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Die Zwergenflöte

von Cúthalion

Kapitel #1

Juni 1416

Er würde sie küssen. Er hatte den ganzen Tag hingeschaut und sie hatte geradewegs zurückgeschaut, und er würde einen Kuss von ihr bekommen, und wenn es das Letzte war, was er tat. Obwohl es vielleicht eine gute Idee wäre, erst einmal ihren Namen herauszufinden. Mädels pflegten es zu schätzen, wenn man sich noch für andere Dinge interessierte außer für diese unglaublichen Meerglas-Augen, dieses Haar, das wie ein Kupferschauer über Nacken und Schultern schimmerte, diese Lippen, üppig wie Kirschen und genauso rot, und wenn sie sich gerade so richtig vorbeugte und die Hand mit dem Krug ausstreckte, dann konnte er unter dem Schwung ihrer Röcke eine schlanke, gebräunte Wade sehen, die sich zu einem feingliedrigen Knöchel verjüngte, und den Pelz auf ihren Füßen...


Er lächelte und betrachtete sie unablässig, während sie zu ihm herüber kam, den Krug in der Hand.


„Durstig?“ fragte sie ihn, wie sie es heute schon viermal getan hatte. Und wie er es jedes dieser vier Male getan hatte, nickte er, lächelte noch breiter und versprach sich, dieses Mal wirklich etwas zu sagen, anstatt zu nicken und zu grinsen wie ein Idiot. Bis zu dem Augenblick, als ihm klar wurde, dass er das bereits tat.


Er lehnte die Heugabel gegen seine Schulter und nahm den Krug. Das Wasser war kalt, es kam geradewegs aus dem Brunnen, wie er wusste, und es schmeckte klar und scharf auf seiner Zunge. Er trank, bis nur noch ein Mundvoll oder zwei übrig waren, dann spritzte er sich den Rest ins Gesicht. Es war schwül heute, und die Luft war dick und schwer. Morgen würde er für seine Zeit in der Sonne mit geröteter Haut und Blasen auf den Händen bezahlen. Aber wenn er nur diesen Kuss bekam...


„Es gefällt dir wohl, was du siehst?“ fragte sie und er erschrak und begriff, dass er sie unverhohlen angestarrt hatte. Er wurde rot und schlug die Augen nieder, dann schaute er wieder auf und erwiderte kühn ihren Blick.


„Das tut es tatsächlich“, erwiderte er und klopfte sich im Geiste auf den Rücken dafür, dass seine Stimme gleichmäßig blieb. „Ich dachte, ich könnte dir vielleicht einen Kuss stehlen, aber dann hast du mich ertappt und meinen ruchlosen Plan vereitelt.“


Hmpf. Das hatte er nicht laut sagen wollen. Er wappnete sich gegen die Möglichkeit eines raschen Tritts gegen sein Schienenbein, aber sie grinste bloß, legte den Kopf schief und betrachtete ihn durch lange, kastanienbraune Wimpern.


„Du bist ja ganz schön frech!“


„Ich bin eine ganze Menge Dinge“, antwortete er, grinste seinerseits und sah ihre Augen, die hell funkelten, voller Vergnügen und Nachmittagssonne. Sie nahm ihm den Krug aus der Hand, füllte ihn nach und gab ihn zurück. Ihr Grinsen wurde listig und ein wenig kokett.


„Was denn für Dinge?“wollte sie wissen.


„Nun“, antwortete er langsam, dann nahm er einen Schluck aus dem Krug, stellte einen Fuß auf die Krümmung der Gabelzinken und beugte sich vor. „Ich werde dir nicht alles verraten, weißt du, weil ich ziemlich bescheiden bin“, murmelte er verschwörerisch, dann hielt er inne und nickte mit einem nicht allzu aufrichtigen Grinsen, „aber Tatsache ist, ich bin unwahrscheinlich reich.“


„Ja, das sehe ich“, gab sie zurück, ihr Ton ein Echo seines eigenen, „So wie du die Heugabel schwingst, das schreit geradezu nach Reichtum.“


„Ich werde darauf achten müssen“, flüsterte er, dann spähte er in die Runde, als wollte er angebliche Lauscher ausmachen. „Ich würde nicht wollen, dass sich die Neuigkeit über meine Schätze verbreitet, oder die Mädels rennen mir scharenweise die Tür ein.“ Er lehnte sich noch dichter heran. „Du solltest vielleicht diesem Kuss gleich hier und jetzt zustimmen, bevor sich die Sache herumspricht und ich dich in der Volksmenge nicht wiederfinde.“*


Durch die kupferroten Locken, die ihm in die Stirn fielen, warf sie ihm einen strengen Blick zu.


„Und du solltest vielleicht lernen, anständig mit der Heugabel umzugehen, oder du kannst deine Handflächen morgen wie einen Apfel abschälen“, sagte sie, „und deine Leute daheim werden gleich sehen, dass du deine Zeit auf eine ziemlich unpassende Weise für einen Edelhobbit verbracht hast.“


Merry spürte, dass er wieder errötete – etwas, das ihm in letzter Zeit nicht allzu häufig passierte, wenigstens nicht zweimal binnen weniger Minuten. Er unterdrückte einen plötzlichen Stich von Verlegenheit und bohrendem Ärger; er hatte nicht die Absicht, dieses Spiel zu verlieren. Schließlich war es nur ein Kuss.


Er setzte sein schönstes Lächeln auf... das legendäre Brandybock-Lächeln, das ihm mehr als einmal dabei geholfen hatte, das Herz eines Mädchens mitsamt ihren Knien zu erweichen. Es forderte die Welt heraus, ihm all den Spaß und die Abenteuer zu geben, die sie zu bieten hatte, es war überaus ansteckend und normalerweise konnte er sich auf seine unwiderstehliche Macht verlassen. Glücklicherweise verfehlte es nicht, seine Zauber auf sie auszuüben. Sie lächelte zurück.


Und dann beugte sie sich plötzlich vor und er spürte, wie ihre Lippen ganz leicht seine Haut berührten. Er unterdrückte einen Schauder der Erregung und den heftigen Drang, die Lage auszunutzen.


„Glaubst du wirklich, alles was zählt, sei dein reizendes Grinsen, Meriadoc Brandybock?“ flüsterte sie. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung. „Das erste Mal, als ich dich gesehen habe, hast du mich an den Zöpfen gezogen und mich zum Weinen gebracht. Und das letzte Mal, als wir uns im Brandyschloss begegnet sind, hast du die Ärmel meiner Lieblingsbluse zugenäht.** Anstatt dich zu küssen, sollte ich dir eine herunterhauen.“


Und mit diesen Worten griffen ihre Zähne zu und sie biss ihn ins Ohrläppchen. Er öffnete den Mund, um zu protestieren, aber alles, was er herausbrachte, war ein erschrockenes Keuchen. Er sah ihre Augen, ein tiefes, leuchtendes Grün, sehr nahe und voller Lachen, dann wandte sie sich ab, hob den Krug vom Boden auf und war mit einem Wirbel aus Röcken und langen Locken in der Menge verschwunden.


Er stand da wie angewurzelt; die Tatsache, dass er vermutlich schon wieder wie ein völliger Idiot aus sah, war ihm ganz und gar egal.


„Ich glaub’s ja nicht...“ murmelte er und hob unbewusst die Hand an sein pochendes Ohr. „Estella...?“



*****



Das zweitgrößte Wohnzimmer von Beutelsend war gemütlich, warm und still... eine Spur zu still für Merry Brandybocks Geschmack. Seit seiner Begegnung mit der flammenhaarigen Schönheit vor zwei Tagen – die sich als schnippische (aber trotzdem ziemlich bezaubernde) Verwandte herausgestellt hatte – waren er und Frodo ununterbrochen unterwegs gewesen... nach Wegscheid, nach Nadelhohl und an diesem warmen Mittsommertag sogar nach Michelbinge (wo Frodo zwei Dutzend Weinflaschen abgeholt hatte, direkt aus dem Keller von Will Weißfuß).


Nun saß Merry neben dem offenen Fenster, spürte eine weiche Brise auf seinem Gesicht und hatte Lust auf ein Glas Wein... nicht, dass die Chance besonders groß war, eines zu ergattern. Frodo hatte die Flaschen hinunter getragen, wobei er sie so liebevoll und sorgsam festhielt wie das feinste Porzellan... und er hatte ihm gesagt, dass der Wein ein paar Tage „ruhen“ musste, ehe er nach einer Tagesreise in der rumpelnden Ponykutsche wieder genießbar war.


„Du hast den Pegel im Bierfass sowieso schon genug zum Sinken gebracht“, fügte der Herr von Beutelsend hinzu, mit einem humorvollen Blick über das Buch hinweg, das er gerade las. „Vielleicht solltest du dich heute Abend auf Apfelsaft verlegen.“


Merry antwortete nicht. Er lümmelte in dem tiefen, bequem gepolsterten Sessel und sah Frodo an; wieder einmal versuchte er herauszufinden, was hinter dem ruhigen, undurchdringlichen Gesicht lag, Plötzlich wünschte er sich Pippins fröhliche, mutwillige Gegenwart herbei... sein Vetter brachte es immer fertig, Frodo aus der Reserve zu locken, indem er einen wohl gezielten Witz losließ oder sogar einen seiner unbeholfenen „Unfälle“ vorführte; sie verfehlten nie, Frodo zum Lachen zu bringen.


Er kannte Primulas Sohn, seit er selbst ein Dreikäsehoch gewesen war, der noch kaum laufen konnte. Diese Züge waren ihm fast so vertraut wie seine eigenen... die hohe, klare Stirn, die tiefen Augen unter den schön geschwungenen Brauen, die schmale Nase und der volle, empfindsame Mund... das Kinn mit dem kleinen Grübchen, das von einem starken, unbeirrten Willen sprach.


Plötzlich erinnerte er sich an einen Tag in seiner Kindheit; Frodo war bereits von Bilbo adoptiert worden, aber er war zu Besuch ins Brandyschloss gekommen. Merry hatte einen langen Nachmittag in der kleinen Stube neben Frodos Schlafkammer verbracht, und Frodo hatte ihm Geschichten erzählt; er blätterte die Seiten eines Märchenbuches aus der Bibliothek um und erfüllte die Luft mit dem aromatischen Duft seiner Pfeife (ein Geschenk von Bilbo, und er war außerordentlich stolz darauf). Von einem Moment zum anderen war Merry eingenickt. Als er aufwachte, hing der Geruch nach Pfeifenrauch immer noch in der Stube und das Buch lag aufgeschlagen auf dem Sessel, die Seiten nach oben – aber Frodo war nirgendwo zu finden. Und dann verspürte Merry mit seinen acht Jahren eine plötzliche, überwältigende Panik. Frodo war weg, er würde nie wiederkommen... irgendeine Zauberei hatte dafür gesorgt, dass er sich in Luft auflöste, und Merry würde ihn nie wiedersehen. Er saß auf seinem Hocker und starrte das Buch an; Tränen stiegen ihm in die Augen und liefen ihm über die Wangen. Er zitterte unkontrollierbar am ganzen Körper. Und dann spürte er eine warme, feste Hand auf seiner Schulter. „Was ist denn los, Merry?“ und es war Frodos Hand, und er drehte sich um und vergrub sein brennendes Gesicht an der Brust des älteren Hobbits. Der Nachmittag endete damit, dass er auf Frodos Schoß saß, und mit Frodos sanfter, lachender Stimme in seinen Ohren: „Ich mag jetzt bei Onkel Bilbo leben, aber ich würde dich nie wirklich verlassen, du kleiner Dussel!“ ---


„Merry?”


Er zuckte zusammen und sah, dass Frodo sein Buch zugeklappt hatte und ihn mit einiger Neugier ansah.


„Geht’s dir gut, Junge?“


„Sicher tut es das“, sagte Merry hastig, „ich dachte bloß gerade an...“ nein, die Geschichte kann ich ihm nicht erzählen, das ist einfach lächerlich. Aber vielleicht... „... an ein Mädchen, das ich vor ein paar Tagen getroffen habe... auf dem Kattunhof, weißt du. Sie ging mit einem Krug herum und gab mir was zu trinken. Sie war sehr hübsch, und ich... na ja, ich hab sie ein bisschen angegafft. Es stellte sich raus, das es Estella ist.“


„Estella? Estella Bolger?“ Frodo lächelte. „Nun, dann verstehe ich, dass du gegafft hast. Jeder, der Augen im Kopf hat, tut das. Sie ist für eine Woche aus Balgfurt gekommen, um Dick zu besuchen, und sämtliche Jungs sind völlig aus dem Häuschen.“


Sein Lächeln vertiefte sich zu einem Grinsen, als er sah, dass Merry rot anlief.


„Hast du dein Glück versucht?“


„Ich... na ja, ich... oh, um Himmels Willen, ich wollte sie doch bloß küssen!“ Merry errötete noch tiefer und nun stand ihm das hübsche Gesicht mit der großartigen, roten Lockenkrone wieder deutlich vor Augen. „Sie... sie hat gesagt, sie würde mir lieber eine herunterhauen... und sie hat mich ins Ohrläppchen gebissen.“


Frodo hob eine Augenbraue und schnaubte.


„Kluges Mädchen“, gab er zurück. „Und sag mir bloß nicht, du bist überrascht! Du hast ihr über die Jahre mehr Streiche gespielt als ich zählen kann. Frösche hinter dem Kragen, zugenähte Ärmel...“


„Das hat sie erwähnt“, murmelte Merry.


„... Salz in ihrer Frühstücksmilch, frische Brennnesseln unter ihrer Bettdecke...“


„Du hast die Blindschleiche in ihrem Nachttopf vergessen, am Julfest 1394“, bemerkte Merry, dessen Lebensgeister wieder anstiegen.


„Das warst du?“ Frodo schüttelte den Kopf; seine Schultern bebten. „Ich erinnere mich, dass Dick dafür bestraft wurde!“


„Das wurde er auch“, antwortete Merry trocken. „Zwei Tage später hat er mir gesagt, er wünschte sich, es wäre seine Idee gewesen.“


Ihre Augen begegneten sich und einen Moment später klang ihr gemeinsames Gelächter durch das offene Fenster nach draußen.


„Nun, es ist Mittsommer“, sagte Frodo, als er wieder zu Atem gekommen war, „und es gibt einen Tanz auf der Festwiese. Würdest du gerne nachsehen, ob Estella heute Abend dort ist? Die meisten Mädchen aus Hobbingen und Wasserau sind es ganz bestimmt.“


„Was denn, du willst tanzen?“ Merry war leicht überrascht... aber immerhin war Frodo ein ziemlich geselliger und beliebter Edelhobbit, und in seinen jüngeren Jahren war er ein regelmäßiger – und ziemlich begeisterter – Gast auf den Tanzböden von Bockland gewesen. Merry lächelte verstohlen. Er sieht immer noch jünger aus als jeder andere Hobbit in seinem Alter, dachte er und betrachtete seinen Vetter liebevoll, und vielleicht gibt’s da irgendwo ein Mädchen, das hübsch genug ist, dass sie seinen Blick einfängt. Ich würde liebend gern sehen, wie er den Kopf verliert...


„Oh...“ Frodo drehte sich um, ein eigenartiges Funkeln in den Augen. „Übrigens, hast du deine Zwergenflöte mitgebracht?“


„Das hab ich wirklich.“ Merry runzelte die Stirn. „Aber – wieso?“


„Vielleicht würde ich heute Abend gern die Trommel spielen.“ Das Funkeln wurde stärker.


„Das hast du nicht mehr getan seit...“ Merry schwieg und schluckte instinktiv den Rest des Satzes herunter. Aber Frodo schenkte ihm ein offenes, unbeschwertes Lächeln.


„...seit dem Abend vor Bilbos letztem Geburtstag in Beutelsend, ich weiß... dem Abend, an dem du die Flöte von Glóin geschenkt bekommen hast.“ erwiderte er. „Aber ich glaube, es wäre vielleicht eine gute Idee, die schönen Erinnerungen ein bisschen zu feiern. Ich bin sicher, das würde Bilbo sehr gefallen, wenn er es wüsste.“


„Na gut... ich hol die Flöte und du solltest dir eine Weste anziehen. Nimm die dunkelblaue; in der siehst du ganz besonders fein aus, und sie wird die Mädchen vergessen lassen, dass du ein zerknitterter, alter Junggeselle bist.“ Merry grinste und war aus dem Zimmer, bevor er die Antwort bekam, die er verdiente.



*****



Das Fest war in vollem Gange, als Merry und Frodo auf der Festwiese eintrafen. Merry durchsuchte rasch die Menge und sah die lockigen Köpfe von vielen Mädchen, von hellstem Braun bis zu tiefstem Schwarz, aber den feurigen Kopf, nach dem er suchte, fand er nicht. Der köstliche Duft nach Schweinebraten, vermischt mit den süßen Gerüchen von Apfelkuchen und Walnusstorte, kitzelte ihm angenehm die Nase, und er kam nicht an dem riesigen Bierfass an dem erleuchteten Festbaum vorbei, ohne einen langen, kühlen Zug von dem dunklen Gebräu zu nehmen.


Ihre Ankunft war mit Jubel und Applaus begrüßt worden, und ein paar Minuten später fand er sich auf dem Tanzboden wieder. Die Leute traten beiseite, um für ihn und Frodo Platz zu machen, und Merry lehnte sich an das Geländer, neugierig darauf, was sein Vetter wohl tun würde.


Er musste nicht lange warten, um das herauszufinden. Frodo hatte eine kurze Unterhaltung mit einem der Musikanten. Er verbeugte sich lächelnd und nahm mit beiden Händen eine kleine Trommel entgegen. Merry sah zu, wie er sich auf die rauen Bodenplanken setzte, und dann fing er an zu spielen. Es war ein gemächlicher Rhythmus, leise und zwingend, und Merry konnte die Reaktion der Leute beinahe sofort spüren. Köpfe drehten sich, Hände hielten mit in einer Geste inne und langsam erstarb das Durcheinander aus Stimmen, stampfenden Füßen und klappernden Tellern. Der Klang der Trommel wurde lauter, und jetzt zog Merry die Flöte heraus und fing an, die Melodie zu spielen.


Er schloss die Augen, davongetragen von dem Strom der Noten, und Bilder glitten an seinem inneren Auge vorbei, farbenfroh und klar; Bilbo, der vor dem Feuer saß, das Sam im hinteren Garten angezündet hatte, ein lebhaftes Muster aus Licht und Schatten auf seinem Gesicht... Frodo, der dicht neben ihm saß und eins um andere Mal den Blick des Hobbits suchte, den er liebte wie einen zweiten Vater. Merry konnte in seinen Augen lesen: Bist du sicher, Bilbo? Musst du denn wirklich gehen? Und Bilbos stille Antwort: Ja, das muss ich. Aber ich liebe dich trotzdem, mein Junge. Die stampfenden Füße der tanzenden Zwerge, die sich in einer langen, schwankenden Reihe um das Feuer bewegten... und nun war das Stampfen aus seiner Erinnerung in die Wirklichkeit dieses Augenblicks übergesprungen und ließ den Boden unter seinen Füßen erzittern. Er öffnete die Augen und spürte, wie ihm eine plötzliche, berauschende Freude aus dem Herzen in die Finger stieg, und er spielte noch schneller, den Blick fest auf Frodos Profil gerichtet und auf die langen, schlanken Hände, die noch immer die Trommel schlugen.


Plötzlich hielt Frodo inne, stand vom Boden auf und gab das Instrument zurück. Er warf Merry einen kurzen Blick und ein blitzendes Lächeln zu, und dann hob er die Arme und fing an zu tanzen.


Merry schnappte vor Überraschung und Entzücken nach Luft. Der junge Musikant neben ihm hielt die Trommel dicht an seine Brust gedrückt, seine Stirn vor Konzentration gerunzelt; er setzte den Rhythmus fort, den Frodo angefangen hatte, und Merry nahm die Zwergenmelodie wieder auf.


Frodo bewegte sich mit langsamen Tanzschritten nach rechts und links, er sprang und stampfte und wirbelte mit flatterndem Hemd und fliegenden, dunklen Locken herum. Merry kam er beinahe schwerelos vor, während er ihn sich wieder und wieder drehen sah, sein Gesicht gerötet und seine Augen dunkel, befeuert vom Geist der Musik und dieser Mittsommernacht. Liebe Güte, er ist großartig, dachte Merry plötzlich, und die Musik summte ihm in den Ohren, ich wette, er könnte das Herz von jedem Mädchen auf dieser Wiese haben, wenn er das wollte – und noch mehr.


Und dann bewegte sich sein Blick von der Tanzfläche fort und fand ein junges Mädchen, das direkt vor der Plattform stand. Es war nicht Estella; ihr Haar hatte die Farbe von reifen Kastanien und es fiel ungebunden und ungeflochten bis auf ihre Taille hinunter. Sie hatte ein liebliches Gesicht und große Augen, um ein weniges heller als ihre Locken. Trotz ihres Aussehens hätte Merry das Mädchen wohl kaum bemerkt, wäre da nicht die Faszination und Freude gewesen, die von ihr ausstrahlte; sie spiegelte wieder, was er in Frodos Augen gesehen hatte und plötzlich erkannte Merry, dass ihre Füße auch seinen Tanz wiederspiegelten. Sie bewegte sich unbewusst, den Blick fest auf seinen Vetter gerichtet, während sich der Tanzboden mit mehr und mehr Leuten füllte, die sich dem Herrn von Beutelsend zugesellten.


Plötzlich hielt Frodo inne. Für einen Augenblick stand er völlig still. Merry sah, dass er schwer atmete; sein Hemd flatterte in der nächtlichen Brise. Dann machte er ein zwei Schritte zum Rand der Plattform und streckte die Hand aus.


Merry schnappte zum zweiten Mal an diesem Abend nach Luft, und seine Flöte gab ein schrilles Quietschen von sich, Das junge Mädchen machte einen langen Schritt und stand vor Frodo; ihr strahlendes Gesicht wetteiferte mit Sonne und Mond gleichzeitig. Er sah, wie Frodo ihre Hand nahm, und dann tanzten sie zusammen. Der Trommelschlag wurde stärker und lauter, und Merry spielte besser als je zuvor. Er verlor sich völlig in dem Strom aus jubilierender Musik und fließender, harmonischer Bewegung vor seinen Augen. Er war halb erstaunt, als seine Finger die letzte Note des Liedes fanden, hoch und triumphierend. Stille legte sich über die Festwiese, plötzlich unterbrochen von lautem Jubel, Gelächter und Applaus.


Merry blinzelte. Frodo küsste die Hand des jungen Mädchens, wandte sich zu Merry und nickte ihm kurz zu. Dann sprang er vom Tanzboden herunter. Merry hatte keine Wahl, als ihm zu folgen; er schaute über seine Schulter zurück und sah, dass das Mädchen noch immer auf der Plattform stand, einen Ausdruck tiefen Staunens auf dem Gesicht. Ohne nachzudenken blinzelte er ihr zu und warf einen Handkuss in ihre Richtung.


Endlich gelang es ihm, Frodo einzuholen.


„Wer war denn das?“


„Wer war was?“


„Das Mädchen“, sagte Merry, „das Mädchen, mit dem du getanzt hast.“


„Oh... sie ist die Tochter von Viola Stolzfuß, unserer örtlichen Näherin und Stickerin.“ Frodo lächelte abwesend. „Ich glaube nicht, dass du sie kennst.“


„Du hast Recht, das tue ich nicht“, sagte Merry. Langsam ließ die Verzauberung des Tanzes nach, und nun erinnerte er sich daran, wieso er ursprünglich gekommen war.


„Hast du... hast du Estella irgendwo gesehen?“ Er grinste zögernd. „Weißt du, es war aufregend, dir beim Tanzen zuzusehen – neben der Überraschung, dass du überhaupt noch tanzen kannst, mein lieber Frodo – aber erinnerst du dich daran, dass du mich vor allem mit einem gewissen, rotlockigen Mädchen geködert hast?“


„Hör zu, mein kleiner Grünschnabel“, kam die aalglatte Antwort, „hör zu und lerne. Estella Bolger mag Erdbeerpunsch, und auf der linken Seite der Festwiese befindet sich eine riesige Schüssel Erdbeerpunsch. Dort solltest du die Suche beginnen... und der alte Junggeselle wird sich jetzt zurückziehen.“


Merry legte den Kopf schräg.


„Und du hast nicht das Bedürfnis, ihre Tugend zu schützen?“


Frodo lachte.


„Keine Spur“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Ich müsste wohl eher dich davor schützen, gebissen zu werden.“


Er wich mühelos dem spielerischen Schlag aus, der auf seinen Kopf zielte, und dann war er weg. Merry seufzte, drehte sich um und machte sich auf den Weg zu dem Tisch mit der Schüssel. Als er dort ankam, war Estella nirgendwo zu sehen. Natürlich, dachte er, So viel zum Rat eines alten Junggesellen. Aber er fühlte sich irgendwie immer noch wie ein Grünschnabel, und ihm sank das Herz... er wandte sich ab und suchte sich den Weg durch die Menge, bis er den Rand der Festwiese erreicht hatte. Er ließ Stimmen und Lichter hinter sich und nahm den Weg über den Marktplatz durch den schmalen Hohlweg, der zur Biegung nach Beutelsend führte.


„Guten Abend, Merry.“


Estella.


Er wagte nicht, seinen Augen und Ohren zu trauen... aber da stand sie wie aus den Seiten eines Märchenbuches entstiegen, und der Vollmond verdunkelte die Flammen ihres Haares zu mitternächtlichem Ebenholz. Er tat es schon wieder... er starrte sie an und gaffte wie ein Idiot, aber er konnte sich nicht helfen. Sie war so wunderschön.


„Was...“


„Ich habe gesehen, wie du Frodo gefolgt bist, und dann hab ich dich in der Menge verloren“, sagte sie, „und ich habe einige Zeit gebraucht, herauszufinden, wo du hingekommen bist.“


„Und jetzt hast du mich gefunden“, erwiderte er; eine zögernde Freude senkte ihre Wurzeln in sein Herz.


„Und jetzt hab ich dich gefunden.“ Er konnte das Lächeln in ihrer Stimme hören. Ich will dich küssen, ich warte seit zwei Tagen darauf, dich zu küssen, dachte er, würde es dir etwas ausmachen, wenn ich meine Hände durch diese unglaubliche Haarfülle wandern lasse, wenn ich meinen Mund den Weg erforschen lasse hinunter über dein Kinn zu diesem langen, schlanken Hals? Wenn ich... und dann beugte Estella sich vor, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sank mit ihrem gesamten Körper gegen ihn. Er stolperte in völliger Verblüffung rückwärts; sein Rücken berührte die Wand des Hohlweges und jeder klare Gedanke wurde zunichte und ließ eine glückselige Leere zurück.


Ihr Mund war süß und würzig wie ein frischer Apfel, und er kostete alles in Reichweite aus... die Lippen, die sich willig seiner suchenden Zunge öffneten, ihre weichen Wangen, der Duft und die Struktur ihres Haares. Er hörte sich selbst vor Entzücken aufstöhnen und seine Hände umschlossen ihren Kopf am Halsansatz, streichelten ihre Ohren und die Linie ihres Kinns. Er spürte, wie sie erschauderte und ihre Finger glitten von seinen Schultern herunter und liebkosten seinen Rücken. Er spürte die spontane Antwort seines Körpers und sein Gesicht wurde heiß – und dann zog sie sich zurück, ihr Atem ein rasches Keuchen, ihre Augen glitzerndes Silber. Das ist das zweite Mal heute Abend, das ich ein Mädchen so strahlen sehe, dachte er, trunken vor Jubel, aber diesmal war ich es, der das gemacht hat. Diesmal war ich es.


„Das...“ Sie schnappte nach Luft, „... das war für dein Flötenspiel, Meriadoc Brandybock. Es war wundervoll.“


„Dankeschön.“ Er brachte eine Verbeugung zustande und merkte, dass seine Hände immer noch zitterten... aber ihre nächsten Worte brachten ihn sofort auf den Boden der Tatsachen zurück.


„Ich muss nach Hause, mein Bruder wartet“, sagte sie. „Und morgen gehe ich nach Balgfurt zurück.“ In der Dunkelheit konnte sie sicher nicht viel von seinem Gesicht sehen, aber er wusste, dass sie seine tiefe Enttäuschung spüren konnte. „Es tut mir Leid.“ Ihre Stimme war leise und bedauernd. „Ich nehme an, du hast dir... mehr erhofft.“


„N... nein.“ Er schüttelte den Kopf und kämpfte heldenhaft den Drang nieder, zu protestieren. „Ich... ich bin sehr dankbar für das, was ich schon bekommen habe.“


Plötzlich schlossen sich ihre Finger um seine Hand.


„Würdest du mich irgendwann einmal in Balgfurt besuchen?“ fragte sie. „Ich würde mich sehr freuen, dich dort zu sehen.“


„Natürlich... natürlich würde ich!“ versicherte er ihr, diesmal mit ehrlicher Begeisterung. „Nichts könnte mich davon abhalten!“


„Bring deine Flöte mit.“ Das Versprechen in ihrer Stimme ließ sein Herz schneller schlagen. „Gute Nacht, Meriadoc Brandybock.“


Er spürte die schmetterlingszarte Berührung ihrer Lippen auf seiner Wange.


„Gute Nacht, Estella.“


So schnell, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder in der Dunkelheit, und für einen kurzen Moment war er sich nicht sicher, ob ihre Begegnung nicht vielleicht nur ein süßer, erregender Traum gewesen war.


Aber dann zog er die Zwergenflöte noch einmal aus der Tasche... und die schlichte, zarte Melodie, die er spielte, erfüllte die Nacht wie Vogelgesang und Gelächter und wie ein letztes Wiegenlied für diesen wunderbaren, überraschenden Mittsommerabend, während er langsam den Bühl hinauf nach Beutelsend zurückkehrte.


ENDE


*Hier endet Aratlithiels Teil der Geschichte und meiner beginnt. **Die Geschichte von Estella’s zugenähten Ärmeln – und was danach geschah - wird in 'Winteratem' erzählt.