Geschichten aus Mittelerde

Das neue Archiv für Fanfictions rund um Tolkiens wunderbare Welt!

Shoutbox

Kategorien

Zeitalter (215)
Literatur (96)
Medien (39)

Kalender

             
             
             
             
             


Umfragen

Momentan gibt es keine aktiven Umfragen.

Schlangenzunge

von Mariole

Kapitel #1

Gríma schlurfte den moderigen Korridor hinunter, die Schultern gebeugt, um den niedrigen Decken auszuweichen. Wie er dieses Rattenloch hasste! Der Ort, wo er hingehörte, waren die erhabenen Hallen von Meduseld; süßen Met trinkend und (ach, wenn er es nur könnte!) die Zärtlichkeiten der helläugigen Nichte seines früheren Herrn genießend. Das war der Ort, der Gríma von Rechts wegen zustand, und seine Bestimmung. Der Zauberer hatte ihn dessen beraubt – immer diese schmierigen Zauberer! Gríma knirschte mit den Zähnen.


Der Gestank der Verweigerung füllte ihm die Nase, im Widerstreit zu dem übelkeitserregenden Geruch des Essens auf seinem Tablett. Seine Lippen verzogen sich vor Abscheu. Aber da war nichts zu machen – sein Meister besaß ihn. Bei allen gerechtfertigten Hass, der arme Gríma musste sich fügen. Selbst so gab es einen Handlungsspielraum. Es gab immer ein wenig Raum für ihn selbst, und war er auch winzig. Entschlossen schlich Gríma in den hinteren Teil der Höhle.


*****


Manchmal, wenn er seinen Kopf direkt an die Wand lehnte, konnte Lotho einen Stern sehen. Die Schuppen waren so dicht vor die Smialfenster gebaut worden, dass sie das meiste Licht abschnitten. Und doch konnte Lotho manchmal, wenn er gerade nach oben schaute, ein weißes Blinzeln sehen, dem es gelang, den Rauch zu durchdringen, der dieser Tage ununterbrochen über das Auenland waberte. Der Ausblick weckte in Lotho gemischte Gefühle. Er war schön, aber er verstärkte seine Einsamkeit. Heutzutage hatte er wenig zu tun, in seinem drittbesten Schlafzimmer eingeschlossen; es diente als Lothos Büro und Wohnraum, seit Scharker nach Beutelsend gekommen war.


Scharker. Lotho ballte in fruchtloser Wut die Fäuste. Die Dinge waren gut genug gelaufen, bis diese Kreatur aufgetaucht war. Er war in Beutelsend eingezogen, ohne wenigstens auch nur um Erlaubnis zu fragen, hatte die besten Zimmer übernommen und Lothos Leute durch seine eigenen ersetzt. Zuerst hatte Lotho versucht, das als Ehre anzusehen – dass er der einzige Hobbit war, dem ein solch enger Umgang mit dem eigentlichen Herrn der Menschen gestattet war. In den Tagen und Wochen, die folgten, wurde es für Lotho offensichtlich, dass er tatsächlich vom Rest seine Art isoliert war. Sogar seine Mutter kam nicht länger zu Besuch. Gríma hatte ihm vor ein paar Wochen erzählt, sie sei zu ihren Leuten in Hartbuddel gegangen. Lotho machte ihr nie einen Vorwurf daraus; Beutelsend war mehr ein Nervenzentrum als ein Heim, schon bevor die Menschen auf das Grunstück gekommen waren, all diese Hütten gebaut und den Rasen zerstört hatten, was seine Mutter in Aufruhr versetzt haben würde. Dieses Wissen zerrte an Lotho; dass es seiner Mutter versagt blieb, Beutelsend zu genießen, nachdem sie ihr ganzes Leben darauf gewartet hatte. Und doch war die Verwandlung der Höhle unbedingt notwendig, damit das Unternehmen gelang. Deshalb überraschte es ihn nicht, dass sie ihn am Ende verließ. Aber es war ein Schlag.


Nein, Lotho behielt sich den Hauptteil seines Zornes für den Thain vor. Lotho hätte Scharker widerstehen können, wenn der Thain ihm beigestanden hätte. Als die Dinge sich aufheizten, hatte Lotho eine Annäherung an den Thain versucht (durch Boten) – höchst bewundernswert, wie er gedacht hatte. Eine Bündnis hatte viele Vorteile, wie er wortgewandt argumentiert hatte – einer der nicht geringsten (für ihn) würde Lothos Hochzeit mit der jüngsten Tochter des Thain sein. Pervinca war gerade erst jährig geworden; Lotho konnte sich keinen ehrenwerteren Freier für sie ausmalen als den Oberst des gesamten Auenlandes. Unglücklicherweise war die Antwort Pervincas auf den vorgeschlagenen Zusammenschluss die, Lotho einen in Stücke gerissenen Liebesknoten zu schicken, in einer Kiste mit Mist versenkt. Sie hatte sie so geschickt verpackt, dass Lotho den Deckel schon geöffnet hatte, bevor der Gestank ihn traf. Noch immer konnte er das Gekicher seiner Hauptleute hören, die Zeugen seiner Demütigung gewesen waren. Lotho hatte Pervinca diese Beleidigung nie verziehen.


Paladin hatte sich nicht besser aufgeführt als seine Tochter. Anstatt Lotho direkt zu antworten, hatte er stattdessen entschieden, seine Grenzen dichtzumachen und den Rest des Auenlandes der Verdammnis zu überlassen. Schlimmer noch, seine Leute fingen an, jeden zukünftigen Boten zu jagen – zu jagen! – den Lotho in die Tukländer schickte. Es war egal, dass es in Wirklichkeit Scharkers Männer waren, die Scharkers Befehle befolgten. Damals (und auch jetzt noch) handelte Scharker in Lothos Namen, was nur anständig war.


Doch als die Wochen vorüberkrochen, argwöhnte Lotho, dass er davon, der wahre Oberst des Auenlands zu sein, zu einem bloßen Aushängeschild herabgesunken war – und vielleicht war er nicht einmal länger das. Wer wusste schon, was die Leute außerhalb dieser Mauern redeten? Lothos einziger Trost war, dass dadurch, dass er keine Besucher empfing, niemand einen Bericht über den wahren Zustand ihres Oberst in das restliche Auenland hinaustragen konnte – Tag für Tag in seinen kargen Raum eingeschlossen, mit immer kümmerlicheren Mahlzeiten von einer Qualität, wie er sie nicht einmal seinem Stab aufgezwungen haben würde, damals, als er noch einen solchen unterhielt.


Die verriegelte Tür war die größte Beleidigung. Gríma hatte ihm gesagt, das sei zu seinem eigenen Schutz, aber Lotho wusste es besser. Scharker wollte nicht, dass Lotho seine Pläne belauschte. Sicher, Lotho hatte überlegt, durch das Fenster zu flüchten. Aber die Würdelosigkeit, sich zwischen der Wand und dem Schuppen hindurchzugraben und die Erde vor Gríma zu verbergen, wenn er ihm einen seiner seltenen und nie angekündigten Besuche abstattete, war ihm immer wie etwas erschienen, das jenseits seiner Möglichkeiten lag. Nebenbei würde Flucht bedeuten, dass er sein Versagen eingestand, und Lotho konnte nicht zugeben, dass er versagt hatte.


Selbst angenommen, er kam am Schuppen vorbei, was dann? Lotho hatte die Art Menschen gesehen, die Scharker um sich hatte. Das waren Bestien, Tiere. Ja, einmal hatte Lotho sogar gesehen, wie Scharker sie auf ein Schwein losließ – ein Schwein! Ein ausgewachsenes Schwein, und doch waren diese gekrümmten Wilden mit den haarigen Gesichtern wie ein Rudel Hunde darüber hergefallen; sie knurrten und prügelten darauf ein, während es kämpfte und quiekte, und am Ende hatten sie den Kadaver direkt vor seinen Augen in Stücke gerissen. Das war die Art von Bestien, die auf dem Grundstück Wache schoben. Lotho hörte sie von Zeit zu Zeit auf der anderen Seite des Schuppens, wie sie in ihrer ungehobelten Sprache grunzten. Manchmal hörte er Schreie – Hobbitschreie, und den Aufprall von Schlägen. Lotho presste dann die Augen zusammen; er wusste, er konnte nichts tun. Und doch war er gezwungen zu lauschen, mitanzuhören, wie seine Landsleute von Schreien zu Tränen gebracht wurden - oder noch schlimmer, zu vielsagendem Schweigen.


Nein, Lotho würde nicht durch das Fenster flüchten.


Ein Schlüssel rasselte im Schloss. Lotho setzte sich hastig auf. Um seinen Ausblick auf den Stern zu unterstützen, hatte er vor einigen Wochen sein Bett unter das Fenster geschoben. Jetzt nahm er eine entspannte Haltung an, als hätte er über großartige Angelegenheiten nachgegrübelt, bevor sein Besucher eintraf.


Die Tür öffnete sich knarrend. Grímas bleiches, schwerlidriges Gesicht zeigte sich in der Düsternis. Lothos Herz schlug schneller, als er feststellte, dass sein Aufseher ein Tablett trug. (Lotho nahm an, dass ihre Beziehung eher die eines Gefangenen und seines Wärter war, aber er weigerte sich, auf diese Weise daran zu denken. Der Gedanke führt zum Handeln, und Lotho war noch immer der Oberst des Auenlandes und hatte die Absicht, die Rolle weiter zu spielen).


„Ah, Abendessen.“ sagte Lotho lässig, als würde er das Kneifen des Hungers nicht spüren. Aber sein Magen verriet ihn; bei der Aussicht auf eine Mahlzeit knurrte er laut. Lotho zuckte entsetzt zurück, Allerdings reagierte Gríma, falls er es denn gehört hatte, auf keine Weise, es sei denn, dass er die Tür hinter sich abschloss, wie er es üblicherweise tat. In früheren Tagen hatte Lotho darüber nachgedacht, ihn anzugreifen, um vielleicht an dem Mann vorbei und in den Korridor hinaus zu kommen. Gríma war schwerlich ein robustes Exemplar seiner Gattung. Allerdings wurde die Flucht and Gríma vorbei nicht wirkungsvoller sein als die Flucht durch das Fenster; sie würde Lotho ebenso ungeschützt im Scharkers Hauptquartier zurücklassen. Und innerhalb des Smial würde er es mit Scharker aufnehmen müssen.


Nebenbei hatte Lotho mit der Zeit eine gewisses Zutrauen zu dem mürrischen Ratgeber entwickelt. Es wäre zu stark gewesen, dieses Gefühl Zuneigung zu nennen, aber Lotho hatte sich über die anfängliche Abscheu hinausbewegt, die diese schleichende Kreatur zuerst in ihm ausgelöst hatte. Tatsächlich konnte Gríma ziemlich redselig sein, wenn er in Stimmung war. Tief in seinem Herzen sehnte sich Lotho nach Unterhaltung – nach einem simplen, gewöhnlichen Gespräch. Und doch wahrte er Gríma gegenüber seine Würde. Etwas anderes zu tun, um Kumpanei oder Neuigkeiten zu betteln, wäre jämmerlich gewesen.


Gríma drehte sich um und kam ins Zimnmer hinein. Lotho waren die Kerzen schon lange ausgegangen, deshalb hing die Dunkelheit schwer darin. Trotz des kümmerlichen Lichtes konnte er einen Becher neben dem zugedeckten Teller sehen, der sein (zweifellos mageres) Abendessen darstellte. Sogar quer durch das Zimmer konnte Lotho den süßen Geruch aus dem Becher wahrnehmen. Er setzte sich auf. „Bier!“


„Met.“ korrigierte Gríma.


„Oh.“ Lotho versuchte, nicht niedergeschlagen zu sein. Zu trinken war immer noch zu trinken. „Ich glaube nicht, dass ich das schon einmal versucht habe.“


Gríma kam zu dem Tisch herüber, der zwischen dem Bett und der Tür eingequetscht war und setzte das Tablett ab. „Ich habe ihn oft großen Kriegern und meinem Herrn Théoden in der großen Halle in Meduseld serviert.“ Grímas Augen glitzerten, als er sich dem Bett zuwandte. „Jetzt serviere ich ihn dir, Oberst des Auenlandes.“


„Danke.“ Lotho trat an den Tisch. „Gibt es einen besonderen Anlass?“


„Die Tukländer sind gefallen.“


Lotho erstarrte. Er schaute dem Ratgeber ins Gesicht, schockiert bis zur Sprachlosigkeit.


„Der Rebell Paladin ist ergriffen worden“, fuhr Gríma mit seiner leise flüsternden Stimme fort. „Seine Länderein sind jetzt in den Händen unserer Leute. Morgen, Oberst Lotho, werden dir die Gefangenen vorgeführt werden, um den Oberst des Auenlandes anzuerkennen. Sie sind sogar schon auf dem Weg.“


Lotho konnte es kaum fassen. „Morgen?“


„Es wird eine Parade der Besiegten geben. Du wirst allein hoch über der Menge stehen und ihre Bitten entgegennehmen. Alles wird getan werden, um den wahren Herrn des Auenlandes zu ehren.“


Lotho schloss die Augen, während unbeschreibliche Erlechterung ihn durchflutete. Er hatte recht daran getan zu warten. Seine närrischen Zweifel schienen jetzt bloß noch kindischer Verdruss zu sein. Scharker musste begriffen haben, dass er Lotho immerhin brauchte. Ein Hobbit würde einen besseren Anführer von Hobbits abgeben als ein unbekannter Mensch von wer-weiß-was-für-einer Herkunft. Es hatte Zeit gebraucht, aber Lothos Stunde war endlich gekommen.


„Ich sage dir dies heute Abend“, sagte Gríma, „damit du darüber nachdenken kannst, wie du die Hobbits behandeln wirst, die sich dir widersetzt haben.“


„Scharker hat keinerlei Wünsche?“ fragte Lotho, dann hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Die Frage klang schwächlich und servil – nicht nach dem Oberst des Auenlandes, der seine eigenen Entscheidungen fällte, wie es ihm gefiel.


„Es gibt gewisse Hobbits, bei denen Scharker es vorzieht, sie dir zu überlassen. Insbesondere Paladin, vormals Thain und Verräter, und die Töchter aus seinem Haushalt.“


Die Töchter. Lotho stand völlig reglos. Er flüsterte: „Pervinca?“


„Natürlich habe ich nur Gerüchte gehört, aber ich glaube, dass sie vorhat, dich zu heiraten, nun, da die Macht sich verlagert hat. Und vorausgesetzt, dass du noch immer gewillt bist.“ Grímas Stimme klang abwesend, als wäre es eine geringfügige Angelegenheit. „Scharker hat bereits mit den Vorbereitungen begonnen.“ Grímas Augen blitzten in der Dunkelheit. „Ich hoffe, das missfällt dir nicht.“


„Ob es mir missfällt?“ Lotho fühlte sich schwach. „Nein, nicht im geringsten.“ Zu sehr vom Donner gerührt, um sicher zu sein, wie er sich fühlte, packte Lotho den Becher. Das Getränk war schwer, zu süß für seinen Geschmack und voll von fremden Aromen. Trotzdem stürzte Lotho es hinunter. Er brauchte es, um seine Nerven zu beruhigen.


Gríma lächelte, als Lotho den Becher zurück auf das Tablett stellte. Er schob sein schmutziges Gewand beiseite (Lotho wunderte sich oft, warum der Mann sich nicht sauberer hielt; es war nicht so, dass er keinen Zugang zu Wasser hatte, was Lothos Entschuldigung war). Ein Fläschchen hing an Grímas Gürtel. Der Ratgeber grinste. „Ich hatte dein Vergrügen im Sinn, deshalb habe ich dir dies hier in der Küche gesichert. Trink, soviel du möchtest, Oberst des Auenlandes. Der heutige Abend bedeutet den Wendepunkt für dich.“


Lothos Hände zitterten, als er ihm seinen Becher hinhielt. Gríma hatte genügend Manieren, um das Zittern zu ignorieren; er füllte den Becher einfach bis zum Rand wieder nach. Lotho nahm noch einen Zug und war verständig genug, nach der Hälfte aufzuhören. Er musste etwas zu Essen in den Magen bekommen, oder das Getränk würde ihn geradewegs zu Kopf steigen.


Als ob Gríma den selben Gedanken gehabt hätte, nahm er das Tuch von dem Teller. Der Geruch war leicht säuerlich, aber Lotho war nicht in der Stimmung, kleinlich zu sein. Er fiel über das Essen her, ignorierte die Tatsache, dass es trotz des Tuches kaum warm war, und viel zu freigiebig durchsetzt von halbgaren Klumpen und sogar von Abfallstückchen. Vielleicht würde es morgen ein Fest geben. Oh, Lotho würde es genießen, diese arroganten Tuks zu sehen, seiner Gnade ausgeliefert. Sich Paladin vorzustellen, auf den Knien im Dreck! So viel dazu, dass Lotho ein „Emporkömmling“ war. Aber mehr als öffentliche Anerkennung und die Demütigung seines Rivalen, mehr als selbst auf Pervinca freute sich Lotho auf ein anständiges, ordentlich gekochtes Essen.


Der Met stieg ihm doch in den Kopf. Er hatte sich das schon gedacht, doch nichtsdestoweniger langte er nach dem Becher, unfähig zu widerstehen. Es war unmöglich, festzustellen, wie viel er getrunken hatte, denn Grìma füllte den Becher nach jedem Schluck wieder auf. Erst als Lotho vom Tisch aufstand und spürte, wie sich das Zimmer um ihn drehte, wurde ihm klar, dass er möglicherweise zu leichtfertig gewesen war. Er schwankte, nur um eine starke Hand hinter jedem Ellbogen vorzufinden, die ihn aufrecht hielt.


„Danke, Gríma.“


„Ich bin hier, um dir zu dienen“, flüsterte Gríma ihm ins Ohr. Der warme Atem schickte ein Prickeln an Lothos Hals hinauf. „Es ist mir ein Vergnügen, das zu tun.“


„Ich werde dich nicht vergessen, Gríma.“ Lotho machte einen unsicheren Schritt in Richtung Bett. „Du hast mir immer beigestanden, so gut du konntest, nicht wahr?“


„Wie könnte ich auch nicht?“ Gríma ging langsam neben ihm her und stützte ihn,. „Solch ein tapferer Hobbit. Solch ein geborener Anführer. Wer könnte sich von jemandem wie dir nicht angezogen fühlen?“


Pervinca, dachte Lotho, aber er sagte nichts. Er brach mehr auf dem Bett zusammen als dass er sich darauf niederließ, aber Gríma lenkte seinen Sturz. Lotho fand sich dicht an der Wand wieder und schaute hinauf durch das Fenster. Es war beinahe völlig dunkel, aber er konnte noch immer den engen Spalt sehen, der das Stückchen Himmel zwischen dem Hang und dem Schuppen markierte. Schwach pulsierte dort ein Stern.


Grímas Finger bewegten sich, um Lothos Kleidung zu lockern. Der Vorgang war angenehm vertraut. Wie oft war Lotho in seinem Leben ins Bett gebracht worden, nachdem er zu tief ins Glas geschaut hatte? Mama oder einer der Bediensteten pflegten sich um ihn zu kümmern, wie Gríma sich jetzt um ihn kümmerte, mit sanften Fingern, die aufknöpften, seine Weste öffneten und seinen Kragen lösten.


„Sie wird dich lieben“, flüsterte Gríma – oder vielleicht träumte Lotho das nur? Er war tief in der angenehmen Erinnerung versunken; die freundlichen Hände seiner Mutter, die seine Knöpfe aufmachten und den Stoff beiseite schoben. Nicht schon einschlafen, bevor ich fertig bin, schalt sie immer, aber ihre Stimme war leise und voll von nachsichtigem Humor.


„Sie liebt mich“., murmelte Lotho.


Die Finger bewegten sich zu seinem Hosenbund. „Das tut sie. Sie hat dich immer bewundert. Wenn sie einmal allein mit dir ist, dann wird sie sich auf dich stürzen, unfähig, ihre Begierde zurückzuhalten.“


Begierde – Mama? Durch die wirbelnden Erinnerungen hindurch runzelte Lotho die Stirn. Nein, er war nicht zu Hause; das war auch nur eine Erinnerung. Er saß in diesem scheußlichen Smial in der Falle, hier auf seinem zerlumptem Bett in Beutelsend, und Gríma flüsterte ihm etwas zu.


„Sie verlangt nach dir – wie könnte sie auch nicht? Wenn sie dich in all deiner Größe sieht“, Grímas gedämpfte Stimme zischte bei dem letzten Wort, als die Knöpfe sich lösten. „Sie wird dich in ihr Bett nehmen und ihre Brüste werden sich gegen ihr Mieder pressen, während sie deinetwegen schwer atmet.“


Pervinca! Nun, das war eine wunderschöne Vorstellung. Lotho hatte kaum je mit ihr geredet; ihre Wege kreuzten sich nicht sehr oft. Aber sie war ein exotisches Ding, ganz Feuer und blitzende Augen. Er stellte sich vor, wie dieser schwellende Mund von einer rosigen Zunge befeuchtet wurde – oh ja.


„Ihre Hände werden sich auf dir bewegen und du wirst nach ihren Brüsten greifen und sie drücken. Und sie wird nach Luft schnappen und sich an dir reiben und ihre Hüften gegen dich drängen.“


Wunderschön, wunderschön. Lotho trieb auf der Vorstellung dahin. Sie war erregend, und er spürte, wie er steif wurde. Die Hände, die den Stoff von seinem Schoß fortschoben, verstärkten die faszinierende Vision nur noch.


„Sie wird gegen dich stoßen.“ Eine leichte Berührung und dann sich steigernder Druck. Er bewegte sich auf und ab, sanft anregend. „Wie sich dich zur Verzweiflung treiben wird; zu wissen, dass das einzige Hindernis gegen die gesegnete Erlösung dieses... dünne Stück Stoff ist?“


Pervinca. Lotho stieß seine Hüften gegen sie. Sie reizte ihn, reizte ihn – Lotho wollte mehr.


Ja! Die Hand schob sein Unterzeug aus dem Weg, Lotho spürte, wie seine nackte Hitze in die Nacht hinausblutete.


„Sie wird nichts zurückhalten“. Eine Hand schloss sich um ihn; Lotho stöhnte. Ihr Spiel auf ihm war vollkommen, mit genau der richtigen Mischung aus Druck und Bewegung. „Ihr Vergnügen wird ihr den Verstand rauben. Ihre einzigen Gedanken werden sein: Mehr.“


Lotho bog sich der Hand entgegen. „Mehr...“ stöhnte er.


„Sie kann sich nicht zurückhalten.“ Lotho spürte warmen Atem an seinem Schoß. Er spreizte die Beine und ergab sich dem hartnäckigen Rhythmus. „Sie muss dich in sich aufnehmen.“


„Pervinca!“ schrie Lotho, als ihre Nässe sich über ihm schloss. Oh, es war zu gut, um es zu glauben. Ihre Zunge kreiste, ihre Lippen saugten mit exquisitem Druck, der nur noch mehr Entzücken hervorrief. Ihre Hand hielt ihn noch immer an der Wurzel, sie bewegte sich schneller und schneller. Es war viel zu lange her, dass Lotho sich so gefühlt hatte. Der Höhepunkt überkam ihn rasch; er würde nicht imstande sein, ihn aufzuhalten.


Druck baute sich in ihm auf. Ein weiteres Auf und Ab ihres eifrigen Mundes, gemeinsam mit dem wilden Rhythmus ihrer Hand, brachten ihn über die Schwelle. Lotho kam; der Genuss brach zwischen seinen Beinen hervor, während er einen lauten Schrei ausstieß. Sein Kopf kippte nach hinten. Oh, solche Ekstase! Er pulsierte hart in den feuchten Tunnel ihres Mundes hinein. Sie schluckte wieder und wieder, sie genoss ihn ganz und gar. Sie liebte ihn! Sie wollte ihn! Lotho hätte vor Freude weinen mögen.


Der Mund bewegte sich weg von ihm und setzte ihn kalter Luft aus. Lotho langte blind hinter der Wärme her. Er wollte mehr. Ihre Berührung war schieres Glück, aber er wollte mehr. Er wollte seine Hände auf ihrer Haut spüren, er wollte ihre Brustwarzen drücken, seine wiedererwachte Härte in den heißen Tiefen ihres Körpers versenken. Er streckte die Hände nach der Gestalt auf dem Bett aus, die leichter nach ihrer Hitze zu lokalisieren war als nach ihrer Form. Der Raum schwamm, Schwarz in Schwarz.


„Mehr...“ hauchte Lotho.


„Ja“, wisperte eine Stimme – aber es war die falsche Stimme. Sie zerstach den Traum. Die Stimme war kalt, scharf, mit einer Schneide ---


Scharf und kalt in der Tat, und ganz und gar falsch. Da war ein Schnitt, ein entsetzlicher Druck, der sich mühelos in Lothos Kehle hinein presste. Er offnete den Mund um zu rufen, würgte jedoch stattdessen. Flüssigkeit, dick und warm und viel zu reichlich, verstopfte seine Luftröhre. Er bekam keine Luft. Er wand sich und versuchte aufzuschreien, aber nur gurgelnde Geräusche kamen heraus. Der Raum drehte sich, schneller und schneller, wie ein gewaltiger Anfall von Trunkenheit, gepaart mit Schmerzen, die seinen Kopf heftiger zerspringen ließen, als er es je ertragen hatte. Der Raum wurde noch dunkler. Verzweifelt drehte Lotho seinen Kopf zur Wand. Das Fenster war da, es war offen. Er konnte es spüren – die Nachtluft sank auf sein nach oben gewandtes Gesicht und kühlte die Feuchtigkeit, die sich heiß über seiner Kehle ausbreitete. Er hielt mühsam Ausschau nach dem Stern. Aber alles, was er sehen konnte, war schwarz.


*****


Gríma umschloss sich selbst mit einer tropfenden Hand und schloss die Augen, um den Anblick des zuckenden Hobbits auszuschließen. Dies war Grímas letzte Hoffnung, seine letzte Anstrengung, diesen Teil seiner selbst zurückzuerobern. Der Zauber, gewoben, um Lust zu erzeugen. Die heftige Erlösung, die Gríma in den eigenen Körper aufgenommen hatte. Er schmeckte sie auf seiner Zunge, bitter und stolz, selbst jetzt noch, während er, nur halb steif, in den verzweifelten Kreis seiner Hand hineinstieß.


„Éowyn...“, flüsterte er. Er versuchte sie sich vorzustellen, wie er sie zuletzt gesehen hatte: Schildmaid, eisig und unberührbar, wie sie über ihre Schulter zurückschaute mit einem sanften, durchbohrenden Blick. Sie würde ihn lieben – sie musste ihn lieben! Als Teil der Vorbereitungen für diesen Abend hatte er die Kräuter selbst genommen, bevor er sie in den Met des Hobbits mischte... so, wie er oft die Mahlzeiten seines Herrn in der Halle behandelt hatte. Aber dieses Mal wollte Gríma Teil des Zaubers sein, wollte die Lust fühlen, die Liebe – irgendetwas!


Aber die Vision wollte nicht deutlich werden. Da war ein Nebel zwichen ihm und seiner Erinnerung, die den Weg versperrte. Er pumpte verzweifelt und sehnte sich nach dem schönen, verblassenden Gesicht, aber seine Männlichkeit betrog ihn einmal mehr. Selbst als der Hobbit auf das Bett zurücksank und die letzten blutigen Blasen aufhörten, auf seiner Kehle zu platzen, schrumpfte Grímas Glied in seiner Hand. Das, selbst das hatte der Zauberer ihm geraubt.


Gríma sackte über dem Bett zusammen und unterdrückte ein Schluchzen. Was für einen Sinn hatte es, dem Hobbit das Leben zu nehmen, machtlos und schwach wie er war? Letzten Endes bedeutete dem Befehl seines Meisters zu folgen nur, dass Gríma noch einsamer war. Heruntergekommen wie der Hobbit war, er hatte wenigstens Gesellschaft bedeutet. Nun hatte Gríma nichts; kein Freund, kein Begehren, nicht einmal die Flucht in seine Träume. Es gab nur Gríma und den Zauberer, und ein blutiges Messer in einem schmutzigen Smial, das in einem gerinnenden Klumpen auf einer zerfetzten, durchweichten Decke steckte.


Gríma warf den Kopf zurück und schrie.


*****


Saruman drehte sich nicht um, als Gríma die Tür des Studierzimmers erreichte. Grìma wusste, dass sein Meister seine Gegenwart nicht begrüßen würde – das tat er nie, obwohl Gríma wusste, dass er sich ihrer stets deutlich bewusst war.


Nach einer angemessenen Pause verkündete Gríma: „Meister, es ist getan.“


Saruman erstarrte, so gleichgültig Gríma auch sprach. Gríma fluchte innerlich. Seinem Meister, jeder Nuance gewahr, würde niemals der Zorn entgehen, den Gríma versucht hatte, vor ihm zu verbergen. Saruman drehte sich in seinem Stuhl um und sah ihn an. Mit der Geringschätzung, die ihm so leicht fiel, sagte er: „Höre ich in deiner Stimme Bedauern – für dies hier?“


Gríma schaute hastig weg. „Nein, Meister.“


„Lüg mich nicht an, Schlange. Du könntest es nie. Ich dachte, dir sei inzwischen klar geworden, dass Mitgefühl die Schwäche eines Narren ist? Keine Schlacht wurde je gewonnen, wenn der Sieger Gnade zeigt.“


„Ja, Herr.“


Saruman wandte sich zu seiner Schreibarbeit zurück. „Geh jetzt. Und beseitige die Schweinerei – ich kann das Blut dieser Kreatur von hier aus an dir riechen.“


„Wie du wünschst.“


Gríma schlurfte den Korridor hinunter; Hass schwoll in seinem Herzen. Unter seinem Gewand unklammerte er das scharfe Messer. Eines Tages, versprach Gríma sich selbst, eines Tages. Dann würde Saruman lernen, dass auch Gríma keine Verwendung für Gnade hatte.



ENDE