Geschichten aus Mittelerde

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Liebe, stärker als der Tod?
by Dairyû

Kapitel I - Was jetzt ist
Als die schlanke und hochgewachsene Frau den langen, düsteren Gang heraufkam, vernahm man nur das Rascheln ihres Gewandes und des weiten Umhangs, der sich hinter ihr bauschte wie ein lebendiger Schatten; nicht aber ihre leisen Schritte, die wie die einer Katze waren: vorsichtig und lautlos.
Das Gewand der Frau erfreute das Auge mit einem tiefen Rot, und mit feinen goldenen Fäden war es bestickt, die sich umeinander wanden, scheinbar ohne Grund und Ziel; aber wenn Licht den Stoff in bestimmter Weise umschmeichelte, dann wurden sie zu einem prächtigen Drachen, der seine Flügel ausbreitete, als wolle er die Trägerin des Gewandes schützen oder von ihrer Stärke zeugen.
Der Umhang war in einem dunklen Blau, schlicht geschnitten, aber dafür verlieh er der Gestalt seiner Trägerin um so mehr Würde und Herrschaftlichkeit und betonte ihre Größe, mit der sie viele Männer des Landes überragte.
Und tatsächlich war die Frau keine gewöhnliche Sterbliche, sondern die Königin eines großen Reiches und das schon lange Zeit.
Nun kam sie zu der Tür, die in den Thronsaal des königlichen Hauses führte. Die Wachen dort wichen ehrfürchtig zur Seite und neigten die Köpfe zu einem stummen Gruß. Sie dankte es ihnen mit einem milden Lächeln und einem Nicken, und den Wächtern erschien sie in diesem Augenblick wie eine Elbenfürstin, denn ein feines Licht umstrahlte ihren zarten Körper und glitt über die Wächter hinweg, während sie vorüberschritt, eine winzige Geste mit der Hand vollführend.

Die Wachen verneigten sich noch einmal und dann verließen sie ihren Posten, so wie ihre Herrin es ihnen befohlen hatte. Leise zogen sie die beiden Türflügel zu, die offen gestanden und einen Blick in die Halle erlaubt hatten, in deren Düsternis die Königin eintauchte. Die beiden Männer gingen mit Bedauern, weil die Güte der Herrin ihre Herzen labte und ihr Licht ihre Seelen berührte.
Dieser sonderbare Schein wurde schwächer, je weiter die Frau in die Halle ging und schließlich war er ganz erloschen, verschluckt von einem trüben Zwielicht, das auch die schmalen Fenster zu beiden Seiten der Halle nicht vertreiben konnten. Es war, als fürchteten sich die Sonnenstrahlen in das Gemäuer zu scheinen und Helligkeit zu spenden - oder aber eine unsichtbare Kraft gebot ihnen Einhalt.
Die scharfen Augen der Frau durchmaßen den langen Saal, und dann sah sie ihn - den König. Hochgewachsen war er, aber die Last vieler Jahre beugte seine Schultern nicht und er war noch immer stark und vermochte sein Schwert zu führen wie der beste Krieger seines Hofes.
Jetzt jedoch sah sie keine Waffe an seiner Seite und sie war froh darüber, denn der kalte Stahl, der so schnell den Tod bringen konnte, war immer schon ein Ärgernis für sie gewesen. Aber wie konnte es anders sein in der Welt der Menschen, dass sie sich mit Waffen behingen und Gebrauch von ihnen machten, wenn selbst die Elben es nicht verschmähten? Denn die Zeiten waren grausam geworden und schon gingen die Vorboten eines großen Krieges um.

Ein Schatten hatte sich erhoben und er war in das Land der Unsterblichen, welches Eregion genannt wurde, gekommen und hatte es zerstört. Es hieß, der Herr des Landes habe sein Leben gelassen und mit ihm viele der Erhabenen.
Mit Sorgen sah die Königin in die Zukunft, denn Eregion war nicht weit entfernt vom Reiche ihres Mannes, und wer wusste, ob der namenlose Feind sich nicht nach Enedwaith wenden würde, weil die Menschen dort zu Wohlstand gelangt waren.
Sachte schüttelte die Frau den Kopf. Es hatte genug Schlachten gegeben in der Lebensspanne, die sie schon durchmessen hatte. Nicht wenige hatte ihr Gemahl geschlagen und so sein Reich vergrößert oder es verteidigt gegen andere Fürsten.
Sie hatte das Erstere nie billigen können und das Letztere als gegeben hingenommen.
Ohnmächtig und bangen Herzens hatte sie auf ihren Herrn gewartet, so wie sie alle es taten, die ihre Gefährten liebten und sie in eine Schlacht ziehen sahen.

Und jedes Mal war sie unendlich erleichtert gewesen, wenn er zurückkam, hatte seine Wunden gepflegt und zu den alten Göttern gebetet, dass es der letzte Kampf sein möge, den ihr Gemahl ausfocht. Doch wusste sie, dass ihr Wunsch vergeblich war, denn das Blut Númenors floss durch seine Adern, er war stolz und unbeugsam und behauptete sich unter den Fürsten der Menschen. Selbst den Elben würde er furchtlos die Stirn bieten, wenn es die Not geböte. Immer nahm er sie in die Arme wie ein hilfloses Kind, wenn er ihr Flehen hörte und tröstete sie mit sanften Worten, die um Verständnis warben.
Aber er konnte sein Wesen nicht verleugnen - nicht einmal um ihretwillen - und so war ihr Herz stets ein wenig mit Trauer behaftet, doch die Liebe überwog bei Weitem; denn sie hatte ein gutes Leben an der Seite ihres Gemahls verbracht.


Zärtlich lag ihr Blick auf der vertrauten Gestalt. Sie betrachtete das schneeweiße Haar des Königs, welches ihm lang und in weichen Wellen auf die Schultern hinabfiel und sie sehnte sich danach, es zu berühren, ihre schlanken Finger darin zu vergraben, wie sie es früher oft getan hatte; aus Leidenschaft oder aus reiner Freude. Ihre Augen wanderten über sein schmales Gesicht, das sich nur wenig verändert hatte. Wäre die Farbe seiner Haare ein dunkles Braun gewesen, dann hätte sie ihn so vor sich gesehen, wie bei ihrer ersten Begegnung.
Das Blut Númenors war stark und es schenkte ein langes Leben, spät war das Siechen des Körpers einem Menschen beschieden, durch dessen Adern es rann; und alterslos wirkte der König.

Er trug ein schlichtes Gewand aus dunkelgrünem Leinen, das an Ärmeln und Kragen mit Pelz verbrämt war und darüber einen dunklen, offenen Mantel aus feinem Wildleder, dessen Nähte kunstvoll mit Goldfäden bestickt waren. Auf dem Haupte hatte er eine einfache silberne Krone - wie der König eines kleinen unbedeutenden Reiches.
Aber er war ein Herrscher über viele Lande geworden, und die Menschen achteten und verehrten ihn. Auch die Elben sprachen von seiner starken Hand und seiner Macht, und seine Feinde zitterten vor ihm, während seine Verbündeten sich glücklich schätzten.
Die Frau ließ ab von ihren Betrachtungen, denn es war nicht gut sich in der Zuneigung zu verlieren, die über sie kam, wann immer sie der Gegenwart ihres Gemahles teilhaftig wurde.
"Mein Gebieter ...
Mein König ...
Mein Fürst ...
Mein Geliebter."
Ihre Stimme drang laut und rein durch den Saal und hallte von den hohen Wänden wider. Mit jedem Wort, das die Herrin sprach, kam sie näher an den Mann heran, der vor dem großen Thron stand, welcher die Stirnseite des Saales beherrschte und der aus weißem Marmor gefertigt war und schwach in einem eigenen Licht leuchtete. Sorgsam achtete sie auf ihre Schritte und zog den Umhang fest um ihre Schultern, so dass er sie nun verhüllte und wie ein schützender Schild um sie lag.

Der König war reglos, nur seine Augen schweiften umher und sahen vieles.
Leise kam die Frau weiter herbei und gerne hätte sie die Gedanken ihres Mannes gekannt, aber er teilte sie nicht mehr mit ihr; wie er so vieles nicht mehr teilte, und das kränkte ihr Herz und brachte Trauer über ihre Seele, denn wo sie früher eins gewesen waren, trennte sie nun ein unüberwindbarer Graben aus Kälte und Verständnislosigkeit.
Wohin war all die Liebe entschwunden, die sie beide einstmals verbunden hatte?
Wehmütig erinnerte sich die Königin an einen lauen Tag im Spätsommer vor nahezu sechzig Jahren ...

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