Geschichten aus Mittelerde

Das neue Archiv für Fanfictions rund um Tolkiens wunderbare Welt!

Ein Licht im Fenster
by Cúthalion

Chapter #1

„Though I’ve been gone so long, the light’s been shining on
guiding me home through the wind and the rain.”

(„Song of the Lamp”, Sally Oldfield)


„Letzte Woche das Picknick bei den Pausbackens, gestern das große Fest auf dem Stolzfuß-Hof, und heute eine Tanzerei bei den Schönkinds. Wirklich ein großartiger Sommer zum Feiern, muss ich sagen.”


Rosie stand im Türrahmen und sah ihrer Tochter zu, die sich, halb angezogen in Mieder und Unterrock, die Haare bürstete. Die meiste Zeit über vermied sie, Elanor zu sagen, wie schön sie war; es wäre gedankenlos gewesen, ihre Erscheinung allzu oft zu loben, wenn es genug Schwestern gab, denen man damit wehtun konnte (vor allem Jung-Rosie, die ihre hellhaarigen Schwestern bitter beneidete und ihre eigene Lieblichkeit überhaupt nicht wahrnahm). Hier und jetzt allerdings war das Herz von Mutter Rosie von warmen Stolz erfüllt beim Anblick ihrers erstgeborenen Kindes. Wie so oft brachten Elanors seltsam elbische Gesichtszüge noch ein anderes, fein geschnittenes Gesicht zu ihr zurück; sie seufzte und erinnerte sich plötzlich, weshalb sie gekommen war.


„Welches Kleid trägst du denn heute abend, Vögelchen?“ fragte sie.


„Das gelbe mit den Veilchen auf dem Rock.“ Jung-Rosie hatte die winzigen Blüten zum vorletzten Julfest als Geschenk für Elanor aufgestickt; eine Tatsache, die Elanor wirklich würdigte, denn sie wusste, wie sehr ihre Schwester das Sticken verabscheute.


„Ich weiß nicht, Ellyelle... nach drei Jahren muss es ein bisschen zu kurz sein, oder?"


„Vielleicht.“ Elanor öffnete ihre Wäschetruhe und zog das Kleid heraus. Als sie es gegen ihren Körper hielt, bedeckte der Saum kaum ihre Knie.


„Siehst du, Liebes?“ Rosie lächelte breit. „Und das blaue mit den Gänseblümchen hat einen langen Riss.“


„Das war Gutwill Weißfuß.“ sagte Elanor rasch, „er ist draufgetreten, während er mit mir tanzte..."


„... und nach zwei, drei Bier mehr, als er vertragen konnte.“ ergänzte Rosie trocken.


Elanor antwortete nicht, aber sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie brachte es nicht fertig, Gutwill die Sache übelzunehmen; er war viel zu liebenswert und freundlich, um wütend auf ihn zu sein (nebenbei hatte er sich seit dem letzten Wochenende ein halbes Dutzendmal bei ihr entschuldigt).


„Ich habe etwas für dich.“ sagte Rosie. „Komm mal mit.“


Elanor folgte ihrer Mutter ins Elternschlafzimmer. Das Fenster stand weit offen; Sonnenlicht strömte herein und machte den Raum hell und freundlich. Elanor spürte den schwachen Duft der Lavendelzweige, die ihre Mutter benutzte, um die Bettwäsche frisch zu halten. Ein großer, farbenfroher Quilt war über Kissen und weiße Leinendecken gebreitet. Und über den Quilt gebreitet lag ein Kleid.


„Mammi!“ Elanor schnappte nach Luft, und im nächsten Moment berührte sie vorsichtig die weiche, rosa Seide. „Das ist das schönste Kleidungsstück, das ich je gesehen habe... es muss für eine Prinzessin gemacht worden sein!“ Sie setzte sich auf das Bett, ließ den Kleidersaum durch ihre Finger gleiten und bewunderte die Verzierung aus dunkelroten Rosen.


„Vielen Dank auch.“ Rosie verneigte sich leicht. „Tatsächlich wurde es für mich gemacht. Es war einmal ein Geschenk von Herrn Frodo und deinem Vater, nachdem ich... nachdem ich krank war. Du bist damals noch ein Baby gewesen.“


Elanors Augen weiteten sich vor Überraschung.


„Frodo mit dem Ring hat dir dieses Kleid geschenkt?“ flüsterte sie.


„Und dein Vater auch. Die beiden wollten mir eine Freude machen.“


Rosie lächelte immer noch, aber da war ein Blick in ihren Augen, den Elanor nicht verstand. Es war irgend etwas zwischen freudiger Erinnerung und untröstlichem Kummer. Plötzlich begriff Elanor, dass es eine Zeit gegeben hatte, als Rosie Gamdschie jemand anderes gewesen war als heute – eine hübsche, junge Frau, in Rosa gekleidet, die tanzte und sang. Aber trotz der Tatsache, dass sie mittlerweile eine Mutter war und der geliebte Mittelpunkt des Hauses, ihren Kindern und ihrem Ehemann zutiefst vertraut, behielt sie ein paar Geheimnisse für sich. Elanor schaute auf das Kleid hinunter und fühlte sich einen Moment lang sehr klein und unsicher.


„Willst du’s anprobieren? Ich würde gern wissen, ob es passt.“


Die Unsicherheit schwand; Elanor lächelte und schlüpfte in das Wunderwerk. Der Saum berührte ihre Knöchel, rote Rosen umrankten ihre Schultern und die weiche, alte Seide raschelte leise bei jeder Bewegung. Sie war so glücklich und so dankbar für dieses kostbare Geschenk, dass sie einen Schrei reiner Freude unterdrücken musste.


„Trag es heute Abend, Elly, um Fastred noch ein kleines bisschen mehr zu beeindrucken – falls das überhaupt geht.“


„Dankeschön! Vielen, vielen Dank!“ Elanor stürmte mit fliegenden, goldenen Locken hinaus.


Allein zurückgelassen in dem stillen Raum setzte sich Rosie auf’s Bett, faltete die Hände im Schoß und schloß die Augen. Der Anblick ihrer Tochter, während sie dieses besondere Kleid trug, hatte viele Erinnerungen zurückgebracht... zu viele, vielleicht. Mit einem unwiderstehlichen Zeitstrom sank sie hinein in die Vergangenheit; sie sah zwei Hände... an einer von beiden fehlte ein Finger, und sie befestigten eine rote Rose mit schwarzer Wolle.


Sie holte tief Luft und schüttelte den Kopf. Dann stand sie auf, ging hinaus und schloß nicht nur die Tür zum Schlafzimmer, sondern auch die zu ihren Erinnerungen.



*****



Die Tanzerei bei den Schönkinds war ein großer Erfolg und Elanor kam stundenlang kaum dazu, sich hinzusetzen. Sie flog von Arm zu Arm; kurz vor Mitternacht brachte ihr Fastred Brot mit Käse und frischem Schnittlauch, und sie stürzte drei Gläser der Johannisbeer-Limonade hinunter, für die Mutter Schönkind berühmt war. Nun wurden Lieder gesungen und Geschichten erzählt, und Elanor wechselte zu Mutter Schönkinds Erdbeerwein, der beinahe noch berühmter (und besser) war als ihre Limonade. Sie bemühte sich allerdings um Vorsicht, und als sie heimging, war ihr Kopf noch klar – jedenfalls beinahe.


Fastred und Gutwill hatten darauf bestanden, sie bis zum Anfang des ehemaligen Beutelhaldenweges zu eskortieren. Sie waren beide nicht wirklich betrunken, nur ein bisschen übermütig und angeheitert. Es brauchte Überredungskunst, eine Menge Gelächter und zwei Küsse für jeden ihrer fröhlichen „Ritter“, um sie wieder nach Hause zu schicken.


Endlich war sie allein. Sie legte den Kopf zurück und nahm einen tiefen Atemzug von der süß duftenden, nächtlichen Brise. Ein voll gerundeter Mond wusch die Landschaft in klarem Silber, und die Sterne funkelten auf dem dunkelblauen Hintergrund wie Juwelen auf dem Umhang einer Königin. Sie wanderte langsam den Hügel hinauf, entlang an den grünen Hecken, die Füße lautlos auf dem Erdboden. Die Hobbithöhlen am Weg entlang waren dunkel, ihre Bewohner schliefen bereits. Dann erreichte sie das Tor von Beutelsend, und – wie immer, wenn sie die letzte der Familie war, die nach Hause kam – leuchtete das Licht einer einzelnen Lampe hinter dem Fenster wie ein warmer, goldener Willkommensgruß.


Elanor schloss das Tor hinter sich und ging zu der vertrauten, grünen Tür, vorbei an den üppig blühenden Blumenbeeten ihres Vaters. Als sie den Türknauf berührte und den Riegel öffnete, hielt sie plötzlich inne und wandte den Kopf.


Sie schaute über den Garten hinweg hinunter zum Tor. Der Mond machte die Stelle taghell, sie konnte alles klar und deutlich erkennen.


Später wusste sie nie, ob das, was dann geschah, dem Erdbeerwein zuzuschreiben war oder allzu vielen Tänzen. Sie fand auch nicht heraus, ob es wirklich gewesen war oder nur ein verwirrender Traum. Was immer es war, sie vergaß es nie wieder für den Rest ihres Lebens.


Jemand stand dort, dicht am Tor, den Kopf von einer großen Kapuze bedeckt. Er rührte sich nicht; eine Hand lag auf dem Torpfosten, die andere war unter seinem grauen Mantel verborgen. Nahe seinem Kinn sah sie einen Schimmer von Grün und Silber... scheinbar eine Brosche, und mit einem plötzlichen Schock begriff Elanor, dass sie beides kannte, den Mantel ebenso wie die Brosche. Ihr Vater hatte diese Dinge von seiner berühmten Reise mitgebracht, und die Elben hatten sie ihm gegeben.


„Sam-Papa?“


Sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme, die ihr unsicher und zweifelnd in den Ohren klang.


Nichtsdestoweniger schien die stille Erscheinung sie gehört zu haben; die sichtbare Hand hob sich und streifte die Kapuze zurück. Elanor stand mit angehaltenem Atem. Dunkles, lockiges Haar. Ein weißes, eigenartig schönes Gesicht, gleichzeitig alt und jung. Geweitete Augen, blau wie ein Morgenhimmel, voll von Sehnsucht, Freude und Trauer. Elanor wagte nicht, sich zu rühren, aber sie spürte, dass ihre Knie zitterten. Das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, war sie ein Baby gewesen, aber sie wusste ohne den Schatten eines Zweifels, wer er war.


Plötzlich schob sich eine einzelne Wolke vor den Mond. Für einen Augenblick war alles dunkel. Und als die Wolke weiter glitt, war die Stelle nahe dem Tor leer.


Es brauchte mehrere Minuten, bis Elanor wieder imstande war, sich zu bewegen. Sie berührte ihr Gesicht mit tauben Fingern und war nicht wirklich überrascht, als sie die Tränen fühlte. Endlich brachte sie die Tür auf und verschloß sie wieder sorgfältig hinter sich. Sie erreichte ihr Zimmer auf immer noch wackeligen Beinen, zog das kostbare Kleid aus, schlüpfte in ihr altes Nachthemd und sank ins Bett. Es war in diesem Sommer das erste Mal seit Wochen, dass sie die warmen Bettdecken dringend nötig hatte.


Sie fand nicht viel Ruhe in dieser Nacht. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie wieder dieses Gesicht vor sich und erinnerte sich, wie er zu ihr hinaufgeschaut hatte.


Solch eine Sehnsucht und so eine tiefe Liebe.


Plötzlich erinnerte sich Elanor auch an das Gesicht ihrer Mutter früher an diesem Tag, als sie ihr von dem Kleid erzählt hatte. Der Ausdruck in ihren Augen war ein genaues Spiegelbild von dem, den sie heute Nacht vor dem Tor gesehen hatte in den Augen dieses ...Geistes? Und wenn ihre Eltern ihr und den Geschwistern Geschichten erzählten von dem berühmten Frodo mit dem Ring, dann gab es immer einen Moment, in dem beide gleichzeitig verstummten. Dann trafen sich ihre Augen und Elanor sah die selbe Sehnsucht, die selbe Liebe darin für den einen, der niemals wieder gemeinsam mit ihnen am Tisch sitzen würde.



*****



Als Rosie spät am nächsten Morgen kam, um nach ihrer Tochter zu sehen, lag sie noch in tiefem Schlaf, das Gesicht halb verborgen hinter ihrem zerzausten Haar. Unter Elanors Hand befand sich das Buch, das Frodo vor fast zwanzig Jahren für sie gemacht hatte. Rosie zog es vorsichtig heraus und ihre Augen ruhten lange Zeit auf der geöffneten Seite. Sie sah die beiden blauen Abdrücke... winzige Babyfinger und eine verstümmelte Hand. Sehr zart berührte sie beide, dann schloss sie das Buch, legte es auf den Tisch und ging leise aus dem Zimmer.



Oft kam Elanor nach einem Tanz erst nach Hause, wenn alle schon schliefen. Aber sie ließen immer eine Lampe brennen, damit sie den Weg nach Hause fand. Und Elanor brachte es nie fertig, die Lampe zu löschen; denn irgendwie schien sie den Weg noch für jemand anderen zu erleuchten, damit auch er sicher durch das Tor und den Pfad hinauf heimkommen konnte.
(„Ein wirklich gutes Jahr”/ Östlich der Sonne)


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