Geschichten aus Mittelerde

powered by eFiction 5
Published: 05.12.2019

Der Schatten von Angmar - Teil 2
by Dairyû

Als sich Freder Bolger an jenem denkwürdigen Morgen des Jahres 1974 des Dritten Zeitalters daran machte, die Tür seiner Höhle auf dem Hügel in Michelbinge zu öffnen, um, wie es seit etlichen Jahren seine Gewohnheit war, vor dem Frühstück in der Morgendämmerung seinen Spaziergang zu tätigen, denn Freder legte Wert auf Beständigkeit, geschah etwas Unerwartetes.
Freder zog energisch am feingeschnitzten Griff der massiven Eichentür – er kannte es gar nicht anders, denn seit die Höhle sich im Besitz der Bolgers befand, klemmte die Tür – und konnte gerade noch einen beherzten Satz nach hinten vollführen, als das schwere Holz ihm schier aus den Händen gerissen wurde. Die Tür schlug an die Wand der Höhle wie von einer Riesenfaust aufgestoßen und Freder wurde unter einer hereinstürmenden Lawine aus Schnee begraben.

Nachdem der erste Schock verflogen war, kämpfte sich Freder fluchend und schimpfend wie es für die zu damaliger Zeit noch weitaus weniger sanftmütigen Hobbits nicht unüblich war, aus der weißen Pracht heraus, die es gewagt hatte, bis in sein Wohnzimmer vorzudringen, und ihn dabei gleich mitzureißen.
Der Hobbit rappelte sich mühsam auf und klopfte mehr als nur ein bisschen verärgert, den Schnee von seinen Gewändern. Er hatte einen Spaziergang machen wollen und nicht wie ein junger Hobbit im Schnee herumzutollen gedacht.

Überhaupt.
Der Schnee!
Bis gestern Abend waren nicht die geringsten Anzeichen zu sehen gewesen, dass die Nacht Schnee zu bringen versprach. Der Winter, der das Auenland seit gut einem Monat ab und an mit ein bisschen Frost beehrte, war seinen Namen in diesem Jahr gar nicht wert.
Die Alten hatten darob zufrieden im "Glücklichen Hobbit" gesessen, an ihren Pfeifen gepafft und über vergangene Winter geredet, die weitaus härter und unangenehmer gewesen waren.

Dieser hier versprach ein reines Kinderspiel zu werden. Nur nicht für die kleinen Hobbits; denen war die Enttäuschung schon seit Wochen ins Gesicht geschrieben. Wo doch der höchste Hügel in Michelbinge zum Rodeln geradezu einlud. Freder musste die Kinder so manches Mal aus seinem sorgsam für den Winter zurecht gemachten Garten vertreiben, wenn sie sich beim Spielen vergaßen. Er nahm es ihnen nicht übel. Michelbinge hatte nicht umsonst den Beinamen "auf den Weißen Höhen".

Was die Hobbits in der Regel aber eher als poetischen Ausdruck betrachteten, war jetzt eine Tatsache, wie auch Freder bald feststellen sollte.
Der Hobbit besah sich die Bescherung in seiner Höhle kurz und nachdenklich. Dann machte er sich auf in die Küche, wo man ihn eine Weile herumhantieren hörte. Es klapperte und rumpelte und dann tauchte Freder mit dem größten Topf wieder auf, den er im Hause hatte und begann, den Höhleneingang vom Schnee zu befreien, indem er den Topf als Schaufel benutzte und haufenweise Schnee zur Tür hinauswarf.

Das glitzernde und nach und nach unangenehm nass werdende Weiß schrumpfte durch Freders Bemühungen mehr und mehr zusammen und Freder gewann der Beschäftigung sogar etwas Positives ab, ersetzte sie doch irgendwie seinen geliebten Morgenspaziergang und die damit verbundene Bewegung.
Als Freder endlich fertig war, knurrte ihm gehörig der Magen, aber der Hobbit war einfach zu aufgeregt, als das er ans Essen dachte; was bei Hobbits einiges hieß, ließen sie doch selten mal eine Mahlzeit aus. Statt dessen stapfte er aus dem nun freien Eingang seiner Höhle, um einen Blick in die Runde zu werfen.

Wäre der Schnee nicht so unliebsam zur Tür hereingekommen, dann hätte Freder Bolger dem Anblick der sich ihm bot seine Bewunderung gezollt – so war er jedoch, gelinde gesagt, unangenehm überrascht.
Die bolgersche Höhle war auf der Kuppe der mächtigsten Anhöhe – man konnte sie eigentlich schon als Berg bezeichnen –, in Michelbinge angelegt worden, so dass sich Freder ein wundervoller Weitblick über den langgezogenen Ort bot, der an der Großen Oststraße lag.
Freder sah im sanften Licht der Morgendämmerung in das flache Tal hinab, in dem sich die meisten Höhlen der Michelbinger befanden.

Aber wo er sonst die Umrisse der Höhlen erblickte, sah er jetzt nur noch rauchende Kamine, die blassgraue Wölkchen ausstießen.
Und Schnee.
Ein riesiges Laken schien das Auenland samt seinen Bewohnern in ihren Höhlen bedeckt zu haben.
Freder blinzelte.

Die Morgensonne kroch über die Östliche Höhe hervor und ringsherum begann der Schnee zu glitzern, als habe ein alter gieriger Drache seinen Schatz verstreut.
Der Hobbit sah kleine Gestalten zwischen den Stellen herumlaufen, die Hobbithöhlen unter eine Masse Schnee waren. Sie mühten sich durch die weiße Pracht; hier und da sah man Schneefontänen, die von eifrig grabenden Hobbits empor gewirbelt wurden, die nur so aus ihren Höhlen kommen konnten.
Es wurde wild gestikuliert und mit allem was sich eignete geschaufelt.

Freder blinzelte noch einmal.
Möglicherweise hatte er gestern Abend dem Essen zu sehr zugesprochen und das war die Strafe dafür – er träumte. In Wirklichkeit lag er in seinem gemütlichen Bett und hatte Magengrimmen. Freder Bolger begann sich schon zu schwören, in Zukunft etwas zurückzuhaltender mit dem Schmausen zu sein, als ihm sehr unangenehm bewusst wurde, dass er barfuss draußen stand.

Der eisige Schnee unter seinen zwar weich beharrten, aber dennoch ungeschützten Füßen war der beste Beweis dafür, dass er nicht träumte.
Es hatte geschneit in der vergangenen Nacht. Und zwar so viel, dass es für den übrigen Winter reichte.
Freder Bolger trat von einem Fuß auf den anderen, während er den klaren Himmel betrachtete, an dem nicht eine einzige Wolke hing. Er konnte sogar noch hier und da einen verblassenden Stern sehen, der funkelte, wie das Licht in den Augen einer Elbenkönigin.

Genauso klar war der Himmel gestern Abend gewesen. So sah man ihn selten, deshalb hatte er die allgemeine Aufmerksamkeit der Hobbits auf sich gezogen. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, der sehr milde Winterabend würde eine Überraschung mit sich bringen.
Freder blickte nach Westen. Ganz weit entfernt vermeinte er ein hellgraues Band am Horizont zu sehen, das langsam verschwand. Es kroch dahin wie der Nebel, der sich am Beginn schöner Herbsttage über den Niederungen der Flüsse im Auenland hielt, bis die Strahlen der Sonne ihn vertrieben.

Den Hobbit fröstelte es.
Aber nicht die Kälte und der Schnee waren daran schuld. Freder Bolger erzitterte innerlich, als er der Wolkenbank nachstarrte, die das ganze Land heimgesucht zu haben schien. Sie war so weit entfernt und doch dünkte sie ihm ein drohender Schatten zu sein, ein Vorbote von etwas weitaus Schlimmerem als Schnee, und mochte er auch noch so hoch sein.
"Hey ho!" erklang plötzlich eine Stimme zu Freders Rechter.

Lero Schmieder – der seinem Namen übrigens alle Ehre machte, denn er war der einzige Hobbit in Michelbinge, der etwas von der Schmiedekunst verstand – kam den Hügel hinaufgeschnauft, als gelte es, das alljährliche Wettrennen der Michelbinger Jugend zu gewinnen.
"Hey, Freder!" schrie er noch einmal und noch etwas lauter und winkte dabei mit den Armen wie eine Windmühle mit ihren Flügeln im Sturm.
Freder seufzte.
Lero war ein herzensguter Hobbit, aber manchmal einfach zu überschäumend.

"Pass auf, dass du den ganzen Weg nicht wieder hinunterkullerst, Lero!" rief Freder, sich ein Lachen verkneifend, als er den Hobbit als eine Lawine mit Armen und Beinen vor seinem geistigen Auge den Hügel heruntersausen sah.
Lero schnaubte verächtlich, aber dann lachte er, während er außer Atem bei Freder ankam.
Die beiden Hobbits waren ungefähr im gleichen Alter und schon seit Kindertagen miteinander befreundet. Damals waren sie berühmt und berüchtigt für ihre Streiche gewesen, für die sie so manches Mal den Hosenboden langgezogen bekommen hatten.

Mit zunehmendem Alter hatte die Lust am Schabernack nachgelassen, aber ihr Temperament war den beiden geblieben.
Ihr Charakter war allerdings ihre einzige Gemeinsamkeit, denn vom Aussehen her unterschieden sich die beiden Freunde beträchtlich.
Lero war ein kräftiger, gedrungener Hobbit, dem man ansah, dass er einer harten Arbeit nachging. Er hatte ein freundliches Gesicht, auf dem immer ein verschmitztes Lächeln lag, große braune Augen und einen Schopf schwarzer Haare, der sich niemals bändigen ließ. So sah Lero immer aus, als habe ihn eine Windböe zerzaust – was die Dame seines Herzens und Herrin seines Hauses jedes Mal von Neuem zur Verzweiflung brachte.

Freder hingegen war schmal, fast schmächtig, was ihm von seiner Sippe des Öfteren einen schrägen Blick einbrachte, denn die Bolgers waren, um es in ihren eigenen Worten auszudrücken: massig – andere hätten dick gesagt, aber ließen es lieber, um der guten Nachbarschaft willen, und sehr hellhäutig. Sein lockiges blondes Haar bildete den krönenden Abschluss seiner annehmbaren Erscheinung.

Freder mochte körperlich wenig beeindruckend erscheinen, aber er hatte einen wachen Geist und eine schnelle Auffassungsgabe und eine gesunde oder ungesunde, je von welchem Standpunkt aus man es betrachtete, Portion Neugier mit in die Wiege gelegt bekommen.
Darüber hinaus verstand er es vorzüglich mit Pfeil und Bogen umzugehen.
Freder und Lero ergänzten sich ganz einfach prächtig.
Lero blieb atemlos neben Freder stehen. Er stützte seine breiten Hände auf den Oberschenkeln ab und japste keuchend nach Luft.

"Unverschämtheit von ... dir ... mich auch noch zum ... Lachen zu ... bringen", stieß er hervor.
Freder grinste, aber erwiderte nichts. Lero konnte in jeder Beziehung eine Menge vertragen.
Wenn er schon so verrückt war, den Berg hinaufzuhechten – was auch ohne Schnee nur den Hobbits gelang, die sich nicht nur an die angenehmen Seiten des Lebens hielten –, war es nur gerecht, dass er die Folgen auch spürte.

Lero lebte mit seiner Familie am Fuße der Anhöhe in einer geräumigen Höhle, an die eine kleine, aus starkem Holz bestehende Hütte angrenzte, die als Werkstatt diente. Lero hatte etwas abseits des Gros der Häuser in Michelbinge gebaut, um in Ruhe seiner nicht gerade leisen Beschäftigung nachzugehen, die in der Hauptsache darin bestand, landwirtschaftliche Geräte und andere nützliche Dinge herzustellen.
Lero war ein angesehener Mann in Michelbinge.

Was hingegen den jungen Bolger allein in seiner Höhle auf dem Hügel hielt ... darüber zerrissen sich die Michelbinger schon seit Jahren die Münder.
Nichtsdestotrotz war auch Freder Bolger ein überall gern gesehener Hobbit. Er war verträglich, immer freundlich und mischte sich niemals in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angingen. Und dann war da ja auch noch das Pfeifenkraut.
Freder baute auf seinem Berg das beste Pfeifenkraut des westlichen Auenlands an, viele waren der Ansicht, es sei das Beste überhaupt, und war immer sehr großzügig beim Tausch. Sollte er also ruhig auf seinem Berg hocken und Löcher in die Luft starren; solange sein Gemüt und das Pfeifenkraut nicht darunter litten ...

Als Lero wieder zu Atem gekommen war, sagte er: "Zieh dir etwas an die Füße und komm mit ins Tal. Sicherlich kann der eine oder andere Hobbit eine helfende Hand gebrauchen, um zumindest wieder wie ein halbwegs anständiger Bürger seine Höhle zu betreten, wenn er sie denn überhaupt schon verlassen konnte."
Freder nickte und schlug sich in Gedanken an die Stirn. Er hätte auch selbst auf die Idee kommen können, ins Tal zu gehen. Statt dessen hatte er vor seiner Höhle gestanden und auf die Welt unter sich gestarrt, als ginge sie ihn gar nichts an und irgendwelchen schlechten Gefühlen in sich gelauscht. Sein Hang zum Träumen mochte ihn eines Tages wohlmöglich einmal in arge Bedrängnis bringen.

"Bin sofort wieder da!" sagte er zu Lero und eilte in seine Höhle zurück. Er tapste über den durchweichten Boden, um den er sich später würde kümmern müssen und in sein Schlafzimmer hinein. Dort kramte er in einer alten Truhe ein Paar derbe Fellstiefel hervor, die schon Jahre lang ihre Dienste getan hatten und einfach unverwüstlich waren. Der Hobbit schlüpfte hinein. Die Kleidung, die er für den Spaziergang gewählt hatte, war ihm warm genug, also ließ er seinen dicken Fellmantel unbeachtet an dem Haken neben der Truhe. Aber Mütze und Handschuhe verschmähte er nicht.

So gewappnet verließ Freder Bolger sein Heim.
Sorgfältig zog er die Tür hinter sich ins Schloss; wer wusste, ob der Schnee nicht wieder Lust bekam sein Wohnzimmer heimzusuchen.
Freder machte einen kurzen Abstecher in den kleinen Schuppen, der etwas abseits der Höhle sein Dasein fristete und hatte nach einem gezielten Griff eine Schaufel in der Hand. Ihr Stiel war abgeschabt und hier und da mit einem Holzwurmloch verziert, aber das Blatt glänzte, als sei es erst einen Tag alt. Freder Bolger war ein sorgfältiger junger Hobbit, der sein Augenmerk auf die entscheidenden Dinge richtete.
Freder schulterte die Schaufel. Dann folgte er Lero, der sich schon wieder auf den Weg ins Tal gemacht hatten.

give_credits