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Das rote Haarband

von Grey Wonderer

Kapitel #1

Sie würde ihn küssen. Sie hatte den ganzen Tag hingeschaut und er hatte geradewegs zurückgeschaut, und sie würde einen Kuss von ihm bekommen, und wenn es das Letzte war, was sie tat. Obwohl es vielleicht eine gute Idee wäre, erst einmal seinen Namen herauszufinden. Jungs pflegten es zu schätzen, wenn man sich noch für andere Dinge interessierte außer diesen unglaublich muskulösen Armen, diesen breiten Schultern, die aussahen, als könnten sie mit wenig Mühe die Welt umhertragen, diese festen, gerade ein ganz klein wenig sonnenverbrannten Lippen... und wenn er sich auf die richtige Weise vorbeugte und die Hand mit dem Krug ausstreckte, konnte sie unterhalb vom Saum seiner Hosen eine muskulöse, gebräunte Wade sehen.


Sterne, wenn er endlich mit diesem Krug bei ihr ankam, dann würde sie das Wasser über ihr Mieder gießen müssen anstatt in ihre Kehle.


Sie lächelte und betrachtete ihn unablässig, während er zu ihr herüber kam, den Krug in der Hand.


„Durstig?“ fragte er sie, wie er es heute schon viermal getan hatte. Und wie sie es jedes dieser vier Male getan hatte, nickte sie, lächelte noch breiter und versprach sich, dieses Mal wirklich etwas zu sagen, anstatt zu nicken und zu grinsen wie eine Idiotin. Bis zu dem Augenblick, als ihr klar wurde, dass sie das bereits tat.


Sie lehnte die Heugabel gegen ihre Schulter und nahm den Krug. Das Wasser war kalt, es kam geradewegs aus dem Brunnen, wie sie wusste, und es schmeckte klar und scharf auf ihrer Zunge. Sie trank, bis nur noch ein Mundvoll oder zwei übrig waren, dann spritzte sie sich den Rest ins Gesicht. Es war schwül heute, und die Luft war dick und schwer. Morgen würde sie für ihre Zeit in der Sonne mit geröteter Haut und frischen Sommersprossen bezahlen. Aber wenn sie nur diesen Kuss bekam...


„Es gefällt dir wohl, was du siehst?“ fragte er und sie erschrak und begriff, dass sie ihn unverhohlen angestarrt hatte. Sie wurde rot und schlug die Augen nieder, dann schaute sie wieder auf und erwiderte kühn seinen Blick.


„Das tut es tatsächlich“, erwiderte sie und klopfte sich im Geiste auf den Rücken dafür, dass ihre Stimme gleichmäßig blieb. „Ich dachte, ich könnte mir vielleicht einen Kuss von dir stehlen lassen, aber dann hast du mich ertappt, und jetzt bin ich unentschieden.“


Hmpf. Das hatte sie nicht laut sagen wollen. Sie wappnete sich gegen die Möglichkeit, dass er sich abwandte oder sogar lachte, aber er grinste bloß, legte den Kopf schief und betrachtete sie ganz genau.


„Du bist ja ganz schön frech!“


„Ich bin eine ganze Menge Dinge“, antwortete sie und sah seine Augen, die hell funkelten, voller Vergnügen und Nachmittagssonne. Er nahm ihr den Krug aus der Hand, füllte ihn nach und gab ihn zurück. Sein Grinsen wurde listig und ein ganz klein wenig verrucht.


„Was denn für Dinge?“ wollte er wissen.


„Nun,“ antwortete sie langsam, dann nahm sie einen Schluck aus dem Krug, schob ihren Fuß näher an den seinen heran und beugte sich weiter vor. „Ich werde dir nicht alles verraten, weißt du, weil ich ziemlich bescheiden bin“, murmelte sie verschwörerisch, dann hielt sie inne und nickte mit einem nicht allzu aufrichtigen Grinsen, „aber Tatsache ist, ich bin unwahrscheinlich reich.“


„Ja, das sehe ich“, gab sie zurück, ihr Ton ein Echo seines eigenen, „So wie du die Heugabel schwingst, das schreit geradezu nach Reichtum.“


„Ich werde darauf achten müssen“, flüsterte sie, dann spähte sie in die Runde, als wollte sie angebliche Lauscher ausmachen. „Ich würde nicht wollen, dass sich die Neuigkeit über meine Schätze verbreitet, oder die Jungs rennen mir scharenweise die Tür ein.“ Sie lehnte sich noch dichter heran. „Du solltest dir diesen Kuss vielleicht jetzt holen, bevor sich die Sache herumspricht und ich dich in der Volksmenge nicht wiederfinde.“



*****



Er betrachtete sie gedankenvoll mit seinen strahlend blauen Augen und sagte mit sehr leiser Stimme: „Sollte ich so kühn sein, meinen Kuss gleich hier zu beanspruchen, wo jeder, der vorbei kommt, es sehen kann? Was würden die Leute sagen, wenn sie sehen würden, wie ich so etwas mache mit einem feinen, reichen Mädel wie dir?“


Sie verschränkte die Arme vor ihrer üppigen Brust und wandte sich leicht von ihm ab; sie ließ es zu, dass ihr Besenstiel in seine Richtung fiel und zwang ihn dadurch, ihn aufzufangen. „Dann hab ich mich also in dir geirrt. So ein Jammer.“ seufzte sie.


Er hielt den Besenstiel fest, schaute leicht enttäuscht drein und sah sie stirnrunzelnd an. „Auf welche Weise geirrt?“ fragte er.


Sie blickte ihn an und war noch immer überrascht über ihre eigene Kühnheit, aber sie brachte es fertig zu sagen: „Ich hab dich für die Sorte Hobbit gehalten, der sich wenig darum kümmert, was andere denken. Ich dachte, du wärst die Sorte Hobbit, der tut, was ihm gefällt, wenn sich die Gelegenheit bietet.“ Sie seufzte wieder und nahm ihm den Besenstiel ab. „Ich denke, manche Dinge kann man einfach nicht mit Sicherheit sagen. Ich habe mich immer für jemanden gehalten, der einen Charakter gut beurteilen kann, aber jetzt sehe ich, dass ich mich in dir getäuscht haben muss.“ Sie verzog ihr Gesicht zu einem verführerischen Schmollen und ließ zu, dass er sie betrachtete... und genau das tat er.


„Es ist sehr mutig von dir, dass du mir eine so kostbare Sache anbietest, Mädel“, sagte er nach ein, zwei Minuten. Sie war nicht sicher, wie lange er sie einfach prüfend angesehen hatte. „Hast du keine Angst davor, was vielleicht dabei herauskommt?“


„Es ist bloß ein Kuss, und davor habe ich keine Angst, Ich bin früher schon oft geküsst worden.“ log sie. Sie war schon früher geküsst worden – tatsächlich zweimal – und von zwei verschiedenen Jungen, aber sie übertrieb, wenn sie das Wort oft benutzte. Zwei würde ihn keinesfalls beeindrucken, war er doch Jahre älter als sie.


Er langte herüber und zog sanft das hellrote Band, das ihr dunkles Haar im Nacken hochhielt, heraus; sie schnappte mehr vor Überraschung nach Luft als aus irgend einem anderen Grund. Sie hatte nicht gedacht, das er so etwas Kühnes tun würde, ohne sie zu fragen. Sie spürte, wie ihr die feuchten Locken in den überhitzten Nacken fielen, und aus irgend einem Grund durchrieselte sie ein Schauder.


„Ich glaube kaum, dass ich dir Grund gegeben habe zu glauben, dass du mir das Haarband wegnehmen kannst“ sagte sie und versuchte streng zu klingen, ohne ihn abzuweisen. Sie fand, dass ihr der Schwung seines Lächelns viel besser gefiel, jetzt, da er ganz dicht vor ihr stand. Sie war ein winzig kleines bisschen ängstlich, aber das schien ihr Verlangen nur noch zu verstärken, von ihm geküsst zu werden und ihn zu küssen.


Er spannte das Haarband zwischen seinen Händen und sah mehr darauf herunter als dass er sie anschaute, „Was, wenn ich das hier behalten würde?“ fragte er. „Ein reiches Mädchen wie du muss doch sicher noch andere haben.“


„Wenn ich dir erlauben würde, es zu behalten, was würdest du damit tun?“ fragte sie und sah, wie das Sonnenlicht, das auf seinem Haar glänzte, die grauen Strähnen deutlich gegen das tiefe Braun hervorhob.


Als ob er ihren Blick auf seine Haare und ihren Versuch spüren könnte, sein wahres Alter herauszufinden, wandte er ihr seine Augen zu und fragte: „Wie alt magst du wohl sein, Mädchen?“


„Alt genug“, sagte sie. Sie wusste, das war nicht originell, aber es war das Erste, was ihr in den Sinn kam.


Nun lachte er, aber nicht sehr laut. „Alt genug für einen Kuss?“ fragte er.


„Alt genug für alles, wonach mich verlangt“ sagte sie, durch die Art gekränkt, wie er sie jetzt anschaute – als ob er sie für ein Kind hielt, das ein Spiel für Erwachsene spielte. Sie streckte die Hand aus, um ihr Band mit raschem Griff aus seinen Händen zurückzuholen, und er ließ zu, dass sie es bekam, aber nur das eine Ende. Das andere Ende hielt er fest, so dass er, als sie das Band in ihre Richtung zog, sich ebenfalls auf sie zu bewegte. „Ich glaube nicht, dass ich möchte, dass du das hast“, sagte sie, und ein Feuer glomm in ihren Augen, als sie an dem roten Band zerrte, dass sie jetzt mit ihm verband.


„Und der angebotene Kuss?“ fragte er mit hochgezogener Augenbraue. „Ist der auch zurückgenommen?“ Er beugte sich vor und war nun kaum Zentimeter von ihr entfernt. Er war nicht viel größer als sie, aber sie war nach Hobbitmaßstäben auch ein ziemlich hochgewachsenes Mädchen. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Ohr, als er sich, das Band noch immer festhaltend, nach vorne neigte und flüsterte: „Sei vorsichtig, wem du Küsse anbietest, Mädel. Es gibt manche, die weit weniger um die Tugend eines Mädchens besorgt sind als ich, und die werden nicht zögern, ihn sich zu nehmen – und mehr.“


Als er sich aufrichtete, schlang sie ihm die Arme um den Hals und zog seinen Mund zu sich herunter. Sie würde diesen Kuss bekommen! Sie hatte ihm ihre Gefühle klar gemacht, und wenn sie abgelehnt wurde, dann wollte sie zurückgewiesen werden, weil der Kuss ihn nicht befriedigte, nicht weil er glaubte, sie sei zu jung. Sie presste ihre Lippen auf seine und spürte die warme Berührung seines Mundes auf ihrem. Es war an diesem Punkt, dass sie gänzlich die Kontrolle verlor.


Er leistete keinerlei Widerstand; statt dessen presste er sich gegen ihren Körper und legte die Arme um sie. Sie spürte, wie ihr das Band durch die Finger glitt... es gab einen schneidenden Schmerz, als es sich so rasch bewegte, dass es sich in ihr Fleisch grub wie bei einem Schnitt von einer Papierkante. Sie spürte, wie er sie auf die Zehenspitzen hob, als er sie in seinen starken Armen hielt. Den ganzen Morgen hindurch, während sie fegte und arbeitete, hatte sie ihn im Garten gesehen, Seite an Seite mit den anderen, und sich gefragt, wie es sich wohl anfühlen mochte, von ihm gehalten zu werden. Jetzt, als seine Zunge in ihren Mund glitt und seine Hand sich in ihr Kreuz drückte, spürte sie, wie sich der Schweiß zwischen ihren Brüsten sammelte und zu ihrem Nabel hinunter sickerte. Als er langsam seine Lippen von den ihren löste und dabei noch immer ihren Hinterkopf mit einer Hand umschloss, begegneten sich ihre Augen.


„Du hast Recht gehabt mit mir, Mädel“, sagte er. „Es kümmert mich nicht, was andere von mir denken. Ich hoffe nur, dass du von dir dasselbe sagen kannst.“ Er zog sich ein wenig weiter zurück, hielt sie aber noch immer in den Armen.


„Ich mache, was ich will.“ Sie sprach leise, als sei sie nach einer langen Wintererkältung noch heiser. Ihre Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern. „Er kümmert mich auch nicht, was andere von mir denken.“


Er lächelte sie an, und nur für eine Minute sah sie etwas in ihm, das ihr Angst machte... und dann war es fort. Seine Augen tranken ihr Gesicht in sich hinein; er beugte sich vor und küsste sie noch einmal, diesmal sanft. Sie fühlte, wie ihr die Knie ein bisschen weich wurden und begriff, dass sie ihre Hände in seinem Haar vergraben hatte und sich an ihm festhielt. Als er sich jetzt zurückzog, stöhnte sie, und das Sonne schien ihr voll ins Gesicht, als sein Schatten sich von ihr entfernte.


Sie sah zu, wie er sich anschickte, davonzugehen, ein trauriges Lächeln auf den Lippen, und sie rief hinter ihm her. „Ich kenne nicht einmal deinen Namen!“


Er blieb stehen, drehte sich um und sie beobachtete, wie er ihr Haarband in seine Hosentasche steckte. „Bilbo Beutlin, zu deinen und deiner Familie Diensten“, sagte er mit einer kurzen, leichten Verbeugung.


„Ich bin---“


„Primula Brandybock, wenn ich mich nicht irre“, sagte er, „Und ich vermute, wenn du nur ein paar wenige Jahre älter wärst, Fräulein Brandybock, dann wärst du jetzt mächtig in Schwierigkeiten.“ Er lächelte ihr zu, zwinkerte und ging dann einfach weg.


„Ich bin fünfundzwanzig!“ rief sie ihm nach. Er schaute nicht zurück, aber sie meinte zu sehen, dass er seinen Schritt ein wenig verlangsamte, während er in den Garten und auf die Bäume zulief. Es war wahr, er war älter als sie, aber sicher nicht mehr als zwanzig Jahre, vielleicht auch weniger, denn er war ein gut aussehender Hobbit und musste noch in den besten Jahren sein. Sie würde sich diskret nach ihm erkundigen, und wenn sie ihn das nächste Mal sah, würde sie sich sehr bemühen, ihn davon zu überzeugen, dass der Altersunterschied kaum von Wichtigkeit war. Sie ballte die Hand zur Faust und spürte den stechenden Schmerz von dem Schnitt an ihren Fingern.


Also das war Bilbo Beutlin...?


ENDE