Geschichten aus Mittelerde

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Das Haus mit den Zedernschindeln: Bärlauch-Frühling
by Cúthalion

Chapter #1

Ithilien, Juni 1442


„Mama, dieses Kleid ist viel zu lang. Ich bin schon zweimal über den Saum gestolpert!”


Rosie Kattun stand mitten in einem großen, eleganten Raum mit Fenstern aus kostbarem Buntglas, und ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Lachen und Ärger. Elanor stand vor ihr, die Arme verschränkt; ihre Augen schossen Blitze. Einen Moment zuvor hatte Rosie gedacht, dass ihre schöne Tochter ganz wie eine gondoreanische Prinzessin aussah – nun ja, eine ziemlich kurz geratene gondoreanische Prinzessin, um die Wahrheit zu sagen – aber dies war eindeutig die vertraute, allzu wohlbekannte (und sehr hobbitmäßige) Gamdschie-Sturheit.


„Es ist ein wundervolles Kleid“, schalt sie in mildem Tonfall. „Und du kannst am Hof des Fürsten nicht einfach deinen schlichten Rock, die Bluse und das Mieder tragen.“


„Ja.“ Elanor schnaubte. „Und auf den Fingern pfeifen oder auf einen Baum klettern kann ich auch nicht. Das Einzige, was noch fehlt, ist die Anordnung, dass ich Schuhe tragen muss!“


Rosie schüttelte den Kopf.


„Du führst dich auf wie Prim, also wirklich. Ich dachte immer, sie wäre der Wildfang in der Familie.“ Sie legte einen Arm um die angespannten, mit Seide bedeckten Schultern und strich eine goldene Lockensträhne hinter Elanors Ohr. „Du solltest inzwischen wissen, dass Königin Arwens Ehrenjungfrau zu sein auch ein paar Pflichten bedeutet... edle Gewänder eingeschlossen.“ Ein winziges Lächeln erschien auf dem Gesicht ihrer Tochter. „Gefällt es dir hier nicht, Mädel?“


„Das tut es, Mama, bestimmt“, murmelte Elanor. „Und niemand könnte sich einen besseren und edleren Gastgeber wünschen als den, den wir haben. Aber...“ Die Spannung kehrte in ihren schlanken Körper zurück. „Ich vermisse Prim und Goldlöckchen und Margerite... sogar Pip fehlt mir!“


Jetzt lachte Rosie.


„Dann willst du wohl wirklich nach Hause“ meinte sie. „Als er letztes Jahr die erste Geschichte, die du geschrieben hast, in Streifen gerissen und dazu benutzt hat, um den Kamin im Schlafzimmer der Jungs anzuzünden, da hast du geschworen, du würdest ihn umbringen.“


Sam Gamdschie kam herein.


„Wer will wen umbringen?“ fragte er; die Augenbrauen verschwanden fast unter seinem zerzausten Haarschopf.


„Schon gut, Lieber“, Rosie warf ihrem Ehemann einen beruhigenden Blick zu „Ich glaube, unsere Tochter hat ein bisschen Heimweh.“


Sam lächelte.


„Macht doch nichts, mein Sonnenstern“, sagte er. „Nächsten Monat gehen wir nach Hause, und ich muss zugeben, ich träume davon, meine Arme bis zu den Ellbogen in guter, fruchtbarer Erde zu vergraben. Ich freue mich wirklich darauf zu sehen, wie es meinen Rosenbüschen geht!“


„Ich würde meinen, dass du hier genügend Rosen findest“, gab seine Frau ein wenig trocken zurück. „Frau Éowyn hat den größten Rosengarten, den ich je gesehen habe.“


„Klar hat sie den!“ erwiderte Sam mit einiger Hitze. „Und ein Dutzend Gärtner, um sich darum zu kümmern. Jedes herunterfallende Blütenblatt wird weggefegt, bevor es auch bloß den Boden berührt, und es gibt sogar zwei Männer, die die Wege mit Kies bestreuen!“ Er schüttelte mit milder Verzweiflung den Kopf. „Und als ich gestern den Gemüsegarten besucht und die Leute da gebeten hab, mir zu zeigen, wo sie die Schaufeln und die Schubkarren aufbewahren, da haben sie mich angeschaut, als hätte ich um ein Bad im Misthaufen gebeten!“


Bevor Rosie antworten konnte, klopfte es leise an der Tür


„Herein.“


Ein junger Mann betrat den Raum, hoch gewachsen und schlank wie ein junger Baum; sein langes, flachsblondes Haar war zu einem Zopf gebändigt. Die helle Mähne war ein deutliches Erbe seiner Mutter, aber die grauen Augen und die klaren Züge waren die seines Vaters Faramir. Elboron hatte gerade seinen dreiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und würde bald nach Minas Tirith gehen, um in die Wache einzutreten; während der nächsten fünf Jahre würde er nur für ein paar Wochen um Neujahr* und Cormarë* herum nach Hause kommen. Rosie hatte eine ziemliche Schwäche für den gut aussehenden, viel versprechenden jungen Mann; er besaß einen großen Sinn für Humor, erwies ihr eine natürliche Freundlichkeit und behandelte Elanor mit ausgesuchter Ehrerbietung.


Der junge Fürst verneigte sich. „Meine Eltern werden heute Nachmittag ziemlich beschäftigt sein; ein Botschafter aus Harad hat seinen Besuch angekündigt“, sagte er, „und ziemlich unerwartet, wenn ich das sagen darf. Mutter hat mich gebeten, Euch zu Diensten zu sein, wenn Ihr mehr von der Umgebung sehen wollt.“ Er lächelte Rosie an. „ ich könnte Euch nach Henneth-Annûn führen, wenn Ihr es möchtet.“


„Kräuter“, sagte Sam plötzlich, zu niemandem im Besonderen. „Ich möchte gerne Kräuter sehen.“


Der Erbe des Truchsessen hob eine Augenbraue und schenkte dem berühmten Meister Gamdschie ein höchst höfliches Lächeln. „Kräuter?“


Sam wedelte ungeduldig mit der Hand in Elborons Richtung. „Ja, Kräuter, natürlich. Petersilie und Thymian... oder ein bisschen frischen Salbei und Rosmarin... oder wenigstens Schnittlauch!“


Elboron zwinkerte. Langsam erschien ein mutwilliges Grinsen auf seinem Gesicht.


„Würdet Ihr gern Lavendel sehen?“ fragte er. „ Ich kenne einen Ort, wo Ihr den alleraromatischsten Lavendel findet... und auch Melisse. Und Frauenmantel, wenn Ihr möchtet, und sogar etwas jungen Basilikum. Und man hat mir gesagt, dies sei scheinbar ein wunderbarer Frühling für Bärlauch.“


„Bärlauch?“ Sams Augen strahlten vor Begeisterung. „Wer hat Euch das erzählt?“


„Die Heilerin von Ithilien“, erwiderte Elboron. „Kommt mit mir... ich zeige es Euch.“ Er wandte sich an Elanor. „ Und Ihr solltet vielleicht etwas anderes als Euer schönes Gewand anziehen – etwas, das praktischer ist. Vielleicht gibt es dort ein paar Bäume zum Klettern...“ Er bemerkte ihren Blick und grinste. „Entschuldigt meine Frechheit... die Tür war nur angelehnt.“



*****



„Mama, wieso benutzt du Mädesüß für dieses Pulver?“


Im Kräuterschuppen der Heilerin beugten sich zwei Köpfe über eine große Schüssel, umgeben von den starken, aromatischen Düften von Süßholz und Holunder... der einer Frau und der eines jungen Mädchens. Sie waren offensichtlich verwandt; das lange, rote Haar der Frau und die glänzenden, tiefdunklen Locken des Mädchens zeigten wenig Ähnlichkeit, aber sie hatten die gleichen, grünen Augen.


„Wegen des Geschmacks“, sagte die Frau und deutete auf den Mörser neben der Schüssel. Sie war mit getrockneten, gelben Blütendolden gefüllt. „Er ist Vanille sehr ähnlich, aber du musst dafür nicht mit Süd-Harad Handel treiben. Er wächst überall in den Wäldern hier.“ Sie nahm ein paar Blüten zwischen die Fingerspitzen. „Das sind die letzten Überreste vom vorigen Jahr“, sagte sie mit leichtem Bedauern. „Nicht mehr sehr kräftig; ich werde bis September warten müssen, bis ich frische Vorräte bekomme.“


Das Mädchen lachte.


„Oh... und dann machst du deine Pflaumenmarmelade mit Elbenwein und Mädesüß! Ist es wahr, dass es letztes Jahr einen Streit darüber gab, wer die letzten sechs Töpfe bekommen soll?“


„Es ist wahr.“ Die Frau grinste. „König Elessar hat Fürst Faramir besucht und die Marmelade in seiner Residenz gekostet. Danach kam der König zu unserem Haus herunter, um mir mitzuteilen, dass er es für die Pflicht einer guten Untertanin hält, auch noch den launenhaftesten, kulinarischen Wunsch ihres Souveräns zu erfüllen. Er beanspruchte die letzten sechs Töpfe für sich, aber ich war gezwungen, abzulehnen. Es ist die Lieblingsmarmelade deines Vaters.“


Sie sah ihre Tochter an. „Woher weißt du eigentlich von dieser Geschichte?“


„Elboron“, Nun grinste das Mädchen auch, und die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter wurde erstaunlich deutlich. „Er hat mir erzählt, dass der König bald danach in die Residenz zurückmarschiert kam, wobei er so etwas wie ,ungehorsame Hexe’ und ,stur wie ein altes Maultier’ vor sich hin murmelte.“


„Dann lauscht er also immer noch hinter den Ecken, der junge Fürst?“ Die Frau schüttelte den Kopf. „Er ist alt genug, um es besser zu wissen.“


„Wieso sollte er damit aufhören?“ gab das Mädchen zurück, „Ich wette, ich weiß mehr über die Geheimnisse am Hof als der Herr Faramir selbst.“


„Lirulin...“* Die Frau begann, was wahrscheinlich eine ernsthafte, erzieherische Lektion geworden wäre, hätte sie die Gelegenheit gehabt, sie auch zu beenden. Aber draußen näherten sich plötzlich Schritte und Stimmen von den Wäldern her und kamen auf den Schuppen zu. Maethor*, der letzte überlebende Sohn des legendären Garaf, lag dicht neben der Tür und schlief. Jetzt hob der riesige, schwarze Hund den Kopf, sprang auf die Füße, und, stieß die Tür mit der Nase auf, ehe Muttor oder Tochter reagieren konnten. Er schoss aus dem Schuppen und begrüßte die noch unsichtbaren Besucher mit einem tiefen Knurren.


„Lieber Himmel – Maethor, halt! Steh!“ Die Frau hastete um den Tisch herum, ohne sich weiter um Kräuter, Pulver und Mörser zu kümmern; im selben Augenblick fing der Hund – der seinem Namen alle Ehre machte – an zu bellen. Sie rannte hinaus, das junge Mädchen auf den Fersen - und dann blieb sie vor dem Schuppen abrupt stehen und starrte.


Maethor stand mitten auf der Lichtung, die Ohren gespitzt, die Lefzen von seinen riesigen Fängen zurück gezogen. Ein gefährliches Grollen kam tief aus seiner Brust. Direkt vor ihm stand ein Hobbit, die Füße fest auf den Boden gepflanzt. Eine Hand war ausgestreckt, wie zu einer stillen, entschlossenen Warnung, die andere umklammerte den Griff eines kleinen Schwertes. Sonnenstrahlen trafen auf die Klinge, und sie glänzte in einem hellen, blendenden Licht. Zwei weitere Hobbits standen hinter ihm – zwei Frauen – aber alles, was sie in diesem Sekundenbruchteil wahrnahm, war der männliche Hobbit ganz vorne, das grimmige, sonnengebräunte Gesicht unter den gerstenblonden Locken, die zusammengekniffenen, braunen Augen und die feste Linie seines Mundes.


Sie war ihm noch nie begegnet, aber sie erkannte ihn sofort.


„Maethor – bei Fuß!“ Ihre Stimme war scharf wie ein Peitschenknall, und im selben Moment kam ein Schrei vom Waldrand. Elboron war zwischen den Bäumen aufgetaucht, ein lahmendes Pferd am Zügel; als er die Lage begriff, ließ er die Zügel fahren und machte einen Satz in Richtung der drei Hobbits. Aber die Gefahr war bereits vorüber.


Der große Hund lag im Gras neben der Frau und schaute mit hängender Zunge und betretenem Blick zu ihr auf, kleinlaut mit dem Schwanz wedelnd. Der Hobbit stand noch immer unbewegt an der selben Stelle, das Schwert in der Hand. Elboron kann näher; als er sprach, klang seine Stimme schwankend und atemlos.


„Es tut mir sehr Leid, Noerwen“, sagte er. „aber Rusca hatte einen kleinen Stein in ihrem rechten Vorderhuf, und ich bin zurück geblieben, um ihn herauszubekommen. Ich habe einfach vergessen, unsere Gäste zu warnen.“


Noerwen verneigte sich vor dem Hobbit und hielt seinen Blick fest.


„Vergebt mir“, sagte sie. „aber ich bin sicher, Ihr könnt Euer Schwert zurück in die Scheide stecken. Dies ist nur unser übereifriger Hund, nicht eine Riesenspinne, und sobald er weiß, dass Ihr willkommen seid, wird er Euch beschützen wie ein Mitglied unserer Familie. Und Ihr seid sehr willkommen, Meister Gamdschie.“



*****



Langsam sickerte die Anspannung aus seinem Körper, und dann zeigte Sams Gesicht ein kleines Lächeln. Er schaute in das klare Gesicht über sich, nahm die großen, grünen Augen unter den schön geschwungenen Augen in sich auf, den vollen Mund und das offene, kupferrote Haar, noch unberührt vom Frost des Alters, obwohl die Frau nicht mehr wirklich jung waren.


„Kennen wir uns?“ fragte er.


„Nein, das tun wir nicht“, erwiderte die Frau. „Aber das Lied von Frodo mit den Neun Fingern und dem Ring des Schicksals ist in diesen Landen wohlbekannt... und ich denke, ich musste unseren ahnungslosen Hund vor dem tapferen Hobbit beschützen, der gegen Kankra gefochten hat, um seinen Herrn zu verteidigen.“


Sam steckte das Schwert weg und hob beide Hände.


„Oh nein...“ Er schüttelte den Kopf. „Nicht das Lied! Ich bin bloß der Bürgermeister von Hobbingen und ein Gärtner seit dem Moment, als ich Kohlköpfe von Feldsalat unterscheiden konnte. Und die einzigen Spinnen, die ich für den Rest meines Lebens sehen möchte, sind die, die ihre Netze in der Hecke um Beutelsend weben.“


Sein Blick streifte über die großen Beete voller Lavendel, Rosmarin und Salbei.


„Das ist ein hübscher Ort“, sagte er plötzlich. „Ihr scheint eine gute Hand mit Kräutern zu haben.“


Die Frau lachte.


„Oh, das sollte ich!“ sagte sie. „Verzeiht, ich habe völlig vergessen, mich vorzustellen; ich bin Noerwen, die Heilerin von Ithilien, und dies“, sie nahm die Hand des jungen Mädchens, das neben sie getreten war, „ist meine Tochter Lírulin.“


Sam nahm sich zusammen und drehte sich um.


„Und das ist meine Frau Rose“, sagte er, „und meine Tochter Elanor. Sie ist eine Ehrenjungfrau am Hofe von Königin Arwen, und nächsten Monat geht sie mit uns nach Hause zurück.“


Ein paar Momente lang herrschte ein unbehagliches Schweigen. Noerwen schien die Atmosphäre zu bemerken, denn plötzlich lächelte sie und deutete zu dem Haus hinüber, das am Ende der Lichtung stand.


„Ich habe immer gehört, dass Hobbits ihre Mahlzeiten überaus genießen“, sagte sie. „Darf ich Euch zum Mittagessen einladen? Wir haben frisches Brot. Kalten Schweinebraten, Bier und Milch, und meine Tochter hat gerade erst einen wunderbaren, würzigen Käse mit Bärlauch und Schnittlauch gemacht. Seid Ihr interessiert?“


Kein Hobbit war imstande, gutem Essen zu widerstehen, und eine halbe Stunde später war der Tisch im hinteren Garten auf einer kleinen, gepflasterten Terrasse gedeckt. Blumentöpfe umgaben den lieblichen Ort, und zusätzlich zu den versprochenen Delikatessen gab es auch noch Honig, einen Apfelkuchen und frisches Obst in einer Tonschale. Maethor blieb sicher im Kräuterschuppen eingeschlossen (was sehr dazu beitrug, das behagliche Gefühl der Hobbits zu steigern). Die Heilerin und ihre Gäste genossen das Essen. Elboron unterhielt sie mit Geschichten über seine Wanderungen mit Noerwen und ihrem Ehemann, und danach führte Noerwen sie durch die Gärten und den Schuppen. Danach wollten Rosie und Elanor in die Residenz zurück, aber Sams Blick ruhte mit einiger Wehmut auf den Beeten, die im hellen Sonnenlicht des frühen Nachmittags lagen. Die Luft war schwer vom Duft der Kräuter und Blumen, und das Summen vieler Bienen, gemeinsam mit der Nachwirkung zweier Halben von Noerwens selbst gebrautem Bier machte ihn schläfrig. Er legte seiner Frau einen Arm um die Schulter.


„Rosie, würde es dir was ausmachen...“


„Nein, du Dussel, würde es nicht“, sagte sie und pflanzte ihm einen Kuss auf den Mund. „Ich werde Fürst Faramir sagen, dass du nachkommst. Und du hast Recht...“ sie lächelte und ihre Hand streichelte seine Wange, „jetzt, wo ich diesen friedlichen Ort sehe, freue ich mich wirklich darauf, meinen eigenen Garten wiederzusehen.“


Elboron ging mit Sams Frau und Tochter, und er blieb allein auf der kleinen Terrasse zurück. Noerwen hatte ihm einen großen, bequemen Liegesessel angeboten, mit vielen Kissen gepolstert, und es dauerte keine fünf Minuten, bis ihm die Augen zufielen. Er bemerkte nicht einmal mehr, wie die Heilerin vom vorderen Tor zurückkam, wo sie sich von ihren Gästen verabschiedet hatte... nur das angenehme Gefühl der leichten Decke, die über seine Beine gebreitet wurde, den Klang einer warmen Stimme und ein weiches Lachen. Dann war er fest eingeschlafen.



*****



Er öffnete seine Augen dem tiefgoldenen Sonnenschein eines frühen Abends. Als er sich aufsetzte, sah er, dass der Tisch abgeräumt worden war. Eine Vase mit roten Rosen stand auf einem tiefblauen Tischtuch; er bemerkte auch eine Glaskaraffe, gefüllt mit einer strohgelben Flüssigkeit, zwei Bechern und einer Platte mit kleinen Kuchen. Der erfreulichste Anblick war allerdings eine lange Pfeife, ein Topf, der offenbar Pfeifenkraut enthielt und eine kleine Zunderbüchse.


„Guten Abend, Meister Samweis.“


Er wandte den Kopf und entdeckte die Heilerin. Sie saß neben ihm auf einem zweiten Stuhl, ein Lächeln in den Augen. Er räusperte sich.


„Wie lange... wie lange habe ich geschlafen?“


„Drei Stunden.“ Nun hatte das Lächeln ihre Lippen erreicht. „Ich habe eine Pfeife für Euch gestopft, für alle Fälle.“


„Ihr habt für mich...“ Er schüttelte staunend den Kopf und streckte die Hand nach Pfeife und Zunderbüchse aus. „Seid Ihr sicher, dass Ihr kein Hobbitmädel seid?“


„Danke sehr für das Mädel“, Die Heilerin lachte. „Aber Hobbits sind nicht die einzigen, die das Rauchen schätzen, wie Ihr wissen solltet, nachdem Ihr gemeinsam mit einem Waldläufer und einem Zwerg gereist seid. Normalerweise stopfe ich die Pfeife für meinen Mann; er ist ein Waldläufer von Ithilien, aber jetzt ist er gerade nach Osgiliath abkommandiert. – Ein Glas Wein?“


Sam nickte und fühlte sich seltsam friedlich; er atmete den Pfeifenrauch ein und es war ein gutes, aromatisches Kraut. Er kostete den Wein, und er hatte einen frischen, grünen Geschmack. Die kleinen Kuchen waren mit saurer Sahne und Kräutern zubereitet. Die ganze Zeit über sprach die Heilerin kein Wort; sie reichte ihm, was er haben wollte, aber sie versuchte nicht, ein Gespräch anzufangen; er war ihr für ihre Rücksichtnahme dankbar.


„Ich mag Ithilien“, sagte er endlich. „Als ich das erste Mal hierher kam,war es verwildert und verlassen, aber es hat mich immer noch an einen Garten erinnert.... ein bisschen vernachlässigt, und es konnte ein paar fähige Hände und jede Menge Arbeit dringend brauchen, aber es war bereit, seine Früchte herzuschenken, wenn man sich die Mühe machte, sie herauszulocken... und als der Krieg erstmal vorbei war, war es natürlich wunderschön.“


Die Heilerin antwortete nicht, aber er spürte ihren aufmerksamen Blick auf seinem Gesicht.


„Damals war Herr Frodo bei mir“, erklärte Sam, mehr als bereit, die Situation für eine ausführliche Erzählung ihrer ersten Begegnung mit Fürst Faramir vor so vielen Jahren zu nutzen... aber dann verfiel er in Schweigen. Es war der Gedanke an Herrn Frodo – die plötzliche Erinnerung an seinen Herrn, stark und erstaunlich lebhaft, wie er nach dem erschöpfenden Marsch durch die Emyn Muil und die Totensümpfe gewesen war. Schon zu dünn für einen anständigen Hobbit, sein Gesicht grau und angespannt... wie er durch die zerzauste Lieblichkeit des früheren Gartens von Gondor wanderte und die süßen Düfte Ithiliens mit müden, dankbaren Staunen einatmete.


„Ich hab mal Kaninchenpfeffer gekocht, als ich hier war“, fuhr er fort, und zu seiner beschämten Überraschung merkte er plötzlich, dass ihm Tränen hinter den Augenlidern brannten. „Nicht sehr schmackhaft. Wisst Ihr, ich hatte doch keine Tüften, und Gollum mochte es nicht... aber Herr Frodo sagte, es war gut.“ Er schluckte und versuchte ein zittriges Lächeln. „Natürlich wisst Ihr überhaupt nicht, wovon ich da rede... der Kaninchenpfeffer kam in dem Lied von dem Barden nicht vor.“


Aber es war ein Teil der Geschichten, die man mir erzählt hat“, antwortete die Heilerin sanft, „und Euer Herr hatte genau solches Heimweh wie Ihr. Wir sind uns einmal in Minas Tirith begegnet und hatten ein langes Gespräch miteinander. Ich werde nie vergessen, was er sagte: Alles, was ich möchte, ist ins Auenland zurückzukehren und die Fäden meines alten Lebens wieder aufzunehmen. Ich sehne mich nach alt vertrauten Wegen, nach dem Geruch der Bücher in meinem Studierzimmer und dem Klappern der Schere von Sam Gamdschie in meinem Garten. Nach dem sanften Geräusch des Regens auf dem Grasdach von Beutelsend und dem Duft des Geißblatts, das sich neben dem Fenster meines Schlafzimmers hochrankt.“


Sam wagte nicht, ihren Augen zu begegnen; er fürchtete sich, vor einer Frau, die er kaum kannte, in Tränen auszubrechen. Auf der anderen Seite wär es viel leichter, vor dieser Heilerin zu weinen, dachte er unglücklich. Es würde meine Rosie schrecklich traurig machen, wenn sie wüsste, wie tief dieses Lebwohl an den Anfurten manchmal immer noch sticht.


„Meine Rosie und ich, wir schlafen jetzt in seinem Schlafzimmer“, brachte er endlich hervor, „und das Geißblatt wächst immer noch um den Fensterrahmen. Ich muss es zweimal im Jahr zurück schneiden... wuchert wie Unkraut.“ Ein Taschentuch erschien wunderbarerweise vor seinen Augen, und er nahm es mit unverstellter Dankbarkeit entgegen und putzte sich die Nase. „Ich weiß, es ist lächerlich“, sagte er, während er das Tuch in der Hand zusammen drückte, „zwanzig Jahre, und ich jammere immer noch herum wie eine kleine Rotznase. Ich sollte inzwischen drüber weg sein.“


„Wieso glaubt Ihr das?“ Die Stimme der Heilerin war sehr ruhig. Sam schaute sie mit einiger Überraschung an.


„Na ja... man sollte erwarten, dass ich glücklich bin. Mir gehört der schönste und berühmteste Smial im Auenland. Ich bin der Bürgermeister, ich hab eine wunderbare Frau und bis jetzt zwölf Kinder... wer könnte sich mehr wünschen?“


„Wahrscheinlich niemand.“ Die grünen Augen waren voller Wärme und tiefem Verständnis. „Aber das heilt nicht den Schmerz, einen Freund zu verlieren, den man liebt.“


„Nein, tut es nicht.“ Sam starrte auf seine Hände. Dann legte er die Pfeife auf den Tisch und stand von den Stuhl auf; er faltete die Decke sauber zusammen und legte sie auf die Kissen.


„Ich sollte jetzt wohl gehen“, sagte er. „Die werden in der Residenz schon auf mich warten.“ Ein plötzlicher Gedanke schoss ihm durch den Kopf, und sein Gesicht hellte sich auf. „Wisst Ihr was? Ich hab den Verdacht, dass meine Rosie wieder ein Kind kriegt.“


„Wieso?“


„Jedes Mal, wenn sie schwanger ist, wird ihr beim bloßen Anblick von Himbeeren übel. Letzte Woche hatte Königin Arwen eine Schüssel frischer Himbeeren auf ihrer Tafel, und Rosies Gesicht wurde regelrecht grün.“


„Seid Ihr sicher? Möchtet Ihr, dass ich sie untersuche?“


„Ich schon, aber Rosie sicherlich nicht. Das würde ihr dreizehntes Kind sein, und sie will wahrscheinlich warten, bis sie unsere Hebamme daheim sehen kann. Sie hat schon Elanor auf die Welt geholfen, und seither jedem unserer Kinder.“


„Dann sollten wir die Fürsorge für Eure Frau ihren fähigen Händen überlassen.“ Die Heilerin lächelte. „Nebenbei... ich bin sicher, selbst Frau Gamdschie weiß mehr über diese Angelegenheit als ich. Sie hat mir zwölf Kinder voraus. --- Und Ihr kehrt im Juli nach Hause zurück?“


„Ja.“ Sam zögerte. „Aber... ich würde Euch gern besuchen, solange ich noch hier bin... wenn es Euch nicht stört.“ Er räusperte sich. „Ich mag Eure Gärten.“


Die Heilerin trat neben ihn. „Und ich könnte Euren Rat mit meinen Rosen brauchen. Ich mache jeden Sommer ein sehr feines Rosenöl daraus, aber dieses Jahr sind sie voller Mehltau.“


„Ihr braucht Schmierseife und einen starken Branntwein“, erwiderte Sam prompt. „Aber wenn Ihr sie falsch miteinander mischt, bekommt Ihr eine furchtbare Sauerei und jede Menge tote Rosenbüsche.“


„Dann werde ich wohl Eure Hilfe mit dem richtigen Rezept brauchen.“ Noerwen geleitete ihn durch das Haus, ging neben ihm den Pfad entlang durch den vorderen Garten und öffnete das Tor. „Und ich kann Euch zum Tausch ein paar feine Bärlauch-Rezepte geben, wenn Ihr möchtet.“


„Oh, aber unbedingt!“ Sam nahm ihre Hand und drückte sie fest. Dann drehte er sich um und ging über die Lichtung davon. Noerwen stand still am Zaun und folgte der kleinen, aufrechten Gestalt mit den Augen, bis der Hobbit zwischen den Bäumen nicht mehr zu sehen war.



*****



Damrod von Ithilien kam spät in der Nacht aus Osgiliath zurück. Er führte seine Stute in den Stall, schlich sich ins Haus und wurde von Maethor begrüßt, der dieses Mal weise genug war, sein Willkommen auf ein enthusiastisches Schwanzwedeln und den Versuch zu beschränken, das Gesicht seines Herrn zu lecken. Damrod beruhigte den Hund, wusch sich den Staub und Schweiß eines langen Rittes vom Körper und ging leise hinauf in die Schlafzimmer. Er fand seine Tochter in tiefem Schlaf, küsste sie auf die Stirn und sprach das selbe Gebet wie jeden Abend, seit seine Frau ihm Lírulin als Säugling in die Arme gelegt hatte. Danke für dieses Geschenk. Danke, dass ihre Mutter noch immer hier ist... lass beide bei mir bleiben bis zum letzten Tag meines Lebens. Bitte.


Noerwen war noch wach; sie saß in ihrem gemeinsamen Ehebett und studierte im Licht von zwei sechsarmigen Kerzenhaltern ein dickleibiges Buch.


„Du wirst dir die Augen verderben, Liebes“, schalt er sanft, nahm ihr das Buch aus den Händen und klappte es zu. Er schlüpfte neben ihr ins Bett und war sicher, dass sie den Duft von Kamillenseife mit dem darunter liegenden, schwachen Pferdearoma riechen konnte. Sie wandte sich ihm zu und berührte seine Wange, und er konnte den Ausdruck der Zärtlichkeit in ihrem Gesicht sehen.


„Ich habe dich vermisst.“


„Ich habe dich auch vermisst.“ Er spürte ihre Finger, die durch sein Haar strichen, und mit einem plötzlichen Stich erinnerte er sich daran, dass es darin ein paar graue Strähnen gab, die noch vor einem Jahr nicht da gewesen waren. Ich werde alt, hatte er ihr erst letzte Woche gesagt, und sie hatte gelacht, ihn vom Spiegel weggedreht und ihn geküsst. Du erinnerst mich an Aragorn, als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin, gab sie mit einem Zwinkern zurück, und ich bin sicher, das númenorische Blut in deinem Volk wird ich auch dann noch jung halten, wenn deine Haare weiß sind – was natürlich großartig aussehen wird. Und sie hatte ihn zum Bett hinüber gezogen und ihm bewiesen, dass er tatsächlich jung genug war... jung genug, um ihr unbeirrtes Geschenk der Liebe und den köstlichen Segen ihres Körpers zu genießen.


„Was hast du heute getan?“ fragte er.


„Wir hatten Besucher“, erwiderte sie. „Ganz besondere Besucher.“ Ihre Augen glänzten im Kerzenlicht. „Samweis Gamdschie war hier, mit seiner Frau und seiner Tochter.“


„Also bist du ihm endlich begegnet?“ Er lachte und küsste sie. „Du hast ziemlich lange darauf gewartet, nicht?“


„Dreiundzwanzig Jahre, um genau zu sein“, sagte sie und zog ihn zu sich hinunter. „Aber es war die Geduld wert. Ich habe nie zuvor jemanden mit einem so treuen Herzen kennen gelernt. Er ist erstaunlich.“


Er beugte sich vor und vergrub das Gesicht in ihrem Haar.


„Hast du es jemals bereut?“ fragte er plötzlich.


„Was?“


„Dass du deine Welt zurück gelassen hast – um bei mir zu sein?“


Es dauerte eine Weile, bis sie sprach, und ihm sank das Herz. Endlich setzte sie sich auf und betrachtete ihn mit einem rätselhaften Ausdruck in den Augen.


„Als ich zum ersten Mal über die Tatsache las, dass der Ringträger zu... beschädigt war, um den Rest seines Lebens zu genießen, und dass er die Küsten von Mittelerde verlassen musste, da war ich ungeheuer enttäuscht und wütend.“ sagte sie langsam. „Ich verstand nicht, dass manchmal ein tiefer Schnitt vonnöten ist, um eine verwundete Seele zu heilen. Jetzt bin ich weiser.“


„Was bedeutet das?“


„Ich musste diesen Schnitt selbst vollziehen, erinnerst du dich?“ antwortete sie ruhig. „Und er hat sich als Segen herausgestellt. Ich bin sicher, Frodo Beutlin ist in den Unsterblichenlanden so heil und vollständig wie ich es jetzt bin, hier an deiner Seite.“


„Aber eines Tages wirst du sterben.“ sagte er; sein Blick hing an dem vertrauten, geliebten Gesicht.


„Genauso wie er. So sind wir geschaffen, Liebster“, erwiderte sie und legte sanft beide Hände um sein Gesicht. „Aber ich bin sicher, dass Sam Gamdschie seinen Herrn wiedertreffen wird, bevor er die Grenzen zwischen Leben und Tod überschreitet.“


Sie küsste ihn, die Berührung kaum mehr als ein schwacher Hauch.


„Und wann immer ich gehen muss, möchte ich dich an meiner Seite haben“, flüsterte sie gegen seinen Mund. „Versprichst du mir das?“


Er nickte. „Nichts könnte mich von dir fernhalten.“ Nicht einmal mein eigener Tod.


Sie lagen Seite an Seite, und er erinnerte sich an das breite, ehrliche Gesicht von Meister Samweis; er hatte ihn in Minas Tirith getroffen, berührt von seiner schlichten Stärke und seinem großzügigen Herzen. Und trotz der offensichtlichen Freude des Hobbits hatte er gespürt, dass irgend etwas fehlte... etwas, das noch immer ein Mal in die Seele des berühmten, einfachen Helden aus dem Ringkrieg zeichnete.


Lass sie sich eines Tages wieder begegnen, in dieser Welt oder der nächsten, betete er leise, während er hörte, wie Noerwens Atem langsam und regelmäßig wurde, während sie in den Schlummer hinein glitt, und wenn ich eines Tages selbst fort muss, dann lass es eine Welt geben, in der es mir erlaubt ist, wieder bei ihr zu sein.


Aber dieser Tag war noch nicht gekommen Jetzt war sie hier bei ihm; ihre Gegenwart und ihre Liebe waren ein Schild gegen Einsamkeit und Schmerz. Er schloss die Augen, spürte, wie seine müden Muskeln sich so nahe an ihrem weichen Körper entspannten und ließ es zu, dass sanfte, dunkle Wellen aus Schlaf ihn überspülten.


Jetzt war sie hier.


ENDE


Cormarë – Ringtag (der 22. September, Frodos Geburtstag).
Lírulin – Quenya: Lerche
Maethor – Sindarin: Krieger
Garaf – Sindarin: Wolf
Rusca – Quenya: braun


Made with Bulma
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