Geschichten aus Mittelerde

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Published: 08.08.2019

Seltsame Schicksale
by Tehta

Die verborgene Stadt Gondolins blendete das Auge. Sonnenlicht erhellte ihre weißen Mauern, ließ die hohen Fenster ihrer vielen Türme aufblitzen und setzte ihre goldenen Dächer in Flammen. Unten in den Höfen glitzerten die Brunnen, jede Fontäne eine mit winzigen Regenbogen verzierte Kaskade von Diamanten.

Maeglin fand dies alles ziemlich pompös.

Pompös und überwältigend. Während er durch die Stadt ging, stachen ihm die unausweichlichen Strahlen der Sonne in die Augen, bis er zu einem fast ständigen Silberblick gezwungen war. Zugegeben, er mochte die Art, wie ihn dies aussehen ließ – unergründlich, rätselhaft und erwachsen –, da die Leute auf alarmierende Weise dazu tendierten, seine zu großen, dunklen Augen als Beweis kindlicher Verletzlichkeit zu sehen. Aber was war der Sinn all dieser Helligkeit? Selbst die herrlichsten Dinge sahen am besten aus, wenn man sie nicht in der Mittagssonne betrachtete, sondern in schwach beleuchteter Dunkelheit. Besonders auf zwergische Juwelen traf das zu, ebenso auf Gold und auf das Paradebeispiel von Pracht: goldenes Haar.

Als er eine angenehm vertraute Enge in der Brust verspürte, seufzte Maeglin. Ja, zweifellos war von all den angeblichen Wundern des überdimensionierten Gondolin nichts so herzzerreißend lieblich wie Idrils Haar in einer mondlosen Nacht, wenn das sanfte Schimmern mit Leichtigkeit die Flamme der Kerze in ihrer Hand überstrahlte. Wie es ihn danach verlangte, sie in einer von Fackeln erleuchteten Höhle oder Mine zu sehen, vielleicht sogar in ein leuchtend weißes Kleid gewandet, wie jene, die Mutter bevorzugt hatte…

Diese Traumvision war so fesselnd, dass Maeglin fast an Ecthelions Haus vorbeigelaufen wäre und es gerade noch rechtzeitig bemerkte, sich der Tür zuzuwenden, ohne seine Würde zu verlieren. Er stieg die Stufen hinauf, warf den Umhang über eine Schulter zurück und klopfte, bevor er zu seinen feinsinnigen Gedanken zurückkehrte.

Oh, Idril, Cousine Idril. ‚Cousine’. Was für ein schönes Wort das war. Und auch ein trügerisches, denn während es ihn mit Idril verband, kennzeichnete es sie auch als verboten – oder so schien es zumindest unter Gondolins Gesetzen. Aber wen sonst sollte er lieben, wenn nicht seine Familie? Kein anderer war ihrer würdig. Maeglin hatte keine Zeit für die unsinnigen Gesetze eines unlogischen Volkes, das seiner einzigen Stadt sieben unnötige Namen gab und sie dann ‚Die Stadt der Sieben Namen’ nannte – was eindeutig ein achter Name war und so die ganze Sache lächerlich machte.

Ja, Maeglin hatte den Gondolindrim viel beizubringen. Es war seine Pflicht wie auch sein Geburtsrecht. Wie schade, dass sein Onkel es nicht genauso sah. Obwohl Turgon seinen Neffen sehr warmherzig willkommen geheißen hatte, behandelte er ihn noch immer mit diesem herablassenden Stolz, den ein Erwachsener einem vielversprechenden Kind gegenüber zeigt. Glücklicherweise wusste Maeglin genau, wie er seine Reife beweisen würde. Niemand konnte ihn wohl mehr als ein Kind betrachten, wenn er verheiratet war, und möglicherweise eigene Kinder hatte. Und er war nicht ohne Mittel, so wie Freunde – nein, nicht Freunde. Jemand von seiner hohen Geburt konnte wahre Freundschaft nicht erwarten. Was Maeglin hatte, waren einflussreiche Gefolgsleute, die manipuliert werden konnten, um ihm zu helfen, sein Ziel zu erreichen.

Vorausgesetzt, sie konnten zunächst dahingehend manipuliert werden, ihre Türen zu öffnen, etwas, womit Ecthelion es nicht sehr eilig zu haben schien.

Es machte Maeglin nichts aus zu warten, er war keine ungeduldige Person. Aber König Turgons Neffen warten zu lassen, war eine Beleidigung gegenüber König Turgon. Da er bezweifelte, dass Ecthelion ihn absichtlich kränken wollte, klopfte er erneut.

„Ich bin es, Maeglin!“

Er hätte am Schlüsselloch horchen können, aber ein solches Benehmen, das akzeptabel oder sogar erwartet gewesen wäre, als er in Nan Elmoth unter den Augen seines Vaters gelebt hatte, war für den zweitmächtigsten Mann in Gondolin weniger angebracht. Außerdem sah die Tür massiv und schalldicht aus. Er wollte gerade ein weiteres Mal klopfen, lauter diesmal, als sie endlich aufging.

„Guten Tag, Maeglin.“ Ecthelion verbeugte sich, was sich auch gehörte, aber er bat Maeglin nicht gleich herein, was sich weniger gehörte.

„Ja, guten Tag.“

Maeglin trat in den kühlen, dunklen Flur. Sich auf seine natürliche Ausstrahlung von Autorität berufend schob er sich an Ecthelion vorbei und eilte die Stufen hinauf, die zu Ecthelions privaten Räumen führten – oder eher zu seinem einzigen, anormal großen, privaten Raum. Maeglin machte sich nichts aus diesem Raum. Während die Akustik wahrscheinlich außergewöhnlich war, bedingten die hohe Decke und die reichlich vorhandenen Fenster, dass der Raum zu sehr ein Teil der großartigen, freien Natur außerhalb wurde. Zumindest war das Mobiliar erfreulich einfach, spärlich und wohl geordnet, selbst wenn das Bett nicht so sorgfältig gemacht war wie zu seinen früheren Besuchen.

„Ah, Maeglin! Hallo.“

Glorfindel stand einige Fuß vom Bett entfernt und lehnte mit einer vollkommen unangebrachten Nonchalance an der Wand.

„Glorfindel.“ Maeglin nickte grüßend. „Ich dachte, Ihr wärt außerhalb der Stadt.“

„Das war ich. Ich bin erst heute Morgen zurückgekehrt.“

„Ich verstehe.“ Maeglin musste zugeben, dass Glorfindel tatsächlich wie ein zerzauster Reisender aussah. Zum Beispiel hing seine Tunika offen. Es erschien respektlos von ihm, es in Erwartung von Maeglins Besuch nicht zugeschnürt zu haben, wozu er sicher genug Zeit gehabt hatte. Maeglin starrte ihn – und das beleidigende Gewand – betont an.

Glorfindel sah an sich hinab. „Ecthelion und ich haben gerade gekämpft“, sagte er.

Als Entschuldigung für seine Erscheinung oder selbst für das lange Warten ließ dieser Kommentar viel zu wünschen übrig. Maeglin entschied, Glorfindel zur Vergeltung ein wenig zu piesacken. „Ich nehme an, es ist also wahr, was man über Euch beide sagt.“

Glorfindels Hände fummelten an seiner Tunika. „Was sagt man denn?“

„Dass Ihr Eure Kampfspiele privat choreographiert, um sie beeindruckender aussehen zu lassen.“

„Oh das!“ Ecthelion schritt an Maeglin vorbei zu Glorfindel hinüber. „Ja, ich habe gehört, dass wir uns zusammen zu gut bewegen, um spontan zu wirken, aber die langweilige Wahrheit ist, dass wir einfach zu vertraut miteinander sind. Wie dem auch sei, sicherlich ist jedem, der uns überhaupt kennt, bewusst, dass weder Glorfindel noch ich jemals kämpfen würden, um zu verlieren?“

Er warf Glorfindel einen herausfordernden Blick zu, der auf die gleiche Weise zurückgegeben wurde. Maeglin fragte sich, wer den unterbrochenen Kampf gewonnen hatte. Sie waren beide beeindruckend: gut gebaut, aber anmutig, zwei der besten Kämpfer der Stadt. Natürlich war ihre gemeinsame Neigung, ihn ‚Maeglin’ und nicht ‚Fürst’ oder ‚Prinz’ zu nennen, ein bisschen irritierend, aber, wie Mutter zu sagen pflegte, Pferde und Hunde sind wertlos, es sei denn, sie zeigten etwas Feuer. Alles in allem verstand Maeglin, warum sie sie zu ihrer Ehrengarde gewählt hatte und er empfand Dankbarkeit ihr gegenüber, ihm zwei solch potentiell nützliche Gefolgsleute hinterlassen zu haben. Heute jedoch wollte er nur mit einem von ihnen sprechen: Ecthelion, dessen halb Telerische Abstammung zu seiner eigenen passte und von dem er daher erwarten konnte, vernünftig zu sein.

„Ecthelion, ich muss mit Euch sprechen. Allein.“

Ecthelion hob eine Augenbraue. „Gerade jetzt?“

„Natürlich gerade jetzt.“ Warum sonst wäre Maeglin den ganzen Weg durch die Stadt gelaufen? Das war das Problem mit diesen beeindruckenden Kriegertypen: sie waren sogar noch weniger rational als der durchschnittliche Bürger. Trotz Maeglins Klarstellung brauchten Ecthelion und Glorfindel einen Moment, um fragende Blicke auszutauschen, bevor Glorfindel von der Wand wegtrat und auf einen nahen Tisch wies.

„Es ist so, Maeglin, dass wir ziemlich beschäftigt sind. Wie Ihr wisst, bin ich gerade erst von den Gebirgsausläufern zurückgekehrt, wo ich den voraussichtlichen Platz der Kriegsspiele begutachtet habe. Ich würde meine Befunde sehr gern mit Ecthelion diskutieren, bevor er sich mit der Klempner-Gilde trifft.“

Typisch Gondolin’sche Logik! Während der Tisch zweifellos mit Karten bedeckt war, war Glorfindels Entschuldigung eindeutig Unsinn. „Wie dringend kann das sein? Ihr habt gerade gekämpft“, sagte Maeglin geduldig.

„Wir dachten, wir hätten Zeit. Mein Treffen ist erst in einer halben Stunde.“ Ecthelion runzelte die Stirn. „Wird eine halbe Stunde für Eure Angelegenheit reichen? Vielleicht könnten wir eine Verabredung zu einem späteren Zeitpunkt treffen.“

Die Bedingung war nicht ideal, aber Maeglin wollte nicht länger warten. „Es wird reichen.“

Ecthelion wandte sich an Glorfindel und zuckte leicht mit den Schultern.

Glorfindel nickte. „Dann müssen wir das hier später beenden.“

„Ich nehme an“, sagte Ecthelion, „dass du in den ersten Tagen hier wohl sehr beschäftigt sein wirst?“

„Ja, es sieht ziemlich düster aus. Und deine Proben noch dazu genommen werden wir wohl nicht einmal einen Abend etwas trinken können.“ Glorfindels Augen verdunkelten sich gedankenvoll und hellten sich dann wieder auf. „Wie wäre es morgen, vor dem Rat der Offiziere? Ich hatte eine Stunde oder so für eine Überraschungsinspektion der Palastgarde eingeplant – meine Männer haben Dienst –, aber mir fällt gerade ein, dass ich die Palastgarde immer nach einer Reise aus der Stadt inspiziere.“ Er grinste breit. „Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr mag ich stattdessen die Idee einer Überraschungs-Nicht-Inspektion.“

Ecthelion begegnete seinem Grinsen mit einem kleinen, aber innigen Lächeln. „Bis morgen dann also.“

„Bis morgen. Komm zu meiner Wohnung. Zum Glück liegt sie so nahe am Palast. Wir können zusammen zum Rat gehen. Maeglin, auf Wiedersehen.“

Nachdem er beobachtet hatte, wie sich die Tür hinter seinem Freund schloss, atmete Ecthelion aus und rollte seine Schultern, als ob er seinen Körper willentlich entspannen musste. Maeglin war es bewusst, dass irgendeine merkwürdige Spannung den Raum verlassen hatte.

„Das war ein harter Kampf, oder?“, fragte er.

„Das ist es für gewöhnlich.“ Ecthelion ging zum Tisch. „Entschuldigt Ihr mich für einen weiteren Moment, während ich all dies wegräume?“ Er beugte sich über die Karten und rollte sie in eine Röhre.

„Sind dies dann die Pläne für die Kriegsspiele?“, fragte Maeglin. „Wisst Ihr, Ecthelion, es ist nicht nötig, so vorsichtig damit zu sein, wenn ich in der Nähe bin. Als Turgons enger Verwandter sollten mir die Geheimnissen der Stadt anvertraut werden.“

„Es ist keine Frage des Vertrauens. Ich fällt mir schwer zu glauben, dass einer meiner Offizierskollegen danach trachten könnte, die Spiele zu ruinieren, indem er betrügt. Ich versuche einfach, die Informationen so wenigen Leuten wie möglich mitzuteilen, so dass, sollten irgendwelche Details zu früh enthüllt werden, wir wüssten, wer der Unvorsichtigkeit zu beschuldigen wäre. Jedenfalls ist hier nichts zu sehen. Ich habe die wahren Geheimnisse versteckt, als wir Euer Klopfen hörten.“ Als er seine Tätigkeit erledigt hatte, streckte Ecthelion sich. „Ist es das, worüber Ihr reden wolltet? Die Kriegsspiele?“

„Nein, ich…“

Wie sollte er beginnen? Maeglin konnte eine Heirat zwischen engen Verwandten nicht explizit erwähnen, solange er nicht wusste, ob Ecthelion ein sympathisierender Verbündeter war. Aber seine Ansicht zu diesem Thema zu erfahren, wäre eine delikate Angelegenheit. Es war höchst ungünstig, dass er nicht in der Lage gewesen war, an ein anderes Beispiel einer strittigen Heirat zu denken, um das Thema vorzubringen. Er würde eben vage sein müssen und auf einen günstigen Moment in der Unterhaltung hoffen.

„Ecthelion, wir haben oft darüber diskutiert, wie sich Gesetze und Bräuche in verschiedenen Kulturen unterscheiden. Hier in Gondolin, im Volk meines Vaters… unter Euren Teleri-Verwandten.“

Ecthelion nickte. „Es ist etwas, dessen wir uns beide bewusst sind, dass die zugrunde liegenden Regeln, nach denen die Leute ihr Leben leben, nicht überall die gleichen sind. Natürlich können sie sich nicht nur von Kultur zu Kultur unterscheiden, sondern auch von Person zu Person. Selbst in dieser Noldor-Stadt hier gibt es einige, die ständig die Gesetze und Bräuche der Noldor brechen – oder zumindest ignorieren.“ Er warf einen grimmigen Blick in Richtung des Bettes, als ob er die leichte Asymmetrie des Überwurfes als ungesetzlich betrachtete. „Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, dass letztendlich jeder sein eigenes Leben in Einklang mit seinem Gewissen und seinem moralischen Urteilsvermögen leben sollte.“

Obwohl Ecthelions Stimme liebenswürdig und beruhigend war – wie allgemein bekannt –, fühlte Maeglin sich von diesen Haarspaltereien gelangweilt. „Oh, lasst mal jetzt die Lektion über vergleichende Moral. Ich möchte die Art und Weise diskutieren, wie die Noldorischen Ansichten über Heirat sich von jenen der Sindar unterscheiden.“

„Heirat? Ich nehme an, dass einige Sindar etwas offener gegenüber Romanzen außerhalb der Ehe sind, aber ich glaube, dass die Institution selbst in allen elbischen Kulturen, die ich kennen gelernt habe, gleich betrachtet wird – als eine Verbindung von einem Mann und einer Frau bis an das Ende von-“

„Natürlich ist der offensichtliche, grundlegende Kram immer der Gleiche! Aber, nun… es scheint, dass die Noldor die Wahl eines passenden Ehepartners eher einschränken als andere Kulturen.“

„Hmm. Auf welche Weise?“

Diese Unterhaltung war noch schwieriger, als Maeglin erwartet hatte. Er brauchte Zeit, um nachzudenken. Er ging zu einer großen, frei stehenden Harfe, zupfte an den Saiten und wunderte sich zerstreut, aus welchen Metallen sie wohl beschaffen waren.

„Maeglin.“ Ecthelion trat zu ihm und legte eine Hand auf die Saiten, um sie zum Verstummen zu bringen. „Da ich keine voreiligen Schlüsse darüber ziehen möchte, warum Ihr an diesem Thema so interessiert seid, mag es Euch vielleicht helfen zu wissen, dass König Turgon gesagt hat, seine Tochter sei frei zu heiraten, wen auch immer sie sich erwählt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für Euch anders sein sollte.“

Bei der Erwähnung von Idril zog Maeglins Brust sich in gewohnt angenehmer Pein zusammen. Er entfernte sich wieder und drehte sich um, ein nahes Waffenregal zu untersuchen, das verschiedene, kunstvoll arrangierte Schwerter enthielt: Ecthelion stellte seine Waffen aus wie andere Leute Blumen ausstellten. Dieser Gedanke erinnerte Maeglin an seine liebliche Cousine, wie sie aussah, wenn sie sich über eine Vase beugte und ihr Haar nach vorn fiel wie eine Kaskade geschmolzenen Metalls. Dieses Bild ermutigte ihn und so fand er zu der richtigen Frage. Ja, es wäre ein bisschen riskant, aber Ecthelion hatte den Verstand eines Kriegers, nicht gewohnt, intensiver über verborgene Bedeutungen nachzusinnen und daher war es unwahrscheinlich, dass er den offensichtlichen Zusammenhang erkennen würde.

„Wen auch immer sie wählt? Seid Ihr sicher? Was wäre, wenn Idril ihren eigenen Onkel heiraten wollte?“

„Ihren Onkel? Fürst Fingon? Das scheint unwahrscheinlich.“ Ecthelions Augen glitzerten in stiller Erheiterung.

„Was ist so lustig?“

„Oh, habt Ihr die Gerüchte nicht gehört? Es ist natürlich nur Geschwätz und so denke ich, sollten wir dem keine Aufmerksamkeit schenken, aber von Eurem Onkel wird gesagt… er stehe in enger Freundschaft zu Maedhros Feanorion. So eng, dass Maedhros jegliche Heirat, zu der er sich entscheidet, missbilligen könnte.“

Maeglin hasste es zu enthüllen, dass er diese Gondolin’schen Witze nicht begriff. „Maedhros Feanorion hat kein Recht, Fingon auf irgendeine Weise einzuschränken, Freund oder nicht. Er ist nicht Hohekönig: das ist jetzt die Aufgabe meines Großvaters. Auf jeden Fall sollte er glücklich sein, zu sehen, dass sein Freund jemand Passenden heiratet. Was mich zu der Frage zurückbringt-“

„Ihr habt natürlich Recht. Er übt keinen wirklichen Einfluss auf seinen Freund aus.“ Ecthelions Stimme klang jetzt eher steif denn nachdenklich. „Doch warum all diese Bedenken? Hat Idril eine plötzliche Leidenschaft für ihren kühnen Onkel entdeckt? Oder sprecht Ihr von Euch selbst? Wenn ich mich richtig erinnere, hatte Euer eigener Vater keine Schwestern.“

Maeglin empfand einen Anflug von Panik. Während er fast sicher war, dass Ecthelions Kommentare scherzhaft gemeint waren, trafen sie unbehaglich nahe an sein Geheimnis. Er wandte sein Gesicht ab und dem Waffenregal zu – und fand wunderbarerweise die Ablenkung, die er brauchte.

„Wusstet Ihr, dass da etwas hinter diesem Regal steckt?“

„Entschuldigt?“

„Es sieht aus wie ein verknittertes Gewand.“

Maeglin langte hinüber und zog es heraus. Fasziniert von seinem Fund, so unpassend in Ecthelions ordentlicher Wohnung, hängte er es über einen Arm und schüttelte die Falten aus. Es war eine förmliche Robe aus schwerem Samt, dunkelgrau mit silberner Stickerei. Nein, nicht nur silbern, da war auch etwas goldene Stickerei, nahe dem Kragen. Typische, geschmacklose Noldor-Übertreibung. Maeglin machte ein finsteres Gesicht und zupfte an dem Faden.

Er löste sich unter seinen Fingern.

Helligkeit blitzte vor seinen Augen auf wie ein direkt auf sein Herz gerichteter Lichtstrahl. Verrat! Er wandte sich Ecthelion zu und hielt seine rechte Hand hoch.

„Was ist das?“

Ecthelion starrte darauf. Für einen Moment enthüllte sein sonst gefasster Ausdruck Schock, sogar Schuld und nährte Maeglins dunkelsten Verdacht. Dann blinzelte er und streckte den Arm aus, sein Gesicht unbeweglich wie eine geschnitzte Maske. „Ein Haar“, sagte er.

Maeglin riss das Haar zurück, bevor Ecthelions Finger es mit ihrer Berührung entweihen konnten. „Und wessen Haar ist das?“

„Offensichtlich Glorfindels. Er muss es während einer unserer Übungskämpfe verloren haben.“

Verrat und Lügen! Ecthelions Blässe und seine flache Stimme hatten seine Täuschung offen gelegt. Aber selbst wenn er kein geschickter Lügner war, so war er doch ein überraschend schneller Denker, denn seine Geschichte klang fast plausibel. Fast, aber nicht ganz.

„Kämpfen, in Euren formalen Gewändern?“, fragte Maeglin.

„Nun, nein. Eindeutig nicht. In Anbetracht der Stelle, wo das Gewand steckte, muss ich es wohl abgelegt und Glorfindel gegeben haben, der es einfach hinter das nächste Möbelstück geschoben hat.“ Ecthelion erwärmte sich für seine Lügen: er lächelte, ein bisschen reuevoll. „Tja, ich gebe zu, dass solches Gebahren für Euch oder für mich keinen Sinn ergeben würde, aber Glorfindel-“

„Nichts davon ergibt einen Sinn!“ Maeglin erhob seine Stimme und spürte die Last der Logik sich hinter seinen Worten sammeln. „Wie um alles in Arda gelangte sein Haar auf Eure Robe, während Ihr kämpftet, wenn Ihr sie doch zum Kämpfen abgelegt hattet? Erzählt mir nicht, dass es einfach dorthin schwebte, während Eures Kampfes – hier sind noch einige andere Haare, direkt auf der Schulter, gefangen in der Stickerei.“

„Ihr habt Recht. Ich nehme an-“

„Lasst mich raten. Ihr wollt mir sagen, dass Glorfindel einfach so seinen Kopf an Eure Schulter legte, bevor Ihr Euch entkleidetet. Vielleicht ist es eine seiner kleinen Angewohnheiten?“

Der Sarkasmus wirkte: Ecthelion war sprachlos. „Nein, ich werde Euch ganz sicher nichts derartiges erzählen“, sagte er schließlich.

„Und nun?“ Maeglin streckte die Robe in Ecthelions Richtung.

„Und nun… Was genau schlagt Ihr vor?“

„Hört auf, mich für dumm zu verkaufen. Dieses Haar gehört ganz offensichtlich Idril.“

„Idril?“ Als er den Namen wie eine kleine Melodie klingend aussprach, entspannte sich Ecthelions Gesicht. Bei diesem Beweis an Zuneigung kämpfte Maeglin seine aufsteigende Übelkeit hinunter, während Ecthelion fortfuhr. „Ich verstehe. Ich schätze, es ist möglich, ja. Schließlich könnte ich mit ihr getanzt haben, als ich die Robe das letzte Mal getragen habe. Wenn also-“

„Mit ihr getanzt?“

„Ja. Warum, was habt Ihr denn andeuten wollen?“

Diese ruhige Frage ließ Maeglin hoffen. Schließlich war Idril weise und rein im Herzen, vielleicht war Ecthelions Bewunderung für sie vollkommen unschuldig. Maeglin begegnete seinem Blick in der Hoffnung, diesen klar und offen zu finden. Doch Ecthelions Augen waren verdunkelt, es waren die Augen von jemandem, der etwas zu verbergen hatte. Maeglin erinnerte sich an das frühere Aufflackern von Schuld und entschied widerwillig, dass sein Verdacht richtig sein musste. Er war auf jeden Fall logisch in dem Sinne, dass er erklärte, warum Idril nicht sehen konnte, dass Maeglin ihr Schicksal war und sie das seine: sie erkundete andere, unbedeutendere Möglichkeiten. Und, was unbedeutendere Männer betraf, war Ecthelion eine der besseren Wahlmöglichkeiten. Er hatte Macht und obwohl die meisten seiner Anhänger Teleri-Niemande waren, so waren sie doch zahlreich. Auch war er talentiert, gleichermaßen als Krieger wie auch als Sänger – zwei Tätigkeiten, die Frauen besonders anziehend zu finden schienen. Mutter zum Beispiel hatte ihn sehr attraktiv gefunden, wenn auch ein wenig langweilig. Es stimmte, er war langweilig dunkel, aber nicht jeder konnte Blonde bevorzugen.

Ecthelion musste Maeglins Schweigen als Kapitulation verstanden haben. „Ein paar Haare beweisen überhaupt nichts“, sagte er.

„Ah, aber es passt alles so gut. Es erklärt, warum Ihr nicht wie all die anderen Junggesellen in der Wache seid: warum Ihr diese vage befriedigte Ausstrahlung habt, auch wenn ich nie gesehen habe, wie Ihr einer Frau den Hof machtet. Und dann sind da Eure eigenen Worte über Idril, erst vor wenigen Minuten gesprochen. Die Art und Weise, wie Ihr ihre Wahlfreiheit betontet und die geringe Wahrscheinlichkeit einer Heirat mit Fingon-“

„Der… nun, ihr Onkel ist.“

Und somit war die Frage, die Maeglin stellen wollte, beantwortet. Jetzt hasste er Ecthelion, nicht nur für diesen Betrug, sondern auch dafür, dass er ebenso engstirnig wie die anderen war. Und es schmerzte ihn daran zu denken, dass er jemals eine solche Person als potentiellen Freund betrachtet hatte. „Ja, ihr Onkel! Was macht das schon? Zumindest ist er ein Mann von hoher Geburt. Was Euch betrifft – wer sind Eure Ahnen? Gewöhnliche Bänkelsänger und Brunnenkonstrukteure! Ich bezweifle, dass Ihr überhaupt einen Fürstentitel hättet, wenn Ihr nicht so fähig und bei den kleinen Bauern beliebt wärt. Und nun strebt Ihr danach, noch höher zu steigen – gibt es kein Ende Eures Ehrgeizes? Sie ist die Enkelin Eures Hohekönigs! Sie steht so weit über-“

„Maeglin.“ Ecthelions befehlender Ton ließ Maeglin an seine Eltern denken. „Ich fühle mich zwar von Eurer positiven Meinung über meine Fähigkeiten geschmeichelt, aber ich möchte Euch bitten, davon Abstand zu nehmen, mich in meinem eigenen Haus anzuschreien.“

Verrat, Lügen – und nun Unverschämtheit! Maeglin wollte den arroganten Emporkömmling ohrfeigen, aber er war sich dessen bewusst, dass, gleichgültig wie hoch er sich reckte, Ecthelion größer war. Er tröstete sich mit den Gedanken, dass der Wettstreit um Idrils Hand nicht mit roher Gewalt zu gewinnen sein würde, sondern mit Verstand. Und da war er eindeutig überlegen.

„Ich verspreche Euch eins: Ihr werdet sie nicht heiraten“, sagte er.

„Na schön. Zufällig kann ich Euch dasselbe versprechen.“

Ecthelion lächelte, als ob seine Worte ein Versuch zur Versöhnung gewesen waren und nicht eine Herausforderung. Mit großer Willensanstrengung hielt Maeglin sich zurück, ihm das abscheuliche Gewand ins Gesicht zu werfen. Stattdessen ließ er es zu Boden fallen, jedoch nicht, bevor er all die kostbaren Haare abgesammelt hatte.

„Ich werde diese behalten. Als Beweis“, fügte er rasch hinzu.

Er drehte auf dem Absatz herum, schritt hinaus und vergaß nicht, beide Türen, oberhalb und unterhalb der Treppe, zuzuknallen.



Als er den Palast erreicht hatte, fühlte Maeglin sich um einiges ruhiger. Er suchte einen bevorzugten, dunklen Winkel neben einem eisernen Fallgitter auf und untersuchte seine linke Hand. Um einen Finger gewunden sahen die goldenen Haare wie ein Band des Versprechens aus. Nun, er hatte Ecthelion ein Versprechen gegeben: jetzt wiederholte er es und sprach zu den Haaren, als ob er sich an seine teure Cousine wandte.

„Er wird dich nicht bekommen. Er verdient dich nicht und ich werde es dich sehen lassen.“

Was machte es schon, dass Ecthelion wohl respektiert wurde? Er musste Laster haben. Jeder hatte eins; nun, jeder außer Idril. Was auch immer Ecthelions verborgene Fehler sein mochten, Maeglin würde sie finden.

Jenseits der Palastfenster glitzerte Gondolin noch immer wie ein gewaltiger, vulgärer Sonnenfänger, aber diesmal störte Maeglin die Helligkeit nicht. Sie schien wie ein gutes Omen für jemanden, der danach strebte, tief verborgene Geheimnisse zu enthüllen.