Geschichten aus Mittelerde

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Das Haus mit den Zedernschindeln: Morgensängerin
by Cúthalion

Chapter #1

Ithilien, Frühling 1428


„Noerwen, soll ich jetzt den Ofen anfeuern?“


Die Heilerin von Ithilien stand vor dem Küchentisch, beide Hände in einer riesigen Teigschüssel. Sie drehte sich zu dem Jungen um. Er wartete auf der Schwelle, das blonde Haar zerzaust, die Haut gerötet und die Arme voller Apfelholzscheite. Eine frische Brise trug den Duft des ersten, gemähten Grases in die Küche, wo er sich mit dem üppigen Aroma von Zimt, Vanille und Rosinen mischte.


„Hast du die Axt sicher weggeräumt?“


„Ich hab sie in die Scheune gebracht, sie hängt am Haken hinter der Tür,“ sagte der Junge. „Soll ich den Ofen anfeuern?“


„Ja. Der Teig braucht noch eine Weile; aber wenn du bleibst, um das Gras zusammenzurechen, das der Gärtner deines Vaters gestern mit der Sense geschnitten hat, dann ist das Brot fertig.“ Die Heilerin lächelte. „Und ich habe noch etwas von deiner Lieblingsmarmelade übrig.“


Der Junge zuckte die Achseln und kicherte. „Das hättet Ihr mir eher sagen sollen; jetzt muss ich zurück in die Scheune und den Rechen suchen!“


„Liebe Güte, es tut mir Leid!“ Die Frau versetzte dem duftenden Teigklumpen in der Schüssel einen herzhaften Knuff mit der Faust und rieb sich die Stirn, wobei sie einen langen Mehlstreifen hinterließ. „Du kannst natürlich nach Hause gehen, wann immer du möchtest… aber ist Meister Olorhel nicht gerade aus seinen wohlverdienten Ferien in Lebennin zurückgekehrt?“


Elboron, der zukünftige Fürst von Ithilien, zog ein saures Gesicht. Es war kein Geheimnis, dass er seinen ältlichen und unerträglich schulmeisterlichen Sindarin-Lehrer ehrlich verabscheute. Sie beobachtete den stillen Kampf hinter den klaren Zügen mit belustigtem Interesse. Das Zimtbrot und die Pflaumenmarmelade trugen selbstverständlich den Sieg davon… genau, wie sie es vorhergesehen hatte. Ein paar Minuten später brannte ein fröhliches Feuer im Ofen, und sie konnte draußen auf der Wiese das Zischen des Rechens hören.


Noerwen deckte die Schüssel mit einem sauberen Tuch ab und dehnte mit einem Stöhnen den Rücken; sie spreizte beide Hände über ihrem schweren, gerundeten Bauch. Noch eine Woche, vielleicht zwei… soweit sie das Fortschreiten ihrer Schwangerschaft einschätzen konnte, jedenfalls. Die Hebamme von Emyn Arnen war eine freundliche, ältere Frau, die eine beruhigende Ausstrahlung von Erfahrung und grundlegendem Wissen um sich verbreitete, aber dies würde ihr allererstes Kind sein, seit Jahren schmerzlich herbeigesehnt und über alle Hoffnungen und Erwartungen hinaus empfangen.


Vor drei Tagen war Damrod mit einer kleinen Patrouille fort gegangen; ihr Ziel war die Mündung des Morgultales. Die Waldläufer von Ithilien mochten diese Vorstöße nicht; im Grenzland zwischen Gondor und Saurons früherem Reich waren nur wenig Orks übrig geblieben, aber die, die das feurige Chaos seines Unterganges wunderbarerweise überstanden hatten, versteckten sich sehr geschickt in den Felsspalten und Höhen des Emyn Muil, und sie griffen die Soldaten des Königs immer wieder an, entschlossen und mit wütendem Hass.


Hoffentlich würde er rechtzeitig wieder nach Hause kommen, um dabei zu sein, wenn sein Sohn oder seine Tochter geboren wurde. Jeder andere Ausgang war etwas, worüber auch nur nachzudenken sie sich standhaft weigerte.


Die Flammen im Ofen waren heruntergebrannt, und Noerwen nahm das Tuch von der Schüssel und drückte den weichen, süßen Teig in zwei große Backformen. Dann beugte sie sich vor, öffnete die eiserne Tür und fegte Glut und Asche sorgsam mit einer geschwärzten Bürste zur Seite. Die Backformen wurden auf einen hölzernen Brotschieber gestellt und verschwanden langsam in den heißen Tiefen des Ofens. Noerwen schloss die Tür wieder und kehrte mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung in eine aufrechte Position zurück. Ihr sehnsüchtiger Blick wanderte zu dem Schaukelstuhl am Fenster hinüber. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich eine Weile auszuruhen… nur dass sie nicht ganz und gar sicher war, dass sie wieder imstande sein würde, aufzustehen, wenn sie erst einmal saß. Trotzdem… die letzte Nacht war ziemlich unangenehm gewesen; ihr zukünftiger Nachwuchs hatte sich die Stunden vor der Morgendämmerung ausgesucht, um rastlos in ihrem Bauch herumzuzappeln, und sie hatte kein Auge mehr zugetan. Nur ein paar Minuten…


Als sie wieder zu sich kam, war die Küche von einem köstlichen Duft nach frischem, warmem Brot erfüllt. Sie seufzte und atmete tief ein… und plötzlich hörte sie ein Geräusch, dass sie von der Arbeit in ihrem Kräuterschuppen gut kannte. Ein Messer, das auf ein Holzbrett herunterfuhr. Sie öffnete die Augen und wandte den Kopf… und wurde mit dem Anblick von Éowyn, der Fürstin von Ithilien, belohnt; sie stand vor dem Tisch und schnitt sorgfältig einen der beiden Brotlaibe in dicke Scheiben.


„Eure Hoheit!“ Sie versuchte, aus dem Schaukelstuhl aufzustehen – und sank mit einem würdelosen Uff! wieder zurück. „Eure Hoheit, ich bitte um Verzeihung…“


„Um Erus Willen, bleibt sitzen!“ sagte die Prinzessin, lächelte liebenswürdig und langte nach einem Keramiktöpfchen. „Sich zuviel zu bewegen kann nicht gut sein in Eurem Zustand. Und ich mag eine zweifelhafte Köchin sein, aber damit, ein Brot zu schneiden, komme ich jederzeit zurecht.“


Das schöne Gesicht unter der Krone aus weizenblondem Haar wurde ein wenig ernster.


„Mein Sohn ist übrigens damit fertig, draußen das Gras zu rechen. Sobald ich ihn anständig mit Brot und Marmelade gefüttert habe, werde ich ihn mit zurück in die Residenz nehmen und seinem Vater sagen, Ihr hättet ihn auf der Suche nach einer seltenen Blume für einen Eurer Heiltränke mindestens drei Stunden durch das Unterholz gescheucht. Das war immerhin die Bestrafung, die mein Mann nach Elborons schlechtem Benehmen beim Besuch des Königs im Sinn hatte.“ *


Sie beschmierte zwei Brotscheiben großzügig mit Marmelade aus dem Keramiktöpfchen.


„Ich selbst glaube, dass Holzhacken, einen Ofen anzufeuern und Gras zu rechen Fähigkeiten sind, die jedes Kind sich so bald als möglich aneignen sollte, sogar ein zukünftiger Truchsess von Gondor. Aber auch wenn Elborons Vater mir zustimmen würde – genauso wie unser König – die Edelleute am Hof von Minas Tirith wären ganz sicher außer sich vor Entsetzen.“


„Sie sind daran gewöhnt, diese Art Arbeit einer Vielzahl von Bediensteten zu überlassen“, sagte Noerwen, die Stirn leicht gerunzelt. „Und Euer Sohn war eifrig bereit, mir zu helfen.“


„Gewiss war er das.“ Die Fürstin wischte sich die Hände an dem Handtuch ab. „Die Alternative wären zwei Sindarin-Stunden bei Meister Olorhel gewesen. Und obwohl viele der Adeligen sich ohne Zweifel loyal und freundlich verhalten… manche der Hofdamen sind nichts anderes als ein parfümiertes, bösartiges Otterngezücht.“ Ihr liebliches Gesicht wurde hart, wenn auch nur für einen kurzen Moment. „Sie sind noch immer nicht geneigt, dem überlebenden Sohn des toten Truchsessen zu vergeben, dass er sich seine Frau nicht unter ihren Töchtern gesucht hat.“


Noerwen betrachtete sie neugierig. „Ist das der Grund, weshalb Ihr Minas Tirith meidet wie die Pest?“


„Nicht wirklich. Ich komme aus einem Land grüner Wiesen und weiter Himmel, und ich finde diese großartige Wüste aus weißem Marmor immer ein wenig… erstickend.“ Éowyn seufzte. „Jetzt werde ich meinen Sohn einsammeln und ihm etwas zu essen geben. Und Ihr - “ Ein strenger Blick. „ - Ihr bleibt, wo Ihr seid. Ich kann Euch eine unserer Küchenmägde mit einem kleinen Abendessen schicken, wenn Ihr wollt.“


„Das wäre schön.“ Noerwen lächelte. „Aber Ihr solltet eine kräftige Frau aussuchen… denn sie wird mir aus diesem Stuhl heraushelfen müssen, oder ich muss die Nacht darin zubringen.“


„Das werde ich,“ sagte Éowyn, „und ich werde sie anweisen, hier zu bleiben, für den Fall, dass Euer Kind beschließt, ein paar Tage eher geboren zu werden.“ Noerwen öffnete den Mund, aber ihr Widerspruch wurde sofort von einem zweiten strengen Blick abgeschnitten. „Glaubt Ihr wirklich, Ihr könntet aus dem Bett steigen, die Treppe hinunterkeuchen und die zwei Meilen hinauf zur Residenz watscheln, wenn die Wehen einmal angefangen haben?“


„Äh… nein, wahrscheinlich nicht.“ Noerwen grinste, gleichzeitig belustigt und entsetzt von der bloßen Vorstellung. „Danke, Eure Hoheit.“


Der dritte strenge Blick. „Éowyn.“


„Éowyn,“ echote Noerwen, die Augen demütig gesenkt. „Oh, und noch etwas anderes…“ Sie streckte den Rücken, das Gesicht plötzlich ernst. „Gibt es irgendwelche Nachrichten von den Männern, die ins Morgultal gegangen sind?“


„Nein.“ Éowyn schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber ich bin sicher, sie sind bald wieder da.“ Sie kam zu dem Schaukelstuhl hinüber und berührte Noerwen an der Schulter. „Und zwar alle."



*****



Spät in dieser Nacht öffnete Noerwen die Augen und setzte sich in ihrem Bett auf; sie hatte keine Ahnung, wie viele Stunden vergangen waren, seit sie der Küchenmagd gute Nacht gesagt hatte, aber die Brise, die durch einen Riss im Fensterrahmen hereindrang, war kühl und feucht. Automatisch drückte sie die Finger auf ihren Bauch und wurde mit einem schläfrigen Fußtritt direkt unter die Rippen belohnt. Sie blickte sich im dämmrigen Zimmer um; die Kerze suchte sich ausgerechnet, diesen Moment aus, um zischend auszugehen, und sie fand sich in völliger Dunkelheit wieder.


War es die Magd auf dem Weg zum Abtritt, die sie geweckt hatte? Aber nun war alles still, und nach ein paar Augenblicken des Wartens entspannte Noerwen sich langsam und legte sich wieder in die Kissen zurück.


Und dann hörte sie von draußen ein leises Wiehern. Schritte näherten sich auf dem Kiespfad, der zur Tür führte, und eine Stimme, die sie kannte und liebte, sprach in gedämpftem Ton:


„Der Stall ist dort drüben, Herr. Würde Ihr die Güte haben, Euch um die Pferde zu kümmern? Ich denke, ich kann ihn schon hineinschaffen.“


Noerwen bekam das leise Knarren der Vordertür kaum mit; sie schwang beide Beine aus dem Bett, den Herzschlag ein wildes Hämmern in den Ohren. Erregung und atemlose Freude machten sie leichtfüßig, während sie zur Tür hinausschoss. Für den Moment ignorierte sie ihre Schwangerschaft und nahm auf dem Weg ins Erdgeschoss zwei Stufen auf einmal; sie war gerade unten angekommen, als in der Küche ein schriller Schrei ertönte:


„Hilfe! Hilfe, Frau Noerwen, wir werden überfallen!“


„Fels und Gestein, halt den Mund, du dumme Gans!“ Eine tiefe Stimme, wie ein zornig-dröhnender Trommelwirbel. „Kennst du den Hausherrn nicht?“


Noerwen hastete um die Ecke… und rannte geradewegs in Imhiriel hinein, die Küchenmagd von Emyn Arnen. Sie stand im Eingang, die vierschrötige Gestalt vom Hals bis zu den Zehen in ein züchtiges Nachthemd verpackt, und sie zitterte wie Espenlaub. Noerwen versetzte ihrer Schulter einen beruhigenden Klaps, umschiffte sie und blinzelte in das Licht der Kerzen, die in einem Messinghalter auf dem Küchentisch brannten… und dann kam Damrod auf sie zu, ein Lächeln in den Augen und einen Arm ausgestreckt. Nur Sekunden später hielt sie ihn eng an sich gedrückt, Mund an Mund, beide Hände in seinem Haar vergraben. Er roch nach Schweiß und Erschöpfung, aber das kümmerte sie nicht im Mindesten. Sie verlor sich in seiner Berührung und in der unaussprechlichen Erleichterung, dass er nach Hause gekommen war.


„Es tut mir Leid, Herr… ich hab Euch nicht erkannt!“ lamentierte die Magd hinter ihr. „Und ich hatte nicht erwartet, dass ein Zwerg vor meinem Bett steht, wenn ich aus dem Schlaf schrecke!“


„Ein Zwerg?“ Noerwen brach den Kuss ab, als die dröhnende Stimme, sie zuvor schon gehört hatte, von irgendwo zu ihrer Rechten kam… und der Besitzer der Stimme war eindeutig verärgert.


„Ja, ein Zwerg, Herrin.“ Er saß auf der Pritsche, auf der die Magd geschlafen hatte. Sie sah langes, krauses Haar von einem erdigen Braun, das unter einem runden Helm hervorquoll, der auf einer Seite eingedellt war, möglicherweise von dem kräftigen Hieb mit einer Keule oder einem Morgenstern. Dunkle Augen, die wie Brombeeren glänzten, begegneten ihrem Blick; ein langer Bart, zu einem verwickelten Muster aus Zöpfen geflochten, war säuberlich hinter einen breiten Ledergürtel gesteckt. Er trug lange Hosen, und über dem rechten Schienenbein war die Hose zerfetzt und offenbarte einen großen, dunklen Fleck, der die Haut um einen behelfsmäßigen Verband herum verfärbte, und darunter eine merkwürdige Ausbuchtung. „Ein verwundeter Zwerg, wenn ich das hinzufügen darf. Euer Mann bestand darauf, mich hier herzubringen – weil er dachte, der Heiler von Fürst Faramir wäre nicht imstande, mit einer solch… unangenehmen Sache zurechtzukommen. Würdet Ihr ihm zustimmen?“


„Nun…“ Noerwen zögerte. „Erion nimmt nicht wirklich gern das Messer zur Hand, so viel stimmt wohl.“ Sie wandte sich wieder an Damrod, und jetzt begriff sie, warum er nur den linken Arm um sie gelegt hatte. Der rechte hing schlaff an seiner Seite hinunter. Sie holte scharf Atem. „Ist er gebrochen?“


„Wahrscheinlich ja,“ erwiderte Damrod; sein Ton war grimmig. „Das war derselbe Ork, der versucht hat, Meister Gimli das Bein abzureißen. Ich habe mein Bestes getan, ihn davon abzuhalten, aber währenddessen hat er leider einigen Schaden angerichtet.“


„Es endete damit, dass meine Axt in seinem Rückgrat steckte,“ bemerkte Gimli. Noerwen schluckte und weigerte sich mit aller Macht, über die gewalttätigen Bilder nachzudenken, die vor ihrem inneren Auge auftauchten. „Ich brauche mehr Licht,“ sagte sie. „Imhiriel, würdest du bitte noch mehr Kerzenhalter herbringen, und alle Kerzen aus der obersten Lade im Geschirrschrank?“


„Kümmere dich bitte zuerst um Gimli,“ sagte Damrod und setzte sich an den Tisch. „Meine Verletzung ist ein einfacher, sauberer Bruch, und er kann warten.“


„Und seit wann genau bist du ein Heiler?“ gab Noerwen mit einem kleinen Lächeln zurück.


„Ich bin lange genug im Dienst – und mit einem Heiler verheiratet – um nicht vollkommen ahnungslos zu sein,“ sagte ihr Ehemann trocken. Imhiriel huschte herum und zündete eine Kerze nach der anderen an, bis die Umgebung des Tisches fast taghell war.


„Damrod, ich brauche die Kerzenhalter dichter an der Pritsche, oder ich sehe nicht genug.“ Noerwen wandte sich zu Gimli zurück, und für einen Moment bildete ihr Körper gegen das goldene Licht, das den Raum erfüllte, ein schwarze Silhouette. Sie sah, dass seine Augen sich weiteten.


„Aulës Lendenschurz, Ihr seid schwanger?“ platzte er heraus. Jetzt verengten sich seine Augen zu Schlitzen. „Nein, Ihr seid nicht bloß schwanger, Ihr seht aus, als würdet Ihr gleich platzen! Ich kann mir nicht vorstellen, wie Ihr diesen vermaledeiten Knochen zurück in mein Fleisch bugsieren wollt, ohne Eure Brut auf den Boden fallen zu lassen wie einen reifen Apfel vom Baum!“


Noerwen spürte die Bewegung hinter sich mehr, als dass sie sie sah. „Damrod, mein Liebster, bleib, wo du bist,“ sagte sie liebenswürdig, „es sei denn, du willst mir gerade die Kerzenleuchter bringen. Meister Gimli ist verletzt und ein wenig neben sich.“ Sie schenkte dem Zwerg ein süßes Lächeln. „Dann ist es also ein offener Bruch?“


„Wenn das heißt, dass mein alberner Schienenbeinknochen herausragt, anstatt drinnen zu bleiben, wo er hingehört, dann ja,“ grollte Gimli. „Aber ich muss gestehen, dass ich es vorziehen würde, auf dem Pferderücken in die Häuser der Heilung nach Minas Tirith gebracht zu werden, um einen vernünftigen Heiler zu sehen… einer, der sich nicht jeden Moment ins Kindbett legt.“


„Einen Mann, meint Ihr?“ Noerwen fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. „Also schön, Meister Gimli… ich kann Imhiriel jetzt leicht in die Residenz schicken, um ein paar robuste Waldläufer zu holen, die imstande sind, Euch in die Stadt meines Königs zu tragen. Es mag allerdings sein, dass eine hässliche Entzündung dafür sorgt, dass Euer Bein sich während der Reise rötet, dass es pocht und schmerzt und bis zur Größe eines vollen Weinschlauches anschwillt… was recht schnell geschehen kann, wenn die Wunde nicht ordentlich gesäubert wurde. Und wenn Ihr dann endlich den sechsten Kreis und die Obhut von Meister Oroher erreicht, dann könnte es vorkommen, dass er, um Euch zu helfen, nur noch zur Knochensäge greifen und das Bein unterhalb des Knies abnehmen kann… oder oberhalb, wenn Ihr wirklich großes Pech habt, Ihr sturer, tauber Maulesel von einem Zwerg.“


Es folgte ein Moment völliger Stille, und ein heftiges Gefecht von grünen und brombeerschwarzen Augen. Es war Gimli, der zuerst den Blick abwandte.


„Meister Oroher wird nichts dergleichen tun müssen,“ sagte eine melodische, männliche Stimme von der Tür her, „denn Meister Gimli wird mehr als dankbar und bereit sein, Eure Behandlung über sich ergehen zu lassen. Und nachdem Euer Gatte Augenblick ein wenig behindert ist, Herrin, bin ich willig, Euch zur Hand zu gehen, wo immer es nötig ist.“


„Dankesehr,“ sagte Noerwen, ohne dem Neuankömmling auch nur einen Blick zu gönnen, „Ihr könntet Euren Beistand damit beginnen, dass Ihr in meinen Schuppen hinüber geht. Gleich gegenüber der Tür findet Ihr ein Schränkchen; bitte bringt die Holzstäbe aus der linken Schublade, die Verbandrollen aus der rechten Schublade und die Glasflasche mit Branntwein hinter der mittleren Tür mit.“


„Ich komme gleich zurück,“ sagte der Mann mit der melodischen Stimme, und gleich darauf fiel die Tür zu. Gimli öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne etwas zu sagen, und Noerwen beschloss, sich seine plötzliche Fügsamkeit zunutze zu machen, indem sie dafür sorgte, dass er sich hinlegte. Sie zog ihm den Stiefel aus, den er noch trug.


Damrod näherte sich von hinten, stellte einen Kerzenhalter neben Gimlis Füße und einen anderen dicht neben sein Knie; er reichte ihr ein kleines, scharfes Messer. Sie schnitt sorgsam das Hosenbein weg und fing an, den Behelfsverband abzuwickeln. Der schmuddelige Stoff segelte zu Boden und offenbarte eine große Fläche, auf der sich die Haut zu einem hässlichen Purpur verfärbt hatte. Eine Spur von getrocknetem Blut zog sich bis zum Knöchel hinunter, und mitten in der verfärbten Fläche durchbohrte eine weiße, abgebrochene Spitze das Gewebe.


„Das muss weh tun,“ sagte sie in sachlichem Ton. „Aber wenn Ihr mir gestattet, Euch beizustehen, dann kann ich das Bein sehr wohl retten.“ Ihre Augen begegneten sich, und plötzlich stellte sie fest, dass sie ihn kameradschaftlich anlächelte. „Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, wie Ihr ,Khazâd ai Menu!’ brüllt und auf einem Bein in die nächste Schlacht hüpft.“


Sie wurde mit dem Aufblitzen weißer Zähne über dem gewaltigen Bart belohnt. „Wer hat Euch beigebracht, Khuzdul zu sprechen?“


„Niemand,“ sagte sie leichthin, tastete vorsichtig um die Knochenspitze herum und beugte sich vor, um den Geruch der Wunde zu prüfen. Da war das metallische Aroma von Blut, aber nicht der übelkeiterregende Gestank nach faulendem Fleisch. Nicht vereitert – jedenfalls noch nicht. „Ihr solltet nicht vergessen, dass Eure Taten legendär sind, Gimli Glóinssohn. – Damrod?“


„Ja, Liebste?“


„Würdest du mir die Tinktur aus dem Regal neben dem Geschirrschrank geben, bitte? Ich werde sie brauchen, um die erste Lage Verbände einzuweichen, sobald der Knochen wieder eingerichtet ist.“


Die Eingangstür öffnete sich erneut, und ein halbes Dutzend Verbandrollen, die Glasflasche mit Branntwein und ein sauberes Bündel Holzstangen erschienen in ihrem Blickfeld, von langen, schlanken Händen gehalten.


„Ist es das, was Ihr braucht, Herrin?“


„Ganz genau, danke.“ Noerwens Blick war noch immer fest auf das Bein des Zwergen gerichtet. „Denkt Ihr, Ihr könnt Meister Gimli niederhalten, während ich den Knochen zurechtbringe?“


„Oh, ich denke schon.“ In der Stimme neben ihr schwang ein Hauch Belustigung mit. „Es hat bisher nie die Notwendigkeit für derart gewaltsame Maßnahmen gegeben, aber ich bin der Aufgabe bestimmt gewachsen.“


Ein rumpelndes Schnauben kam von Gimli, und endlich hob Noerwen den Kopf und sah das Gesicht des Mannes, den sie herumkommandiert hatte, ohne ihn auch nur anzusehen. Klare Züge von unfassbar reinem Ebenmaß, dunkle Augen, erfüllt vom fernen Glitzern lang vergangener Zeitalter und eine seidige, goldene Haarmähne, gebändigt und zurückgehalten von schmalen Zöpfen und Lederbändern. Sie schnappte entsetzt nach Luft, kam auf die Beine und war unendlich dankbar für Damrods plötzlichen, stützenden Griff um ihren Ellbogen. Die Tatsache, dass seine Hand vor mühsam unterdrücktem Gelächter zitterte, war dabei absolut keine Hilfe.


„Vergebt mir, Herr Legolas,“ stammelte sie. „Ich habe einfach nicht bemerkt… ich fürchte, ich war ein wenig grob.“


„Nicht im mindesten,“ erwiderte der Elbenprinz heiter. „Und ich muss sagen, dass ich Euren Mangel an höfischem Betragen ziemlich… erfrischend finde.“


„Aber sicher.“ Wieder schnaubte Gimli. „Dich hat man ja auch nicht stur und taub genannt, oder?“


„Weil ich statt dessen hilfsbereit und fügsam gewesen bin,“ erwiderte Legolas; Belustigung klang in seiner schönen Stimme nach wie eine helle Kaskade aus Vogelgesang. „Und würdet Ihr mir jetzt wohl sagen, was genau ich tun soll, Herrin?“


„Noerwen,“ sagte sie; noch immer fühlte sie sich mehr als nur ein wenig schwindelig. „Mein Name ist Noerwen. – Ich werde Meister Gimli jetzt eine gewisse Menge Mohnsirup geben.“ Sie fuhr rasch fort, ehe der Zwerg widersprechen konnte. „Oh, ich weiß, Ihr würdet die Prozedur wahrscheinlich lieber ohne jegliches Schmerzmittel ertragen, aber Euer Körper könnte sich anders entscheiden, ohne zuerst Euren Kopf zu Rate zu ziehen.“


Damrod reichte ihr schweigend die richtige Flasche und einen großen Löffel, und Gimli schluckte die Dosis, die sie ihm verabreichte, ohne jeden weiteren Protest. Noerwen holte eine kleine, flache Schale aus dem Geschirrschrank und füllte sie mit ihrer Ackerschachtelhalm-Tinktur. Sie nahm zwei Verbandrollen, wickelte sie ab und weichte sie in der grünlichen Flüssigkeit ein. Dann wusch sie ihre Hände in der Spüle, feuchtete ein sauberes Handtuch mit dem Alkohol an und tupfte die verfärbte Fläche auf Gimlis Bein vorsichtig damit ab. Sie ging zu Spüle zurück, goss sich eine großzügige Menge Branntwein über die Finger und schüttelte sie, bis sie wieder trocken waren.


Mittlerweile war der Zwerg in einen sanften Dämmerzustand verfallen; seine Augen waren geschlossen, und sie schaute auf ihn hinab, ohne zu sprechen.


„Damrod? Ich habe eine bessere Idee… würdest du Gimlis Oberkörper still halten? Ich fürchte, ich werde die Hilfe von Herrn Legolas für etwas anderes brauchen.“


Ihr Ehemann trat neben sie. „Aber ich kann ihn nicht festhalten; ich kann nur meinen linken Arm benutzen.“


„Das musst du auch nicht; leg einfach dein ganzes Gewicht auf seinen Bauch und seine Hüften… und bereite dich besser darauf vor, dass er um sich schlagen könnte…“


„… und dass er flucht,“ fügte Legolas hinzu. Vielleicht solltet ihr seine Arme an beiden Seiten nach unten drücken und sie ebenfalls festhalten… oder Ihr brecht Euch noch etwas, falls er versucht, Euch abzuschütteln.“


„Wenn überhaupt,“ sagte Noerwen. „Das war eine sehr reichliche Dosis Mohnsirup. Herr Legolas, ich hätte gern, dass Ihr euch zu seinen Füßen hinsetzt, den Knöchel seines verletzten Beines mit beiden Händen umfasst und zieht, bis ich Euch sage, dass Ihr aufhören sollt.“


„Ziehen?“ sagte der Elbenprinz und runzelte die Stirn. „Wozu das?“


„Es wird helfen, den Knochen wieder einzurichten; wenn alles gut geht, wird die abgebrochene Spitze wieder hineinrutschen. Und in einer Hinsicht hat Meister Gimli Recht gehabt… ich muss vorsichtig sein, wenn es um körperliche Anstrengungen geht. Ich fürchte, ich muss im Augenblick auf Eure Kraft vertrauen. Zieht einfach, sobald ich es Euch sage… nicht jäh, sondern sachte und langsam. Ich werde die Wunde überwachen und Euch sagen, dass Ihr aufhören sollt, sobald wir unser Ziel erreicht haben.“


Der Elf bewegte sich zu Gimlis Fuß hinunter und setzte sich auf den Fußboden. Er streifte sorgsam die dicke, gestrickte Socke vom Fuß seines Freundes, bevor sich seine Hände fest um den Knöchel schlossen. Noerwen kniete sich neben die Pritsche, den Blick unverwandt auf die Verletzung gerichtet. Sie spürte, wie Damrod sie streifte, als er sich über den Zwerg beugte, und dann knarrte der hölzerne Rahmen unter seinem Gewicht. Sie spürte, wie sich das Kind in ihrem Leib regte, und ganz kurz einen weißglühenden, schmerzhaften Stich in ihrem Rückgrat. Nicht gerade jetzt, Kleines. Wart noch ein bisschen länger, ja?


„Nun, Her Legolas… ziehen.“


Das verletzte Glied streckte sich im Griff des Elben. Gimli gab ein schläfriges, verwirrtes Murmeln von sich, und sein Becken hob sich einen Moment lang von der Pritsche.


„Halt ihn unten, Liebster.“ Noerwens Stimme war leise, aber scharf. Sie wandte den Kopf und sah Damrods beruhigendes Lächeln, während er seine heile Schulter gegen Gimlis Hüfte presste.


“Weiterziehen… aber ganz langsam jetzt. Vorsichtig…“


Sie drückte ihre Handfläche gegen das Bein und spürte die wachsende Spannung unter der Haut. Noch immer geschah nichts; nur ein paar Blutstropfen erschienen am Rand der kleinen Wunde und sickerten hinunter auf die dünne Matratze. Und dann… da… jetzt… der Knochen wurde eindeutig kleiner. Sie schaute mit triumphierender Faszination zu, wie die abgebrochene Spitze in der verletzten Haut verschwand.


“Halt!“


Sie tastete an der Tibia entlang, bis zum Knie hinauf und zum Fuß hinunter… nein, noch hatten sie es nicht erreicht.


„Zieht noch ein bisschen weiter, ja? Nur ein klein wenig… ja… genug!“


Aha. Jetzt waren die beiden Knochenenden an der richtigen Stelle. Die Wunde war nicht sehr groß, aber sie würde sie nähen müssen – sobald sie sicher war, dass keine Entzündung auftrat.


„Imhiriel? Würdest du mit bitte die Schale mit den Verbänden bringen?“


Die Magd hatte sich im Hintergrund gehalten und die spannenden Ereignisse beobachtet, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Jetzt hastete sie an Noerwens Seite, sichtlich aufgeregt, dass sie plötzlich selbst an dem Drama beteiligt war. Noerwen holte den ersten Verbandstreifen aus der Schale, wrang ihn aus und legte ihn zusammengefaltet auf die Wunde. Zwei zusätzliche Lagen hielten den Kräuterumschlag an Ort und Stelle fest, und endlich sank sie mit einem großen Seufzer der Erleichterung auf die Fersen zurück.


„Ich danke Euch, Her Legolas,“ sagte sie. „Vielen Dank… das hier wäre ohne Eure Hilfe nicht möglich gewesen. Ihr seid wahrhaftig ein geschickter Beistand. Und jetzt fürchte ich, Ihr werdet mich vom Boden hoch hieven müssen… da ist noch ein Arm, den ich zu schienen habe.“


„Mit Vergnügen.“ Er beugte sich vor, ihre Finger verschlangen sich und er zog sie ohne jede Anstrengung auf die Füße. Sie standen Angesicht zu Angesicht, während er noch immer ihre Hände festhielt, und plötzlich wechselte sein Gesichtsausdruck von freundlicher Anerkennung zu tiefer Bestürzung.


Noerwen runzelte die Stirn. „Herr Legolas… ist Euch nicht wohl?“


„Nein. Nein, ich bin…“ Er brach ab; noch immer starrte er sie mit offener Verblüffung an, sogar mit einer gewissen Furcht. Plötzlich löste er seinen Griff und trat zurück. Als er wieder sprach, war seine Stimme sehr leise.


„Wer bist du?“


Noerwen holte tief Atem; sie spürte mehr als dass sie es sah, wie Damrod neben sie trat. Eine beruhigende Hand schloss sich um ihre Schulter und sie legte dankbar ihre Finger darüber.


„Ich bin Noerwen von Ithilien, die Frau des Damrod,“ sagte sie ruhig. „Was denkt Ihr, wer ich bin?“


„Ich weiß es nicht.“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Du… du bist… süßer Eru, welche Laune der Valar hat dich hergebracht?“


Noerwen schluckte; das Blut strömte ihr mit einemmal eiskalt durch die Adern. Er wusste es.


„Es hat niemals irgend eine ,Laune’ gegeben,“ brachte sie mühsam heraus. „Und ich würde vorschlagen, dass wir Euer… Euer plötzliches Misstrauen ein wenig später besprechen, sobald ich Gelegenheit hatte, mich um den Arm meines Mannes zu kümmern. Vielleicht könntet Ihr zur Residenz hinauf reiten und ein paar Männer mit hierher bringen, um die Pritsche in meinen Kräuterschuppen zu tragen… ohne das Bein zu erschüttern, natürlich. Meister Gimli braucht jetzt sehr viel Ruhe. Gute Nacht, Herr Legolas.“


Sie wandte sich von ihm ab, nahm das Messer und schnitt sorgfältig den Ärmel von Damrods Hemd ab. Mit großer Erleichterung stellte sie fest, dass ihre Hände nicht im Mindesten zitterten; es gelang ihr, den Bruch zu schienen, den verletzten Arm in eine Schlinge zu legen und ihn mit dem Rest der Verbandrollen am Oberkörper ruhig zu stellen. Hinter ihr war kein Laut zu hören; als sie ihre Arbeit beendet hatte und es wagte, sich umzudrehen, da war der Elb spurlos verschwunden.


„Imhiriel?”


“Frau Noerwen?“


„Würdet Ihr auf Herrn Legolas und die Männer warten? Ich denke, er wird über seinen Freund wachen wollen; sobald Meister Gimli in den Schuppen gebracht worden ist, kannst du mit den Waldläufern gemeinsam in die Residenz zurück.“


„Wie Ihr wünscht.“ Die Magd spähte ihr etwas genauer ins Gesicht. „Wenn es Euch nichts ausmacht… Ihr solltet Euch besser hinlegen. Euer Gesicht ist so weiß wie saure Milch.“


„Sie hat Recht.“ Damrods gesunder Arm drückte sie fest an sich, und sie fühlte seine Lippen in ihrem Haar. „Du brauchst wenigstens so viel Ruhe wie unser verletzter Gast. Komm mit mir, Liebste… du solltest schlafen.“



*****



“Sehr gut!“


Noerwen schaute mit einem Gefühl äußerster Zufriedenheit auf Wunde hinunter. Noch immer kein Anzeichen von Entzündung, und Gimli hatte auf seiner Pritsche still genug gehalten, dass die Knochenenden sich noch immer an Ort und Stelle befanden. Nach der letzten, anstrengenden Nacht hatte ein langer Schlaf bis zum Mittag für ihre Verfassung Wunder gewirkt, und auch wenn sie vom Haus zu Scheune hatte watscheln müssen wie ein dickbäuchiger Mûmak, fühlte sie sich bemerkenswert gut aufgelegt.


„Bedeutet dieses selbstgefällige Lächeln auf Eurem Gesicht, dass ich in nächster Zeit wohl doch nicht Bekanntschaft mit einer Knochensäge machen muss?“ fragte der Zwerg barsch.


„Die Dinge sehen viel versprechend aus“, versicherte sie ihm, während sie den nächsten Verbandstreifen über der Schale auswrang. „Wenn Ihr für die nächsten drei Tage bleibt, wo Ihr seid – oder vielleicht die nächsten vier – dann kann ich die Wunde zunähen, und Ihr könnt heraus aus diesem Schuppen. Ich weiß, es gibt bequemere Orte in Ithilien.“


„Es gibt auch schlimmere Orte,“ sagte Gimli, dessen Gesicht sich plötzlich entspannte. Er schaute sie an, aber sie begriff, dass die dunklen Augen unter den buschigen Brauen etwas anderes sahen, weit entfernt, in einer anderen Zeit. „Wirklich schlimmere Orte, und nicht nur in Ithilien. Ich habe versucht, in einer Schneewehe auf dem Barazinbar zu schlafen, ich habe mich auf dem feuchten Steinboden in einem Flur in Khazad-dûm zusammengerollt, auf der Suche nach ein paar flüchtigen Stunden Ruhe, und ich habe ohne einen Moment der Rast auf den Zinnen einer Rohirrim-Festung gewartet, während der Regen hinunterströmte und die Luft nach Furcht und Verzweiflung stank.“


Sie drückte den Kräuterumschlag auf die Wunde, wickelte einen frischen, sauberen Verband darum und ließ das Bein vorsichtig wieder auf die Pritsche hinabsinken. „Die schlaflose Nacht hat sich in Helms Klamm abgespielt, nicht wahr?“


„Ja,“ grollte er, „ehe diese dreckigen Uruks kamen. Den Rest der Nacht haben wir damit verbracht, sie zurückzuwerfen, und meine Axt hat ihr Blut getrunken.“


„Und Barazinbar – ist das nicht das zwergische Wort für Caradhras?“


Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Interesse und plötzlicher Zuneigung. „Ja, Herrin. Seid Ihr wirklich sicher, dass Ihr nie Khuzdul gelernt habt?“


„Das bin ich, Meister Zwerg.“ Noerwen lächelte. „Ich habe meine Kenntnisse in Sindarin sehr verbessert, und ich kenne sogar ein paar Worte und Redewendungen in Quenya, aber Eure Sprache ist zu verzwickt, sogar für jemanden mit einer großen Liebe zum gesprochenen Wort.“


Er blickte auf seine Finger hinunter. „Ich vergaß Euch zu danken,“ sagte er nach einer langen Pause, „dass Ihr mich geheilt habt. Es gibt nicht mehr so viele Schlachten zu schlagen wie in den Dunklen Zeiten, aber selbst für die Aufgabe, einen neuen Palast in meine wundervollen Glitzernden Höhlen zu schnitzen, braucht es einen Baumeister mit zwei Beinen.“


Sie beugte sich vor und tätschelte seine knorrige Hand.


„Es war nicht nur meine Pflicht, sondern auch mein Vergnügen,“ sagte sie mit ehrlicher Wärme. „Und jetzt muss ich Euch für ein Weilchen alleine lassen; ich bin sicher, Herr Legolas wird jeden Moment von Emyn Arnen zurück sein, aber mein Mann kann mit nur einem Arm keine Mahlzeit zubereiten, und ich muss in meine Küche, um ihm sein Mittagessen zu kochen. Wir werden einen Kanincheneintopf haben, mit Kartoffeln und Kräutern, und ich bringe Euch eine Portion, sobald er fertig ist.“


„Ich freue mich darauf,“ sagte Gimli; ein Grinsen lichtete seinen haarigen Bartdschungel. „Und Ihr seid besser achtsam in Eurem Zustand.“


Noerwen stand in der Tür des Schuppens und schaute mit einem spitzbübischen Lächeln zu ihm zurück. „Keine Sorge,“ sagte sie. „Ich werde meinen Nachwuchs schon nicht auf der Wiese werfen; ich bin ziemlich sicher, ich schaffe es noch rechtzeitig in mein Bett.“


Sie schloss die Tür, und sein dröhnendes Gelächter folgte ihr über den Rasen, während sie langsam zum Haus zurückging. Als sie das Wohnzimmer betrat, sah sie Damrod und einen der jüngeren Waldläufer mit zwei Krügen Bier am Fenster sitzen.


„Wie geht es ihm?“ fragte Damrod.


„Gut; die Wunde sieht hervorragend aus, und er hat nicht einmal Fieber. Er benimmt sich zwar nicht immer wie ein Maulesel, aber er hat ganz sicher die gleiche Konstitution.“ Sie wandte sich an den Waldläufer. „Guten Morgen, Meldon. Habt Ihr es eilig, oder würdet Ihr gern zum Mittagessen bleiben?“


„Danke, Frau Noerwen, aber nein,“ sagte der junge Mann. „Ich bin heute Mittag im Dienst, und die Fürstin Éowyn hat mich gebeten, Euch davon Mitteilung zu machen, dass die Hebamme heute Nachmittag herüber kommt. Und die Fürstin hat den Wunsch, Euch morgen früh zu besuchen, um ihrer Dankbarkeit für die Dienste als Heilerin Ausdruck zu verleihen, die Ihr Herrn Gimli erwiesen habt.“


„Eru sei Dank, dass sie nicht annähernd so aufgeblasen ist wie Eure Nachricht“, erwiderte Noerwen heiter und ging zum Herd hinüber. Sie hatte das Kaninchenfleisch und die Kartoffeln bereits säuberlich in Würfel geschnitten, und der Eisentopf über der Feuerstelle schickte duftende Dampfkringel in Richtung Decke.


Sie wollte Fleisch und Gemüse gerade in die Brühe geben, als ein dumpfer Schmerz ihr das Rückgrat hinunter kroch und in der Gegend ihres Unterleibes lasten blieb. Sie stand reglos da und wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass dieser Schmerz wie üblich verging, so wie sonst in den letzten paar Wochen, während das Kind sich drehte und seine endgültige Lage fand. Aber dies war anders. Etwas verkrampfte sich tief in ihrem Bauch und riss, und dann ergoss sich ein kräftiger Schwall warmer Flüssigkeit aus ihrem Leib, lief ihr die Beine hinunter und durchweichte ihren Rock.


„Damrod…!”


Mit wenigen raschen Schritten war er neben ihr. „Liebste? Was…“


„Mein Wasser ist gerade abgegangen“, hörte sie sich durch den dröhnenden Herzschlag in ihren Ohren sagen. Wie konnte sie nur so gelassen klingen? Sie sah die Besorgnis und die Aufregung in seinem geliebten Gesicht und klammerte sich an seine Hand, während sie sich zu Meldon zurückwandte.


„Das Mittagessen werden wir wohl vergessen müssen,“ stellte sie fest und zog ein Gesicht. „Es sei denn, wir finden jemand anderen, der es kocht. Würdet Ihr bitte sofort in die Residenz zurückreiten und der Hebamme sagen, dass sie sich beeilen soll? Ich fürchte, ich brauche sie jetzt… sofort.“



*****



Es war einer der allerersten milden Tage in diesem Frühling, mit einem blassblauen Himmel und dahinsegelnden Wolken, aber Damrod von Ithilien hatte kaum die Zeit, ihn zu genießen oder auch nur zu bemerken. Meldon hastete in Richtung Residenz, als sei ihm der Hexenkönig auf den Fersen, und er war im Handumdrehen wieder da, ein kleines Gefolge im Kielwasser. Da war Alassiel, die Hebamme, und mit ihr kam Erion, dem gestattet wurde, das Geburtszimmer gerade lange genug zu betreten, um sich gründliche Anweisungen darüber abzuholen, wie ein verwundetes Zwergenbein richtig behandelt werden musste. Imhiriel traf ein, krempelte die Ärmel hoch und rettete das Mittagessen, bevor die blubbernde Fleischbrühe verkochen und den Topf ruinieren konnte. Und gemeinsam mit Heilern und Dienerin kam die Fürstin Éowyn; sie trotzte mühelos der Hebamme und saß bei Noerwen, während Alassiel Imhiriel von der Feuerstelle verscheuchte und einen Kessel mit frischem Wasser aufsetzte.


Dann fanden Erion und Imhiriel endlich Zeit, etwas von dem Eintopf zu essen, und Alassiel trug eine kleine Schüssel zu der Wöchnerin nach oben. Später an diesem Nachmittag erschien Herr Legolas, um seinem verletzten Gefährten Gesellschaft zu leisten und Éowyn höchstpersönlich servierte dem Elben und dem Zwerg den Rest des Eintopfes. Das war der Moment, als Damrod klar wurde, dass er selbst seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, aber sein Magen hatte sich ohnehin in ein verkrampftes Nervenbündel verwandelt. Wenigstens wurde ihm erlaubt, seine Frau für zehn kostbare Minuten zu sehen, bevor die Hebamme die Tür endgültig vor allem „Mannsvolk“ verschloss, weil die Geburt jetzt allen Ernstes anfing, und „weil wir Frauen anständig zu Ende bringen müssen, was vor neun Monaten mit dem Vergnügen eines Ehemannes angefangen hat.“


Die Zeit verrann, während die Sonne langsam hinter dem Horizont versank, und noch immer gab es keine Neuigkeiten aus dem ersten Stock. Die Fürstin war schon lange in den Palast zurückgekehrt, und Erion wechselte pflichtbewusst ein letztes Mal den Verband um Gimlis Bein, bevor er sich ebenfalls von Damrod verabschiedete und Imhiriel mitnahm, als er ging. Legolas kam einmal vom Schuppen hinauf zum Haus, aber nach einem scharfen Blick auf das weiße, erschöpfte Gesicht des werdenden Vaters verzichtete er weise darauf, ein längeres Gespräch anzufangen und riet ihm, sich auszuruhen. Zum ersten Mal nach der letzten, turbulenten Nacht und diesem langen Tag begriff Damrod, dass er wirklich am Ende seiner Kräfte war.


Er spülte eine gebutterte Scheibe von Noerwens Zimtbrot mit einem Glas Apfelwein aus der Speisekammer herunter und ging steifbeinig zu dem Schaukelstuhl neben dem Fenster hinüber. Mit einem Seufzer ließ er sich darin nieder und genoss die plötzliche, tiefe Stille nach all dem andauernden Hin und Her in seiner Küche. Eine wirklich tiefe Stille… kein Laut kam aus der Schlafkammer, wo Noerwen noch immer damit beschäftigt war, ihr erstes Kind auf die Welt zu bringen. Alassiel war in regelmäßigen Abständen im Erdgeschoss erschienen, um ihm zu versichern, dass alles so voranging, wie es sollte; das letzte Mal hatte sie ihm gesagt, dass das Kleine das Licht dieser Welt noch vor der Morgendämmerung erblicken würde, worauf sie beruhigend mit der Zunge schnalzte und ihm tröstlich die Schulter tätschelte. Süßer Eru, dachte er, geleite meine Liebste sicher durch diese Quälerei… und halte deine Hände über das Kind.


Sein Kopf sank nach hinten, und er schlief ein.


*****


“Damrod?“


Eine Hand berührte seinen Arm und rüttelte ihn sanft.


„Damrod? Wach auf, Junge.“


Beinahe fünfundzwanzig Jahre waren verstrichen, seit irgendjemand ihn zuletzt „Junge“ genannt hatte, und er kämpfte sich den Weg zurück aus den Tiefen eines traumlosen Schlummers, während er durch ein Niemandsland zwischen seiner Kindheit und den späteren Jahren als Mann dahintrieb. Dann tauchte ein Gesicht in seinem Geist auf,,, grüne Augen, voll von zärtlichem Mutwillen, blasse Haut, durchscheinend wie eine Muschel und eine feurige Haarmähne… seine Frau, sein Herz, der größte Segen seines Lebens. Jetzt schlug er wieder Wurzeln in der Zeit; er spürte die Kissen unter seinem Körper, sein zerknittertes Hemd und die Stiefel, die abzustreifen er sich nicht die Mühe gemacht hatte, bevor er sich seiner knochentiefen Erschöpfung überließ.


„Damrod? Um Himmels Willen, wach jetzt auf, oder willst du wirklich darauf verzichten, deine Tochter Willkommen zu heißen?“


Er setzte sich jäh auf und gaffte die Hebamme wie ein Narr mit offenem Mund an.


„Meine… meine Tochter?“


„Ja, deine Tochter. Ein wunderschönes, kleines Vögelchen, und alle Finger und Zehen da, wo sie hingehören. Und deine Frau hat die Geburt ausgezeichnet gemeistert; sie ist jetzt ein wenig müde, aber so gesund und heiter wie ein heller Tag im Frühling.“


Meine Tochter. Und Noerwen ist gesund.


Mit einer hastigen Bewegung war er aus dem Stuhl, noch immer ein wenig unsicher auf den Beinen… nur seine lang geschulten Instinkte als Waldläufer und Krieger bewahrten ihn davor, geradewegs gegen den Geschirrschrank zu laufen. Er hastete die hölzerne Treppe hinauf, Alassiels belustigtes Glucksen hinter sich, und einen Moment später platzte er in die Schlafkammer.


Ein paar Kerzen flackerten in einem silbernen Leuchter auf dem Nachtkasten und warfen einen matten, goldenen Kreis auf das Bett. Noerwen saß aufrecht da, den Rücken von einem Stapel Kissen gestützt. Ihr Haar war eine Masse wirrer Strähnen, das helle Kupfer dunkel vor Schweiß, und ihr Gesicht war sehr bleich. Aber als er sich neben das Bett kniete und ihre Wange liebkoste, lehnte sie sich in seine Berührung hinein, die Augen strahlend vor Freude.


„Damrod…“ flüsterte sie. „Mein Liebster, darf ich dir deine Tochter vorstellen?“


Jetzt wandte er den Blick von seiner Frau ab und er schaute auf das kleine Bündel hinunter, das sie in den Armen hielt. Ein rotes, zerknittertes Gesicht schaute aus dem Stoff heraus, gekrönt von einem jettschwarzen Haarschopf, mit fest zugekniffenen Augen, die Mundwinkel in stillem Protest gekräuselt. Er hörte sich selbst leise lachen.


„Sie sieht absolut… verärgert aus.“


„Natürlich tut sie das. Wir hatten beide eine anstrengende Nacht. Mach dir keine Sorgen… sie wird sich an uns gewöhnen, mein Herz."


Zögernd streckte er die Hand aus und strich mit einem Finger durch das flaumweiche Haar und über die kleine Stirn hinunter zur Wange. Plötzlich öffnete das kleine Mädchen ein Paar blassblauer Augen und spähte zu ihrem Vater hinauf. Damrod spürte seinen Herzschlag stolpern, während er auf das erste, wütende Gebrüll wartete. Aber seine Tochter entschied sich anders; ihr Gesicht entspannte sich, und unvermittelt drehte sie den Kopf. Ihre geschürzten Lippen fanden seine Fingerspitze und saugten mit überraschender Kraft.


„Oh… sie hat Hunger.“ Noerwen lächelte. „Ich werde sie füttern, und dann wird sie hoffentlich schlafen… genau wie ich.“ Sie löste die Kordel ihres Nachthemdes mit einer Hand, streifte sich das dünne Leinen von den Schultern und ließ es über ihre Brüste hinabgleiten. Sie fing seinen Blick ein und lächelte mutwillig. „Ich brauche ein paar Nachthemden, die ich aufknöpfen kann.“


„Ganz im Gegenteil!“ Er beugte sich vor küsste sie. „Ich mag die Aussicht, mein Liebstes.“


„Ach, wirklich?“ Sie lehnte sich zurück und zog den Kopf des Babys an ihre Brust. Damrod sah mit tiefer Faszination zu, wie sich die Lippen seiner Tochter an einer dunklen Knospe festsaugten; sie gab kleine, zufriedene Geräusche von sich, und ein Arm nestelte sich aus dem Wickeltuch frei, die rosigen Finger an Noerwens bloßer Haut zu einer winzigen Faust geballt. Binnen Minuten hatte sie sich satt getrunken und schlief ein, den Mund halb offen. Damrod verspürte das wachsende Verlangen, es ihr gleichzutun, aber bevor er sich entscheiden konnte, ob er zu seiner Frau auf das Bett klettern oder eine Decke auf dem Fußboden ausbreiten sollte, öffnete sich die Tür hinter ihm und die Hebamme betrat den Raum.


„Ach – hat das kleine Vögelchen seine erste Mahlzeit schon gefunden?“ Sie kam zum Bett herüber. „Sehr schön! Dann wollen wir sie jetzt in die Wiege legen, damit ich Euch helfen kann, Euch wieder anständig anzuziehen.“ Ein gestrenger Blick in Richtung Damrod. „Ihr habt Eure Frau bald genug wieder zurück, aber jetzt sollte sie die Ruhe bekommen, die sie nach so einer langen Nacht der Arbeit verdient, meint Ihr nicht?“


„Natürlich sollte sie das, Herrin,“ erwiderte Damrod voller Demut, wobei er ein Grinsen unterdrückte. Als Alassiel das Baby aus Noerwens Armen nahm und es vorsichtig in die Wiege legte, beugte er sich vor und stahl sich rasch noch einen weiteren Kuss; er spürte, wie sich Noerwens Lippen an seinem Mund zu einem Lächeln verzogen.


„Schlaf gut, liebstes Herz,“ flüsterte er. „Danke dafür, dass du uns dieses Kind geschenkt hast.“


„Danke dafür, dass du ihr Vater bist,“ flüsterte sie zurück. Ihr fielen bereits die Augen zu, und er erlaubte Alassiel, ihm vom Boden aufzuhelfen und ihn sanft aus dem Zimmer zu schieben. Langsam ging er die Treppen hinunter, sein Gesicht erfüllt von freudigem Staunen. Das Bild der Frau, die er liebte, gemeinsam mit seinem neugeborenen Kind, brannte wie ein wärmendes Feuer in seinem Herzen.



*****



Er trat aus dem Haus und atmete die frische Luft des frühen, klaren Morgens in tiefen Zügen ein. Der Himmel wurde heller, der Horizont trug einen blassrosigen Streifen am Horizont; noch eine halbe Stunde, und im Osten würde die Sonne aufgehen. Einem plötzlichen Impuls folgend, setzte er sich auf die Bank neben dem Eingang und schnürte einhändig die Stiefel auf, die er immer noch trug. Ungeschickt zog er sich auch die Socken aus; er stand wieder auf und trat von dem Kiesweg hinunter. Mit einem Seufzer grub er die Zehen in das taunasse, frisch gemähte Gras und segnete im Stillen Elboron für seine eifrige Hilfsbereitschaft.


„Guten Morgen, Damrod.“


Er wandte den Kopf; das gedämpfte Licht der Dämmerung fing sich in langem, ungeflochtenem Haar und schuf eine Aureole aus blassem Gold rings um das Haupt von Legolas dem Elb. Er stand kaum zwei Meter von ihm entfernt; Damrod starrte ihn an, einmal mehr verblüfft von seiner Fähigkeit, sich völlig lautlos zu bewegen. Er verneigte sich tief.


„Guten Morgen, Herr. Wie geht es Meister Gimli?“


„Er schläft tief und fest,“ erwiderte Legolas. „Was mir die Gelegenheit gibt, auf die Weise Ruhe zu finden, wie mein Volk es tut; indem ich zwischen den duftenden Beete in diesem schönen Garten umherwandere und den Geruch von Kräutern und Blumen einatme.“ Sein scharfer Blick streifte prüfend Damrods Gesicht. „Wie geht es Eurer Frau?“


Damrods Gesicht erstrahlte in einem breiten Lächeln. „Unser Kind ist geboren, und Noerwen geht es gut… genau wie dem Baby. Es ist ein Mädchen.“


„Möge der Segen der Valar auf Euch und Eurer Familie liegen,“ sagte der Elb und verneigte sich seinerseits. „Eure Frau ist bemerkenswert… und eine gute Heilerin. Mein Freund hätte ohne ihr Geschick und ihre… Willensstärke wahrscheinlich sein Bein verloren.“


„Noerwens Willensstärke ist eines der Dinge, die ich an ihr liebe und bewundere,“ antwortete Damrod langsam. „Ohne diese besondere Stärke wäre sie vielleicht nicht hier bei mir.“


Es war eine offene, wohlbedachte Herausforderung. Für einen Sekundenbruchteil war das schöne Gesicht des Elben vollkommen ausdruckslos; es folgte ein langes Schweigen, und endlich seufzte er.


„Ich hatte mich schon gefragt, ob Ihr es wisst,“ sagte er. „Ich fragte mich, ob Ihr Euch der Tatsache bewusst seid, dass Eure Frau kein Kind von Arda ist.“


„Nun, natürlich habe ich es gewusst,“ entgegnete Damrod. „Ich begegnete ihr kurz bevor der Krieg ernsthaft begann; während der Belagerung von Minas Tirith hat sie in den Häusern der Heilung gearbeitet. Es ist eine lange und ziemlich merkwürdige Geschichte.“


„Innerhalb der nächsten Stunde gehe ich sicherlich nirgendwo hin,“ sagte Legolas: ein ironischer Funkle glitzerte in seinen tiefgründigen Augen. „Und ich möchte begreifen, wie es kommt, dass die Grenzen von Mittelerde offenbar für eine Fremde aufgetan worden sind… das ist ein ziemlich beunruhigender Gedanke. Die Wahrheit darüber herauszufinden würde viel dazu tun, meinen Geist zu erleichtern.“


Und so gingen die beiden Männer Seite an Seite die Wiese auf und ab, hin und her zwischen dem Haus mit den Zedernschindeln und dem Schuppen, aus dem Gimlis dröhnendes Schnarchen zu vernehmen war, entlang an den Beeten, wo die Luft schwer war vom Duft von Rosmarin, Salbei und Kamille. Damrod entfaltete die wundersame Geschichte seiner Liebe zu Noerwen wie einen farbenfrohen Teppich, und Legolas lauschte gespannt und stellte von Zeit zu Zeit eine kurze Frage. Als die Erzählung zu Ende war, glitzerten die Tautropfen im ersten Licht der Sonne wie bleiche Juwelen, und sie saßen auf der Bank neben der Vordertür des Hauses.


„Zwei Jahre habe ich auf ihre Rückkehr gewartet,“ sagte Damrod leise. „Ich wusste, ich hatte kein Recht zu hoffen, kein Recht, sie für mich zu beanspruchen. Es gab Zeiten, in denen ich kurz davor war, aufzugeben, und im zweiten Frühling, nachdem sie spurlos verschwunden war, entschied ich, ganz einfach dem Einen und den Valar dafür zu danken, dass mir die Gnade verliehen worden war, sie solange zu lieben, wie ich konnte, in jenem einen, turbulenten Sommer in der schwergeprüften Stadt. Und dann, eines Tages, kam ich von einem Erkundungsritt zurück, und als ich aus dem Stall kam, da…“


Er brach ab und suchte nach den richtigen Worten, um diesen Moment zu beschreiben, der sein ganzes Leben erschüttert hatte.


„Sie kam über die Wiese, geradewegs in meine Arme,“ fuhr er endlich fort. „Es war ein Wunder, ein Geschenk, absolut unfassbar… und vollkommen unverdient. Sie war die Antwort auf meine Gebete, und seither hat sie mich nie wieder verlassen.“


Sie sprachen eine ganze Weile nicht, aber es war ein friedliches, kameradschaftliches Schweigen. Damrod beobachtete Legolas aus den Augenwinkeln; er studierte das ruhige, schöne Gesicht und wartete geduldig auf den Urteilsspruch des Elben. Aus den Zweigen der alten Eiche neben dem Schuppen stieg ein Vogel auf in den Himmel, seine Stimme klar und durchdringend süß, wie eine triumphierende Fanfare für den neuen Morgen.


Plötzlich regte sich Legolas neben ihm; er folgte dem Flug des Vogels mit seinen scharfen Augen.


„Ich habe das Lied der Lerche immer geliebt,“ sagte er, erhob sich von der Bank und streckte Arme und Rücken mit leichter Anmut. „Lírulin nennen wir sie in der alten Elbensprache, die ,Morgensängerin’… Herold des Tages und Botin der Hoffnung.“


Er wandte sich mit einem Lächeln zu Damrod.


„Ich kann nicht vorgeben, dass ich die Absichten des Einen in dieser Sache begreife,“ sagte er, „aber Euer Schicksal ist für mich ein Wunder und eine Freude, und beinahe fühle ich mich wieder jung. Ich bin froh, Euch und Eurer Frau begegnet zu sein, Damrod von Ithilien… Ihr seid wahrhaftig gesegnet. Und möge dieser Segen nie vergehen.“


Er drehte sich um und ging über das Gras davon, während er leise vor sich hinsang. Damrod schloss die Augen; die Sonne wärmte ihm das Gesicht.


Morgensängerin – Herold des Tages und Botin der Hoffnung.


„Lírulin,“ murmelte er, und die hellen Silben rollten über seine Zunge dahin wie Musik. „Lírulin..."


Die Vordertür öffnete sich und Alassiel trat aus dem Haus ins Freie.


“Ich mache gerade Frühstück,“ sagte sie und trocknete sich beide Hände an ihrer großen Schürze ab. „Ihr müsst hungrig sein, und ich könnte auch einen Bissen vertragen. Oh… hab Ihr übrigens schon einen Namen für Euer kleines Vögelchen ausgesucht?“


Damrod betrachtete sie mit tiefer Zufriedenheit.


”Ob Ihr es glaubt oder nicht, das habe ich tatsächlich,“ sagte er mit einem Lächeln. „Es ist der schönste Name, den man sich nur vorstellen kann.“


FINIS
*siehe meine Winterfeuer-Erzählung: 'Ein verschollenes Prinzchen'

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