Geschichten aus Mittelerde

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Allein
by Dairyû

Chapter #1

Allein ...
So allein ...


Um mich herum ist das Leben.
Endlich ... nach so langer Zeit und solch großen Opfern. Die Stadt ist wieder unser und das Blut nicht umsonst vergossen worden.
Ich sehe an mir herab. An meinen Gewändern könnte man nicht mehr erkennen, wer ich bin, so zerschlissen und besudelt sind sie.
Irgendwer klopft mir anerkennend auf die Schulter und ist so schnell fort wie ein Gedanke. Jemand anders ruft mir etwas zu. Ich kann es nicht verstehen, aber ich nicke kurz.
Diese Männer kennen mich als einen der ihren und behandeln mich wie ihresgleichen. Ich sollte stolz darauf sein, eine solche Anerkennung zu genießen, ich bin Teil einer Gemeinschaft, in der jeder für den anderen und unser aller Ziel einsteht.

Im Morgengrauen waren wir in aller Heimlichkeit heran geritten und hatten den Fluss durchschwommen. Der Feind war nachlässig gewesen und nicht bereit. So wenig achten sie uns und halten Gondor für schwach. Wir haben ihnen bewiesen, dass auch ein alter Wolf noch Zähne hat.
Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht.
Ketzerisch Gedanken.
Doch sind sie nicht wahr?
Gondors Glanz erlischt mit jeder Generation, die ein Truchsess herrscht. Es ist eine Notwendigkeit, aber es ist nicht recht. Nur sehe ich keine andere Zukunft, als die, die seit Jahrhunderten Vergangenheit ist.
Mein Blick gleitet über den Fluss und wird dann zu dem Gebirge gezogen, das die natürliche Grenze zum verfluchten Land des Feindes kennzeichnet. Schroff und rau ragen die grauen Gipfel in den Himmel. Viel zu nah und deutlich durchschneiden die gezackten Grate die massigen und finsteren Wolken, die, wie von Zauberhand gehalten, über dem Schattengebirge hängen; eine stete Drohung, die uns daran erinnert, was einmal sein könnte. Dort herrschen Dunkelheit und Schrecken.

Vielleicht ist ja das unsere Zukunft ... das Haupt vor einem zu beugen, der Tod und Verderben mit sich bringt, über uns triumphiert und uns dann hinwegfegt wie der Herbststurm die welken Blätter, deren Kraft nicht mehr ausreicht, um dem Vergehen zu trotzen.
Dann ertrage ich es lieber und mit Freuden der Sohn meines Vaters zu sein; auch wenn es mir häufig scheint, als liege ein eiserner Ring um meine Brust, der mir das Atmen schwer macht.

Allein ...
So allein ...


Gejohle brandet unter den Männern auf, als einer von ihnen den Kopf eines Feindes ergreift und auf eine Lanze spießt. So haben sie es vor kurzem noch mit uns gemacht. Als wir in die Stadt eindrangen, begrüßten uns die toten Augen unserer Brüder. Qualen waren ihn ihre Gesichter geschrieben, für die es keine Worte geben kann, einzig die bange Hoffnung, dass ihre Seelen Frieden finden mögen.

Die Grausamkeit des Feindes war ein Grund mehr, in der Schlacht keine Gnade zu zeigen. Wir haben gesiegt .. wenigstens für eine Weile. Über Osgiliath flattert stolz das Banner Gondors, und mag die Dunkelheit im Osten über dem Schattengebirge auch tiefer werden; hier und heute schreckt sie uns nicht. Wir können mit voller Gewissheit sagen, dass es ein triumphaler Sieg war.

Kein einziger Ork hat überlebt. Ihre stinkenden Kadaver sind ein beredtes Zeugnis für den gerechten Zorn unserer Krieger.
So wird es ein wenig dauern, bis Er erfährt, dass die alte Stadt wieder unser ist ... wenn auch nur für eine kurze Zeit, eine kostbare Atempause.
Ich gebe mich keinen Illusionen hin.
Der entscheidende Schlag wird kommen und es wird nicht Osgiliath sein, das unter ihm erzittert.

Wehmütig denke ich an Minas Tirith. Die hellen Mauern der Stadt sind stark und wehrhaft, doch gegen bösen Zauber nicht gefeit. Wir haben einen mächtigen Feind, aber wir haben es versäumt uns mächtige Freunde zu schaffen.
Verfluchter Stolz!
Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich das Heer vor mir, das aus dem Osten kommen wird. Es braucht nicht viel an Vorstellungskraft, um diese düstere Vorahnung zu beleben; und zu erschauern.

Allein ...
So allein ...


In irgendeinem Keller hat sich ein Weinfass finden lassen, dass die Orks nicht angetastet haben. Schnell ist es geöffnet und was sich als Kelch eignet bei der Hand. Turbulent geht es zu, aber ich gönne es den Männern von Herzen.
Wieder einmal stand ein Angriff unter einem guten Stern, wie ein paar Tage zuvor; und wieder einmal wird unser Erfolg mit einer kleinen Siegesfeier belohnt. Diese hier ist weniger prächtig, aber dennoch verdienter ... denn der Feind ist nun bis auf den letzten Krieger aufgerieben.

Ich sehe Boromir.
Er lacht und scherzt. Seine Augen strahlen und der Weinkelch aus schlichtem, matten und zerbeulten Zinn in seinen Händen tanzt. Das Rot des Rebensaftes ergießt sich auf den Boden. Mein Bruder lacht ein weiteres Mal und ausgelassen redet er auf die Männer ein, die sich um ihn versammelt haben.
Sie verehren ihn. Lauschen auf jedes Wort aus seinem Mund, lassen sich von seiner Freude und Lebhaftigkeit mitreißen.
Ich kann es ihnen nicht verdenken.
Auch ich schaue zu ihm auf.
Boromir.
Mein geliebter Bruder.

Immer schon warst du derjenige, dem ich nacheifern wollte, der mich leiten sollte auf meinem Weg zu einem Krieger und Diener Gondors. Kaum einer, der nicht bestätigen würde, dass Dein Vorbild mich zu einem rechtschaffenen Mann gemacht hat.
Kaum einer ...

Allein ...
So allein ...


Mein Herr.
Mein Vater ...
Warum fällt es mir so schwer vom Truchsess Minas Tirith' als meinem Vater zu denken?
Er ist so kalt und hart wie der Stein der Festung, abweisend in seiner Strenge und unbeirrbar auf seinem Weg.
Die Stimme in meinem Herzen kennt die Antwort, auch wenn ich mich weigere zu verstehen, und so erinnert sie mich unerbittlich daran, dass ich nur Faramir bin.
Manche Schwertmänner erfahren mehr Zuneigung von Denethor, dann und wann entlohnt er ihre Treue durch ein Lächeln und ein freundliches Wort.
Nicht einmal das ist mir vergönnt.

Immer sieht er mich nur an mit diesem Blick, der mir durch Mark und Bein fährt. Als würde ein unbedachtes Wort von mir den Dämon in ihm erwecken. Oh ja, ich weiß um den Hass in seinem Herzen. Doch ich bin mir keiner Schuld bewusst.
Was habe ich getan, um das Missfallen meines Herrn zu erregen?
Oder ist es das, was ich nicht getan habe?
Ich war niemals darauf bedacht, mich hervorzutun oder über andere zu stellen, mit ihnen zu wetteifern oder sie überflügeln zu wollen. Ich buhlte nie um die Gunst der Höhergestellten.

Vielleicht hätte ich es tun sollen, damals als ich noch ein Kind war. Denn in allem erschien ich zu schwach, wenig begabt .. . außer darin, ein offenes Auge und ein offenes Ohr für die Welt um mich herum zu haben. Mitgefühl und Anteilnahme habe ich anderen entgegengebracht und wollte meinen Wissensdurst befriedigen mit vielerlei Fragen.
Aber das zählt nicht, wenn man der Sohn Denethors ist.
Die Waffen muss man zu führen verstehen und stolz sein auf die Linie der Altvorderen. Doch was sind die Truchsesse mehr als das Zeichen eines niedergegangenen Königreiches?
Der Thron ist verwaist.
Wo ist der König, der kommen sollte, wie es geweissagt wurde?
Ich sehne mich nach ihm.
Denn er soll den Frieden bringen.

Wir haben beides so bitter nötig wie nie zuvor. Den Frieden, weil wir kaum länger bestehen können und unsere Opfer umsonst sein werden, wenn nicht ein Wunder geschieht.
Und einen König, weil ...
Nachdenklich lehne ich mich an ein Stück Mauer, das einmal ein prächtiger Torbogen war. Seine Verzierungen zeigen seltsame Blumen und Ornamente von großer Schönheit. Wie von selbst stiehlt sich meine Hand an den gerissenen und kühlen Stein. Seine verwitterte Oberfläche hat den Jahrhunderten getrotzt. Wenn er reden könnte ...
So viel ist geschehen in so kurzer Zeit.
Doch meine Gedanken verweilen nicht bei unserem Sieg. Immer wieder kreisen sie um eines: das böse Gift weniger Worte, das sich in mein Herz gefressen hat und dort wütet, nagt und einen dumpfen Schmerz hinterlässt.
Wie Wolkenfetzen, vom Wind getrieben, jagen sich diese Worte in meinem Schädel ...


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