Geschichten aus Mittelerde

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Süße Rache
by Cúthalion

Chapter #1

Für rabidsamfan - als Medizin gegen schlechte Laune und garstige Erkältungen
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„Brandyweinschlamm,“ sagte Samweis Gamdschie, und betrachtete die braune Flüssigkeit in seiner Tasse mit ehrlichem Abscheu, „das Zeug sieht aus wie Brandyweinschlamm. Nach einem langen Regen, mit tonnenweise Lehm von den Feldern.“ Er schauderte, stellte die Tasse auf das Tablett zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.


Frodo Beutlin drehte sich zu seinem Gärtner um. Im Augenblick war Sam ganz und gar seiner Gnade ausgeliefert (während er an sein Bett in einem großen Krankenzimmer in den Häusern der Heilung gefesselt war, die Rechte unter einem dicken, fleckenlosen Verband).


„Oh, komm schon, Sam... Frau Ioreth sagt, er enthält Weidenrinde gegen den Schmerz, verschiedene andere Kräuter, und - was war das doch gleich? - er wurde mit einer Brühe vermischt, gewonnen aus einem Pfund rostiger Nägel.“


„Einem Pfund rostiger - was?!?“


„Rostiger Nägel,“ erwiderte der Herr von Beutelsend in einem ruhigen, vernünftigen Tonfall. „Wegen des Blutes, das du verloren hast, und das du ersetzen musst, mein lieber Sam. Sehr gut für dich, hat sie gesagt.“ Seine Augen tanzten vor Vergnügen, aber er brachte es noch immer fertig, nicht zu grinsen.


„Und... und was gibt's als Nächstes?“ stotterte Sam, „beim Elf-Uhr-Imbiss an Stich herumlutschen? Ein Kettenhemd zum Nachtisch?“ Er schüttelte den Kopf. „Diese Dame hat sie nicht alle beieinander, wenn du mich f---“ Er klappte hastig den Mund zu, als besagte Dame das Zimmer betrat; sie brachte ein weiteres Tablett, diesmal mit etwas zu Essen. Für einen kurzen Moment leuchteten Sams Augen auf, aber der schleimige, graue Brei in der kleinen Schüssel entsprach ganz gewiss nicht seinen hoffnungsfrohen Erwartungen.


„Was,“ fragte er, „ist das?“


„Haferbrei mit verdünnter Milch, glatt gerührt und weich,“ trillerte Ioreth und setzte das Tablett auf dem Nachttisch ab. „Aber Meister Samweis, Ihr habt Euren Tee ja immer noch nicht getrunken!“


„Tatsächlich, ja,“ entgegnete Sam, „hab ich nicht. Und werd ich auch nicht.“ Ein anklagender Blick in die Richtung der älteren Frau. „Kräuter und rostige Nägel - das soll ganz bestimmt ein Scherz sein!“


Dunkle, vogelgleiche Augen erwiderten seinen Blick mit unerschütterlicher Gelassenheit.


„Ich versichere Euch, ich scherze keineswegs. Dieser Tee wurde für Eure Bedürfnisse zusammengestellt, Meister Samweis, und Ihr solltet ihn wenigstens probieren, bevor Ihr euch weigert, den Rest zu trinken. Seid nicht dickköpfig, kleiner Herr... wir haben geschworen, alles zu tun, um Euch wieder ganz gesund zu machen, und der Tee ist ein wichtiger Teil der Heilung. Und nun...“ Sie nahm die Tasse vom Nachttisch. „Würdet Ihr bitte...?“


Sam nahm die Tasse entgegen und bemühte sich tapfer, das leise Glucksen zu ignorieren, das vom Fenster her kam; die Schultern seines Herrn zuckten verdächtig. Er nahm einen vorsichtigen Schluck... und stellte die Tasse wieder hin. Sein Gesicht verfärbte sich zu einem fleckigen Rot, dann wurde es regelrecht grün. Er gab einen quäkenden Laut von sich, der klang, als würde jemand eine Gans erwürgen, dann rang er nach Luft und fing an zu husten. Ioreth beugte sich über das Bett und klopfte ihm herzhaft auf den Rücken.


„Aber, aber, kleiner Herr... so schlimm kann es doch nicht gewesen sein, oder nicht?“


Sam versuchte nicht einmal zu antworten; sein Hustenanfall wurde nur noch schlimmer und er machte schwache, abwehrende Gesten mit der heilen Hand, während er versuchte, sich die tränenden Augen mit dem Ärmel zu trocknen. Ioreth erbleichte sichtlich.


„Ich werde mit dem Kräutermeister reden!“ sagte sie mit unnatürlich hoher Stimme. „Es mag wohl sein, dass er zuviel Schöllkraut... wirrköpfiger alter Narr!“ Die letzte Bemerkung war kaum mehr als ein leises Zischen durch zusammengebissene Zähne, und dann wirbelte sie aus dem Zimmer und schloss die Tür mit einem Knall hinter sich. Frodo kam vom Fenster herüber und setzte sich in den Sessel neben dem Bett; er beäugte seinen Gärtner mit wachsender Besorgnis.


„Sam,“ fragte er vorsichtig, „war es denn wirklich so furchtbar?“


„Du hast ja keine Ahnung, Herr Frodo,“ krächzte Sam mühsam, „es war noch viel schlimmer!“ Er rang darum, die Fassung und seine guten Manieren zu wahren, aber dann gab er auf und platzte heraus: „Bitte um Verzeihung, aber das nächste Mal, wenn diese Dame versucht, mir etwas aufzudrängen, das wie eine Mischung aus Pferdepisse und Rattengift schmeckt, dann spring ich lieber aus dem Bett und trinke statt dessen aus dem Nachttopf!“


Er wurde knallrot und wandte sich zum Beistelltischchen neben sich; dann nahm er den Löffel von dem zweiten Tablett und tauchte ihn zimperlich in den Haferbrei.


„Ich kann bloß hoffen, dass die ein bisschen Honig genommen haben, um den Schleim süßer zu machen,“ sagte er mit der Stimme eines schwergeprüften Märtyrers. „Ich muss diesen scheußlichen Geschmack aus dem Mund kriegen.“ Er leckte den Haferbrei vom Löffel und schüttelte mit einer sauren Grimasse den Kopf. „Kein Honig. Nicht mal Zucker! Himmel und Erde, ich hab eine wehe Hand, keinen wehen Magen - diese Dame versucht, mich zu vergiften, gar kein Zweifel.“


Er seufzte und lehnte sich in die Kissen zurück. Ehe Frodo die Gelegenheit zur Antwort hatte, öffnete sich die Tür erneut und ein Mann spähte herein. Er hatte einen weißen Haarschopf und ein freundliches, von Falten durchzogenes Gesicht mit himmelblauen Augen.


„Meine Herren?“ Er trat ins Zimmer und verbeugte sich tief. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Mardil, der Kräutermeister der Häuser der Heilung.“


Der Ringträger erhob sich von seinem Stuhl.


„,Herren' werdet Ihr hier keine finden, aber ich bin Frodo Beutlin, zu Euren Diensten,“ sagte er; das Lachen war sichtlich in seine Augen zurück gekehrt. „Also Ihr seid das, der für all diese Gebräue verantwortlich war, die ich während meiner ersten Wochen in der Weißen Stadt schlucken musste, als ich hier in den Häusern der Heilung lag? Und scheinbar ebenso verantwortlich - wenn ich das hinzufügen darf - für den Tee, den Meister Gamdschie hier gerade mit einer Mischung aus Pferdep---“ Er fing Sams mörderischen, verzweifelten Blick ein und entschied sich plötzlich, den verhängnisvollen Satz nicht zu beenden.


Mardil seufzte tief.


„Es tut mir sehr Leid,“ sagte er. „Ich weiß, das ist nicht der schmackhaftste unter meinen Tees. Und ich muss zugeben, dass Meister Gamdschie nicht der Erste ist, der ihn mit... äh... Pferdeurin vergleicht.“


Er sah, wie Sam verlegen zusammenfuhr und schenkte ihm ein schmales Lächeln.


„Unglücklicherweise geht die Wirkung teilweise verloren, wenn man ein wenig Zucker hineinrührt, um ihn genießbarer zu machen.“ Seine Augen durchsuchten das Zimmer. „Es war Ioreth, die den Tee bestellt hat,“ sagte er mit einer gewissen Unruhe. „Wo ist sie denn hin?“


Sam schluckte.


„Ich fürchte, die Dame will Euren Kopf.“ sagte er unglücklich, „und das ist alles meine Schuld, bitte um Verzeihung. Nach dem ersten Schluck hab ich mich geweigert, Euren Tee zu trinken, und jetzt glaubt sie, Ihr hättet irgendwas falsch gemacht.“


Mardil zuckte die Achseln. „Seid nicht zu betrübt darüber, Meister Gamdschie,“ sagte er mit einem schrägen Lächeln, „meine Fehler sind nun schon seit mehr als vierzig Jahren dazu angetan, ihren Zorn herauszufordern, und Euer Widerwillen ist nichts weiter als die allgemeine Bestätigung ihres Misstrauens, was meine... hm... Fähigkeiten betrifft.“ Er hatte offenbar die Absicht, den geordneten Rückzug anzutreten, aber im nächsten Moment öffnete sich die Tür und Ioreth kam zurück, bewaffnet mit einer neuen, dampfenden Tasse.


„Mein lieber Meister Gamdschie, ich habe Euch eine andere Sorte Tee gebracht... und in diesen hier ist sogar Honig!“ verkündigte sie mit allen Anzeichen freudiger Erregung. Dann entdeckte sie den Kräutermeister (der unter ihrem Blick sichtlich zusammen schrumpfte), und ihre gute Laune verwandelte sich in ätzende Verachtung.


„Mardil.“ sagte sie und beäugte ihn von Kopf bis Fuß. „Was macht Ihr denn hier?“


„Oh... der Herr Kräutermeister kam her, um mir etwas über die... nun ja, die Kräuter zu erzählen, die er in seine Tees tut,“ warf Sam rasch ein, der den plötzlichen Drang verspürte, Mardil zu Hilfe zu eilen, „und er wollte mir gerade die Sache mit den rostigen Nägeln erklären.“


„Oh.“ Ioreth atmete tief ein. „Wollte er das.“


„Jawohl,“ sagte Mardil so zustimmend wie dankbar und hob dozierend den Zeigefinger. „Wenn Ihr zuviel Blut verliert, dann verliert Euer Körper Eisen, ein Element, das Ihr dringend braucht, um heil und gesund zu sein. Und eine Brühe, die man aus rostigen Nägeln gewinnt, sollte dabei helfen, Euch das verlorene Eisen zurück zu geben. Man hat mir auch gesagt, dass Eure Entführer Euch nicht allzu gut ernährt haben. Kein rotes Fleisch, nehme ich an, und keinerlei grünes Gemüse... keinen Spinat oder Kohl?“


„Nichts dergleichen,“ entgegnete Sam grimmig. „Und Haferbrei auch nicht,“ fügte er mit einem betrübten Blick auf die kleine Schüssel hinzu.


„Und deshalb solltet Ihr auch Euren Tee trinken, Meister Gamdschie,“ fuhr Mardil mit einem sanften Lächeln und einem Zwinkern in den Augen fort, „Den ersten und den zweiten, wenn Ihr mich fragt.“


Der Ringträger registrierte Sams entsetzten Blick und berührte den Kräutermeister an der Schulter. „Mardil... könnte ich kurz mit Euch reden? Draußen?“


Er verließ das Zimmer, den alten Mann im Schlepptau. Ioreth, mit dem Gärtner als dem einzig verbliebenen Opfer ihres Tatendranges allein gelassen, wandte sich in Richtung Bett und stützte die Hände in die Hüften.


„Nun denn, Meister Gamdschie,“ sagte sie, sichtlich am Ende ihrer Geduld angelangt. „werdet Ihr Euren Tee trinken? Jetzt?“


Sam begriff voll und ganz, dass dies der Augenblick war, den Kampf zu beenden und die weiße Flagge zu hissen. Er nahm die zweite Tasse und leerte sie mit einer heldenhaften Anstrengung. Diesmal gelang es ihm, weder zu husten noch zu würgen; der Tee blieb dort, wo er hingehörte und er hob sein Kinn in einer Geste schwachen Triumphes. Sie schauten einander an, aber bevor Ioreth irgend etwas anmerken konnte, öffnete sich die Tür einmal mehr und ließ den Ringträger und den Kräutermeister ein. Beide sahen sehr zufrieden aus.


„Eure Gegenwart ist in der Eingangshalle erforderlich,“ sagte Mardil zu Ioreth und wechselte einen raschen Seitenblick mit Frodo. „Und Meister Gamdschie sollte die Gelegenheit haben, sich auszuruhen, nicht wahr?“


„Ja, in der Tat.“ entgegnete Frodo ernsthaft. „Er kommt mir ziemlich... erschöpft vor.“


„Oh.“ Ioreth dachte einen Moment darüber nach. „Dann komme ich später wieder, um zu sehen, ob er sich erholt hat.“


„Ausgezeichneter Einfall,“ gab Frodo zurück, sein Gesicht eigentümlich unbewegt. „Heute am Spätnachmittag vielleicht? Ich bin sicher, er braucht drei, vier Stunden Schlaf - mindestens.“


„Sehr schön.“ Ioreth straffte den Rücken, drehte sich um und ging aus dem Zimmer... auf ihrem höchsteigenen Schlachtfeld ungeschlagen. Sam - der ihr den Sieg nicht verderben mochte - wartete, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, bevor er sprach.


„Ich bin überhaupt nicht müde, Herr Frodo," stellte er mit großer Würde fest. „Ganz im Gegenteil.“ Er warf der kleinen Schüssel einen letzten, verächtlichen Blick zu. „Ich habe Hunger... und ich will etwas Richtiges zu Essen.“


„Es trifft sich, dass die Küche der Häuser heute eine ganz besondere Lieferung erhalten hat,“ bemerkte Frodo beiläufig. „Braun und köstlich, wenn man sie mit Speck und Zwiebeln brät, und mit Sahnesoße...“


Sam öffnete den Mund.


„P... Pilze?“ murmelte er in seligem Unglauben.


„Pilze." sagte Mardil, den Glanz des wahren Gelehrten in den blauen Augen. „Ziemlich... ähm... seltene Gewächse in diesem Teil der Welt. Wenn Ihr mich entschuldigt, ich werde mich in meine Studierstube zurückziehen, um über ihren Gebrauch und Geschmack während der letzten drei Zeitalter nachzuforschen.“ Er rauschte aus dem Raum und seine Robe flatterte hinter ihm her wie das Segel eines Schiffes, das den Bug in die morgendliche Flut wendet.


„Dankeschön, Herr. Und ich,“ sagte Sam mit einem glücklichen Seufzer, „werde nachforschen, indem ich meinen Teller bis zum letzten Bissen leer esse. -- Gibt's auch ein bisschen Rindfleisch? Und... und Bier?“


„Du sorgst dafür, dass dein feines Nachthemd und deine Decken sauber bleiben, damit wir uns nicht den Zorn von Frau Ioreth zuziehen,“ sagte Frodo, „und ich sorge für das Rindfleisch und das Bier.“


Mit diesen Worten räumte er die Tabletts , den Tee und den Haferbrei zusammen und ging hinaus, um ein weit schmackhafteres Mahl heran zu schaffen. Sam blieb mit leuchtenden Augen zurück; er lachte leise, als er plötzlich spürte, wie sein Magen knurrte.


„Wer hätte das für möglich gehalten,“ murmelte er, erfüllt von großem Staunen. „Na, wenn das nicht allem die Krone aufsetzt - Pilze in Gondor!“


Er machte es sich zwischen seinen Kissen und Decken so bequem wie möglich. Dann schloss er die Augen, ein träumerisches Lächeln auf dem Gesicht, und wartete in jubelnder Vorfreude.



ENDE


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