend. „Ich bin gekommen, um dich zu heilen, nicht um dich zu bestrafen. Schau mich an!“ Zögernd gehorchte Frodo, und zu seinem Erstaunen war das leuchtende Gesicht vor ihm tränennaß. Seine verstümmelte Hand wurde sanft von den beiden schrecklich verletzten Händen ergriffen und festgehalten, warm und tröstend.


„Du hast es gut gemacht, mein Kleiner. Du hast den guten Kampf gekämpft. Fürchte dich nicht. Denn was du nicht getan hast, ist gesühnt, und alles, was du versäumt hast, ist dir vergeben. Willst du mir das zutrauen?“


Die Augen des Mannes vor ihm suchten seine; er erforschte sein Herz, seinen Geist und seinen Willen, bis Frodo spürte, dass ihn ein reiner Wind durchfuhr, und alle finsteren Gedanken und Erinnerungen fegten mit diesem Wind davon. Freude entzündete sich in ihm und er lachte leise.


„Ja... oh ja, Herr.“ flüsterte er. Und die Freude stieg auf und wuchs in ihm, bis er sie nicht länger zurückhalten konnte, und er lachte laut und sprang auf und tanzte ein wenig im dünnen Gras unter dem Baum. Aber der Sohn von Iluvatar hielt noch immer seine Hand, und er führte ihn, unter die Zweige gebeugt, hinaus in das Sonnenlicht.


„Bald musst du nach Hause kommen, Frodo.“ sagte er. „Denn die Zeit in Eressëa war dazu bestimmt, dich zu heilen, und jetzt bist du geheilt. Und die letzte Heimat der Sterblichen ist nicht hier, weder für Menschen, noch für Hobbits. Aber du sollst nicht allein kommen.“


Frodo sah ihn an, eine Frage in den Augen.


„Samweis hat die Anfurten vor zehn Tagen verlassen.“ sagte der Sohn und das Lächeln auf seinem Gesicht tanzte in seinen Augen. „Er hat dich nicht vergessen, Frodo. Willst du hinunter ans Ufer gehen und ihn willkommen heißen?“


„Darf ich? Und wirst du mit mir kommen?“ Und endlich verstand Frodo, was Sam gefühlt hatte vor all den langen Jahren, zerrissen zwischen zwei Sehnsüchten.


„Ich werde eine Weile mit dir gehen. In Wahrheit bin ich auf all deinen Reisen bei dir gewesen, auch wenn du das nicht gewusst hast.“ Frodo schaute ihn verwundert an, als das Verstehen in ihm aufdämmerte.


„Immer? Ist das wahr?“ murmelte er.


Während des gesamten Weges hielt er die verletzte Hand fest in der seinen. Aber als sie auf die Spitze des letzten Hügels kamen und hinaus aufs Meer blickten, da legte gerade ein Schiff mit grauen Segeln im Hafen an und unter den groß gewachsenen Elben an Deck stand eine kleine, untersetzte Gestalt. Sie lehnte sich weit über die Reling, beschattete die Augen mit der Hand und suchte das Ufer ab. Frodo fing an zu rennen, und er lachte und schrie, während er dahinstürmte.


„Sam! Samweis Gamdschie! Hier drüben! Sam!“


Und Sam hörte ihn schreien, schaute hoch und sah Frodo, der Hals über Kopf den langen Hügel zum Hafen hinuntersauste, das Gesicht strahlend vor Freude.


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