Geschichten aus Mittelerde

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Wehe euch Sterblichen
by Dairyû

Chapter #1

Sanft tauchte das Licht des vollen Mondes die Zinnen der Feste von Minas Ithil in einen silbernen Schimmer und die dunklen Steine fingen die zarten Strahlen auf, um sie auf ewig an sich zu binden und ein überirdischer Schein lag auf ihnen.
Vor langer Zeit hatte Isildur die Feste erbaut und sie wurde von den Menschen zu einer prächtigen Stadt gemacht, in der sich ohne Sorgen und in Frieden leben ließ.
Nicht umsonst trug Minas Ithil seinen Namen. Die Elben hatten die Stadt in den Höhen des Ephel Dúath mit dem schönen Namen "Turm des Mondes" beschenkt, weil sie die Schwester Minas Arnors war; so hieß die Stadt Anárions, und der Name bedeutet: "Turm der Sonne".

Beide waren sie im selben Jahr errichtet worden, aber Minas Ithil war bei weitem nicht so groß wie Minas Arnor, denn der Stein des Schattengebirges ließ sich nicht leicht formen und die Menschen rangen mit dem dunklen Fels, bis die Stadt schließlich Gestalt angenommen hatte; sie war wehrhaft und mächtig, mit starken Mauern und einem großen Tor und vielen schönen Häusern aus Stein, deren große Fenster im Sommer das Licht der Sonne einließen und die im Winter mit starken Läden aus Holz verschlossen wurden, damit die behagliche Wärme des Feuers von Ofen und Kamin in den Räumen blieb, und es den Menschen gut ginge.

Zum Schutze der Bewohner und der Stadt selbst hatte man einen tiefen Einschnitt in den Felsen gegraben, als die Feste vollendet worden war, über den nur eine breite Zugbrücke nach Minas Ithil hinein führte. Der Aufstieg über eine lange, gewundene Straße, die zwei großen Karren Platz bot, dauerte lange und endete vor der von Menschenhand geschaffenen Felsspalte, wenn die Zugbrücke gehoben war. Aber seit Jahr und Tag hatte man sie offen gelassen, denn es gab nichts, was in dieser glücklichen Zeit zu fürchten gewesen wäre.

Nahebei im Tal war ein Fluss dunklen Wassers, der sich seinen Weg aus dem Gebirge suchte und in den Anduin mündete. Keinen Namen hatte er und die Menschen gaben ihm auch keinen, damit er frei war für alle Zeit, denn Namen bedeuteten Macht über das benannte, so wie viele glaubten, und sie scheuten sich, die Gewalten des Wassers beherrschen zu wollen; allein Ulmo war dies vorbehalten.
Die Bewohner der Stadt waren mit ihrem Leben zufrieden, denn es war leicht und sorgenfrei.
Immer waren die Teller und die Krüge gefüllt, und Harmonie herrschte zwischen den Menschen, denn keiner musste dem anderen etwas neiden; sie alle hatten genug und kannten das nagende Gefühl des Begehrens nach fremdem Besitz nicht.

Aber gute Zeiten dauern nie lange an und schnell war die unbeschwerte Zeit der Menschen der Stadt vorbei, denn im Jahre 3429 des Zweiten Zeitalters hatte der Dunkle Herrscher seine Hand erhoben und es war ihm gelungen, Minas Ithil zu erobern und zu verheeren.
Die Häuser lagen in Trümmern und viele Menschen hatten ihr Leben gelassen, denn sie hatten für das ihre gekämpft und dem Feind große Verluste beigebracht. Doch Sauron hatte es nicht gekümmert, sein Arm war lang und der Dunkle Herrscher geduldig; er gebot über viele Heere und die Zeit. Minas Ithil fiel und der Weiße Baum, den Isildur gepflanzt hatte, wurde vernichtet.

Doch so, wie eines seiner Samenkörner gerettet wurde, damit es in Minas Arnor einen neuen Baum aus sich wachsen lasse, so entstand auch Minas Ithil neu.
Denn Sauron wurde durch die gemeinsame Kraft der Erstgeborenen und der Zweiten Kinder Ilúvatars besiegt, und die Menschen von Gondor, darunter auch viele Dúnedain, kehrten zurück in die Stadt und das Land Ithilien; während Isildur in Minas Arnor blieb, und dann erschlagen wurde - verraten von dem Ring, den er nicht hatte fortgeben wollen, und mancher Weise sagte damals: "Seht, mag Sauron auch vernichtet sein, er zieht die Getreuen des Letzten Bündnisses mit in das Verderben!"

Zum Zeichen der Verehrung erhielten die Menschen Minas Ithils das erhabene Haus, das ihrem König zur Heimstätte geworden war und so gedachten sie seiner, denn kein Grab konnten sie ihm bereiten, weil der Anduin seinen Leichnam davongetragen hatte; einzig das zerborstene Schwert Narsil entließ der Große Strom aus seiner Gewalt. Es war das Zeichen für einen glorreichen Sieg, aber zugleich auch für einen fürchterlichen Preis, den Elben und Menschen zu zahlen hatten und sie trugen schwer an dieser Bürde in den Zeiten danach.

Sich des Bösen in der Welt immer erinnernd, bauten die Menschen Minas Ithils einen Turm in der Stadt, hoch, glatt und dunkel. Er sollte fortan ein wachsames Auge gen Osten sein; dort ging noch immer Unheimliches um und es durfte Mordor nicht ungesehen verlassen können, denn es gab geheime Wege durch die Berge, und so glich der Turm dem Morannon, das erbaut worden war, um das Schwarze Land zu bewachen.
Die Stadt besaß nun wahrhaftig ihren "Turm des Mondes".
Aber ihren Namen hatte sie seit Anbeginn zur Recht getragen. Es lag seit jeher ein unbekannter Zauber über der Feste, der die Mauern glitzern und glänzen ließ, als schiene immer das Mondlicht darauf, auch wenn Wolken das Antlitz der bleichen Silberscheibe verhüllten.
Die Bewohner erfreuten sich daran und niemals konnten sie des Scheines überdrüssig werden, denn er war gar wundersam und er spendete Wärme, schwach zwar nur, aber fortwährend war sie da - ein Licht der Hoffnung in einer Welt, die kalt und grausam geworden war und über die das Böse wieder zu kriechen und seine Klauen auszustrecken begann.


*


Der Wächter an der Zugbrücke stand wie jede Nacht auf seinem Posten und betrachtete versonnen die Sterne am Firmament. Einen jeden von ihnen hatte er unzählige Male erblickt und immer noch ließ er sich von ihrer Schönheit verzaubern - und der des Mondes, der wie ein schützendes Wesen seine Strahlenfinger über die Stadt hielt.
Es war eine klare Sommernacht, die selbst die Höhen des Schattengebirges erwärmte, und der Wind strich leise umher, hier und da erklangen Stimmen, denn viele Bewohner Minas Ithils hatten Freude an der Dunkelheit. Niemals war sie von Schrecken für die Menschen, sie wurde als Freund und angenehme Abwechslung zur strahlenden Helligkeit des Tages begrüßt, die Geschäftigkeit verlangte und wenig Ruhe gönnte.

Der Wächter sah hinab in das Tal und verfolgte den Lauf des Flusses mit den Augen. Das Mondlicht glänzte auf dem dunklen Wasser, welches kleine Wellen schlug, und es schien, als sei ein Schatz in den Fluten verborgen, so sehr glitzerte es.
Weit konnte der Mensch sehen, denn die Stadt war auf einem Vorsprung des Schattengebirges erbaut worden; achtzehntausend Fuß in der Höhe.
Der Wind hob an mit größerer Kraft zu wehen und plötzlich brachte er Kälte mit sich, die aufstieg wie Nebel.

Verwundert blickte der Wächter um sich, ihm war, als habe er im sanften Lichtschein des Mondes einen Schatten vorbei huschen sehen. Er zog seinen dünnen Umhang enger um die Schultern, den Schauer unterdrückend, der über seinen Rücken glitt, wie dürre, kalte Finger. Manchmal trug der Fluss Kälte heran, aber sie blieb nie lange und niemals lag irgendeine Bedrohung in ihr, sie war nach warmen Sommertagen erquickend und willkommen.

Doch dieser kalte Hauch war anders und der Wächter spürte Furcht in seine Glieder kriechen. Immer wieder huschten seine Augen umher, er meinte etwas zu fühlen, etwas, das ihn beobachtete und auf ihn lauerte wie ein Raubtier auf seine ahnungslose Beute. Die Luft blieb ungewöhnlich kühl, allmählich jedoch nahm der Wächter die Kälte als gegeben hin und er entspannte sich ein wenig, da nichts geschah; aber dennoch sehnte er das Ende seines Wachdienstes herbei - das erste Mal in seinem Leben.
Denn er stand gerne hier in der Dunkelheit, über sich den Himmel und unter sich den Fluss, der lautlos dahin glitt, weil sein Gurgeln und Rauschen nicht in die Höhe vordrang.

In der zweiten Hälfte der Nacht war es am stillsten und am schönsten und der Wächter versank häufig in seinen eigenen Gedanken. Er war im Dienste ergraut, einem Dienst, der für ihn mehr ein Vergnügen war, als eine Arbeit und in den siebzig Jahren, die er seiner Aufgabe nun schon nachging, hatte es niemals etwas Ungewöhnliches gegeben. Nur manchmal hatten sich Reisende eingefunden, die Kunde aus Minas Arnor brachten und die des Nachts ankamen, oder ein verirrtes Wild, das die Straße hinauf schritt und schnell flüchtete, wenn es den Menschen erblickte. All dies waren angenehme Abwechslungen.

Stunde um Stunde verging und der Mond verschwand langsam hinter den hügeligen Horizont im Westen. Er sandte seine letzten Strahlen aus und dann funkelten nur noch die Sterne. Im Osten kündigte sich der Morgen mit einem roten Glühen an, welches die Berggipfel in ein überirdisches Licht tauchte. Minas Ithil jedoch lag noch im Schatten des Ephel Dúath, ruhig und friedlich.

Bis sich ein Schemen von der Felswand löste, die ein Teil der Mauern der Stadt war, und auf den Wächter zu schwebte, wie ein schwarzes Gespinst. Der Mann fuhr herum, als ein schriller Schrei ertönte, in dem er Worte zu hören glaubte und dann griff eine geisterhafte Klaue nach seiner Kehle. Eiskalt war die Berührung, lähmend und voll qualvoller Schärfe. Der Wächter wollte eine Warnung rufen, aber seine Zunge war wie gebannt und schwarzer Nebel verdunkelte seine Sinne.
Er tastete mit letzter Kraft nach seinem Schwert ...


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