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Inspirare

von Ariel

Kapitel #1

Rosie hatte gedacht, sie wüsste, was sie von der Schwangerschaft zu erwarten hatte. Hunger und Morgenübelkeit, geschwollene Füße und Vergesslichkeit waren als Beschwerden verbreitet genug, aber die Wirkung auf ihren Geruchssinn war eine Überraschung.


Ihre Welt war jetzt von Gerüchen erfüllt, Was früher kaum mehr als eine Ahnung in der Luft gewesen war, hatte jetzt einen scharfen, ausgeprägten Charakter. Es war, als hätte sich ihr eine ganz neue Welt eröffnet. Manche der Gerüche sorgten natürlich dafür, dass ihr unvermittelt übel wurde, aber andere offenbarten ihr verblüffende Geheimnisse.


Da war eine schwache, unerklärliche Note in der Luft des Kattun’schen Heimes gewesen, nach den Schwierigkeiten. Sie hatte sie mitten in den Gerüchen der geschäftigen, glücklichen Höhle ihrer Eltern nicht bewusst ausgemacht, aber jetzt erkannte sie ihr Aroma in Beutelsend wieder, und dank der neu gefundenen Fähigkeiten ihrer Nase wusste sie endlich, was es war.


Es war der Makel der Krankheit, und er umgab Frodo Beutlin. Es wäre kaum wahrzunehmen gewesen, wäre ihre Nase nicht so fein geworden. Selbst Sam, der während ihrer Reisen so viel Zeit mit dem Herrn verbracht hatte, hatte es nicht gespürt. Und selbst wenn, er hätte nicht viel Aufhebens darum gemacht, aus Respekt vor seiner Privatsphäre, aber Rosie hätte es gewusst. Für die, die ihn liebten, was Sam ein offenes Buch. Rosie und, wie sie vermutete, auch Herr Frodo, hätten seine Besorgnis sofort gesehen.


Herr Frodo war ihr ein Rätsel. So lange sie auch in Beutelsend lebte und bei all der Fürsorge, mit der sie und Sam sich um ihn kümmerten, blieb er doch seltsam fern. Er war ein ausgezeichneter Herr: der freundlichste, respektvollste Edelhobbit aus ihrer Bekanntschaft, aber Rosie konnte sich nicht erinnern, dass er vor den Schwierigkeiten schon so still gewesen war. Er blieb meistens in seinen Zimmern... etwas, das nur wegen der stattlichen Größe von Beutelsend möglich war. Und er überließ die Führung des Smials voll und ganz ihr und Sam, als wäre er ein geschätzter Onkel und nicht der Hausherr.


Er aß genug, oder jedenfalls sah es so aus, wenn sie in der hellen, sonnigen Küche die Mahlzeiten einnahmen, und er machte Spaziergänge. Wenn Sam zu Botengängen unterwegs war, dann trank er mit ihr Tee, und sie hieß seine Gesellschaft willkommen. Sie erschöpfte sie nicht so, wie die Besuche und Freunden und ihrer Familie es langsam taten, und seine unaufdringliche, wachsame Anwesenheit war ein Trost. Abends, wenn sie zu dritt um das Feuer saßen, lauschte er mit teilnahmsvollem Interesse Sams Erzählungen von den Ereignissen im Auenland, und wenn Sam den Fortschritt seiner Arbeiten beschrieb, lächelte er mit einem Stolz, der sie beeindruckte.


Tatsächlich schien er, rein äußerlich gesehen, vollkommen gesund zu sein. Wäre nicht der feine Anhaltspunkt des Geruchs gewesen, Rosie hätte nie die behutsame Art und Weise bemerkt, mit der er vom Tisch aufstand, oder wie er sich in seinem Sessel immer auf die rechte Schulter zurücklehnte, niemals auf die linke, und die Blässe in seinem Gesicht, wenn er sich den Hals rieb, steif nach langen Stunden des Schreibens. Aber es war offensichtlich, dass er große Schmerzen auf sich genommen hatte, um seinen Zustand vor ihnen verborgen zu halten, und nachdem Sam voller Freude war über die baldige Geburt ihres Kindes, hatte sie nicht den Eindruck, dass es an ihr war, zu sprechen.



*****



Eines Tages Ende Februar traf ein Päckchen aus Bockland ein. Es war in braunes Papier verpackt und an Herrn Frodo adressiert, von Frau Esmeralda Brandybock. Rosie brachte es ihm ins Studierzimmer und war erfreut zu sehen, dass seine Augen vor Entzücken funkelten.


„Wollen wir schauen, was meine Tante mir geschickt hat?“ fragte er und erhob sich steif von seinem Sessel. Rosie erwiderte sein Lächeln.


„Wenn es dich freut, Herr. Ich deck uns den Tisch im Wohnzimmer.“ Rosie war neugierig darauf, was gekommen war. Sie hatte Frau Brandybock nie getroffen, aber sie wusste, dass sie Herrn Frodo den Großteil seiner Jugend hindurch aufgezogen hatte.


Sie setzten sich zum Tee. Das späte Sonnenlicht des Winters stand schräg und tief im Zimmer und wärmte es, bis ein Feuer fast nicht mehr nötig war, aber Herr Frodo ließ es immer brennen, selbst im Sommer. Er legte das Päckchen auf den Tisch und nahm einen Schluck aus seiner Tasse, bevor er sorgfältig die Schnur löste.


Innen war eine weitere Verpackung aus weichem Stoff. Herr Frodo faltete sie zurück; oben auf einem Hügel aus fein genähten, vom Alter vergilbten Kinderkleidern lag ein Brief, ein Ring und eine Halskette mit Edelsteinen in der Farbe von Kleehonig. Er entfaltete den Brief und las schweigend. Rosie strich geduldig Marmelade auf ein Küchlein.


Nachdem er mit Lesen fertig war, legte Herr Frodo die Juwelen und den Brief beiseite und wandte seine Aufmerksamkeit den Kleidungsstücken zu. Er nahm ein winziges Babyhäubchen ganz oben von Stapel und hob es hoch. Rosie war betroffen von der Qualität des kleinen Dings; es war aus feinem Baumwollfaden gestrickt, nicht aus Wolle, und mit gelbem Band eingefasst. Es sah zu fein aus, als dass ein Kind es tragen könnte. Er drehte und wendete es in den Händen. Zierliche Glasperlen glitzerten entlang der Oberfläche, und ein zarte Spitzenkante säumte den Rand. Er schien davon verzaubert zu sein, und Rosie hatte ihren Tee schon lange ausgetrunken, als er endlich sprach.


„Man vergisst...“ seufzte er.


„Herr?“


Er kam zurück von dort, wohin auch immer die Erinnerung ihn hatte reisen lassen und schenkte ihr ein knappes Lächeln.


„Man vergisst, wie klein ein Kind ist.“ Er hob das kostbare Ding hoch. „Kannst du glauben, dass ich das einmal getragen habe?“


„Du, Herr? Wie schön das ist!“


„Meine Mutter war sehr geschickt mit der Nadel, obwohl sie Wanderungen über das Land noch lieber mochte. Die meisten meiner Sachen wurden an jüngere Vettern weiter gegeben, aber die hier hat sie behalten. Ich erinnere mich, wie sie sie mir gezeigt hat, als ich nur ein Junge war, als Beweis dafür, wie groß und stark ich geworden war.“


Rosie goss sich noch eine Tasse Tee ein; sie spürte, dass da noch mehr kam.


„Meine Eltern... sie waren gute Leute.“ seufzte er. „Mir sehr ergeben.“


„Du musst sie vermissen,“ sagte sie.


Frodo hob das kleine Kleidchen hoch und zögerte, „Viele Jahre habe ich es nicht getan.“ Er strich gedankenvoll mit der Hand über den Stoff. „Aber in letzter Zeit schon.“


Rosie nippte an ihrem Tee. In ihrem Leib spürte sie die sanfte, flatternde Bewegung; das Baby regte sich. Sie schaute zum eleganten Profil der Herrn auf verspürte einen Stich des Mitgefühls, Wie würde es sein, ihren Kleinen niemals erwachsen zu sehen? Wie würde es ihm ergehen, wenn er in die Strömung des Lebens geworfen wurde, ohne die starken Arme seines Vaters, um ihn zu halten und die zärtliche Liebe seiner Mutter, ihn zu schützen?


Im Umriss sprangen die Linien von Alter und Schmerz in Frodos Gesicht als scharfes Relief hervor, und sie sah dort einen alten Kummer, sogar noch tiefer verborgen als sein Leiden. Ihre Hand spreizte sich schützend über ihrem gerundeten Bauch.


Frodos Blick flackerte zu ihrer Bewegung hinüber und dann wieder weg. Für einen weiteren langen Augenblick war er still. Rosie sprach ebenfalls nicht; sie wusste nicht, ob er ihr Mitleid willkommen hieß oder es verachtete, aber er spürte es trotzdem. Endlich legte er das kleine Kleid hin. Er betrachtete kurz den Schmuck, steckte den Ring, die Halskette und den Brief in die Tasche und legte den Stoff wieder säuberlich zusammen.


„Ich möchte, dass du sie bekommst,“ sagte er und reichte die winzigen Kleidungsstücke über den Tisch. „meine Mutter hat sie gemacht, damit sie getragen werden.“


Rosie gaffte mit offenem Mund und ließ beinahe ihre Tasse fallen. „Allmächtiger - aber Herr! Das sind deine Erbstücke! Ich kann sie nicht von dir annehmen. Deine Mama würde gewollt haben, dass sie in deiner Familie bleiben.“


Der alte Schmerz war klar in seinen Augen zu sehen, genau wie eine neue Empfindung, die sie ins Herz traf. Sam hatte einmal beschrieben, wie Elben waren; alt und jung zur gleichen Zeit, fröhlich und traurig, aber von tiefer Weisheit. Auf diese Weise sah sie plötzlich Herrn Frodo. Er lächelte langsam und nickte.


„Ja.“


Rosie stellte ihre Tasse ab. Sie wollte ihm sagen, dass er dies sicherlich eines Tages bereuen würde, dass er diese kostbaren Sachen für seine eigenen Kinder aufheben sollte, aber der widerwärtige Makel, den sie in ihm erspürt hatte, traf sie mit neuer Bedeutung.


Er wird niemals ein eigenes Kind haben. Seine Zeit wird zu knapp.


Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass seine Krankheit so ernst war. Er sah nicht aus, als wäre er krank, und er benahm sich auch nicht so, aber sein schrittweise stattfindender Rückzug aus den Angelegenheiten des Auenlandes, seine Aufgabe des Bürgermeisteramtes und die Tatsache, dass er ihrem Mann mehr und mehr die Verwaltung seiner Besitztümer überließ, machte plötzlich auf bittere und unheilvolle Weise Sinn. Sie schluckte ihr Schluchzen hinunter, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.


„Oh Herr...“ hauchte sie.


Sein Lächeln war sanft. „Dann nimmst du sie?“ Er meinte mehr als nur die Kleidungsstücke.


Sie traute ihrer Stimme nicht, aber sie nickte.


„Dankeschön, Rosie.“


Sie sah ihn wieder an, und ihre Lippen bebten. Sam sagte immer, dass Herr Frodo mehr war als nur ein guter Herr, dass er der beste aller Hobbits und von Königen geehrt worden sei. Sie kannte keine Könige. Sie wusste nicht, was es hieß, von einem geehrt zu werden, aber sie fragte sich, was diese liebe, sanfte Seele für das entschädigen konnte, was sie verloren hatte. Keine Mutter, kein Vater, keine Frau und kein Kind, scheinbar nicht einmal ein Leben übrig, um es zu leben. Was hatte er in diesem so weit entfernten Land getan, was für ein Opfer hatte er gebracht, das es wert war, zu verlieren, was einem Hobbit am liebsten war?


Sie wünschte, dass es etwas gäbe, was sie ihm sagen konnte, aber sein Lächeln lähmte ihr die Zunge. In seinen hellen, unauslotbaren Augen lag die Antwort auf ihre Frage. Der Wert lag im erneuerten Grün der Felder des Auenlandes, in seinen mit Korn gefüllten Scheuern, und in seinem Volk, einmal mehr unschuldig und frei. Er bekam ihn zehnfach zurück im freudevollen Gesicht ihres Mannes und in der fruchtbaren Schwellung ihres Leibes. Sie öffnete den Mund, um zu sprechen, aber er stand auf und trat vom Tisch zurück; er zeigte wenig von der alten Anspannung.


„Sie werden wunderschön aussehen an ihr. Meine Mutter wäre sehr erfreut gewesen, glaube ich.“


Damit nickte er ihr zu, schenkte ihr ein Lächeln und verabschiedete sich. Rosie sah ihm zu, wie er ging und wischte sich die Augen. Kein Wunder, dass er seinen Zustand vor Sam verborgen hatte. Es hätte ihrem Mann das Herz gebrochen. Sie berührte die feine Baumwolle des Kleidchens. Der Herr würde ein großes Loch in vielen Leben hinterlassen, und in ihrem nicht das kleinste. Obwohl da ein Baby sein würde, von Herrn Frodo selbst abgesegnet, um den Schmerz zu lindern, würde er immer da sein. Vor allem für Sam. Sie streichelte das winzige Häubchen, und die Perlen fingen blitzend das Licht ein. Herr Frodo hatte ihr sein Geheimnis anvertraut, damit sie sich vorbereiten konnte, damit sie bereit sein würde, ihrem Mann zu helfen, wenn er es nötig hatte. Sie würde keinen von beiden im Stich lassen.



*****



Obwohl sich der Augenblick in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte, war es nicht vor Elanors Geburt einen Monat später, dass Rosie sich an Herrn Frodos Bemerkung erinnerte: „Sie werden wunderschön aussehen an ihr.“


ENDE


Übrigens - wem der Ring und die Halskette bekannt vor kommen, der hat natürlich Recht. Ich habe sie erfunden, für meine Geschichte Bevor ich schlafen gehe. Ich bin überaus geschmeichelt, dass Ariel sich den Schmuck für diese wunderbare, kleine Geschichte „ausgeborgt“ hat.