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Allerliebstes Schwesterlein

von Alistanniel

Allerliebstes Schwesterlein

Elladan und Elrohir, die inzwischen hunderundelf Jahre zählten, saßen vor der Tür zum elterlichen Schlafzimmer. Dann und wann kam jemand heraus oder ging hinein. Jedes Mal wenn dies der Fall war, versuchten die Brüder einen Blick auf die Vorgänge drinnen zu erhaschen.
Jeder Schrei ihrer Mutter ließ sie zusammen zucken, wenngleich sie wussten, dass das völlig normal bei einer Geburt war. Die beiden Jungen hatten keine Ahnung wie lange sie bereits hier draußen saßen und warteten, als sich ein Geräusch vernehmen ließ, das sie noch nie zuvor gehört hatten. Der erste Schrei eines Neugeborenen.
Elladan und Elrohir sahen sich gegenseitig an, grinsten, und blickten dann wieder gespannt zur Tür. Sie konnten noch gar nicht fassen, dass sie nun ein kleines Brüderchen hatten.
Schließlich öffnete sich die Tür und Elrond trat heraus. In seinem Gesicht war das Glück zu lesen, das er empfand.
„Ada!" riefen beide gleichzeitig.
Doch er winkte ab, bedeutete ihnen leise zu sein. Dann machte er Platz, sodass seine Söhne das Zimmer betreten konnten.
In dem großen Bett lag ihre Mutter. Sie wirkte erschöpft, Strähnen des silbernen Haars klebten feucht an ihrer Stirn. In den Armen hielt sie ein kleines Bündel.
Neugierig kamen die Zwillinge näher. „Hallo nana. Geht es dir gut?" fragte Elladan.
Sie nickte, und drehte das Bündel so, dass die beiden das Gesicht des Neugeborenen sehen konnten.
„Er ist so niedlich", meinte Elrohir ehrfurchtsvoll, „unser kleines Brüderchen."
Elrond, der hinter den beiden stand, lächelte bei diesen Worten. „Das ist Arwen, eure kleine Schwester."
„Schwester??" entfuhr es beiden gleichzeitig.
Elladan war etwas perplex, „Wir wollten doch aber einen kleinen Bruder."
„Einen mit dem wir durch die Gegend streifen können", ergänzte Elrohir.
„So etwas kann man sich nicht aussuchen", Elrond musste immer noch über seine Söhne lächeln,
„Aber ich bin sicher ihr werdet auch noch viel Freude mit eurer Schwester haben."
„Mädchen sind langweilig", maulte Elrohir daraufhin. Sein Bruder stimmte ihm mit einem heftigen Nicken zu. Dann wurden sie von Elrond hinaus gewiesen - ihre Mutter musste sich ein wenig ausruhen.
Seit der Geburt ihrer Schwester hatte sich das Leben für die Zwillingsbrüder Elladan und Elrohir geändert. Sie befanden sich in einer Phase, die wohl die meisten älteren Geschwister
durchmachten, wenn sie plötzlich nicht mehr die Nummer eins in der Familie waren. Den beiden aufgeweckten Jungen war die kleine Arwen, so niedlich sie auch war, ein Dorn im Auge. Immer wenn sie schrie, ließen die Eltern alles stehen und liegen, um sich um sie zu kümmern. Und das intensivierte sich, als sie schließlich auf allen Vieren krabbeln lernte.
Es war ein Nachmittag im Frühjahr. Arwen zählte jetzt bereits über sieben Jahre. An diesem Tag hatte Elrond etwas Zeit gefunden um draußen mit seinen Söhnen zu spielen. Die beiden genossen es die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Vaters zu besitzen, was ihrer Meinung nach viel zu selten der Fall war.
Da plötzlich kam Celebrían. „Elrond, komm schnell! Arwen ist verschwunden."
Der Angesprochene erhob sich augenblicklich und folgte seiner Ehefrau zurück ins Haus. Widerwillig trotteten ihnen zwei sehr ärgerliche Hundertachtzehnjährige hinterher.
Drinnen eilten Elrond und Celebrían nach ihrer kleinen Tochter rufend umher. Elladan und Elrohir waren von ihren Eltern dazu angehalten worden ebenfalls nach Arwen zu suchen.
Doch sie hatten herzlich wenig Lust dazu. Kinder verschwinden nicht einfach, dachten sie. Früher oder später, besser später, würde die kleine Nervensäge schon wieder auftauchen. Die beiden zogen sich in ihr Zimmer zurück, holten ihre Spielzeugkrieger hervor.
Plötzlich sah Elrohir auf.
„Was ist los?" fragte sein Bruder.
Er zeigte in die Ecke neben dem Tisch, wo ein Haufen getragene Kleidung lag, die vermutlich vom Sessel gefallen war, und die sie eigentlich schon längst hätten, zum Waschen abliefern sollen.
Sein Zwilling erkannte rasch was los war. Der Stapel bewegte sich. Da er näher saß, begann er damit die Kleidungsstücke zur Seite zu räumen.
Darunter kam ein kleines rosiges Gesicht zum Vorschein. Große graue Augen blickten die Jungen an. „Aguu?"
„Arwen!" entfuhr es beiden gleichzeitig.
Während Elladan das brabbelnde Mädchen keine Sekunde aus den Augen ließ, eilte Elrohir zur Tür. Am Gang angelangt rief er, „Ada, nana! Wir haben Arwen gefunden!" in den Flur.
Nur einen Augenblick später erreichten ihre Eltern das Zimmer. Beide waren so erleichtert die Kleine heil wieder gefunden zu haben, dass sie sogar auf ein Donnerwetter bezüglich der Wäsche verzichteten. Jedoch ihr Vater schien vergessen zu haben, dass er zuvor mit seinen Söhnen gespielt hatte.
An einem Spätsommertag schließlich, es waren inzwischen weitere sieben Jahre vergangen, hatten Elrond und Celebrían beschlossen ein Picknick mit den Kindern zu unternehmen. Sie waren der Ansicht, dass etwas Zeit zusammen der ganzen Familie gut tun würde. So saßen sie am Flussufer in der Wiese im Schatten des Apfelbaumes. Zumindest Celebrían und Arwen saßen dort. Elrond und die Jungen befanden sich im Wasser - ihr Vater hatte die Zeit für reif befunden, dass sie Schwimmen lernten. Und die beiden machten das schon ziemlich gut, fand er.
Da erklang Celebríans Stimme. „Elrond, meleth-nîn, sieh her! Arwen macht gerade ihren ersten Schritt."
Sofort trat er aus dem Wasser, und ein wenig auf seine Tochter zu. Ganz langsam und vorsichtig setzte das kleine Mädchen einen Fuß vor den anderen, näherte sich seinem Vater, der es schließlich in Empfang nahm und hoch erfreut in die Luft hob.
„Na so was, mein kleiner Schatz kann ja auf zwei Beinen gehen", sagte er glücklich.
Die Zwillinge hatten natürlich auch alles gesehen, konnten der allgemeinen Begeisterung aber nicht ganz folgen. Dann konnte die kleine Nervensäge eben gehen. Na und? Sie selbst vermochten das schon seit hundertfünfzehn Jahren.
Jetzt waren sich die beiden einig. Es konnte so nicht weiter gehen. Irgendetwas mussten sie hinsichtlich des Problems mit Namen Arwen unternehmen. Die Operation „Namarìë Nervensäge" wurde ins Leben gerufen.
So kam es, dass der reitende Bote, als er vor seinem Aufbruch in Richtung Lothlórien die zu überbringenden Dinge aufnehmen wollte, neben einigen Briefen auch einen Korb fand, aus dem ihm zwei große graue Augen, die zu einem rosigen Kindergesicht gehörten, entgegen blickten. Um den Hals hatte das kleine Mädchen ein Schild, auf dem in großen Lettern „Nach Lórien, an Frau Galadriel" geschrieben stand. Schmunzelnd lieferte er die seltsame Fracht dort ab wo sie hingehörte, nämlich bei Elrond und Celebrían.
„Elladan! Elrohir!" donnerte ihr Vater, „Kommt auf der Stelle hierher!"
Wie zwei geprügelte Hunde näherten sich die beiden ihren Eltern. Bei den strengen Blicken, die sie in Empfang nahmen, zogen sie es vor, zunächst zu schweigen.
„Was habt ihr dazu zu sagen?" Elrond hielt das Schild, das Arwen um den Hals gehabt hatte, in die Höhe.
„Nun ja", begann Elladan. „Wir dachten Großmutter freut sich, wenn ihre Enkeltochter sie mal besucht."
Die Augenbraue des Herrn von Bruchtal wanderte in die Höhe. „Für mich sieht das eher so aus, als wolltet ihr eure Schwester los werden."
„Seit diese kleine Nervensäge da ist, habt ihr uns gar nicht mehr lieb!" platzte es aus Elrohir heraus. „Vielleicht hätten wir besser uns selbst nach Lórien geschickt. Ihr braucht uns sowieso nicht mehr, ihr habt doch Arwen!" Tränen sammelten sich in seinen Auge. „Keiner braucht uns."
Elrond schloss daraufhin seinen Sohn in die Arme. „Was redest du da nur? Wir haben euch doch lieb."
„Wirklich?" er sah schluchzend auf.
„Ja wirklich, und zwar mehr als ihr euch vorstellen könnt."
„Aber… ihr habt nur Augen für Arwen. Wenn sie irgendetwas macht, lasst ihr alles stehen und liegen."
Celebrían, in deren Arme sich inzwischen Elladan gekuschelt hatte, lächelte. „Das haben wir bei euch doch genau so gemacht. Seht mal, nur weil wir Arwen momentan etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, heißt das nicht, dass wir sie mehr lieb haben als euch."
„Nicht?" fragte Elrohir in den Armen seines Vaters verweint.
Er strich dem Jungen behutsam über das Haar. „Arwen ist im Moment noch komplett auf uns angewiesen. Sie weiß noch nicht was gut für sie ist und was nicht, oder wo es gefährlich ist. Ihr dagegen seid schon große Jungs. Versteht ihr das?"
Beide nickten gleichzeitig. Sie kamen sich derzeit ziemlich dumm vor. Wie hatten sie nur an der Liebe ihre Eltern für sie zweifeln können?
Elladan sah sich nach Arwen um, die in der Nähe am Boden saß und mit einem Plüschtier spielte. Als sie seinen Blick mit ihren großen grauen Augen erwiderte, stellte er fest, dass sie für eine Nervensäge eigentlich ziemlich niedlich war.
„Du nana, glaubst du sie hat uns gern, obwohl wir so gemein zu ihr waren?"
„Natürlich hat sie das", Celebrían musterte ihren Sohn. „Und noch etwas. Vergesst nicht, dass ihr ihre großen Brüder seid, und dass sie, wenn sie etwas älter ist, zu euch aufsehen wird. Deshalb müsst ihr ihr ein gutes Vorbild sein."
So sehr sich Elladan und Elrohir auch bemühten, das Gefühl die Nummer zwei zu sein, blieb. Die Eifersucht auf ihre Schwester hatten sie zwar überwunden, aber dennoch hätten sie gerne noch etwas mehr Beachtung genossen. Der Einzige der wirklich immer, egal wann sie ihn aufsuchten, für sie Zeit hatte, war Glorfindel.
Es war der Abend von Elronds und Celebríans Hochzeitstag, die beiden wollten gemeinsam einen Spaziergang unternehmen, und baten daher die Zwillinge währenddessen auf ihre kleine Schwester, die vor kurzem ihren zweiunddreißigsten Geburtstag gefeiert hatte, aufzupassen. Es war ein milder Abend, weshalb sie sich im Garten aufhielten. Während sie mit ihren Spielzeugkriegern spielten, warf Arwen ausgelassen ihren kleinen bunten Ball hin und her.
Gerade hatte Elrohir eine Figur platziert, als plötzlich Weinen hörbar wurde. Ruckartig drehten beide gleichzeitig die Köpfe. Arwen hockte schluchzend auf dem steinernen Weg, der zum Haus führte. Die Zwillinge traten zu ihr. Sie war gestolpert und hatte sich das Knie an den Steinen aufgeschlagen.
Elrohir ging ins Haus um das Nötige zum Versorgen der Wunde zu holen, während Elladan das kleine Mädchen in den Arm nahm. „Shhh, ist ja schon gut, Arwen-Mäuschen. Gleich kommt Elrohir zurück, und dann kümmern wir uns um dein Knie."
Ihre Wangen waren tränennass, als sie zu ihrem Bruder aufblickte. „Roh?"
Elladan glaubte sich verhört zu haben. Hatte seine kleine Schwester wirklich gerade versucht den Namen seines Bruders zu sagen?
„Roh!" wiederholte sie.
Nein, es war keine Täuschung gewesen. Sie hatte soeben ihr erstes Wort gesprochen.
In diesem Augenblick kam Elrohir zurück. Arwen bemerkte ihn als erste. „Roh, Roh!"
Als er das hörte, hätte er beinahe das Verbandszeug fallen gelassen. Nach diesem Moment der Überraschung machte er sich daran Arwens Verletzung zu versorgen.
Elladan strich Arwen übers Haar, nachdem sein Bruder ihr Knie verbunden hatte. „Du warst sehr tapfer, und dafür bekommst du jetzt auch ein Keks."
„Roh!" sagte sie wieder.
Der Junge schmunzelte. „Nein, ich bin Elladan, er ist Elrohir", er deutete auf seinen Bruder.
„Roh?"
„Ja, er ist das. Ich bin Elladan. Elladan."
Einen Moment lang blickte das Mädchen zwischen den beiden hin und her, verharrte dann wieder bei Elladan. Dann öffnete es erneut den Mund. „Dan?"
Ein Lächeln erschien auf dessen Gesicht. „Genau, der bin ich. Dan."
„Dan!" wiederholte Arwen begeistert.
In diesem Moment betraten Elrond und Celebrían den Garten. Arwen lief auch sofort zu ihrer Mutter.
Die Zwillinge folgten ihr. „Ada, nana, habt ihr das gehört?" sprudelten sie gleichzeitig los. „Sie kann sprechen, sie hat unsere Namen gesagt!"
Elrond nickte. „Und wisst ihr auch was das zu bedeuten hat?"
Die Antwort bestand in einem doppelten Kopfschütteln.
„Das bedeutet, dass sie euch sehr sehr gern hat."
Und diesem Augenblick begriffen Elladan und Elrohir etwas. Dass sie ihre kleine Schwester auch sehr sehr gern hatten, und niemals zulassen würden, dass ihr irgendetwas geschah.
Ihre Eltern mochten zwar nicht mehr ganz so viel Zeit für die beiden übrig haben, doch jetzt hatten sie wieder das Gefühl von jemandem gebraucht zu werden. Sie waren die Nummer eins bei ihrer kleinen Schwester.